15

Findest du, dass du fahren solltest?«, fragte Lara, als Marcus über den Rasen vor dem Haus torkelte und sich lallend von seinen neuen Freunden verabschiedete.

»Mir geht’s gut«, behauptete er.

Lara war anderer Meinung, aber da sie selbst kaum noch geradeaus laufen konnte, blieb ihnen wohl keine andere Möglichkeit.

Die Party war noch in vollem Gange. Unter Bettys Aufsicht hatten zwei der jüngeren Schauspieler Lautsprecherboxen auf der Veranda aufgestellt, und jetzt tanzten die Leute zu den Rolling Stones, und ihre langen Schatten wirbelten und drehten sich im Mondlicht. Bei den Waylands allerdings, deren innere Uhren nach wie vor auf britischer Zeit liefen, hatte irgendwann die Müdigkeit eingesetzt, und nun wankten sie auf ihr Auto zu, während sich die übrigen Gäste verrenkten und johlten wie ein Rasen voller Mick Jaggers.

Sie erreichten den Weg, wo sie den Wagen abgestellt hatten. Hier dämpften Büsche den Partylärm und ließen sie in die von Insekten schnarrende Nacht eintauchen.

»Seht mal!« Bella zeigte nach oben. Der Himmel war von einem samtigen Marineblau, und die Sterne funkelten wie Pailletten vor dem dunklen Hintergrund.

»Seht mal!«, sagte auch Olly, und die ganze Familie hielt den Atem an, als sich ein kleiner Lichtstreif quer über den Himmel bewegte.

»Ein Meteorit«, erklärte Lara.

»Ich würde sagen, das ist eine Sternschnuppe«, widersprach Olly.

»Ist das nicht dasselbe?«

»O nein, das sind zwei völlig verschiedene Dinge. Würde ich sagen.«

»Du laberst nur Mist«, erwiderte Bella. »Das ist genau das Gleiche.«

»Ist es nicht.«

»Leck mich doch«, seufzte Bella.

»Könnte jemand mal den Wagen aufschließen?«, bat Lara. Sie trug den schlafenden Jack, und allmählich taten ihr die Arme weh.

»Eine Sekunde«, sagte Marcus. »Haltet nur mal alle kurz inne und atmet tief ein. Haben eure Lungen jemals eine sauberere Luft geatmet? Seid ihr nicht froh, dass ich mit euch hierhergekommen bin?« Er legte Lara den Arm um die Schultern. »Ist das nicht wie im Traum?«

Doch Lara hatte das Gefühl, als wäre sie nur halb anwesend.

»Dann lasst uns fahren.« Marcus ließ den Wagenschlüssel um seinen Finger kreisen. »Zurück in unseren Palast aus Staub.«

Er startete den Motor und ließ sämtliche Fensterscheiben herunter. »Um diese Zeit sind vielleicht einige interessante Tiere unterwegs«, vermutete er. Dann, nach mehreren hundert Metern langsamer Fahrt, schaltete er die Scheinwerfer aus.

»Marcus, mach sie wieder an!«, forderte Lara ihn auf.

»Warum? Ist ja nicht so, als ob hier viel Verkehr wäre«, entgegnete er lachend. »Das wollte ich immer schon mal machen.«

»Wir landen noch im Graben«, sagte Lara.

»Hör auf damit, Dad«, bat Bella.

»Weiter so, Daddy-o!« Olly löste seinen Sicherheitsgurt und reckte den Kopf aus dem geöffneten Fenster.

»Olly, setz dich wieder hin. Das ist wirklich gefährlich, Marcus.«

»Sei doch nicht so langweilig, Lara«, sagte er. »Genieß das Leben.« Dann steckte auch er den Kopf zum Fenster hinaus und ließ einen lauten Jubelschrei los.

Lara krallte sich in die Ränder ihres Sitzes. Die Dunkelheit schlug über ihnen zusammen wie Wasser. Sie hätten unbemerkt über den Rand einer Klippe fahren können, so finster war es. Der teure Motor machte fast kein Geräusch, so dass man nichts hörte als die über Kies und Steine knirschenden Reifen, und im Widerschein vom Armaturenbrett sah Marcus’ verzücktes Gesicht aus wie eine unheimliche Fratze.

Dann bewegte sich plötzlich etwas vor ihnen auf der Straße, und alle starrten nach vorn. In Mannshöhe leuchteten ihnen zwei knopfgroße Punkte wie Sterne entgegen.

»Scheiße, was ist das?«, schrie Olly.

Erschrocken machte Marcus die Scheinwerfer wieder an, und sie sahen die Hinterteile eines Rehs und seines Kitzes, die im Unterholz verschwanden.

»Das war bloß ein Reh, Olly«, gab Marcus mit übertriebener Ruhe zu, obwohl nicht zu übersehen war, dass auch er einen gehörigen Schrecken bekommen hatte.

»Seht mal – damit hätten wir zusammenstoßen können«, sagte Lara und deutete auf ein Auto, das knapp zehn Meter vor ihnen am Straßenrand parkte. Wären sie im Dunkeln weitergefahren, hätten sie es gerammt.

»Scheiße«, zischte Marcus.

»Warum hörst du nie auf das, was ich sage?«, fragte Lara.

»Weil ich ein böser, böser Bube bin, Lara. Darum.«

Das Auto schien zu keinem Haus zu gehören – auf diesem Stück des Wegs wohnte niemand, und von James’ und Bettys Farmhaus war es zu weit entfernt, als dass es von einem der Partygäste hätte stammen können. Als sie langsam daran vorbeirollten, konnten sie sehen, dass die Scheibe auf der Fahrerseite heruntergelassen war.

»Mein Gott, da sitzt ja jemand drin«, stellte Lara fest. Sie konnte die Gesichtszüge der Person nicht erkennen, aber allem Anschein nach handelte es sich um eine Frau. Sie schien sie durch ihre dunklen Brillengläser zu beobachten. »Entschuldigung«, rief Lara, die sich ein Stück aus dem Fenster gebeugt hatte. »Mein Mann ist ein Idiot.«

Die Frau reagierte nicht.

»Sie hat dich nicht gehört, Mum«, sagte Bella.

»Grusel.« Olly schüttelte sich.

»Sehen wir zu, dass wir hier wegkommen.« Marcus trat aufs Gas und fuhr, so schnell es der steinige Weg erlaubte, in Richtung Hauptstraße.

»Was war denn das für eine Nummer?«, fragte Olly.

»Vielleicht war es eine Ehefrau, die Streit mit ihrem Mann hatte«, spekulierte Lara.

»Oder eine Hexe, die irgendwelche Zaubersprüche aufgesagt hat.«

»Meinst du, ihr geht’s gut?«, fragte Bella und sah sich nach hinten um.

»Willst du zurückgehen und nachschauen?«, fragte Olly zurück.

Marcus lenkte den großen Wagen in die asphaltierte Einfahrt ihrer Übergangsbehausung und fuhr ums Haus herum nach hinten.

»O mein Gott«, sagte Bella, als sie die Autotüren aufstießen. Ein Stoß stickiger Nachtluft wehte ihnen entgegen und brachte den strengen, gummiartigen Geruch mit, der in jedem Winkel des Hauses zu hängen schien. Nur war er viel stärker als sonst.

»Den Gestank kann man ja fast sehen«, bemerkte Olly und schnitt eine Grimasse.

»Ich glaube, er kommt von da drüben.« Bella deutete zur Straße.

Vorsichtig ging Marcus über die Einfahrt zurück, um nachzusehen.

»Auch das noch«, rief er.

»Was ist denn?« Bella hielt sich die Hände vors Gesicht.

»Kommt und seht selbst.«

Lara ließ den schlafenden Jack im Auto, dann pirschte sie zusammen mit den Zwillingen wie Soldaten auf einem Manöver in Richtung Straße.

»Igitt!« Bella hielt sich die Nase zu.

»Was ist schwarz, weiß und rot?«, sagte Olly, als sie sich bückten, um den zermalmten Kadaver eines überfahrenen Stinktiers zu betrachten.

»Das ist also der Grund, weshalb es hier überall so riecht«, sagte Lara. »Der Gestank wird bestimmt tagelang nicht weggehen. Können wir das nicht schnell entsorgen?«

»Und wo sollen wir es hintun?«, fragte Marcus.

»Außerdem würde Dad dann ja auch stinken«, wandte Bella ein.

»Wer sagt denn, dass ich es machen würde?«

»Vielleicht wissen ja die Nachbarn Rat«, warf Lara ein.

»Dafür ist es jetzt schon zu spät. Wir lassen es erst mal liegen, und falls es morgen früh immer noch da ist, fragen wir in der Nachbarschaft herum«, schlug Marcus vor.

»Du hast leicht reden«, erwiderte Olly. »Euer Schlafzimmer geht nach hinten raus. Was ist mit mir und Bella? Wenn wir das Fenster aufmachen, ersticken wir. Und wenn wir das Fenster nicht aufmachen, ersticken wir auch. Stimmt’s, Bell?«

Bella knurrte etwas und wandte den Blick ab.

»Dann schaltet euren Ventilator ein«, riet Lara. Alle Schlafzimmer waren mit geräuschintensiven Tischventilatoren ausgestattet, die die einzigen halbwegs neuen Gegenstände im Haus zu sein schienen.

»Die ganze Nacht?«, fragte Bella.

»Nein, nur bis wir eingeschlafen sind, dann machen wir ihn wieder aus«, sagte Olly.

»Blödmann.«

In dem Moment stieß Jack, der außer Sichtweite im Auto saß, einen Schrei aus.

Lara stürzte zurück hinters Haus. Seltsamerweise stand die Autotür offen. Sie war sich hundertprozentig sicher, sie geschlossen zu haben.

»Jacky, was ist denn los?« Sie lief um den Wagen herum, um seinen Sicherheitsgurt zu lösen. Sie nahm ihn auf den Arm, und er vergrub das Gesicht an ihrer Schulter.

»Da war eine böse Frau«, sagte er, gedämpft von ihrem Ärmel.

»Was für eine böse Frau?«

»Eine böse Frau«, schluchzte er und hob den Kopf, damit seine Mutter auch jede einzelne Silbe verstand. Lara sah sich um.

»Aber schau doch, Jack. Hier ist niemand. Es ist alles ruhig. Hier ist keine böse Frau. Du hast bestimmt nur geträumt.«

»Armer kleiner Jacko.« Marcus trat neben sie und strich ihm über den Kopf. »Hattest du einen Alptraum? Na kommt, lasst uns reingehen.«

Olly betrat als Erster das Haus. Als er die Neonröhre in der Küche anknipste, sprang etwas vom Tisch auf den Fußboden, stieß gegen den Küchentresen und flüchtete sich dann unter den Tisch. Bella schrie auf.

»Was um alles in der Welt war das?«, fragte Marcus.

»Wer hat die Frühstücksflocken draußen stehen lassen?«, wollte Lara wissen. Die Packung mit den Reese’s Puffs war umgekippt, und was auch immer es war, was vor ihnen die Flucht ergriffen hatte, es hatte die Erdnussbutter-Puffmais-Bällchen in der ganzen Küche verteilt.

»Schaut mal, ein Eichhörnchen«, rief Bella, die unter den Tisch spähte.

»Das ist doch kein Eichhörnchen«, widersprach Olly und beugte sich ebenfalls hinunter.

»Es ist doch keine Ratte, oder?« Marcus hielt gebührenden Abstand. Ratten waren ihm nicht geheuer, seit er als Kind einmal beim Schwimmen in einem Bach mit einer zusammengestoßen war.

»Pass auf, bring du Jack nach oben. Und mach die Flurtür zu«, bat Lara Marcus. »Wir kümmern uns darum.« Sie übergab den wimmernden Jungen seinem Vater.

»Aha, tun wir das?«, sagte Olly. Dennoch konnte sie den Anflug eines triumphierenden Lächelns in seinem Gesicht erkennen. Er bewies Mut, während sein Vater den Schwanz einkniff.

»Ich will Cyrilbär«, bettelte Jack und zeigte nach draußen zum Auto.

»Mummy bringt ihn dir nachher hoch – nicht wahr, Mummy?«, sagte Marcus, der es gar nicht erwarten konnte, endlich nach oben zu verschwinden.

»Versprochen.« Lara küsste Jack aufs Haar. »Nacht, mein Schatz.«

Die drei übriggebliebenen Familienmitglieder ließen sich auf alle viere nieder und kreisten das kleine Tier ein, um es genauer in Augenschein zu nehmen. Kurz darauf brach Lara in Gelächter aus.

»Was ist denn, Mum? Was?«, fragte Bella.

»Falls meine Zeichentrickfilm-Erfahrung mich nicht täuscht, ist unsere ›Ratte‹ ein Streifenhörnchen. Seht nur!«

Der kleine Nager sah sie der Reihe nach mit seinen blanken Äuglein an. Er knabberte an den letzten Resten seines Frühstücksflocken-Festmahls, wobei seine prallgefüllten Backen sich hin- und herbewegten, als hätte er winzige Ballons unter dem braunen Fell. Die Haare der drei Streifen auf seinem Rücken stellten sich auf, und er reckte sich in die Höhe, um sich so groß wie möglich zu machen. Dann plusterte er in etwas dürftiger Nachahmung eines Eichhörnchens den langen, dünnen, gestreiften Schwanz auf.

»Na, Alvin?«, sagte Olly.

»Reh, Stinktier, Streifenhörnchen. Als wären wir am Set von Bambi«, sagte Lara. »Seid vorsichtig, ich weiß nicht, ob die beißen.«

»So gefährlich kann er ja wohl nicht sein. Der ist winzig«, erklärte Bella.

»Denk an Dad, den Bach und die Ratte.« Olly lachte hämisch. »Wir könnten uns einen Knacks fürs Leben holen.«

»Also gut, wir locken ihn mit Reese’s Puffs unterm Tisch hervor«, beschloss Lara. »Ihr zwei bleibt am Boden und passt auf, dass er nicht unter dem Herd verschwindet.« Sie erhob sich und legte eine Spur aus Frühstücksflocken bis zur Hintertür. Dort hakte sie die Fliegengittertür aus, damit das Streifenhörnchen freie Bahn hatte. Das jedoch blieb sitzen, wo es war, und ließ sich auch durch Bellas und Ollys Anwesenheit nicht dazu bewegen, seinen Platz zu verlassen.

»Ich glaube, es ist satt«, verkündete Bella, setzte sich in die Hocke und sah zu ihrer Mutter auf.

»Pass auf! Schwachkopf!«, rief Olly, als das kleine Tier die Gelegenheit zur Flucht nutzte. Es kam unter dem Tisch hervorgeflitzt und nahm Kurs auf den Herd. Olly hechtete quer über den Küchenboden wie ein Torwart, um ihm zuvorzukommen. Er warf sich quer vor die Lücke zwischen Herdunterseite und Fußboden und versperrte dem Tier so den Weg.

»Würg.« Er schüttelte sich, als das Streifenhörnchen in ihn hineinrannte, bevor es die Richtung wechselte und Lara und Bella es quer über das ausgetretene Linoleum der Küche in Richtung Hintertür scheuchten. Dabei rutschte es auf den runden Reese’s Puffs aus und schoss sie überall in der Küche herum wie Kugeln aus einem geplatzten Kugellager.

»Husch!«, rief Lara und knallte die Tür hinter ihm zu.

Als sie sich danach wieder umdrehte, standen ihre zwei Ältesten vor ihr und sahen sie mit vor Triumph blitzenden Augen an.

»Mann, der Fußboden sieht echt übel aus.« Olly wischte sich Krümel von den Ärmeln.

Er hatte recht. Es sah aus, als wäre ein tanzender, Frühstücksflocken streuender Derwisch durch die Küche gefegt.

»Am besten, wir räumen sofort auf«, schlug Lara vor. »Sonst haben wir bald einen ganzen Zoo hier drin.«

»Was ich nicht kapiere«, sagte Bella, als sie sich, von ihrer Mutter mit Handfeger und Kehrblech ausgestattet, ans Werk machte, »ist, wie das Zeug aus dem Schrank auf die Arbeitsplatte gekommen ist. Ich weiß nämlich ganz genau, dass wir nichts haben stehen lassen, als wir nach dem Mittagessen aufgeräumt haben.«

»Ich weiß. Ich war tief beeindruckt«, erwiderte Lara. »Vielleicht hat Daddy es rausgestellt.« Undenkbar war das nicht. Marcus war bekannt dafür, dass er Lebensmittel aus dem Schrank nahm, um ein bisschen zu naschen, und sie hinterher nicht wieder zurückstellte.

»Und was ich nicht kapiere«, warf Olly ein, »ist, wie dieses kleine putzige Streifenhörnchen überhaupt ins Haus kommen konnte. Ich meine, hat es die Haustür aufgemacht, ist auf den Tresen geklettert und hat sich die Packung aus dem Schrank geholt?«

»Es muss irgendwo ein Loch geben«, vermutete Lara. »Vielleicht unter dem Haus. Ist euch aufgefallen, dass es auf einer Art Steinmauer steht? Wir sehen morgen mal nach. Gut. Das war es dann mit dem Fußboden. Schlafenszeit.«

»Gott sei Dank.« Olly verschwand sofort nach oben.

Bella schlang sich die Arme um den Körper. »Ich will heute Nacht nicht hier schlafen.«

Lara konnte den Wunsch ihrer Tochter nachvollziehen. Aber sie war nach dem ereignisreichen Abend so erschöpft, dass sie das Gefühl hatte, sie würde ohnmächtig zusammenbrechen, wenn sie nicht bald ins Bett käme. Um Bella zu beruhigen, ging sie mit ihr durchs Haus und klemmte Stühle unter beide Eingangstüren.

»Morgen bitte ich James, mir die Schlüssel zu geben oder Riegel anzubringen«, sagte sie, als sie Bella in ihrem Bett zudeckte. »Und wir putzen das Haus von oben bis unten, schrubben die ganzen düsteren Stellen einfach weg. Hast du Lust, mir zu helfen?«

»Auf jeden Fall«, sagte Bella. In ihrem Bett sah sie so klein aus, als wäre sie wieder sechs Jahre alt. Lara schaltete den Ventilator ein, und es kam Bewegung in die Luft im Raum.

»Ist alles in Ordnung, Bell?«, fragte Lara. »Zwischen dir und Olly?«

»Er benimmt sich bloß unmöglich, das ist alles«, seufzte Bella.

»Was ist mit diesem Jungen? Hast du ihn heute Abend gesehen?«

»Was für ein Junge?«, sagte Bella rasch, und Lara fiel siedend heiß ein, dass sie ja eigentlich gar nichts von ihm wissen durfte.

»Tut mir leid. Ich bin ein bisschen durch den Wind. Zu viel Alkohol.«

»Es gibt keinen Jungen«, entgegnete Bella und drehte ihrer Mutter den Rücken zu. Sie war entlassen.

»Ich lasse deine Tür auf und das Licht im Flur an. Dann ist es so, als würden wir im selben Zimmer schlafen.«

Als Nächstes schlich Lara auf Zehenspitzen in Ollys Zimmer, um nachzusehen, ob dort alles in Ordnung war. Olly schlief bereits tief und fest. Er lag auf dem Rücken, seine großen Füße schauten unter der Decke hervor, die schmale Brust war in der Nachtluft entblößt. Der Ventilator war eingeschaltet, und sie konnte dort, wo der Luftzug ihn streifte, eine leichte Gänsehaut sehen. Wie grundverschieden er und Bella doch waren, und wie stolz sie auf beide war. Zusammen machten sie zwei Drittel der größten Leistung aus, die sie je in ihrem Leben vollbracht hatte.

Sie war gerade auf dem Weg in ihr eigenes Zimmer, als ihr das Versprechen wieder einfiel, das sie Jack gegeben hatte. Fluchend ging sie nach unten, rückte den Stuhl unter der Klinke der Hintertür zur Seite und ging über den Hof zum Auto. Nach zehnminütigem Suchen musste sie sich geschlagen geben. Cyrilbär war nicht da. Jack musste ihn auf der Party vergessen haben.

Auf dem Weg zurück durch die Küche fiel ihr Blick auf die blaue Vase mit den Rosen. Sie ging hin und atmete tief ihren Duft ein, der ihr in der stillen, heißen Nachtluft noch intensiver vorkam. Dann stutzte sie. Waren da nicht mehr Blumen als vorher – ziemlich viele sogar? Sie schüttelte den Kopf und versuchte, klar zu denken. Seit ihrer Ankunft in Trout Island hatte sie schon so viel Sonderbares erlebt.

Nein. Ihr Verstand spielte ihr einen Streich.

Sie konnte kaum noch die Augen offenhalten und ging nach oben ins Schlafzimmer. Marcus schnarchte bereits, und Jack hatte sich in dem kleinen Nest zusammengerollt, das sie ihm auf einer Matratze auf dem Boden bereitet hatte. Obwohl er schlief, war ihm eindeutig zu warm, also nahm sie zwei der drei Decken, die Marcus über ihn gebreitet hatte, wieder weg. Dabei dachte sie daran, dass sie sich morgen mit dem Nachspiel des verlorengegangenen Teddybären würde auseinandersetzen müssen. Sie stieg aus ihren Kleidern und schlüpfte in Unterwäsche neben ihrem Mann ins Bett.

Sie legte sich hin und versuchte einzuschlafen, doch die Ereignisse des Abends ließen sie nicht los. Hinter ihren geschlossenen Lidern entfaltete sich eins nach dem anderen in umgekehrter Reihenfolge wie die Häute einer Zwiebel. Zuerst die Tiere, dann die Frau im Auto – bis sie beim innersten Kern angekommen war, der alles andere bestimmte.

Stephen Molloy, wie er ihr in die Augen sah und sagte, sie sei das größte Was wäre wenn seines Lebens.

Und dann der Kuss.

Was um alles in der Welt sollte sie bloß tun?

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