12
Das Farmhaus von James und Betty lag einige Meilen außerhalb des Ortes. James hatte behauptet, der Routenplaner auf Google tauge nichts, und sie mit einer eigens in seinem unnachahmlichen Stil verfassten Wegbeschreibung ausgestattet.
Beim ersten Mal fuhren sie an der richtigen Abzweigung vorbei bis zu einem von einem rostigen Damm umgebenen Staubecken, dessen gigantische Ausmaße in keinem Verhältnis zu der es umgebenden Landschaft standen. Spätestens jetzt – James hätte einen solchen Orientierungspunkt in seinem mit unzähligen Randbemerkungen versehenen Text zweifellos erwähnt – wurde ihnen klar, dass sie zu weit gefahren waren, also drehten sie wieder um. Aus der entgegengesetzten Richtung kommend, war die Abzweigung nicht zu übersehen. Sie fanden die richtige Straße und bogen, wie beschrieben, auf einen unbefestigten, langsam ansteigenden Weg ein. Sie kamen an wenigen Häusern vorbei, größtenteils jedoch waren sie von Bäumen und Sträuchern umgeben.
Ein Reh sprang vor dem Wagen über die staubige Straße. Marcus bremste ab.
»Wo eins ist, ist meistens auch …« Noch während er sprach, huschte ein zweites, kleineres Reh vorüber. »… ein zweites.«
»Mir kommt’s so vor, als würden wir in den tiefen dunklen Wald fahren«, sagte Bella. »Ich weiß nicht, ob mir das gefällt.«
»Unsinn«, entgegnete Marcus. »Das hier ist eben die Natur, an Klaue roh und Zahn.«
»Rot«, meldete sich Olly von hinten.
»Was?«, sagte Marcus.
»Es heißt ›Natur, an Klaue rot und Zahn‹. Tennyson.«
»Also, Leute, da geht’s mir doch gleich schon viel besser«, stellte Bella fest, die mit zusammengekniffenen Augen aus dem Fenster starrte.
»Hier irgendwo muss es sein, gleich hinter dem gelben Pfosten, auf der Lichtung«, sagte Lara.
»Du meinst, wo die ganzen Autos stehen. Wegen der Party?«, fragte Olly.
»Mein lieber Mann, ihr zwei sprüht ja heute geradezu vor Sarkasmus«, erwiderte Marcus.
Sie hielten am hinteren Ende der Reihe aus etwa zwanzig Autos, die in ihrer Vielfalt – vom zerbeulten roten Pick-up bis hin zum nagelneuen Porsche Carrera – ein Zeugnis von den erheblichen finanziellen Statusunterschieden innerhalb der Schauspielzunft ablegten.
»Nicht schlecht«, meinte Olly, als sie am Porsche vorbeigingen.
Sie bogen in die Einfahrt ein und fanden sich vor einem der schönsten Häuser wieder, die Lara je gesehen hatte. Von der Straße aus war es nicht einmal zu erahnen. Es war im neoklassizistischen Stil gebaut wie die meisten Häuser im Ort, aber im Gegensatz zu ihnen war es liebevoll gepflegt und in einem ausgezeichneten Zustand. Es war in einem zarten Puderblau gestrichen, mit cremeweißen Fensterrahmen und Laibungen. Eine breite Veranda lief um den sichtbaren Teil des Hauses herum, und im Licht der untergehenden Sonne sah es so aus, als würde das Haus über der riesigen Wiese, die sich davor ausbreitete, schweben. Am atemberaubendsten jedoch war die Lage auf einer kleinen Erhebung, deren mit Gras bewachsene Fläche, von Blumen- und Gemüsebeeten unterbrochen, sanft zu einem Teich hin abfiel. Dahinter begann der Wald. Am äußersten Ende des Gartens stand eine verfallene Scheune, die sich zur Seite neigte, als könne sie jeden Augenblick einstürzen.
»Da geht niemand rein, verstanden?«, mahnte Lara.
»Nicht mal zehn Pferde würden mich dazu kriegen«, sagte Olly.
Es war ziemlich voll. Gäste standen in der Nähe einer Feuergrube zusammen oder hatten sich am Boden auf Decken niedergelassen, tranken Wein und unterhielten sich. Der Klang von Gelächter und der Duft von auf Holzkohle gegrilltem Fleisch erreichten sie selbst aus über dreißig Metern Entfernung, als sie durch den Vorgarten gingen.
»Wie sind die alle so schnell hierhergekommen?«, wunderte sich Marcus.
»Du warst Ewigkeiten weg, Dad«, sagte Olly. »Wir dachten schon, die alten Schätzchen hätten dich aufgefressen.«
»Man muss sie umgarnen.« Marcus zwinkerte.
»DIE WAYLANDS!« James löste sich aus einer Gruppe. Auch an diesem Abend war er wieder in fließendes Weiß gekleidet und sah aus wie ein gewaltiges Segel. Die Gespräche verstummten, und alle wandten sich ihnen zu. Dann brandeten lauter Willkommensjubel und Applaus auf.
»Scheiß Amis«, brummte Olly.
»Scheiß Theaterfritzen, meinst du wohl«, sagte Bella. Sie ließ den Blick durch die Menge schweifen. Wahrscheinlich, vermutete Lara, hielt sie Ausschau nach diesem Jungen, Sean.
»Seid still, ihr beiden«, bat Marcus sie. Er setzte sein offizielles Lächeln auf und steuerte seine Familie auf James und das Zentrum des Trubels zu.
»Meine Lieben.« James erdrückte Marcus in einer bärenstarken Umarmung und ging mit ihnen zusammen weiter in Richtung Haus. »Was in Gottes Namen hat euch so lange aufgehalten?«
»Dad musste erst noch ein Bad in der Menge nehmen«, erklärte Olly.
»Und wir haben uns verfahren«, ergänzte Lara. »Es ist wirklich schön hier.« Sie näherten sich der Feuerstelle, einem Erdloch von der Größe eines Sarges, voll mit weißglühenden Kohlen, über denen auf einem eisernen Rost Fisch und Fleisch brieten.
»Nicht wahr?«, sagte James. »Betty hat sie letztes Jahr ausgehoben. Wie viele Partys wir schon um diese Feuergrube herum gefeiert haben! Im Angebot sind Jakobsmuscheln, Shrimps, Buffalo Wings, Burger und Würstchen. Und der Mais steht hoch, deswegen gibt es auch noch die lokale Spezialität der Saison.« Er deutete auf einen Zuber mit Wasser, in dem ganze, ungeschälte Kolben Zuckermais schwammen. »Wenn man sie einweicht, verbrennen sie nicht. Aber du liebe Zeit, wo habe ich nur meinen Kopf? Da mache ich euch zuerst mit dem Essen bekannt statt mit den Gästen! Kennt ihr schon June und Brian, die zwei fantastischen Stars unseres Musicals? Und das sind Frank, Josh, Shelley, Dana, Nicholas, Dave, Dave und Dave, Sarah, Anne, Tony, Ed, Tot, Peter, Martha, Sylvester, Madonna – nein, nicht die Madonna. Und Nancy, Darius, Oleanna, Jose, Sol, Johnny, Helene, Janette und Brianna; dann haben wir noch Cara, Stacey, Tipper, Madison, Megan, Taylor und Selina.«
»Ich weiß nicht, ob ich mir all eure Namen auf Anhieb merken kann, aber ich freue mich, euch kennenzulernen«, sagte Marcus.
»Hi!«, riefen alle im Chor zurück und hielten ihre Gläser hoch.
»Weitermachen«, befahl James und führte die Familie Wayland auf die Veranda zu. »Größtenteils sind es Darsteller aus dem Musical. Einige von ihnen spielen auch im schottischen Stück mit, aber das eigentliche Ensemble kommt erst in ein oder zwei Tagen an. Wir durchmischen gerne alles ein bisschen.«
»Wo ist denn Betty?«, erkundigte sich Lara.
»Oh, die ist drinnen und kümmert sich mit Trudi zusammen um die Salate. Nun denn, Familie Wayland«, sagte James. »Seid ihr bereit für eure Überraschung? Ich halte es nämlich nicht länger aus.« Er öffnete die Fliegengittertür zur Küche, in deren Mitte ein mit zahlreichen Salatschüsseln und Brotkörben beladener Tisch stand. Betty war über die Spüle gebeugt und schnitt eine Wassermelone in Scheiben. Sie hatte ein langes Halterneck-Kleid aus Lurex an, das Bianca Jagger im Studio 54 hätte tragen können, und darüber eine Fünfziger-Jahre-Blümchenschürze.
»Ihr Lieben.« Sie legte das Messer weg und nahm die Schürze ab, bevor sie jeden Einzelnen, einschließlich des ziemlich steifen Olly, umarmte und küsste. »Dann ist es also so weit?«, fragte sie James.
»Es ist so weit«, bestätigte James.
»Trudi, Schatz, wir bräuchten dann jetzt den Champagner«, sagte Betty, und erst jetzt bemerkte Lara die Frau, die auf der anderen Seite des Tischs stand. Sie hatte dunkle Haare, eine kompakte Statur und eine lange Narbe im Gesicht, als hätte ihr jemand die rechte Wange vom Mundwinkel bis zum Ohr aufgeschlitzt. Trudi nickte einen stummen Gruß in Richtung der Waylands, legte das Besteck hin, das sie gerade in eine Serviette eingewickelt hatte, und trat zum begehbaren Kühlschrank, aus dem sie ein Silbertablett mit einer Flasche Dom Pérignon, schlanken hohen Champagnergläsern und vier Dosen Cola light hervorholte.
»Danke, Trudi, mein Schatz.« Betty nahm ihr das Tablett ab. »Könntest du noch kurz das Besteck zu Ende einwickeln, meine Gute?«
»Werde ich nicht im Salon gebraucht?«, fragte Trudi. Akzent und Timbre waren fast identisch mit Bettys.
»Wir kommen schon zurecht, danke, Liebes«, sagte Betty.
Nach kurzem Zögern nickte Trudi und kehrte an ihre Arbeit zurück. Sie hatte merkwürdige Augen, fiel Lara auf. Wie eine Eidechse.
»Also, Familie Wayland. Seid ihr bereit?«, fragte Betty. »Dann, Mesdames et Messieurs, bitte hier entlang.«
Sie führte sie durch einen kühlen, widerhallenden Flur bis zu einer Flügeltür, die James, der ein Stück vorauslief, mit dramatischem Schwung aufstieß. Dahinter kam ein riesiges Wohnzimmer zum Vorschein. Die Jalousien waren vor der untergehenden Sonne heruntergelassen, aber im Licht des fast über die gesamte Breite einer Wand gehenden Aquariums konnte Lara die Silhouette eines Mannes erkennen, der hinten im Raum mit übereinandergeschlagenen Beinen in einem Sessel saß. Betty stellte das Tablett auf einem Tisch ab, und James schloss die Türen hinter ihnen.
»Hallo, Marcus. Hallo, Lara.«
Prompt stülpte sich Laras Magen um und machte einen Satz hoch hinauf in ihren Hals. Sie musste nicht abwarten, bis der Mann aufgestanden war und sich zu seiner vollen Größe aufgerichtet hatte. Sie musste nicht abwarten, bis er ins Licht trat. Sie musste nicht erst die noch immer messerscharfen Wangenknochen oder die tiefliegenden Augen sehen, deren Blick von irgendwo weit her zu kommen schien, und auch nicht die dunklen Locken, die sie umrahmten.
Sie erkannte ihn sofort.
Bella schnappte nach Luft.
»Da leck mich doch einer«, hauchte Olly.
»Stephen Molloy!«, dröhnte Marcus in die angespannte Stille hinein. »Was zum Teufel machst du denn hier?«
»Schh. Schhh!« James huschte umher und knipste ein paar Lampen an. »Es sollen schließlich nicht alle wissen, dass er hier ist.«
Lara atmete langsam ein und aus, damit ihr Herzschlag sich beruhigte. Ihr Läufertrick. Immerhin verschaffte Marcus ihr ein bisschen Zeit, indem er beide Arme um Stephen Molloy schlang und ihn fest drückte. Sein Gesicht lag an Stephens Brust, so klein war er im Vergleich zu diesem.
»Da leck mich doch einer«, wiederholte Olly. »Ist das echt Stephen Molloy?«
»Ja«, sagte Lara mit leiser Stimme.
»Der, den Dad kennt?«
»Welcher denn sonst, Blödmann?«, erwiderte Bella, deren Augen so groß waren wie Untertassen.
Stephen Molloy hing nach wie vor in Marcus’ Umarmung fest, doch sein Blick lag auf Lara. Sie musste ihre Knie zwingen, nicht unter ihr nachzugeben. Das Zimmer, von dem sie anfangs gedacht hatte, es hätte eine Klimaanlage, war mit einem Mal unerträglich heiß.
»Lara.« Nachdem Marcus ihn endlich losgelassen hatte, kam Stephen auf sie zu und ergriff ihre Hand. »Es ist lange her.« Seine Berührung war für sie wie Nachhausekommen.
»Ich weiß ja, dass Stephen und Marcus sich seit Ewigkeiten kennen«, sagte James zu Lara. Er legte den Arm um sie und hüllte sie in eine Wolke Halston for Men. »Aber wenn mich nicht alles täuscht, dann seid ihr euch seinerzeit auch begegnet, stimmt’s?«
»Ja, wir kannten uns«, bestätigte sie, froh über die Gelegenheit, den Blickkontakt mit Stephen abbrechen zu können.
»Aber verdammt lange her, was?«, fuhr James fort. »Natürlich habt ihr Stephen in der Zwischenzeit gesehen, das haben wir ja alle. Aber er hat kein Lebenszeichen von den Waylands bekommen, seit … Wie lange?«
»Das müssen jetzt siebzehn Jahre sein.« Marcus legte Stephen eine Hand auf die Schulter und musterte dessen Gesicht.
»Dann kennst du die Kinder ja noch gar nicht, stimmt’s?«, fragte James. »Lass mich dich mit den drei zauberhaften Sprösslingen der Familie Wayland bekannt machen: Bella, Olly und der kleine Jack.«
»Ihr müsst die Zwillinge sein.« Stephen schüttelte erst Bella, dann einem ungewohnt schweigsamen und ehrfürchtigen Olly die Hand. »Ich glaube, als ich eure Eltern das letzte Mal gesehen habe, hatten sie gerade die freudige Nachricht bekommen, dass ihr unterwegs seid. Aber von dem kleinen Kerl hier wusste ich noch nichts.« Er streckte auch Jack die Hand hin.
Im Gegensatz zu James hatte sich Stephens Stimme einen gewissen britischen Einschlag bewahrt. Vor allem in den Vokalen war sein Manchester-Dialekt noch stark herauszuhören. Das überraschte Lara. Die letzten Jahre hatte sie ihn ausschließlich in amerikanischen Filmen gesehen und war davon ausgegangen, dass seine Leinwandstimme mit seiner privaten identisch war. Sie fragte sich, ob der Rest von ihm sich gegenüber früher auch so wenig verändert hatte.
»Unser glücklicher Betriebsunfall«, sagte Marcus und strubbelte Jack durchs Haar. Lara wünschte, er würde den Mund halten. »Mensch, es ist wirklich toll, dich zu sehen. Wie klein doch die Welt ist.«
Es war eigenartig, wie sehr sich Marcus über das Wiedersehen mit Stephen zu freuen schien. Er hatte dessen kometenhaften Aufstieg auf fast schon obsessive Weise mitverfolgt und immer wieder spitze Bemerkungen darüber gemacht, dass Stephen offenbar die richtigen Leute bumse oder die Iren eben immer Schwein hätten. Einmal hatte Lara sogar gehört, wie er in Gegenwart seiner Schauspielerkollegen, während sie sich eines Nachmittags gemeinsam einen von Stephens frühen Filmen im Fernsehen anschauten, geprahlt hatte, er selbst habe mehr Talent im kleinen Finger als Stephen Molloy in seinem ganzen Körper.
Lüge, war es Lara, die in ihrer Arbeitsecke vor dem Apple gesessen hatte, durch den Kopf geschossen.
»Ich habe ein Haus hier in der Nähe«, erklärte Stephen. »Eine Art geheimen Unterschlupf. Ich kenne James und Betty aus L. A., und ich unterstütze das Theater ein bisschen.«
»Ein bisschen!«, rief Betty, klemmte sich die Champagnerflasche zwischen die Oberschenkel und zog den Korken. »Es ist ein bisschen mehr als ein bisschen.«
»Und als James mir gesagt hat, dass du seinen Thane spielst – na ja …«
»Hier, Stephen, das ist für dich.« James reichte ihm eine der Coladosen. »Für die Kinder habe ich auch welche. Oder dürfen die Zwillinge ein Schlückchen Blubberwasser?«
»Klar dürfen sie das«, sagte Olly.
»Es ist so schön, euch alle zu sehen«, verkündete Stephen. Aus seinem Gesicht strahlte aufrichtige Freude – etwas, was man in seinen Filmen eher selten sah, da er normalerweise als der düstere, verschlossene Held besetzt wurde.
»Auf alte Freunde!« Betty erhob ihr Glas.
»Auf alte Freunde«, wiederholten die Waylands und tippten ihre Gläser gegen Stephens Coladose.
»Was für ein Zufall«, sagte Marcus.
»Tja, wie du sagtest, die Welt ist klein«, erwiderte Stephen.
Sie tranken, dann sahen sie sich an und wussten nicht recht, was sie sagen sollten. Jack wurde es allmählich langweilig, also zog er los, um sich das Aquarium aus der Nähe anzusehen.
»Also dann«, sagte Stephen lächelnd und brach das Schweigen. Er hatte etwas an sich, dass einem unwillkürlich der Atem stockte. Vielleicht ist das der Ruhm, dachte Lara, doch dann erinnerte sie sich daran, dass er schon damals in Stratford dieselbe Wirkung auf andere Menschen gehabt hatte. Auf sie wenigstens.
»Ich fürchte, ich muss zurück und das Essen für meine Gäste vorbereiten«, sagte Betty. »James, könntest du mir dabei behilflich sein?«
»Aber –«
»Hase.«
James fügte sich und folgte seiner Lebensgefährtin hinaus. Erneut senkte sich Schweigen über den Raum, ein auffallender Gegensatz zu dem Geplauder und Gemurmel der Gäste draußen im Garten. Jemand schlug Akkorde auf einer Gitarre an, und eine Frau sang eine improvisierte Melodie dazu. Stephen nippte an seiner Cola light und sah sie alle der Reihe nach an. Doch sein Blick kehrte immer wieder zu Lara zurück. Ihr fiel auf, dass er auf den Fußballen stand und wippte, wie ein Rennpferd kurz vor dem Start.
»Sollen wir auch nach draußen gehen?«, fragte Marcus an Stephen gewandt. Lara wusste, dass er, neben anderen Gründen, dringend eine Zigarette brauchte.
»Ich denke nicht«, antwortete Stephen mit einem Lächeln. »Ich halte mich lieber bedeckt.«
»Was meinst du damit?«, fragte Lara und sah zu ihm auf. Dabei stellte sie fest, dass sie den Kopf genauso weit in den Nacken legen musste, wie wenn sie mit Olly sprach.
»Na ja, es ist so: Außer James, Betty und Trudi – und jetzt euch – weiß niemand, dass ich hier bin. Ich bin gewissermaßen inkognito unterwegs.«
»Na klar.« Olly zeigte mit dem Finger auf Stephen. »Sie hatten doch diesen Zusammenbruch und sind dann untergetaucht.«
»Olly«, zischte Bella. »Total uncool.«
Stephen schmunzelte, dann blickte er zu Boden. »Ja, so ähnlich war es. Aber du solltest nicht alles glauben, was du in der Zeitung liest.«
»Da war diese Stalkerin«, sagte Olly in einem Tonfall, als hätte er ein Tor geschossen. Stephen hob den Kopf und lächelte ihn direkt an.
»Stimmt. Gutes Gedächtnis.«
»Olly, Kumpel, das reicht jetzt«, ermahnte ihn Marcus.
»Nein, nein, ist schon in Ordnung. Besser, ihr wisst, weshalb meine Anwesenheit hier ein Geheimnis bleiben muss. Nicht mal mein Agent weiß, dass ich hier bin. In L. A. stand ich zu sehr im Fokus unerwünschter – und ziemlich unerfreulicher – Aufmerksamkeit, deswegen habe ich mir eine Auszeit genommen, bis sich die Dinge wieder etwas beruhigt haben. Ich musste dringend raus da, also haben James und Betty mir freundlicherweise angeboten, hierherzukommen. Mir ist klar, dass es nicht einfach ist, darüber Stillschweigen zu bewahren«, fuhr er fort. »Vor allem für euch zwei«, erklärte er an Bella und Olly gewandt. »Aber ich kenne eure Eltern von früher, und Freundschaften wie diese sind für mich inzwischen sehr selten geworden. Deshalb wollte ich unbedingt nach der Vorstellung vorbeikommen und euch hallo sagen. Aber gleichzeitig muss ich euch bitten, niemandem gegenüber zu erwähnen, dass ich hier bin. Wenn ihr das schafft, können wir diesen Sommer viel Spaß zusammen haben. Ich habe ein sehr schönes Haus mitten im Wald, mit einem Schwimmteich. Das wird euch gefallen. Aber wenn ihr mich verratet, nun ja – dann könnte das ziemlich unangenehm für mich werden. Deshalb muss ich sicher sein, dass ihr mein Geheimnis für euch behalten könnt.«
Lara sah ihren zwei älteren Kindern an, dass ihnen klar war, wie viel Stephen ihnen mit dieser Bitte abverlangte. Um ihretwillen wäre es ihr lieber gewesen, es hätte im Vorfeld Gelegenheit gegeben abzuwägen, ob die beiden der Sache überhaupt gewachsen wären. Stattdessen waren sie nun einfach damit konfrontiert worden. Es gab kein Zurück mehr, und es blieb nur zu hoffen, dass sie reif genug waren, mit der Situation umzugehen.
»Klar, Mann.« Olly hielt Stephen die Hand hin, damit er einschlug. Bella nickte, die Augen noch immer weit aufgerissen. Seit Stephen sich zu erkennen gegeben hatte, hatte sie nicht ein einziges Mal geblinzelt.
»Na, dann ist ja alles geregelt«, sagte Stephen. »Hört mal, ich will euch nicht aufhalten – die anderen fragen sich bestimmt schon, wo ihr abgeblieben seid.« Mit einem Kopfnicken deutete er in Richtung Garten. »Ich wollte nur kurz vorbeischauen und hallo sagen – der Champagner und das Drumherum waren James’ und Bettys Idee. Die beiden sind so sentimental. Aber bitte kommt doch am Montag zum Abendessen zu mir. Ich würde mich über ein bisschen Gesellschaft freuen. Ich maile euch die Wegbeschreibung.«
»Liebend gern«, sagte Marcus. »Aber du kannst Lara auch einfach deine Adresse geben, sie googelt sie dann.« Er hatte bereits seinen Tabakbeutel gezückt und drehte an einer Zigarette.
»Meine Adresse kann man nicht googeln«, erwiderte Stephen und trank seine Coladose aus. »Wie gesagt, ich fliege unter dem Radar.«
»Wow«, sagte Bella. »Ich dachte, man kann alles googeln.«
»Man braucht ein bisschen Arbeit, aber nichts ist unmöglich«, sagte Stephen. »Jedenfalls war es schön, euch alle wiedergesehen zu haben. Lara, magst du mir deine E-Mail-Adresse geben?«
»Sicher«, antwortete Lara. »Geht doch schon mal vor, ich komme gleich nach. Jack, geh mit Daddy mit.«
»Aber ich hab mir die Fische noch nicht zu Ende angeguckt«, rief Jack vom Aquarium herüber.
»Ist es okay, wenn der Kleine hierbleibt?«, fragte Marcus, die Zigarette zwischen den Lippen.
Lara nickte.
Froh, dass er entlassen worden war, ging Marcus mit Bella und Olly nach draußen. Die Flügeltür fiel mit einem Knall hinter ihnen ins Schloss.
»Hast du einen Stift?« Lara sah zu Stephen auf.
»Eine tolle Familie«, stellte Stephen fest.
»Danke.«
»Ich selbst habe keine Kinder.«
»Nein. Das weiß ich.«
»Ja. Ich bin mehr oder weniger öffentliches Eigentum.«
»Aber dein Leben muss doch unglaublich aufregend sein.«
»Ich habe viel erlebt. Aber unterm Strich ist es auch nur ein Job. Gut bezahlt und abwechslungsreich, aber nichtsdestotrotz ein Job. Und zwar einer, der dein ganzes Leben auffrisst.«
»Ja.« Lara hielt seinem Blick stand.
»Ich beneide Marcus.«
»Wirklich?« Das Dämmerlicht im Zimmer verbarg die Röte, die plötzlich auf ihren Wangen brannte.
»Ich habe es gut, das ist mir bewusst. Ich besitze ein Haus hier, eins in L. A. – es ist wunderschön, oben in den Hügeln gelegen, du müsstest es mal sehen. Dann noch ein Stadthaus in Manhattan und ein Haus in meiner alten Heimat, in der Nähe von Manchester. Aber in keinem von ihnen fühle ich mich daheim. Das Haus in England gehört mir seit dreizehn Jahren. Ich habe es mir von meiner ersten größeren Gage gekauft, ich hatte diese Idee, dass ich so den Kontakt zu meinen Wurzeln nicht verlieren würde. Alles in allem habe ich vielleicht dreißig Tage dort verbracht. Es stehen immer noch Umzugskisten herum, die ausgepackt werden müssen. Vor zwei Jahren habe ich ein paar Handwerker kommen lassen, um die Inneneinrichtung zu machen – sie haben bloß den Flur gestrichen, mehr nicht. Sie dachten, ich wäre gerade erst eingezogen. Und jetzt verkrieche ich mich hier ganz allein am Ende der Welt. Warum sollte ich Marcus nicht beneiden?«
Stephen machte einen Schritt auf sie zu, nahm ihre Hand und lächelte. Seine Finger waren kühl und trocken. Sie wusste, ohne hinzusehen, dass sie noch immer genauso lang und schlank waren wie früher.
»Soll ich dir was sagen?«, fragte er.
»Nur zu.« Sie versuchte zu ignorieren, wie gut sich seine Hand in ihrer anfühlte.
Er schluckte und sah ihr in die Augen. »Du bist das große Was wäre wenn in meinem Leben, Lara. Kein Tag vergeht, an dem ich mich nicht frage, was hätte passieren können, wenn wir … wenn ich nicht weggegangen wäre.«
Lara hörte ihm in wachsender Bestürzung zu. Er sprach genau die Gedanken aus, die sie all die Jahre lang in den hintersten Winkel ihres Bewusstseins verbannt hatte.
»Dann hättest du eben nicht gehen dürfen«, entgegnete sie.
Jack kam durchs Zimmer auf sie zugelaufen und zog sie am Arm. »Mummy, guck mal, da unten am Grund schwimmt ein ganz dicker, hässlicher Fisch!«