32

Am nächsten Morgen, während sie für Marcus ein Katerfrühstück aus Kaffee und Eiern zubereitete, fiel Lara auf, dass die Rosen sich über Nacht erholt zu haben schienen. Sie staunte, was ein paar Tropfen frisches Wasser ausmachen konnten, und ging hin, um sich die Blumen genauer anzusehen. Doch dann setzte ihr Herz einen Schlag aus, als ihr klar wurde, dass die Rosen keineswegs eine wundersame Auferstehung hinter sich hatten. Sie waren neu.

Lara schlug die Hände vors Gesicht. Ehe sie am Abend zuvor ausgegangen waren, hatte sie beide Türen abgeschlossen, ebenso bevor sie ins Bett gegangen war. Wie waren die frischen Rosen in die Vase gekommen? In ihrem Kopf drehte sich alles. Sie lief in den Garten hinterm Haus und warf sowohl die Blumen als auch die Vase hinter den Schuppen.

»Was läufst du barfuß draußen herum?«, fragte Marcus, der an den Türrahmen gelehnt dastand und das Kunststück fertigbrachte, gleichzeitig vollkommen erledigt und selbstzufrieden auszusehen. Er stieg die hölzernen Stufen hinunter und ging auf bloßen Füßen vorsichtig über den heißen Asphalt, um sie in den Arm zu nehmen.

»Das war schön gestern Abend«, sagte er.

Nach einem unruhigen Morgen setzte sie Jack in den Mietwagen und machte sich auf den Weg zu Gina, um gemeinsam mit ihr in die Stadt zu fahren. Olly verkündete, er habe andere Pläne und könne nicht mitkommen, und Bella machte keinerlei Anstalten, aus ihrem Bett aufzustehen. Beide wollten die Auswahl ihrer neuen Kleider ihrer Mutter überlassen – etwas, was seit über fünf Jahren nicht mehr vorgekommen war. Mit dem Gedanken, dass sie ausnahmsweise einmal etwas richtig gemacht haben musste, schloss Lara hinter ihnen die Haustür ab. Sie hatte ihnen einen Satz Schlüssel dagelassen und die strikte Anweisung gegeben, ja nicht aus dem Haus zu gehen, ohne abzusperren. Dass Olly dabei die Augen verdreht hatte, kümmerte sie nicht.

Als Erstes zeigte Gina ihnen die Shoppingmall. Sie lag am Stadtrand, war beigefarben und innen eiskalt. Und die meisten Ladenlokale standen leer.

»Daddy sagt, die Mall ist ein Paradebeispiel für den in den letzten Zügen liegenden Kapitalismus«, erklärte Gladys.

»Da hat dein Daddy vielleicht gar nicht so unrecht«, gab Lara zurück.

»Ganz am Ende gibt es einen JC Penney«, sagte Gina. »Da könntest du dich mal umsehen. Wir gehen derweil zu Payless und schauen, ob wir ein paar billige Schuhe finden, die nicht potthässlich aussehen.«

Lara zog mit Jack zusammen los, der im Buggy saß und schlief. Ein kurzer Rundgang durch die menschenleeren Verkaufsräume von JC Penney offenbarte, dass es dort nichts zu kaufen gab, was Bella oder Olly freiwillig angezogen hätten. Um sich die Wartezeit zu verkürzen, bis Gina und die Mädchen fertig waren, machten sie eine Runde durch die Mall. Bis auf Radio Shack verkauften sämtliche Geschäfte, soweit sie noch geöffnet waren, Dinge, die niemand brauchen oder wollen konnte – »Geschenkartikel« wie Traumfänger aus Plastik, unoriginelle Kühlschrankmagneten oder widerliches synthetisches Potpourri, dessen Gestank das gesamte Gebäude verpestete. Ganz hinten am Ende war ein Rekrutierungsstand der Army aufgebaut; auch er fand keinen Zuspruch; der Soldat, der ihn betreute, saß einsam und verloren da und blätterte in der New York Post. Außer Gina, den Kindern und zwei Verkäuferinnen war er der einzige Mensch, den sie bisher gesehen hatte.

Wieder einmal staunte sie über den himmelweiten Unterschied zwischen dem Hochglanz-Amerika aus den Medien und der schäbigen Wirklichkeit. Was für eine bewundernswerte Leistung, sich als Land gegenüber dem Rest der Welt so überzeugend zu vermarkten.

Sie bog in einen Seitengang ein und blieb stehen, um sich in einem Schaufenster eine Auslage von Tarotkarten anzuschauen. Als sie sich vorbeugte, um die amateurhaft gestalteten Bilder näher zu betrachten, nahm sie im Spiegelbild in der Scheibe eine Bewegung wahr und fuhr mit klopfendem Herzen herum. Sie sah gerade noch den Absatz eines Schuhs, der um eine Ecke herum in den Hauptgang der Mall verschwand. Mitsamt dem Buggy rannte sie zum Ende des Gangs, um zu sehen, wer es war. Etwa hundert Meter weiter vorn, in der Nähe des Army-Standes, eilte eine Frau in Beige durch die automatischen Schiebetüren auf den Parkplatz hinaus.

»Stehen bleiben!«, rief Lara, aber sie war zu weit weg. Nicht einmal der Soldat blickte auf.

»Hey!« Gina tippte Lara auf die Schulter, woraufhin diese erneut zusammenzuckte. »Ups, tut mir leid. Aber wir haben Glück gehabt, schau her.« Sie zeigte auf die Mädchen, die mit zufriedenen Gesichtern je eine gelbe Plastiktüte schwenkten.

Danach ging es weiter in den eigentlichen Ort – die »Innenstadt«, wie Gina es nannte. Sie fuhr die schmale, von Geschäften gesäumte Main Street entlang, und Lara folgte ihr. Irgendwann parkten sie, stiegen aus den kühlen Autos auf den glühend heißen Gehweg und setzten die Jungs in ihre Buggys.

»Alles klar bei dir?« Gina kam zu Lara und legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Du wirkst ein bisschen angespannt.«

»Mir geht’s gut, danke. Ich habe mich nur noch nicht an die Hitze gewöhnt.«

»Ich weiß. Ist es nicht ekelhaft?« Gina schnitt eine Grimasse. »Also«, sagte sie und blickte die Straße hinauf und hinunter. »Was zum Anziehen für deine zwei Großen.«

»Und Joggingsachen für mich«, fügte Lara hinzu.

»Jogging. Du spinnst ja«, erwiderte Gina. »Hey, Mädels, sollen wir mit ihnen zu Fashion Bug gehen?«

»Jippie!«, riefen Gladys und Ethel. »Fashion Bug!«

Was die Schrift auf dem Ladenschild bereits erahnen ließ, bestätigte sich spätestens beim Anblick des Warensortiments aus pastellfarbenen Kunstfaser-Scheußlichkeiten: Bei Fashion Bug würde Lara nichts für ihre Kinder finden. Mit Schaudern befingerte sie eine glänzende Polyesterbluse.

»Ist es nicht toll hier?«, fragte Gina, die sich einen hellrosafarbenen Stufenrock vor den Körper hielt und damit wie ein Laufstegmodel posierte.

»Also …«, sagte Lara, woraufhin die zwei Mädchen einen Lachanfall bekamen.

»Ich will dich doch nur auf den Arm nehmen.« Gina gab ihr mit dem Handrücken einen leichten Klaps auf den Arm. »Fashion Bug geht gar nicht

»Wo kauft ihr denn eure Sachen ein?«, wollte Lara wissen. Gina trug weite, schlichte Baumwollkleider, die Mädchen kecke Shorts und ärmellose Tops.

»Na ja«, sagte Gina. »Normalerweise warten wir, bis wir in New York sind. Oder wir bestellen im Internet. Hier gibt es außer für Leute mit Geschmacksverirrungen eigentlich nichts zu kaufen. Aber in einer Seitenstraße der Main Street hat ein neuer Laden aufgemacht, den wollte ich mir mal ansehen. Einer der Männer hat mir gestern Abend davon erzählt.«

Gina ging mit ihnen um eine Ecke, und zu Laras immenser Erleichterung führte das neue Geschäft Surfer- und Skaterkleidung aus Stoffen, vor deren Berührung ihr nicht ekelte. Sie kaufte mehrere Teile für Bella und Olly sowie ein neues Kleid für sich selbst. Auf dem Rückweg zu den Autos machte Gina mit ihr noch einen Abstecher zu einem teuren Sportausstatter, wo sie Ersatz für ihre gestohlenen Joggingsachen beschaffte.

»Einen Laden, wo man ein paar anständige, schicke Herrenhemden bekommen könnte, gibt es hier wohl nicht zufällig, was?«, erkundigte sie sich bei Gina.

»Ist die Frage ernstgemeint?«

Sie gaben den Chevy bei der Avis-Filiale am Stadtrand zurück. Lara nahm im Stillen Abschied von all dem Luxus, bevor sie sich zu sechst in Ginas Kombi quetschten.

»Wir sind am richtigen Ende der Stadt, um über Pretty Fly Pie nach Hause zu fahren …«, sagte Gina. »Dort gibt es das beste Eis diesseits der Catskills.«

»Ich weiß, wir waren schon mal da«, erwiderte Lara.

»Wow. Du kommst ja ganz schön rum.«

Fast wäre Lara damit herausgeplatzt, dass sie einen einheimischen Fremdenführer hatte. Sie verkniff es sich gerade noch rechtzeitig.

Gina lenkte ihren Wagen vor der großen roten Scheune in eine freie Parklücke. Bevor sie ausstieg, warf Lara einen Blick in den Seitenspiegel und sah das graubraune Auto im Schneckentempo hinter ihnen vorbeirollen, als hielte der Fahrer Ausschau nach einem Parkplatz. Die Scheiben waren getönt, aber sie konnte klar die Silhouette einer Frau hinter dem Steuer erkennen. Sie war es, kein Zweifel.

»Bleibt im Wagen«, befahl sie Gina und den Kindern, die angesichts ihres Tonfalls so verdattert waren, dass sie gehorchten.

Voller Wut über die Dreistigkeit dieser Person und das Leid, das sie Stephen zugefügt hatte, sprang Lara aus dem Kombi, machte einen Satz auf das graubraune Auto zu und riss die Fahrertür auf. Die Frau drehte sich zu ihr herum, schrie auf, legte den Rückwärtsgang ein und gab Gas, so dass Lara quer über den Kiesparkplatz geschleudert wurde. Schlingernd und mit quietschenden Reifen raste der Wagen auf die Ausfahrt zu, wo er fast mit einem ankommenden Fahrzeug zusammengestoßen wäre. Lara kam nur mühsam wieder auf die Beine.

»Ich weiß jetzt, wie du aussiehst!«, brüllte sie der Staubwolke nach, die den Wagen einhüllte. »Ich kenne dich!«

»Alles in Ordnung?«

Lara drehte sich um. Gina, Ethel und Gladys standen in einer Reihe und sahen sie mit offenen Mündern an.

»Das war die Wäschediebin«, erklärte Lara. »Das ist die Schlampe, die unsere Sachen geklaut hat.«

»Deine Knie«, sagte Gina.

Lara betrachtete das Blut, das ihr die Schienbeine hinunter bis in die Ledersandalen lief.

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