18
Tja, wir wußten alle, daß ich es schließlich tun würde, nicht wahr?
Die Sonne geht auf, ein düsteres Leuchten im Osten über den Barrens, und ich fahre auf dem Highway 5 langsam in nördlicher Richtung. Mein gestohlener Ame-ricar ist mit einem einigermaßen hochentwickelten Autopiloten ausgerüstet, der zu der Art gehört, die angeblich so gut mit dem Verkehrsleitsystem harmoniert, daß er einem einprogrammierten Kurs folgen kann, ohne dabei die halbe Stadt in Schutt und Asche zu legen. Jetzt ist ein ebenso guter Zeitpunkt für einen Probelauf wie jeder andere. Während ich die Augen auf die Straße gerichtet und zumindest eine Hand in Griffnähe des Lenkrads halte, versuche ich gleichzeitig, die Tech zu überwachen und unter Benutzung des Taschensekretärs, der mir vor ein paar Stunden so rücksichtsvoll zurückgegeben wurde, einen Anruf zu tätigen.
Mit einem Mobiltelefon aus einem fahrenden Wagen anzurufen, ist der beste Weg zu verhindern, daß irgend jemand meine Position ausmacht. Gut, jemand, der in das Telefonsystem deckt, kann möglicherweise herausfinden, daß ich auf dem Highway 5 in nördlicher Richtung fahre und mich gerade in der Nähe dieser oder jener Ausfahrt befinde. Aber jetzt, wo der Berufsverkehr einsetzt, nehme ich an, daß das Auflösungsvermögen der Aufspürprozeduren nicht ausreicht, um einen Wagen aus der Menge herauszupicken. (Drek, ich wünschte, daran hätte ich letzte Nacht gedacht...)
Das ist ein Grund. Der andere ist der, daß ich die öffentlichen Telefonzellen gründlich satt habe.
Und wen rufe ich an? Wie ich schon sagte, Priyatel, wir wußten alle, daß ich es schließlich tun würde. Ich meine, die LTG-Nummer anrufen, die die Elfe mir letzte Nacht genannt hat. Die Nummer, die zu dem blinden Relais führt, über das ich Verbindung zu dem Shadowrunner aufnehmen kann, der sich Argent nennt.
Daran habe ich die ganze Nacht gekaut, an dem Rat, den mir sowohl Finnigan - ein Freund - als auch die Elfenschnalle - eindeutig kein Freund, aber vielleicht auch kein Feind - gegeben hat. Bei näherem Hinsehen ist die Idee durchaus logisch. Shadowrunner verfügen über Hilfsmittel, die mir nicht zu Gebote stehen - nicht mehr, nun, da ich vom Star abgeschnitten bin. Sie haben Handlungsfreiheit und sind an keine etablierte Organisation gebunden - Lone Star, die Cutters oder Telestrian Industries Corporation. Sie sind es gewohnt, sich durch die Nischen und Winkel der Gesellschaft zu lavieren, dem Licht fernzubleiben und all denen einen Schritt voraus zu bleiben, die ihnen ans Leder wollen. Das klingt wie eine Beschreibimg meiner augenblicklichen Situation. Aber...
Aber Shadowrunner sind die Bösen, das stört mich daran. Und niemand, der eine Polizeiausbildung hinter sich hat, kann sich dieses Gedankens erwehren. Für einen Cop lassen sich alle Leute in drei simple Kategorien einteilen: Cops, Zivilisten und Abschaum. Eine einfache Einteilung, für die es keine Ausnahme gibt. Sicher, die ›Zivilisten‹-Einteilung ist immer im Fluß. Wenn ein Kadett die Akademie verläßt, motiviert, eifrig, naiv und grün, wie er ist, neigt er dazu, Zivilisten ganz weit oben einzuordnen, als fast so bewundernswert und seiner Aufmerksamkeit würdig wie Cops. Diese Phase dauert jedoch nicht sehr lange, und sehr rasch sacken Zivilisten auf der Skala ab, bis sie nur noch ein paar Stufen über dem Abschaum rangieren. Manche Cops - die richtig abgebrühten und zynischen - machen diesen Unterschied überhaupt nicht mehr. Wenn du kein Cop bist, bist du Drek, und mehr gibt es dazu nicht zu sagen.
Und es gibt nie einen Zweifel, in welche Kategorie Shadowrunner fallen. Abschaum, alle miteinander. Tatsächlich stehen sie sogar für das, was ich an der Abschaum-Kategorie am meisten hasse - Amoral. Nicht Unmoral - damit kann ich leben. Drek, wer hat in seinem Leben noch keine unmoralische Phase durchgemacht?
Nein, es ist die amoralische Schiene, mit der ich nicht klarkomme. Der Amoralische steigt einfach aus der (meta)menschlichen Gesellschaft aus und weigert sich kategorisch, nach irgendwelchen Regeln zu spielen. Läßt alle Gesetze, Gepflogenheiten und Konventionen links liegen. Weigert sich zu akzeptieren, daß es Wichtigeres gibt als individuelle Wünsche, Bedürfnisse und Impulse. Weigert sich zu akzeptieren, daß einige Konventionen - manche Gesetze, manche sozialen Gepflogenheiten und manches andere - wertvoll und wichtig für die Entwicklung und die Verbesserung der Gesellschaft als Ganzes sind. Klar, es gibt ein paar Gesetze, mit denen ich nicht einverstanden bin, sogar einige, die ich selbst nicht befolge und deren Einhaltung ich auch nie durchsetzen würde. Aber Gesetze im allgemeinen sind wichtig. Davon war ich schon immer überzeugt und werde es auch immer sein. Es ist die Überzeugung, die mich zur Lone Star Akademie geführt hat.
Hinzu kommt, Shadowrunner teilen diese Überzeugung nicht, daß sie in meinen Augen Abschaum sind. Ende der Geschichte.
Und doch fahre ich hier über den Highway 5 und versuche einen ans Telefon zu bekommen. Es ist schon eine verdammt verdrehte Welt, Priyatel, das kann ich Ihnen sagen.
Der Taschensekretär trillert auf dem Sitz neben mir und sagt mir, daß er ans mobile Telekomnetz angeschlossen ist und jetzt die LTG-Nummer 1206 (03-0409) wählt, das blinde Relais. (Ich bin nicht sicher, was, zum Teufel, das eigentlich ist, aber wahrscheinlich hat es Ähnlichkeit mit dem Schwindel, den ich mit dem Taschensekretär und dem öffentlichen Telefon abgezogen habe, als ich Finnigan anrief - wenngleich viel raffinierter.) Wie um das zu bestätigen, wird der Klingelton des Taschensekretärs dreimal durch Klicken und schwache elektronische Piepser unterbrochen - mit Sicherheit Überstellungen auf andere Leitungen. Schließlich kommt ein etwas lauterer Klick als die anderen, dann herrscht Stille, sieht man einmal von den Geisterstimmen der Gespräche auf anderen, parallel laufenden Leitungen ab. Falsch verbunden? Drek, das ist mal wieder typisch. Wahrscheinlich stand ein Klicken für eine Benachrichtigung an die Elfenschnalle, daß ich die falsche Nummer angerufen habe, so daß sie anfangen kann, sich über mich schlappzulachen.
Ich strecke wütend die Hand aus, um das Telefon abzustellen, doch mein Finger erstarrt Millimeter über der Ende-Taste. Ich höre einen weiteren Klingelton, der jedoch eine halbe Oktave höher ist als der übliche Klingelton des mobilen Telekomnetzes. Ein privates Telefonsystem? Die ›Shadowrunner-Vermittlung‹? Wer, zum Teufel, weiß?
Mit einem fast musikalischen Klicken wird die letzte Verbindung hergestellt, und eine Stimme sagt: »Ja?« Männlich, gut moduliert, nicht schroff. Auch nicht besonders einladend. Nicht, daß ich damit gerechnet hätte.
Ich schalte das Mikrofon des Telefons ein. »Ich will mit Argent sprechen«, sage ich kategorisch.
»Ach?« In der Stimme liegt jetzt ein Anflug von Belustigung. »Tatsächlich?«
Ich nehme an, es gibt eine Art Erkennungscode -Paßwort und Antwort - Mantel-und-Degen-Drek -, den ich nicht kenne, und das nervt mich noch mehr, als ich es ohnehin schon bin. »Ja«, knurre ich. »Bist du Argent?«
»Wer will das wissen?«
»Ich«, schnauze ich zurück. »Die Tatsache, daß ich diese Nummer kenne, hat doch sicher was zu bedeuten, oder nicht?«
»Nicht so viel, wie du zu glauben scheinst, Chum-mer«, antwortet die Stimme sofort.
Ich lasse das durchgehen. »Bist du Argent?« will ich erneut wissen.
Ein Augenblick Pause, dann sagt er: »Ich kann ihm eine Nachricht übermitteln. Willst du, daß er zurückruft, oder was?«
»Sag mir, wann er zurückkommt, dann rufe ich wieder an.«
Ich höre ein tiefes, kehliges Lachen. »Du machst das wohl nicht sehr oft, was, Omae? Vielen Dank für die amüsante Unterhaltung...«
»Nicht auflegen!« schnappe ich, während sich meine Gedanken überschlagen. Ich riskiere schon mit diesem Anruf genug. Diesem Burschen die Nummer zu geben, kann die Gefahr noch vergrößern. »Okay, okay«, sage ich schließlich. »Sag Argent, er soll mich zurückrufen.« Ich nenne ihm die Nummer des Taschensekretärs. »Und zwar schnell, Priyatel. Verstanden?«
»Und wer, zum Teufel, bist du?«
»Jemand, der mit Argent sprechen will, mehr brauchst du nicht zu wissen.«
Wieder ein Lachen, aber diesmal ohne einen Funken Humor. »Einen Drek brauche ich nicht zu wissen. Eine Menge Leute wollen mit Argent sprechen. Aber es gibt nicht viele, mit denen Argent reden will, wenn du verstehst, was ich meine.«
Ich beiße die Zähne zusammen. »Ich sorge dafür, daß es sich für ihn lohnt«, knirsche ich.
»Nenn mir einen Namen, Freund.« Die Stimme am anderen Ende der Leitung ist kalt und hart. Einen Moment lang erinnert mich ihr Tonfall an den Blakes. Der Kerl ist auch ein harter Bursche, genau wie der Gangboss.
»Warum?«
»Kein Name, keine Botschaft. Überlaß Argent herauszufinden, ob es sich für ihn lohnt.«
Die Wut ist wieder in meinen Eingeweiden und windet sich wie eine kalte Metallschlange. Ich will schreien, ich will töten. Keins von beiden zu tun, ist wahrscheinlich das Schwierigste, was ich je versucht habe, aber ich schaffe es. »Du willst einen Namen«, flüstere ich fast.
»Stimmt genau, Chummer. Und einen echten, okay? Du weißt, daß Argent ihn überprüfen wird.«
Ja, ich weiß es. Nun, was, zum Teufel, habe ich zu verlieren? Jeder, der meine Leitung angezapft hat, weiß bereits, wer ich bin. Und wenn es möglich ist, ein bestimmtes Mobiltelefon im morgendlichen Berufsverkehr Seattles genau zu lokalisieren, dann sind es nicht Argent und seine Runnerfreunde, die mir die größten Sorgen bereiten. »Du willst einen Namen?« speie ich in die Leitung. »Sag ihm, Rick Larson hätte angerufen, und sag ihm, ich warte.« Und damit hämmere ich so heftig auf die Ende-Taste, daß ich fast das Kompositgehäuse des Sekretärs eindrücke.
Schön, was, zum Teufel, hat mir das gebracht, möchte ich mal wissen. Argent, dieser Dreksack von einem Shadowrunner, wird mich nicht zurückrufen. Warum sollte er? Es gibt nichts für ihn zu holen, und Shadowrunner tun nichts - gar nichts -, was sich nicht auszahlt. Genau das ist die Bedeutung von »Shadowrunner«: amoralischer, soziopathischer Söldner. Ich habe mich lediglich noch weiter exponiert - indem ich einen Anruf geführt habe, der sich zurückverfolgen läßt, und dann auch noch meine verdammte Telefonnummer verraten habe! Drek, wenn ich mich nicht endlich zusammenreiße, habe ich es überhaupt nicht verdient zu überleben...
Eigentlich sollte ich den verdammten Taschensekretär loswerden. Ich werfe einen Blick nach draußen.
Und jetzt ist wahrscheinlich der günstigste Zeitpunkt. Ich bin mitten auf der Schwebebrücke Evergreen Point und fahre nach Osten in Richtung Bellevue. Ich brauche nur das Fenster zu öffnen und ihn in den Lake Washington zu werfen, und dann viel Spaß bei dem Versuch, ihn aufzuspüren.
Das Lenkrad ruhig in der linken Hand, betätige ich den Fensterheber für die Beifahrertür. Ich habe den Autopilot abgeschaltet, da ich eine Beschäftigung brauchte, um mich davon abzuhalten, mir zu lange und zu heftig selbst in den Arsch zu treten. Ich nehme den Sekretär, um ihn aus dem Wagen zu werfen.
In diesem Augenblick klingelt das verdammte Ding, was mich so sehr erschreckt, daß ich beinahe gegen die Leitplanke fahre. Ich drücke auf den Knopf am Armaturenbrett, um den Autopilot wieder einzuschalten, dann starre ich den Sekretär an. Will ich jetzt überhaupt noch ans Telefon gehen?
Wage ich es, nicht ranzugehen? Ich drücke auf die Sprechtaste. »Was?«
»Du hast Mumm, Larson. Das muß dir der Neid lassen.« Es ist dieselbe Stimme wie zuvor, jedoch mit einem merkwürdigen Unterton ironischer Belustigung unterlegt.
»Du bist Argent, stimmt's?«
Am anderen Ende herrscht einen Augenblick lang Schweigen. Dann: »Ich bin Argent«, bestätigt die Stimme. »Und du bist Richard Norman Larson, Angestellter bei Lone Star mit der Nummer 714-80-795, sehr gut ausgebildet und erfahrener Undercover-Spezialist, ursprünglich in Milwaukee Mitglied der Abteilung Organisiertes Verbrechen, dann 2052 für unbestimmte Zeit nach Seattle überstellt.« Eine weitere Pause, dann fährt Argent fort: »Wie ich schon sagte, Chummer, du hast echt Mumm.« (Ist da eine Spur Bewunderung in seiner Stimme?) »Kein bißchen Grips, aber echt Mumm. War mir ein Vergnügen, mit dir zu reden, Omae.«
Ich stelle mir lebhaft vor, wie Argent den Finger ausstreckt, um die Verbindung zu unterbrechen. »Warte!« schnappe ich.
»Warum?« Jetzt hat Argents Stimme wieder den belustigten Unterton. »Damit du meinen Aufenthaltsort feststellen kannst? Gib dir keine Mühe.«
»Nein.« Meine Gedanken überschlagen sich wieder. Ich übersehe etwas, und zwar etwas Wichtiges. Mein Unterbewußtsein hat alle Alarmknöpfe gedrückt. Außerdem rät es mir, den Kontakt mit Argent nicht zu verlieren. Ich brauche nur etwas Zeit, um mir zu überlegen, was ich ihm sagen soll. Zeit...
Ich sehe auf die Uhr. Zeit! Wie lange ist es her, seit ich das blinde Relais angerufen habe, seit ich die Botschaft für Argent hinterlassen habe? Kaum zehn Minuten. Mir kommt ein schrecklicher Verdacht. Zehn Minuten... »Du bist ein schneller Arbeiter, Argent«, sage ich, wobei ich versuche, locker zu klingen. »Du hast - wie lange? - gebraucht, um meine Personalakte aus Mil-waukee zu beschaffen? Zehn Minuten? Schnelle Arbeit, Priyatel... Oder vielleicht brauchtest du Milwaukee gar nicht zu überprüfen. Vielleicht hast du deine Krallen ja auch ganz tief in die Seattier Datenfestung geschlagen, hm?«
Argent schnaubt. »Du bist ein paranoider Arsch, Lar-son«, sagt er gelassen. »Ich brauchte gar nicht tief zu buddeln. Der Schutz, den Lone Star Seattle seinen Personalakten angedeihen läßt, ist einen Drek wert.«
»Häh?« Selbst für mich hört sich meine Stimme an, als hätte mir gerade jemand in den Magen getreten. Etwas Kaltes verkrampft sich unter meinem Herzen wie eine Faust. »Was hast du gerade gesagt, Argent?«
Er ist überrascht und - ehrlich, Sherlock - mißtrauisch. »Was meinst du?«
»Du sagst, du hättest gerade die normalen Personalakten von Lone Star Seattle geknackt, und, peng, da war ich?«
»Ja, das ist genau das, was ich...« Die Stimme des Runners verliert sich, und ich weiß, er ist über dieselbe Anomalie gestolpert wie ich. Ein paar Sekunden herrscht Schweigen, dann meldet er sich wieder. »Was für ein halbgares Spiel willst du hier spielen, Larson?«
»Spiel? Ja, klar. ›Fang den Hut‹, und ich bin das Hütchen.«
»Was, zum Teufel, willst du damit sagen?«
»Ich brauche es gar nicht mehr zu sagen, oder?« fauche ich zurück. »Ich bin dieser brandheiße Undercover-Spezialist aus Milwaukee, richtig? Ausgebildet und erfahren, wie meine Personalakte besagt. Und diese Personalakte findest du bei den normalen Angestelltenakten mitten zwischen den Sekretärinnen und Schreibdrohnen? Ja, bestimmt. Komm schon, Argent, denk doch mal nach. Wie viele andere Undercover-Agenten hast du in den Akten gefunden, hm? Sag mir das. Oder nein, bei näherer Überlegung werde ich es dir sagen. Exakt null, stimmt's?«
Wiederum Schweigen, und ich weiß, daß ich recht habe. »Wenn das irgendeine Doppeltarnung ist, wirst du damit kein Glück haben, Larson«, knurrt Argent, aber der Ärger ist jetzt zumindest teilweise vorgetäuscht, das kann ich hören.
»Ja, klar, brillante Tarnung«, höhne ich. »Vielleicht komme ich dadurch näher an dich ran, aber in der Zwischenzeit machen die Cutters Hamburger aus mir. In meiner Akte stand doch bestimmt, daß ich im Moment bei den Cutters ermittle, richtig? Glaubst du, die Cutters könnten vielleicht, nur vielleicht, ab und an mal einen Blick auf die Personalakten der normalen Angestellten Lone Stars werfen, hm?«
»Also...«
»Also bin ich, verdammt noch mal, nicht mehr zu retten«, schneide ich ihm schroff das Wort ab. »Verdammt noch mal untragbar. Du weißt, wovon ich rede?«
»Ich habe diese Ausdrücke schon gehört«, sagt er trocken. »Beweise es.«
»Du willst einen Beweis? Du bist doch so gut mit einem verdammten Computer. Überprüf mal den Raketenangriff auf ein Privatfahrzeug, der vor ungefähr dreißig Stunden in Montlake stattgefunden hat. Ein Todesopfer, eine gewisse Catherine Ashburton - du findest sie in den Lone Star-Akten, wenn du tief genug gräbst.«
»Ist sie auch eine Undercover-Agentin?« will Argent wissen.
»Sie war Datenanalytikerin«, antworte ich.
»Was hat sie damit zu tun...?«
Wiederum falle ich ihm ins Wort. Die Wut fühlt sich wie ein großer Fremdkörper in mir an, der auf meine Lunge drückt und mir die Kehle zusammenpreßt, so daß ich die Worte kaum herausbekomme. »Ich war in dem verdammten Wagen.« Meine Stimme ist kalt wie der Tod. »Reines Glück, daß ich nicht auch ins Gras gebissen habe.« Ich versuche mich zu beherrschen - dieses Arschloch von einem Shadowrunner braucht es nicht zu wissen -, aber ich kann nicht. »Sie ist verbrannt. Cat Ashburton ist lebendig verbrannt. Der Anschlag wurde von einem Taktischen Einsatzkommando von Lone Star verübt. Sie waren hinter mir her. Prüf das nach.«
Ein langes, lastendes Schweigen tritt ein - zehn Sekunden, vielleicht länger -, dann meldet Argent sich wieder. Die Feindseligkeit in seiner Stimme ist kühlem Professionalismus gewichen. »Ich prüfe es, Larson«, sagt er. »Und was willst du von mir?«
»Ein Treffen.« Die Worte sind mir schon herausgerutscht, bevor ich weiß, was ich sagen werde. Doch als ich sie ausspreche, weiß ich, daß es die Wahrheit ist.
»Wenn das eine Falle ist...«
»Keine Falle«, brülle ich fast. »Du kannst dir Ort und Zeit aussuchen. Bring Freunde mit, sichere die ganze Gegend, das ist mir alles völlig egal. Ich komme alleine. Wenn dir nicht gefällt, wie sich die Sache entwickelt -wenn dir nicht gefällt, wie ich mich anziehe -, leg mich um. Ich brauche die Ruhe und den verdammten Frieden!«
Er antwortet nicht sofort. Dann kichert er leise. »Du hast dein Treffen, Lone Star. Ich nenne dir jetzt die Einzelheiten.«
Warum, zum Teufel, habe ich mich darauf eingelassen? Ja, klar, mein Verstand weiß, daß es der einzig logische nächste Schritt ist - ohne Hilfe bin ich gestrandet. Aber es ist auch nicht mein Verstand, der meine Eingeweide so stark zusammenkrampft, daß ich kotzen könnte. Angst? Wer hätte keine, wenn eine unbekannte Situation mit jemandem auf ihn wartet, der ihn und seinesgleichen immer als Feind betrachtet hat? Das andere Gefühl ist Abscheu, dieser ganze Drek mit ›Wer hätte gedacht, daß ich je so tief sinken würde‹. Schon allein bei dem bloßen Gedanken, mich mit Shadowrunnern einzulassen, komme ich mir irgendwie besudelt vor.
Ich verdränge diese Gedanken ganz tief in mein Unterbewußtsein. Dieses Treffen wird kitzlig genug, auch ohne daß Argent mir ansieht, daß ich ihn und alle anderen Runner verachte.
Eines muß ich ihm aber lassen. Er sucht gute Treffpunkte aus. (Natürlich hat er am Telefon keine Einzelheiten genannt. Das wäre kaum mehr als eine Einladung für IrrelKonzern und alle anderen in der Leitung gewesen, ihre Aufwartung zu machen. Ich bekam die Daten durch einen Anruf aus einer weiteren verdammten Telefonzelle bei einem weiteren blinden Relais.) Als Argent einem Treffen zustimmte, ging ich davon aus, daß er bis zum Abend warten und einen Treffpunkt in der Nähe der Docks aussuchen würde. Für mich hätte das bedeutet, den Rest des Tages irgendwo und irgendwie totschlagen zu müssen.
Doch statt dessen überraschte er mich. Ein Treffen am frühen Nachmittag an einem Ort, von dem ich bisher nur gerüchteweise gehört habe - das Loch in der Wand, eine Kneipe draußen in Renton in der Nähe der Kreuzung Maple Valley Road und Jones Road. Auf der Straße heißt es, das Loch sei ein Treffpunkt für Shadow-runner - hauptsächlich für Ausgebrannte und Möchtegerns, aber ein paar von der ›A-Liste‹ sollen sich dort ab und zu ebenfalls sehen lassen. (Aber wenn das der Fall ist, fragen Sie sich jetzt, warum, zum Teufel, hat Lone Star den Laden dann noch nicht dichtgemacht? Weil das Geschwätz auf der Straße kein Beweis ist, Chummer. Offenbar ist das Loch einer der miesesten Läden, um die einen großen Bogen zu machen man sich wirklich bemühen würde, aber die Besitzerin - laut Straßengeschwätz eine gewisse Jean Trudel - sorgt dafür, daß sich der Laden so gerade noch innerhalb der vom Gesundheitsamt gezogenen Grenzen bewegt. Und ansonsten? Tja, Drek, sagen wir, der Star ist hinter irgendeiner Schattenschnalle her, und sie taucht im Loch unter. Die Jungs in Blau kommen reingeschneit... und alles und jeder schwört, daß die Schnalle seit Monaten nicht mehr hier war. In der Zwischenzeit ist sie längst zur Hintertür raus oder versteckt sich im Keller. Klar, man könnte den Laden überwachen lassen, aber das bedeutet, man muß Leute von anderer Arbeit abziehen. Also bleiben das Loch und andere vergleichbare Läden in der ganzen Stadt im Geschäft. So ist das Leben in der großen Stadt, Priyatel.)
Daher schlendere ich also an einem grauen, regnerischen Nachmittag mit dem Gefühl in das Loch in der Wand, daß ich im Moment lieber an jedem beliebigen anderen Ort im Universum wäre.
Der Name des Ladens paßt hundertprozentig, das kann ich Ihnen sagen. Eine kleine Kneipe, die auf die Maple Valley Road hinausgeht. Eingangstür aus mit Holzimitat verkleidetem Metall, darin ein einziges kleines Fensterchen, das so verschmiert ist, daß es sich auch um Transplast handeln könnte. Ich stehe ein paar Augenblicke im Eingang und halte die Tür einen Spaltbreit hinter mir geöffnet, während ich warte, bis sich meine Augen an die Dunkelheit angepaßt haben. Die Luft ist zum Schneiden, voller Qualm - Tabak und andere, exotischere Substanzen - und stinkt nach schalem Bier, altem Schweiß und Angst. Erstklassiger Laden, tolles Ambiente. Warum, zum Teufel, bin ich hier?
»Komm rein, wenn du reinkommen willst«, knurrt eine Stimme aus den Schatten, »oder verzieh dich wieder, aber mach die verdammte Tür zu.«
Gehorsam gehe ich einen Schritt vor und lasse die Tür hinter mir zufallen.
Es dauert noch ein paar Sekunden, bis ich etwas sehen kann, dann nehme ich den Laden genauer unter die Lupe. Das Loch ist ein Schlauch, kaum breiter als sechs Meter, aber fast dreimal so lang. Rechts von der Tür ist eine Bar, ein verschrammtes Ding aus Makroplast mit unbequem aussehenden Hockern davor. Links in der Ecke stehen die Überreste einer Laser-Jukebox - sie wäre fast eine Antiquität, wenn ihr elektronisches Innenleben nicht heraushinge. An der linken Wand stehen ein halbes Dutzend runder Tische, die mit Frotteedecken bespannt sind, um verschüttetes Bier und andere Flüssigkeiten aufzusaugen. Zwei davon sind besetzt, einer von der ungeschlachten Gestalt eines Trolls, der zweite von einem Zwergenpaar. Alle drei Gäste mustern mich mit einer Art bösem Blick und beobachten mich, wahrscheinlich um festzustellen, ob ich wieder verschwinde. Also grinse ich ihnen höhnisch zu, schlendere zur Bar und setze mich auf einen Hocker.
Die Bedienung steht ein Stück weiter hinter der Bar und verschmiert die Makroplastoberfläche der Theke mit einem schmuddeligen Lappen. Sie ist eine Orkfrau und hat, wie es scheint, schon bessere Dekaden gesehen. Ihre linke Wange ist stark vernarbt, und im trüben Licht des Bierreklame-Holo hat ihr linkes Auge einen unnatürlichen Glanz. Ein billiger Ersatz, nehme ich an. Sie grinst höhnisch, indem sie ihre gelblichen Hauer entblößt, und macht keine Anstalten, zu mir zu kommen.
Ich zucke die Achseln. Von mir aus. Ich beherrsche das coole Spiel auch. Ich warte, und schließlich legt sie den Lappen weg und stampft zu mir. »Na und?« schnauzt sie.
»Ein Bier«, antworte ich. »Und sag unserem gemeinsamen Freund, daß Wolf da ist.« Das ist das Codewort, von dem Argent mir gesagt hat, daß ich es benutzen soll. Innerlich winde ich mich ein wenig - nach allem, was ich weiß, könnte es auch bedeuten: »Da bin ich, ihr könnt mich jetzt umlegen«, aber ich lasse mir nichts anmerken.
Die Orkfrau reagiert überhaupt nicht, bis sie mein Bier gezapft, das Glas vor mir abgestellt und den Kred-stab, den ich ihr gebe, in die Kasse geschoben hat. Dann deutet sie mit einem Ruck ihres Kopfes auf den hinteren Teil der Kneipe. »Im Hinterzimmer«, grunzt sie. »Er wartet schon auf dich.«
Ich bedanke mich nickend, nehme meinen Kredstab und mein Bier und schlendere in den tieferen Schatten im rückwärtigen Teil der Kneipe. In der hinteren Wand sind drei unbezeichnete Türen. Zwei davon kann ich am Geruch als Klotüren identifizieren. Ich nippe einmal an dem Bier - ein stechender Geschmack nach Chemikalien auf meiner Zunge - und öffne die mittlere.
Ein kurzer Flur, eine geschlossene Tür rechts und eine teilweise geöffnete direkt vor mir. Ich trete vor und stoße die Tür ganz auf.
Ich schaue in ein kleines, überfülltes Büro - ein paar Stühle, ein Schreibtisch mit einem archaischen Telekom und einem tragbaren Trideo. Licht fällt aus einer einzelnen Neonröhre in der für drei Röhren vorgesehenen Halterung an der Decke.
Aber ich mustere das Büro selbst nur flüchtig. Meine Aufmerksamkeit gilt der Gestalt, die hinter dem Schreibtisch sitzt. Argent. Er muß es sein.
Ich hatte keine vorgefaßte Meinung über diesen Burschen, aber offenbar habe ich welche über Shadowrun-ner im allgemeinen. Ein Wiesel, das habe ich erwartet -einen verschlagenen, verstohlenen Drekhaufen, der mehr einer Ratte als einem Menschen ähnelt. Schmutzig und ungekämmt, kein Charisma oder das, was man sich als Persönlichkeit vorstellt, die Art Kerl, der man keine Sekunde lang den Rücken zudreht, aus Angst, er könne ein Messer hineinjagen. Vielleicht ist das eine Vorstellung, die mir das Trideo vermittelt hat und dann durch meine eigenen Vorurteile verändert und gefiltert wurde, bis sie sich so tief in mich eingebrannt hat, daß ich nicht einmal wußte, daß es sie gab, bis sie über den Haufen geworfen würde.
Und über den Haufen geworfen wird sie. Argent ist ein großer Mann, kein Wiesel. Ich schätze ihn auf über zwei Meter Größe und fünfundneunzig Kilo Gewicht, wobei das einzige Fett an seinem Körper von dem Hamburger stammt, den er zu Mittag gegessen hat. Breite Schultern, vorgewölbte Brust. Auf eine harte, granitene Art hübsch. Kurzgeschnittenes dunkles Haar mit grauen Stellen. Gelassener Gesichtsausdruck, stetig blickende, kalte graue Augen, die im Licht stechend glitzern. Seine Hände liegen flach auf dem Tisch und sind leer, vermutlich um mich zu beruhigen, aber sie haben genau die gegenteilige Wirkung.
Argents Hände sind beides Cyberglieder - eckige Metalldinger, die brutal und absolut tödlich aussehen und mattschwarz lackiert sind. Grausig. Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen, aber ich weiß, daß es mir nicht gelingt.
Der Runner bemerkt meine Reaktion, soviel ist sicher. Man kann darauf wetten, daß ihm nicht viel entgeht, aber er nickt mir lediglich zu und sagt: »Schließ die Tür und setz dich, Wolf.«
Ich schließe die Tür, aber ich setze mich nicht. Ich fühle mich unwohl, und wenn ich mich unwohl fühle, muß ich auf und ab gehen können. »Wolf«, wiederhole ich. »Was soll eigentlich dieser Wolf-Drek?«
Seine Lippen verziehen sich zu einem trockenen Lächeln. »Du brauchst einen Straßennamen«, sagt er gelassen. »Benutze nie deinen richtigen Namen, wenn du es vermeiden kannst.«
»Und warum Wolf?«
»Hast du nie Bücher gelesen?« fragt er ruhig. »Jack London? Wolf Larson...« Er schüttelt den Kopf. »Vergiß es.« Er verschränkt die Finger, und Metall klickt auf Metall. Ich erschauere. »Du hast dein Treffen, Wolf«, fährt er gelassen fort. »Und wie soll es jetzt weitergehen?«
»Hast du die Geschichte mit dem Raketenangriff nachgeprüft, die ich dir erzählt habe?« frage ich.
»Ein Mitarbeiter hat für mich nachgeforscht«, sagt er, und ich weiß, er meint einen Decker.
»Und?«
Der Runner macht eine längere Pause, in der er mich mit seinen kalten Augen stetig fixiert. »Interessant«, sagt er schließlich. »Erzähl mir noch mal, was du mir am Telefon erzählt hast.«
»Warum, zum Teufel, willst du es noch mal hören? Ein Taktisches Einsatzkommando Lone Stars hat auf den Dächern Stellung bezogen und eine Rakete auf den Wagen abgeschossen. Ich bin herausgeschleudert worden, die Fahrerin ist verbrannt. Sonst noch was, Drekhead?«
Wiederum antwortet er nicht sofort, sondern mustert mich nur mit jenen ein wenig unnatürlichen Augen. Dann schüttelt er den Kopf. »Das reicht«, stellt er gelassen fest.
Ich versuche krampfhaft, mich zu beruhigen - mit minimalem Erfolg. Werde ich je in der Lage sein, über den Anschlag zu reden, ohne dabei Cats Schreie zu hören? »Was hat dein Decker also herausgefunden?« will ich von ihm wissen.
»Es gibt eine Nachrichtensperre und Hinweise auf Vertuschungen. In der offiziellen Stellungnahme heißt es, Terroristen hätten den Wagen für einen Sprengstofftransport benutzt, und die Bombe sei zu früh hochgegangen. Das hat der Star den Medien erzählt... und ihnen dann gesagt, sie könnten es nicht senden.« Er zuckt die Achseln. »Die übliche Verfahrensweise, wie du sicherlich weißt. Unter der Oberfläche sehen die Dinge jedoch ganz anders aus. Es geht ein Haufen Drek ab - personelle Verschiebungen, erhöhte Sicherheit hinsichtlich der Kommunikationskanäle, solche Dinge. Kurz, das, was man erwarten würde, wenn der Star seine Beteiligung vertuschen will.«
Ich nicke langsam. Ja, genau das, was man erwarten würde, wenn er die Tatsache vertuschen will, daß er die Kontrolle über seine Kommunikationskanäle verloren hat...
»Du glaubst, Lone Star hat dich für untragbar erklärt?« will Argent wissen.
Ich bin immer noch nicht sicher, ob ich die Möglichkeit abschreiben soll, daß jemand außerhalb der Organisation alles über die unterwanderte Datenfestung des Star dirigiert, doch das braucht Argent nicht zu wissen, noch nicht. Also bejahe ich seine Frage.
Er lächelt humorlos. »Dann bist du tot, Chummer«, stellt er fest. »Es ist nur eine Frage der Zeit.«
Daraufhin hebe ich die Augenbrauen. »Ach? Und warum?«
»Der Konzern hat eine Gewebeprobe von dir auf Lager, Omae«, sagt er geduldig. »Normale Verfahrensweise bei Lone Star, gehört zum Rekrutierungsvorgang, ist es nicht so?«
»Woher weißt du das?«
Der Shadowrunner zuckt die Achseln. »Ich habe es von einem Johnson gehört - tatsächlich sogar einem Freund - der selbst einmal beim Star war. Jedenfalls werden sie irgendwann diese Probe hervorholen, dann einen Magier oder Schamanen anheuern und dir ein kleines rituelles Geschenk machen, egal, wo du dich gerade versteckst. Ende der Geschichte, Wolf. Daran kann auch ich nichts ändern.«
Ich kichere leise. Argent weiß mehr über die Verfahrensweisen des Star, als mir lieb ist, aber wenigstens irrt er sich in diesem Punkt. »Keine Gewebeprobe, Argent«, sage ich zu ihm.
»Bist du eingebrochen und hast sie vernichtet?« fragt er.
»Der Star hat sie vernichtet«, korrigiere ich ihn. »Normale Verfahrensweise bei Undercover-Agenten, aber ich nehme an, das weißt du nicht.« Ich zucke die Achseln. »Irgendwelcher Drek darüber, daß ein Außenstehender einen Hautfetzen oder irgendwas von dem Ermittler in die Finger kriegt und dann magisch feststellen kann, ob in den Lone Star-Tresoren eine entsprechende Probe deponiert ist. Ergibt zwar nicht viel Sinn in meinen Augen, aber das ist nun mal die normale Verfahrensweise. Also, keine Gewebeprobe.«
»Glaubst du«, sagt er leise.
Das läßt mich einen Moment lang innehalten. »Glaube ich«, muß ich einräumen. »Aber mir bleibt gar nichts anderes übrig, als von dieser Annahme auszugehen.«
Er akzeptiert die Feststellung mit einem Nicken. »Deine Entscheidung«, sagt er gleichmütig. Er spreizt seine Metallhände. »Jetzt hast du dein Treffen, und die Zeit läuft, Wolf. Was soll ich tun?«
Ich hole tief Luft. Darüber habe ich in den letzten Stunden gründlich nachgedacht, und ich glaube, ich habe jetzt eine einigermaßen klare Vorstellung. »Nachforschungen anstellen«, sage ich zu ihm. »Ich brauche einen Decker, der den Hintergrund eines Tir-Konzerns ausforscht.«
Argent lächelt. »Das ist alles?«
»Es ist ein Anfang.«
»Du riskierst eine ganze Menge, um zu mir zu kommen, und dann willst du nur ein paar Datenbanken durchsuchen lassen, Omae«, sagt er leise. »Es gibt ein paar Runner da draußen, die einen Star-Ermittler -oder auch einen Ex-Star-Ermittler - schon aus Prinzip geeken würden.«
»Und das würdest du nicht?« sage ich sarkastisch.
»Ich habe es noch nicht getan«, stellt er gelassen fest, »und ich war noch nie besonders scharf auf solche Sachen. Du mußt deinen Job tun und ich meinen. Wenn wir uns nicht gegenseitig in die Quere kommen, dürften wir keine Probleme miteinander haben.«
»Deinen Job?« höhne ich. »Dir dein Nest polstern, indem du andere Leute abziehst?« Die Worte sind heraus, bevor ich mir dessen noch richtig bewußt bin.
Der verchromte Shadowrunner mustert mich mit nachdenklicher Miene. Ich rechne mit einer Art Rechtfertigung oder einer zornigen Erwiderung. Statt dessen sagt er nur ganz ruhig: »Du kennst mich nicht.«
Und das soll, verdammt noch mal, auch so bleiben, aber diesmal schaffe ich es, die Klappe zu halten.
Argent betrachtet seine Hände, und ich kann die Intensität seiner Gedankengänge fast hören. Nach vielleicht einer halben Minute hebt er den Blick wieder und sieht mich an. »Datenbeschaffung«, grübelt er. »Warum?«
»Meine Sache.«
»Eigentlich nicht«, antwortet er sofort. »Du willst sie auch zu meiner machen. Warum sollte ich mich darauf einlassen?«
»Ich bezahle dich.«
»Wie?« Er lächelt grimmig. »Wenn du wirklich untragbar bist, hat der Star dein Notfallkonto eingefroren und vielleicht sogar deine Privatkonten ebenfalls.«
»Ich bezahle dich, wenn alles geregelt ist«, knurre ich.
Sein Lächeln wird breiter, doch nicht weniger ironisch, als er den Kopf schüttelt. »Meine Leute arbeiten nicht für Versprechungen.«
Verdammter, drekfressender Söldner. Wie konnte ich von einem verdammten Shadowrunner etwas anderes erwarten? Ich schlucke meinen Zorn herunter. Er könnte mich immer noch geeken, wenn ich ihn zu sehr reize. »Dann gibt es zwischen uns wohl nichts mehr zu besprechen«, sage ich kalt.
»Wahrscheinlich nicht.« Ich wende mich ab, aber seine Stimme hält mich zurück. »Es sei denn...«
»Es sei denn was?«
»Es sei denn, du machst endlich den Mund auf, Wolf«, sagt er mit einem echt harten, frostigen Unterton in der Stimme. »Sag mir, worum es eigentlich geht, und nenn mir einen verdammten Grund, warum ich mich darauf einlassen sollte. Begriffen, Omae?«
Ich starre ihn nur an.
»Komm schon, leg endlich los«, sagt er ungeduldig. »Warum fängst du nicht einfach ganz von vorne an?«