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Das Sirenengeheul wurde lauter und lauter, bis Bella dachte, sie würde es keine Sekunde länger aushalten. Dann ließ es, genauso langsam, wie es angefangen hatte, ganz allmählich wieder nach und verstummte schließlich. Bella saß kerzengerade in ihrem weichen, schweißfeuchten Bett und schnappte nach Luft.

Was war das?

Sie rieb sich die Augen. Über Nacht hatte sich ihr der Staub im Zimmer aufs Gesicht gelegt und war ihr in die Nase gedrungen. Ihr Körper, seit der Abreise aus England ungewaschen, dünstete einen säuerlichen Geruch aus.

Sie sprang aus dem Bett, schnappte sich ihren Fotoapparat aus dem Handgepäck und lief zum Fenster. Ihre Füße schabten über den abgewetzten Linoleumboden. Sie zog das Laken zurück, das als eine Art Vorhangersatz an den Fensterrahmen gepinnt war, und schaute nach draußen. Wozu dieses Sirenengeheul?

Die Straße draußen war menschenleer. Niemand rannte, um sich in Sicherheit zu bringen, niemand schrie um Hilfe. Die einzig wahrnehmbare Bewegung waren die Blätter der großen Bäume am Straßenrand, die sich im Wind wiegten, und das einzige Geräusch war das Zirpen und Summen unsichtbarer Insekten. In der Ferne hallte Hundegebell zwischen den Hügeln wider. Dann hörte sie, von dem Ende der Straße her, das sie nicht einsehen konnte, das brummende Motorengeräusch eines Trucks. Ihr Herzschlag nahm den Rhythmus auf.

Das ist eine Invasion, schoss es ihr durch den Kopf. Die Achse des Bösen – eine Formulierung, die sie ihre gesamte Kindheit hindurch im Fernsehen gehört hatte, ohne sie jemals so ganz zu verstehen – ist in die USA eingefallen. Und das ausgerechnet an ihrem ersten Morgen hier. Sie hakte das Fliegengitter aus, beugte sich aus dem Fenster und richtete das Objektiv ihrer Kamera auf den Fluchtpunkt der langen, schnurgeraden Straße. Das Brummen wurde lauter, bis schließlich ein Lastwagen in Sicht kam, der von einem flimmernden Stecknadelkopf auf dunstigem Asphalt langsam zu einem großen, staubigroten Etwas wuchs. Bella drückte den Auslöser, kurz bevor das Gefährt auf Höhe ihres Hauses war. Jetzt konnte sie auch sehen, dass es sich um einen großen Tanklaster handelte, mit der Aufschrift GOT MILK? in verblichenen Buchstaben an der Seite. Der Fahrer war alles andere als eine feindliche Eroberungsmacht. Er schien ausschließlich an dem Sandwich interessiert, das er sich gerade in den Mund schob. Bella zoomte näher heran und knipste ihn im Moment des Abbeißens mit sperrangelweit geöffnetem Mund.

Dann war da vielleicht gar nichts gewesen. Nur wieder einer ihrer üblichen Alpträume.

Sie ließ sich zurück aufs Bett fallen, dessen Kastenfedern ein Kreischen von sich gaben, das dem Soundtrack eines Schmuddelfilms hätte entstammen können. Irgendwo auf dem Hügel hinter dem Haus wieherte ein Pferd.

»New York, New York, it’s a helluva town«, sang sie.

Sie hatte ihrer Mutter nicht wirklich geglaubt, als diese ihr erklärt hatte, dass sie nicht in Sichtweite irgendwelcher Wolkenkratzer wohnen würden. Aus unerfindlichen Gründen – wahrscheinlich hatte es mit den kurz zuvor bestandenen Abschlussprüfungen nach der Zehnten und der darauf folgenden Party zu tun – hatte sie sich nicht die Mühe gemacht, auf der Landkarte nachzusehen und sich einen Eindruck über die, wie sie nun feststellte, enorme Größe und ländliche Prägung des Staates New York zu verschaffen.

Sie brannte darauf, ihre neue Umgebung zu erkunden, also stand sie wieder auf und holte ihren Kulturbeutel aus dem Koffer. Während sie im Zimmer umherging, fasste sie einen Entschluss. Hier, weit weg von ihren Altersgenossen, weit weg von dem Bild, das alle von ihr im Kopf hatten, würde sie eine neugeborene Bella sein, die wahre Bella. Sie würde die Vergangenheit begraben, die Grenze vom Mädchen zur Frau überschreiten, um dann im Herbst glücklicher, weiser und bereit für ein neues Leben auf dem College nach Hause zurückzukehren. Und sie würde eine spektakuläre Mappe mit Fotos von ihrem Amerika-Aufenthalt zusammenstellen.

Das Bad lag gegenüber von ihrem Zimmer, doch kaum war sie drinnen, stellte sie verärgert fest, dass es zwei Türen hatte: die, durch die sie gekommen war, und eine zweite, die ins Schlafzimmer ihrer Eltern führte. Keine der beiden hatte ein Schloss. Das hieß, dass sie, als einzige junge Frau in der Familie, sich ein System ausdenken und es den anderen erklären musste, damit niemand reingeplatzt kam, wenn sie im Bad war. Sie warf einen Blick ins Elternschlafzimmer und sah ihren Vater, der auf dem Rücken lag und schnarchte. Das teils rote, teils bereits ergraute Kraushaar auf seiner Brust sah aus wie eine lauernde Katze. Sie war heilfroh, dass das einzige Laken auf dem Bett seine Körpermitte bedeckte, denn darunter war er ganz eindeutig nackt. Sie zog die Tür fest zu und klemmte dann noch einen alten Stuhl, der neben der Wanne stand, unter die Klinke der Tür zum Flur.

Die Wanne starrte vor Dreck. Sie war alt und klein, hatte eine gebogene Kante und innen einen rostroten Wasserrand. Aus den Armaturen war Wasser in bräunlichen Schlieren über die stumpfe Emaille getropft. Fürs Erste würde sie mit dem angeschlagenen Duschkopf vorliebnehmen, aber sie musste definitiv ein ernstes Wort mit ihrer Mutter reden. Auf gar keinen Fall würde sie einen ganzen Sommer lang auf ihr tägliches Vollbad verzichten. Aber sich in die Wanne zu legen kam bei deren gegenwärtigem Zustand genauso wenig in Frage.

Während sie unter dem schwachen Wasserstrahl stand und sich mit dem Spezial-Teebaumduschgel einseifte, das sie für ihren Privatgebrauch eingepackt hatte, gab sie acht, sich nicht im Spiegel zu betrachten, der an der Wand gegenüber lehnte.

Jemand rüttelte am Knauf der Tür zum Flur.

»Bella, bist du da drin?«

Olly, der Blödmann.

»Was ist?«, rief sie mit geschlossenen Augen, während ihr das Shampoo – ebenfalls Teebaumöl – übers Gesicht lief.

»Ich muss kacken.«

»Ich brauch noch zehn Minuten.«

»Ich muss aber jetzt.«

»Scheiße.« Hastig wusch Bella sich ab und wickelte sich ein Handtuch um.

Sie stürzte zur Tür hinaus und rannte ihren Bruder dabei fast um.

»Sor-ry«, sang dieser, ehe er im Bad verschwand.

Sie zog sich Shorts und ein Tanktop über – die schicken Sachen, die sie extra für New York gekauft hatte, würden in Trout Island wohl nicht oft zum Einsatz kommen –, kämmte sich die Haare, schlüpfte in ihre silbernen Flipflops und ging dann nach unten, um ihre Mutter zu suchen. Statt ihrer fand sie nur den Zettel auf dem Küchentisch.

Toll, dachte Bella. Sitzengelassen.

Als sie die Frühstücksflocken und die Milch auf dem Tresen stehen sah, merkte sie, dass sie Hunger hatte, also machte sie sich Frühstück. Kurz darauf hörte sie die Toilettenspülung rauschen, dann kam Olly die Treppe heruntergepoltert und gesellte sich zu ihr. Er langte mit der Hand in die Frühstücksflocken-Packung.

»Woah, Erdnussbutter!«, sagte er, den Mund voller Reese’s Puffs. »Wollen wir rausgehen, uns die Gegend ansehen?«

»Na gut.« Sie war einverstanden. »Was ist mit dem Haustürschlüssel?«

»Gibt keinen. Mum hat gestern Abend gefragt. Jimmy Boy hat gemeint, hier schließt niemand seine Haustür ab.«

»Aber wir sind doch in Amerika. Ist es nicht gefährlich hier?«

»Keine Ahnung.« Olly zuckte die Achseln.

Sie schlenderten die Main Street entlang in Richtung Theater. Inzwischen war es Mittag. Die Hitze drang ihnen in die Glieder und machte sie träge. Sie hielten sich im Schatten der großen Bäume, die rechts und links der Straße wuchsen.

»Mann, total old-school-mäßig hier«, stellte Olly fest, als Bella ein Foto von ihm vor einem Baum knipste, um dessen Stamm ein verblichenes gelbes Band gewickelt war. »Gar nicht so, wie ich’s mir vorgestellt hab.«

»Und wo sind die ganzen Leute?«, wunderte sich Bella, als sie den Objektivdeckel aufsteckte. Dann fiel es ihr wieder ein. »Hast du auch den Luftschutzalarm gehört?«

»Ja. Bin davon aufgewacht.«

»Was sollte der?«

»Ich glaub, das ist bloß eine Übung. Ich hab irgendwo was drüber gelesen. Das haben alle Städte seit dem elften September. Für den Fall, dass es einen Terroranschlag gibt.«

»Im Ernst?« Bella war sich nie sicher, ob Olly sie auf den Arm nahm.

»Klar.« Olly schaute sich um.

»Wie paranoid ist das denn?«

Sie kamen an einem Gebäude vorbei, das offenbar die örtliche Schule beherbergte, ein langgezogener Bau mit Säulenvordach direkt gegenüber dem Theater. Das Gras davor war hoch und musste dringend gemäht werden. Neben dem Schulgebäude gab es eine klägliche Ansammlung kleiner, graffitiverschmierter und zerbeulter Rutschen und Gummischaukeln. Sie wirkten genauso trostlos wie alles andere im Ort. Bella wirbelte umher und machte Fotos: klick, klick, klick.

Sie setzten sich auf zwei Schaukeln und schwangen mit baumelnden Beinen in der Hitze quietschend vor und zurück.

»Und die denken ernsthaft darüber nach, den ganzen Sommer hierzubleiben?«, sagte Olly nach einer Weile.

»Ich glaub, über die Phase des Drüber-Nachdenkens sind sie längst hinaus«, erwiderte Bella.

»Wo sind die ganzen Kinder?« Er deutete auf den menschenleeren Spielplatz.

»Im Urlaub wahrscheinlich«, antwortete Bella. »Oder sie wurden alle in einem satanistischen Ritual abgeschlachtet. O mein Gott, was ist das denn?« Sie sprang von der Schaukel und ging bis zum Rand des Spielplatzes, wo dunkle Eichen in den diesigen Himmel ragten und dichtes Unterholz den staubigen Boden überwucherte. Olly trat hinter sie.

»Uäh«, machte er, als Bella sich vorbeugte und ein paar Zweige beiseitebog. Darunter kam ein Grabstein zum Vorschein.

»Da sind ganz viele, schau mal.« Bella zeigte auf einen zweiten und einen dritten Grabstein.

»Ein Friedhof. Neben einem Spielplatz«, sagte Olly. »Das geht ja wohl gar nicht.«

»Die sind richtig alt, sieh nur.« Bella las ein paar Jahreszahlen vor, die noch nicht vollständig verwittert waren. »1876, 1899, 1840.«

Sie gingen links um den Friedhof herum, bis sie zu einer steilen Anhöhe kamen, von der man Ausblick auf einen riesigen Sportplatz hatte. Die staubigen Pfade, die in den Rasen des Baseballfelds getreten worden waren, ließen den Platz nur noch verlassener wirken.

»Vielleicht wird’s besser, wenn die Theatersaison anfängt«, murmelte Bella und schirmte die Augen vor der grellen Sonne ab.

»Nach dem, was ich bis jetzt gesehen hab, glaub ich das kaum«, entgegnete Olly.

»Oder vielleicht lernen wir ein paar Leute kennen. Finden amerikanische Freunde. Irgendwo hier muss es doch ein paar in unserem Alter geben.«

»Das ist unsere einzige Hoffnung«, sagte Olly. »Wollen wir weiter? Hier gruselt’s mich.«

Sie schlenderten die Back Street entlang und bogen in eine Straße mit Namen River Road ein. Bald darauf fanden sie sich auf einem unbefestigten Weg wieder.

»Oh, guck mal, wie niedlich«, rief Olly, als sie an einem halbverfallenen Haus vorbeikamen, dessen Rasen fast vollständig von sonnenbadenden Kätzchen besetzt war. Bella ging in die Hocke, um ein Foto zu machen. Olly näherte sich den Kätzchen.

»Pass bloß auf! Das Haus gehört jemandem.«

»Nee, da wohnt niemand. Schau’s dir doch mal an«, sagte Olly mit Blick auf die zerrissenen Fliegengitter, den Müll auf der Veranda und den insgesamt verlassenen Eindruck des Hauses.

»Und was ist dann das da?«, fragte Bella und zeigte auf eine Wäscheleine voller angegrauter Hemden und Windeltücher. »Ich wette, die haben ein Gewehr.«

Olly sprang zurück auf den Gehweg und hüpfte weiter. Die Häuser wurden weniger, und irgendwann standen sie an einem kleinen sandigen Strand am Ufer eines Flusses mit starker Strömung.

»Lust auf eine kleine Abkühlung?«, fragte Bella.

»Gibt’s hier nicht Alligatoren und Wasserschlangen?«, wollte Olly wissen.

»Glaub nicht.«

»Und Welse, die beißen richtig heftig.«

»Oh.«

Sie setzten sich ans Ufer und hielten Ausschau nach Untieren im Fluss. Die Bewegung des Lichts auf dem Wasser und die Hitze, die auf ihren unbedeckten Kopf niederbrannte, machten Bella schläfrig. Sie hob die Arme und streckte sich wie eine Katze, um wieder Bodenhaftung zu bekommen. Olly rutschte unruhig hin und her, und sie hielt mitten in der Bewegung inne, weil sie seine Blicke auf sich spürte.

»Was?« Sie drehte sich um und sah ihm in die Augen. »Was ist?«

»Jonny hat mir das hier mitgegeben, damit ich es dir gebe.« Er steckte die Hand in seine Jeanstasche und holte einen zerknitterten, zugeklebten Umschlag heraus.

Sie stieß einen Seufzer aus, nahm den Brief aber nicht. »Lass es doch einfach, Olly. Das macht es für dich auch nicht besser.«

»Was soll das heißen?« Er sah sie durch zusammengekniffene Augen an.

»Hör auf damit«, bat sie. »Hör einfach auf mit dem Mist. Es ist vorbei. Ich hab mit ihm Schluss gemacht. Wir wissen doch beide, dass er bloß deine kleine Marionette ist.«

»Das stimmt nicht«, widersprach Olly. Seine Wangen brannten.

»Tut es wohl. Er würde alles für dich machen. Er ist auf dich scharf, kapierst du? Nicht auf mich.«

»Das ist so was von widerlich.«

»Du versuchst doch bloß, mich mit Hilfe deines kleinen schwulen ›besten Freundes‹ zu kontrollieren, gib’s zu.« Bella war aufgestanden und klopfte sich den Staub von den nackten Beinen. »Falls da jemals was zwischen mir und Jonny gelaufen wäre – und da ist nichts gelaufen, jedenfalls nichts, was der Rede wert wäre –, dann ist jetzt Schluss, Olly. Sieh zu, dass du damit klarkommst.«

»Bella.« Olly griff nach ihrem Bein.

»Fass mich ja nicht an!«, schrie sie und riss sich los. Dann nahm sie ihm den Brief aus der Hand, zerriss ihn ungeöffnet in zwei Hälften und warf sie in den Fluss, der sie mit sich forttrug wie die Papierschiffchen, die sie früher als Kinder zusammen gebastelt hatten.

Olly war mit einem Satz auf den Beinen und packte seine Schwester an den Armen. »Warum hast du das getan?«

»Lass mich«, sagte sie und kämpfte sich frei. »Das kannst du nicht machen. Die Zeiten sind vorbei. Ich bin ein freier Mensch.«

»Glaubst du?«, sagte er. »Glaubst du das? Dann lass dir mal eins gesagt sein, Bella. Ich hab dich im Auge.«

»Und was soll das jetzt wieder heißen?«, fragte sie. »Du bist nicht mein Aufpasser.«

»Wart’s nur ab.« Er holte tief Luft, zog die Schultern nach unten und wiederholte: »Wart’s nur ab.«

»Leck mich doch.« Bella hatte genug. Sie schnappte sich ihren Fotoapparat und marschierte los, zurück Richtung Ort. Aber sie wusste, dass er hinter ihr war, und den ganzen Weg bis zum Haus spürte sie seine Blicke im Rücken.

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