23
Paco starb in jener Nacht so etwa gegen 0230. Doc Dicer rief mich an, um es mir mitzuteilen, und zwar über ein blindes Relais ganz ähnlich dem, über das ich ursprünglich mit Argent Kontakt aufgenommen hatte. (Der Runner hatte Doc Dicer die Nummer trotz ihrer offensichtlichen Freundschaft nicht geben wollen, aber ich hatte darauf bestanden und er schließlich nachgegeben.) Sie sagte nicht: »Er ist ganz friedlich gestorben«, oder irgendwas von diesem ach so tröstlichen Drek, den Ärzte den Angehörigen gewöhnlich auftischen. Sie brauchte mir gar nichts zu sagen, ich wußte, wie er abgetreten war - einatmen, ausatmen, klick... und dann nichts mehr.
Die Nachricht nahm mich dermaßen mit, daß ich erst wieder einschlief, als sich die Gewitterwolken im Osten zu lichten begannen. Wieder ein Freund tot. Und natürlich half mir auch nicht das Wissen, daß dasselbe verdammte Virus möglicherweise auch in meinem Körper lauerte. Als ich schließlich wieder einschlief, waren die Träume alles andere als angenehm. Ich befand mich wieder auf dem Parkplatz, der die Hölle war, aber diesmal atmete jeder in meiner Umgebung wie Paco, und ich konnte spüren, wie in meinen eigenen Lungen der erste Schleim vor sich hin blubberte. Einfach Sahne.
Als ich schließlich gegen 1030 aufstand, um mich dem Tag zu stellen, beschloß ich, mir Argents Rat zu Herzen zu nehmen und den Kopf unten zu lassen. Konkret, so weit unten wie nur möglich, und ich verließ das Zimmer nur, um aufs Klo zu gehen. Offenbar hatte Argent Jean Trudel eingeweiht, so daß Mahlzeiten - fettiger Kneipenfraß, wie nicht anders zu erwarten - zu mir nach oben geliefert wurden. Frühstück - und Mittag-und Abendessen - im Bett, wenn mir der Sinn danach stand. Alle drei Mahlzeiten bestanden aus Soywürst-chen nach bayrischer Art auf Brötchen mit der Konsistenz von Styropor. Lecker, lecker.
In der Zeit, in der ich kein Fett in mich hineinstopfte, ergriff ich die Gelegenheit, die Möglichkeiten des Tele-koms in dem Zimmer auszutesten. Sie waren, mit einem Wort, vielfältig - vielfältiger als meine Fähigkeit, sie voll auszunutzen. Ein paar Stunden lang schlug ich mich mit einem schlimmen Fall von TGB - Tech gescheiter als Benutzer - herum, bis ich über die interaktive Online-Hilfe stolperte und ich elektronisch an die Hand genommen wurde, während ich untersuchte, was das Gerät für mich leisten konnte.
Nicht, daß mir das viel genützt hätte. Klar, ein hoch-klassiges Telekom ist schön und gut, aber man muß trotzdem wissen, wie man Datenbanken durchsucht und sich Zugang zu dem Drek verschafft, den man braucht. Man kann den heißesten Wagen auf der Straße haben, aber wenn man nicht weiß, wie man das Goldstück fährt, gewinnt man mit ihm auch keine Rennen. Also verbrachte ich einen Großteil des Tages damit, mich von der Sicherheit in Systemen wie den Personalakten der normalen Angestellten Lone Stars herumschubsen zu lassen - Sicherheit, die jeder Decker, der diesen Namen zu Recht trug, mühelos überwunden hätte. Drek, ich kam nicht mal in das System des hiesigen Börsenbeobachtungsdienstes - ein nominell offenes System, das mir nicht mal die Uhrzeit verraten wollte, weil ich keinen Mitgliedsbeitrag entrichtet hatte -, um festzustellen, ob der Kurs für TIC-Aktien stieg oder fiel. (Von dieser Art Geschäft habe ich eigentlich keine Ahnung, aber ich habe schon oft gehört, daß das, was mit den Aktienkursen eines Konzerns passiert, sehr aufschlußreich sein soll.)
Schließlich blieb mir nichts anderes übrig, als mir die Nachrichtendateien anzusehen - zumindest diejenigen, auf die ich zugreifen konnte, ohne irgendeine Benutzer- gebühr zu entrichten. Ich startete ein Dutzend Suchen mit verschiedensten Parametern, Schlüsselworten und Booleschen Zeichen - jede vernünftige Kombination von ›Seuche‹, ›Epidemie‹, ›Infektion‹, ›Retrovirus‹ und ›Gang‹, die mir einfiel.
Und fand einen großen Haufen heißer Luft. Nichts, überhaupt nichts, nicht einmal ein Dementi des Berichts, den ich auf dem Weg nach Ravenna bei News-Net gehört hatte. Kein Widerruf, keine Entschuldigung, keine Erklärung für die Behauptung, es sei zum Ausbruch einer neuen VITAS-Epidemie gekommen. Keine Kommentare von Dr. Blatherman. Nichts. Es war, als hätte es die ursprünglichen Berichte nie gegeben. Ein totaler Medien-Blackout. Verdammt unheimlich, Chummer.
So verbrachte ich den Tag nach Pacos Tod. Und auch den Morgen des nächsten Tages und noch einen Teil des Nachmittags. Als schließlich Argent zur Tür hereinspazierte, war ich einem Rappel nahe.
»Was, zum Teufel, hat dich so lange aufgehalten, Argent?« will ich von ihm wissen. Der verchromte Runner antwortet nicht auf meine höfliche Begrüßung, sondern geht nur zum Sessel und läßt sich darauffallen. Er ist schon wieder müde, keine Ahnung, warum. Schließlich ist nicht er derjenige, welcher nach den Daten sucht. Das erledigt Peg Soundso, die Deckerin aus San Francisco. Da muß ich mich doch fragen, ob er nebenbei noch andere Arbeiten erledigt, die ihn so fertigmachen. Ja, das wäre wieder mal typisch, nicht wahr? Er braucht einfach Umsätze, sonst zieht die Internationale Vereinigung der Shadowrunner seine Mitgliedskarte als akkreditiertes Söldnerschwein ein.
Oder vielleicht hat er einfach nur keinen oder wenig Schlaf bekommen, weil er sich über diesen Terror-Virus-Drek Gedanken gemacht hat. Verdammt, ich sehe wahrscheinlich nicht viel besser aus. »Hast du irgendwas?« frage ich.
Er wirft mir ein Chipetui zu. »Leg das mal ein.«
Ich öffne das Etui und lege den Chip ins Telekom ein. Argent nennt mir den Zugangscode, den ich eintippe. Der Schirm füllt sich augenblicklich mit Text und organisatorischen Tabellen, die wie kreisförmige Flußdiagramme oder vielleicht Netze aussehen, die von Spinnen auf einer Überdosis Electric Lady gewoben wurden. »Was, zum Teufel, ist das?«
»Das«, sagt er, »ist der TIC-Schirm - oder vielleicht ist ›Imperium‹ ein besseres Wort. Zwei Dutzend bedeutende Unterabteilungen. Doppelt so viele Tochtergesellschaften, die sich hundertprozentig in TIC-Besitz befinden. Bedeutende Anteile an vielleicht hundert anderen Konzernen sowie strategische Partnerschaften und Gemeinschaftsunternehmungen mit mindestens ebenso vielen.«
Ich spitze die Lippen zu einem lautlosen Pfiff. »Beeindruckend. Ich hätte nicht gedacht, daß es in Tir richtige Megakonzerne gibt.«
Argent kichert trocken. »TIC ist ein mittelgroßes Konglomerat«, sagt er, »aber nicht einmal in der Nähe eines Megakonzerns. Noch nicht. MCT oder Yamatetsu oder jeder andere Mega aus der ersten Reihe könnte das gesamte TIC-Netz mit den Notreserven kaufen.«
Darüber will ich im Moment lieber nicht nachdenken. Statt dessen deute ich auf den komplexen Drek auf dem Bildschirm. »Hilf mir dabei, ja?«
»Wo willst du anfangen?«
»Bei dem gentechnischen Aspekt, okay?«
Er lächelt grimmig. »Wie ich schon sagte, wo willst du anfangen?«
Oha. »Viel gentechnische Aktivität?« rate ich.
»Könnte man sagen.« Seine Stimme ist trocken, ironisch. »Peg schätzt, daß siebenundvierzig Prozent aller Umsätze des Imperiums direkt oder indirekt mit Gentechnik zu tun haben. Dabei ist weniger als ein Viertel aller Geschäftseinheiten unter dem TIC-Schirm mit Gentechnik beschäftigt, aber offenbar sind das die pro fitableren.«
Ich nicke langsam, während ich diese Information verarbeite. »Wie wäre es dann mit den... den ›Geschäftseinheiten‹ in Timothy Telestrians Einflußsphäre?«
»Die hat Peg bereits aussortiert«, sagt der Runner. »Rufe Marker Eins auf.«
Ich gebe den entsprechenden Befehl ein, und der Bildschirm ändert sich. Das Diagramm ist immer noch ein verdrehtes Spinnennetz, aber wenigstens war die Spinne nicht mehr ganz so ehrgeizig. Ich schüttle frustriert den Kopf. »Warum diese Konzentration auf Gentech?« will ich wissen.
Argent kichert wieder. »Das ist eben Tir, Chummer. Vergiß das nicht. Biotech ist ihr Ding. Wenn sie die Dinge ändern können, ohne dabei so ... unelegante... Techniken wie Implantate benutzen zu müssen« - er klickt seine Metallfinger zusammen -, »tun sie das auch. In Tir manipulieren sie alles gentechnisch. Saatgut, Algen, Bakterien, Tiere, Pflanzen, sogar sich selbst.«
Darüber denke ich ein paar Sekunden nach. »Okay, wie wäre es dann, wenn wir uns auf solche Unternehmen beschränken, die Viren manipulieren?«
Er schüttelt den Kopf. »Du weißt nicht viel über Gentechnologie, was?« fragt er rhetorisch. »Eine der zuverlässigsten Techniken benutzt maßgeschneiderte Viren, um den genetischen Code der Zielzellen zu verändern.«
»Sprich Klartext«, knurre ich.
»Alle benutzen Viren, Chummer. Vergiß es.«
Ich knirsche mit den Zähnen. »Na schön«, sage ich, »wie wäre es dann mit Biowaffen?«
»Marker Zwei«, weist er mich an, und ich tippe den Befehl ein.
Der Schirm verändert sich, und jetzt sind wir bei etwas angelangt, das ich fast verstehe. Etwa ein Dutzend Gesellschaften - alle miteinander verflochten, aber das Netz ist viel einfacher und direkter. »Wie steht es mit ihrer...« - ich suche nach dem richtigen Wort -»ihrer Ergebenheit?« frage ich.
Der Shadowrunner grinst, und ich weiß, daß wir langsam vorankommen. »Die meisten sind Lynne Telestrian gegenüber loyal und stehen dadurch auf James' Seite«, sagt er. »Aber es gibt eine bestimmte Gesellschaft, die mit beiden Beinen in Timothys Lager steht, und dieser Laden ist mir echt nicht geheuer. Ruf Marker Drei auf.«
Das tue ich und lese die Bildschirmüberschrift. »Nova Vita Biotechnologies.« Zum zweitenmal in eben-sovielen Tagen quäle ich mich durch das Latein, das ich vor vielen Jahren gelernt habe. »Nova Vita - ›neues Leben‹. Guter Name für eine Gentech-Firma.« Ich halte inne. »Und Nova Vita beschäftigt sich mit Biowaffen?«
»So heißt es im Shadowland-BTX-System«, bestätigt Argent. »Die Firma unterhält eine Anlage an einem Ort namens Christmas Valley - vielleicht achtzig Kilometer südöstlich von Bend die Biowaffenforschung für das Tir-Militär betreibt.«
Diesmal pfeife ich laut. »Das ist doch was.« Aber darin fällt mir auf, daß das keinen Sinn ergibt.
Der Runner sieht mein Stirnrunzeln und wirft ein: »Da ist noch mehr. Nova Vita Biotechnology hat eine Tochter, Nova Vita Cybernetics, die wiederum eine Forschungsanlage am Columbia besitzt - interessanterweise auf der Salish-Shidhe-Seite des Flusses -, und zwar an einem Ort namens Pillar Rock. Übrigens eine isolierte Anlage, die nicht mit der Matrix verbunden ist.« Er kichert. »Was Peg ziemlich genervt hat.«
Was Peg nervt, interessiert mich einen feuchten Drek: Etwas anderes hat meine Aufmerksamkeit erregt. »Ach? Warum unternimmt eine Tir-Firma ihre Forschungen auf S-S-Gebiet?« Dann schüttle ich den Kopf.
»Aber was soll's? Die Firma im Christmas Valley ist die wichtige. Wir sind hinter der Gentechnik- und Biowaf-fen-Connection her und nicht hinter Cyberware, oder?« Argent sagt nichts, sondern sitzt nur grinsend da. »Na schön, Drekhead«, schnappe ich, »sag mir, was ich übersehen habe.«
Er zuckt die Achseln. »Peg fand nur interessant, daß im letzten Jahr einige Leute von Nova Vita Biotech zu Nova Vita Cybernetics versetzt worden sind.«
Aha. »Vielleicht zufällig Gentechniker?«
»Ganz zufällig«, bestätigt Argent kopfnickend. »Genspleißer und ein paar Heißsporne im Maßschneidern von Viren. Nicht gerade die Spezialisten, die normalerweise von einer Cyberware-Firma eingestellt werden, neh? Da fragt man sich doch, ob NVC nicht seinen Horizont etwas erweitert hat.«
»Das fragt man sich. Und ich nehme nicht an, daß NVC irgendwelche Militärverträge von NV Biotech übernommen hat?«
»Peg hat daran gedacht und es überprüft, aber das ist tatsächlich nicht der Fall.« Argent hat jetzt ein echtes Pokerface aufgesetzt, und ich weiß, wir nähern uns der Pointe. »Vielleicht willst du dir die Liste aller Firmen ansehen, mit denen NVC in den letzten zwei Jahren Verträge abgeschlossen hat. Marker Vier.«
Ich springe zur nächsten Seite im Text und überfliege rasch die Liste, die dort auftaucht. Eine lange Liste, in der auch einige der größeren Megakonzerne wie Mitsu-hama, Yamatetsu, Fuchi und sogar Aztechnology auftauchen. NVC ist entweder ein bedeutender Hersteller auf dem Cyberware-Sektor, oder diese Konzerne suchen nach gentechnischer Expertise. Ich will mich gerade an Argent wenden und ihn fragen, ob er oder Peg das herausgefunden haben, als mir ein Name am unteren Ende der Liste ins Auge springt.
Lone Star Security Services (Seattle) Incorporated.
»Interessant, nicht?« fragt Argent leise.
Ich nicke zögernd, sage jedoch nichts. Das Pokerface des Runners hat sich in eine grimmige Maske verwandelt. Diese Sache scheint ihn ziemlich mitzunehmen. Aber warum? Okay, sicher, es macht mich irgendwie fertig zu sehen, daß der Star Verbindungen zu einem Konzern hat, der Terroristenwaffen entwickeln könnte, aber NVC muß auch an einer ganzen Reihe harmloser Projekte arbeiten. »Raus damit«, sage ich kategorisch. »Du weißt noch mehr. Also raus damit.«
»Ist schon komisch, wie sich die Teile manchmal zusammenfügen«, sagt Argent mit gelassener, beinahe emotionsloser Stimme. »Wie du verlangt hast, habe ich Peg möglichst viele Personalakten im Telestrian-Impe-rium überprüfen lassen, um deinen Mr. Nemo zu finden. Übrigens ohne Erfolg. Offenbar haben die Firmen, die zum Telestrian-Imperium gehören, eherne Grundsätze, was die Einstellung von Nicht-Metamenschen anbelangt. Weniger als fünf Prozent aller Angestellten sind Menschen, und keiner von diesen entsprach ihren Suchkriterien.
Jedenfalls«, fährt der Runner fort, »ist Peg dann auf NVC gestoßen und wurde davon abgelenkt. Es endete damit, daß sie eine umfassende Suche in den Nachrichtenbanken gestartet hat, um Medienberichte über NVC und Informationen darüber zu finden, was diese Firma vorhaben könnte. Diese Suche hat sich auch auf die Bildbanken der Medien erstreckt.«
Mir kommt langsam eine Ahnung, worauf Argent hinaus will, aber ich halte den Mund.
»Als sie die Bildbanken durchstöberte«, fährt er fort, »stellte sich heraus, daß sie die Suchkriterien für Nemo nicht gelöscht hatte.« Er zeigt mit einem mattschwarzen Finger auf den Schirm. »Ruf Marker Fünf auf.«
Ich bin echt gespannt, als ich seiner Anweisung folge. Der Schirm füllt sich mit einem Farbbild, der Momentaufnahme irgendeiner Konzernfeierlichkeit - die feierliche Einweihung eines Neubaus oder ein ähnlicher Drek. Im Vordergrund stehen zwei Kerle in vornehmen vierteiligen Anzügen, die ein breites Grinsen aufgesetzt haben, während sie mit einer überdimensionalen Schere ein Band durchschneiden. Beides sind Elfen, und einer der beiden ist Freund Timothy Telestrian. »Wer ist der andere Bursche?« frage ich.
»David Margeson«, antwortet Argent sofort. »Präsident und Geschäftsführer von Nova Vita Cybernetics. Eine von Timothys kleinen Marionetten, meint Peg.«
»So?« sage ich, aber ich denke, na und? Wir wissen bereits, daß NVC auf Timothys Seite steht. Argent würde nicht so viel Wert auf die Bestätigung einer Tatsache legen, die eigentlich unwichtig ist. Was mir verrät, daß da noch etwas anderes sein muß. Ich betrachte den Hintergrund des Bildes. Ein kleiner Haufen nicht zu unterscheidender Würdenträger hinter Telestrian und Margeson, ein paar Reihen, aber nur die vorderste Linie ist klar zu sehen. Wahrscheinlich VIPs und andere Pinkel von NVC. Ich sehe sie mir nur oberflächlich an und versuche mich auf das wenige zu konzentrieren, was hinter ihnen von dem Gebäude zu sehen ist. Wenn es sich um die Anlage in Pillar Rock handelt, läßt sich vielleicht etwas Aufschlußreiches erkennen ...
»Du hast es übersehen«, flüstert Argent beinahe. »Rufe eine Bildvergrößerung mit Koordinatenzentrum X-fünf-zwölf und Y-fünfzehn-fünfzig auf. Versuch es für den Anfang mit vierfacher Vergrößerung.«
Bei einem 2 mal 2 K großen Gitter - dem gegenwärtigen Standard - befindet sich diese Koordinate im linken oberen Quadranten des Bildes. Stirnrunzelnd gebe ich den Befehl ein und sehe zu, wie das Bild heran-zoomt. Es handelt sich um ein Pressefoto, das geht aus der Körnigkeit des vergrößerten Bildes ganz klar hervor.
Doch Körnigkeit hin oder her, ich sehe sofort, was Argent meint. Ein Gesicht in der zweiten Reihe der Pinkel und Execs. Das Gesicht ist nicht einmal teilweise verdeckt, liegt jedoch halb im Schatten. Der einzige Mensch unter lauter Elfen. Ich erkenne ihn sofort.
»Nemo?« fragt Argent.
»Nemo«, bestätige ich. Ich beuge mich weiter vor, um das körnige Bild genauer zu betrachten. Unglaublich -einfach unglaublich -, daß Pegs Suchsoftware über so etwas stolpert. Drek, einen Moment lang bin ich total genervt, daß Tech zu so etwas imstande ist.
Aber natürlich spielt es keine Rolle, wie wir Nemo gefunden haben. Wichtig ist nur die Tatsache an sich -und daß wir eine Verbindung zwischen ihm und NVC und damit auch zu Timothy Telestrian hergestellt haben. »Wer, zum Teufel, ist das?« will ich wissen.
»Peg hat eine Weile gebraucht«, sagt der Shadowrun-ner ganz ruhig. »Er gehört nicht zu NVC und, wie ich schon sagte, auch nicht zu einer anderen Firma des Te-lestrian-Imperiums.«
»Wer ist er dann?« Meine Geduld mit dieser verdammten sokratischen Methode geht langsam zur Neige.
»Nachdem Peg dort in einer Sackgasse steckte, hat sie das Bild mit dem Rest der Bildbanken verglichen, in die sie decken konnte. Sie fand ein Holo - ein echt gutes, ein professionelles Porträt. Aufgenommen offenbar vor einem Jahr, als er nach Seattle versetzt wurde.«
Mein Kopf ruckt herum, und ich starre Nemos Bild an. Das Gefühl der Vertrautheit, des Wiedererkennens ist noch stärker als bei unserer ersten Begegnung im Unterschlupf der Cutters. Ich kenne ihn... Gedanken fügen sich mit einem fast hörbaren Klicken zusammen. »Er stammt aus Milwaukee, nicht?« Meine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern.
»Er heißt Gerard Schräge, aber den kennst du wahrscheinlich nicht. Er war ein VIP in Konzerndiensten, und zwar bei Lone Star Security Services, Milwaukee.« »Und seine Versetzung?«
Argents nächste Worte hauen mich um. »Gerard Schräge ist der Geschäftsführer von Lone Stars Unterabteilung für Militärverbindung in Seattle.«