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Einmal mehr hatte sich James’ Wegbeschreibung als komplett nutzlos erwiesen. Letzten Endes war Lara gezwungen gewesen, anzuhalten und einen Jugendlichen im Gothic-Outfit, der mitten in der Landschaft an einer zerbeulten Leitplanke lehnte, nach dem Weg zu fragen. Als sie es endlich über den Trout Mountain in die Stadt geschafft hatte, war es schon nach zwölf.
In der Stadt angekommen, hatte Lara Green’s ziemlich schnell gefunden. Der Supermarkt war riesig, und sein Name prangte weithin sichtbar in stolzen, Hollywood-artigen Lettern auf dem Dach. Lara suchte sich eine Parklücke in der Nähe des Eingangs. Genau wie Trout Island und die Straße, die sie hergeführt hatte, war auch der Supermarktparkplatz praktisch wie ausgestorben. Einen Augenblick lang stellte Lara sich vor, das Ende der Welt sei gekommen und außer ihr und Jack gebe es keine Überlebenden.
Beim Öffnen der Wagentür musste sie fast buchstäblich gegen die Hitzewellen andrücken, die vom glühenden Asphalt aufstiegen. Nicht nur, dass es außerhalb des klimatisierten Autos heiß war. Die Wolken hingen tief auf dieser Seite des Berges, so dass die Luft feucht und schwer war wie in einem türkischen Bad.
»Puh«, machte Jack, als ihm die Wärme entgegenschlug.
Lara besorgte sich einen Einkaufswagen und hob ihren Sohn vorn in den Kindersitz. Als sie den Markt durch die automatischen Glastüren betraten, wurden sie von einem Stoß eisiger Luft getroffen, und Lara erschauerte vor Erleichterung. Das Innere des Supermarkts war noch größer, als die gigantische Fassade hatte vermuten lassen. Lara freute sich, Menschen aus Fleisch und Blut zu sehen. Mütter mit kleinen Kindern fuhren die endlosen, hell erleuchteten Gänge entlang und füllten ihre Einkaufswagen mit Päckchen und Schachteln und laut knisternden Folientüten. Gedämpfte Berieselungsmusik verlieh dem Ort eine surreale, tranceartige Atmosphäre, und Lara musste unwillkürlich an die Tankstelle in Trout Island denken. Sie lenkte ihren Wagen in den ersten Gang und arbeitete sich von dort aus systematisch vor, um sich einen ersten Überblick zu verschaffen, was wo stand und wie viel alles kostete.
Ihr kleiner Jack war im Paradies. Aufgeregt streckte er die Hände aus, wann immer er etwas sah, was ihm gefiel: ein glänzender Werbeballon, eine bunte Keksverpackung. Das Warenangebot war riesig – so viele verschiedene Kaffeesorten und Frühstücksflocken, so viele verschiedene Arten von Saft. Laras Verstand hatte Mühe, den Anblick der einhundert Meter langen Regalwand voller unterschiedlicher Saftsorten zu verarbeiten: ohne Zucker, aus Konzentrat, direkt gepresst, mit Eiweißzusatz, mit Ballaststoffzusatz, aus ökologischem Landbau, glutenfrei …
Am Ende entschied sie sich für das, was ihr bekannt vorkam. Sie hatte schon genug um die Ohren, ohne sich darüber Sorgen zu machen, dass ihre Kinder über ungewohntes Essen die Nase rümpften. Sie belud ihren Einkaufswagen mit Nudeln, Dosentomaten, getrockneten Bohnen und einer köstlich aussehenden Wurst aus Italien, die fast als englische Wurst durchgehen konnte. Sie war froh, als sie Biomilch fand, da sie Horrorgeschichten über die Menge an Hormonen gehört hatte, mit denen die intensiv gehaltenen amerikanischen Kühe vollgepumpt wurden. Sie wollte nicht, dass ihren Söhnen Brüste wuchsen.
Außerdem wanderten noch zwei Sechserträger Bier in den Wagen. Als sie jedoch einen der uniformierten Angestellten, die überall im Markt herumliefen, nach dem Wein fragte, klärte dieser sie darüber auf, dass in Supermärkten kein Wein verkauft werde und sie dafür zum Alkoholgeschäft auf der gegenüberliegenden Seite des Parkplatzes gehen müsse. Ihr Auskunftsgeber sprach langsam, als wäre sie geistig minderbemittelt, weil sie dies nicht wusste.
Sie stand eine Weile unschlüssig da und überlegte, ob sie ein kleines, unverschämt teures Glas Marmite kaufen solle. Schließlich legte sie es in den Einkaufswagen. Ohne Marmite würde Marcus nicht über den Sommer kommen.
Sechs Wochen waren eine lange, lange Zeit. Eine lange Zeit, um alles wieder ins Lot zu bringen, und eine lange Zeit, wenn man einen kleinen Jungen bei Laune halten musste. Sie ging durch die Spielzeugabteilung und fügte einen Zeichenblock, ein Malbuch, preiswerte Wasserfarben, Filzstifte und Kinderschere sowie Klebstoff zu ihren Einkäufen hinzu. Sie wollte nicht, dass Jack sich langweilte, denn dann würde sie Schuldgefühle bekommen, und da jeder nur einen Koffer auf den Flug hatte mitnehmen dürfen, hatten sie nur ganz wenige, unentbehrliche Spielsachen einpacken können. Außerdem wanderten noch ein Ball, ein Reifen und etwas, das sich »Whiffle Ball Set« nannte, in den Wagen.
Jack streckte die Hände nach dem Ball aus, und sie erlaubte ihm, ihn zu halten.
»Entschuldigen Sie bitte.« Eine zierliche, dunkelhaarige Frau mit einem winzigen neugeborenen Baby, das in einem auf dem Einkaufswagen befestigten Drahtaufsatz lag, wollte hinter Lara etwas aus dem Regal nehmen.
Lara trat zur Seite, und die Frau streckte einen muskulösen, sommersprossigen Arm aus, um sich eine Plastikdose mit Säuglingsmilch zu angeln.
Das Baby schlief, und sein zerknautschtes Gesichtchen war undurchdringlich wie das eines kleinen toten Greises. Laras Knie gaben ein wenig nach; sie schwankte, während sich ihr Inneres zusammenzog.
Die Mutter sah zu Lara herüber und bemerkte, wie diese das Baby betrachtete. Der fragende Blick ihrer geschminkten Augen kreuzte den von Lara.
»Was für ein süßes Baby«, stammelte Lara wie ertappt.
»Danke schön«, sagte die Mutter.
»Wie alt ist es denn?«
»Drei Tage.«
»Ach Gott. Na, herzlichen Glückwunsch. Es ist wirklich wunderschön.« Lara lächelte, dann wandte sie sich ab und schob Jack mit dem Einkaufswagen so schnell sie konnte weiter.
Jedes Mal, wenn sie um eine Ecke bogen, tauchte die Frau mit ihrem Baby wieder auf. Sie stand da und traf ihre Auswahl aus einem verwirrend großen Sortiment Bagels, die zum Schutz vor Keimen in riesigen Plexiglas-Bottichen aufbewahrt wurden. Sie ging an der automatischen Berieselungsanlage beim grünen Gemüse vorbei. Und sie war neben ihr, als Lara von einer Tiefkühltruhe aufblickte, die so groß war wie ein Schwimmbecken und nichts als Hummer und riesige Shrimps in Schale enthielt. Es war, als würde die Frau ihr absichtlich folgen, um sie mit ihrem Baby zu quälen. Als wäre sie eine körperliche Manifestation von Laras Schuld – Sieh her, was du weggeworfen hast, wollte sie ihr sagen.
Und dann, als fast der gesamte Inhalt ihres Einkaufswagens schon auf dem Kassenband lag, so dass es kein Zurück mehr gab, hob Lara den Kopf – und da stand die Frau schon wieder direkt hinter ihr in der Schlange.
Lara versuchte, wegzuschauen und sich darauf zu konzentrieren, die letzten Artikel auf den Weg zur Kasse zu bringen.
»Hey, wie geht’s denn?« Die pummelige junge Kassiererin strahlte sie an.
»Ach, hm, gut, danke«, stotterte Lara.
»Ihr Akzent gefällt mir!«
»Danke schön.«
Jack ließ seinen Ball fallen.
»Mummy, hol mir den Ball.«
»›Mummy‹. Ist das nicht total schnuckelig?«, gluckste die junge Kassiererin, als Lara loslief, um den Ball zurückzuholen.
»Scheibenkleister«, keuchte die frischgebackene Mutter hinter ihr. Sie hatte damit begonnen, ihre Einkäufe aufs Band zu laden, aber dann war ihr Baby aufgewacht und verlangte mit dem typischen Neugeborenenquäken nach Aufmerksamkeit. »Scheibenkleister.« Sie wurde fahrig, weil es sie offenbar überforderte, sich um ihr Baby zu kümmern und gleichzeitig ihrer Pflicht als Supermarktkundin nachzukommen, die darin bestand, den Ablauf an der Kasse nicht ins Stocken geraten zu lassen.
Ein drei Tage altes Baby ist doch noch viel zu klein, um es mit in den Supermarkt zu nehmen, dachte Lara. Erst jetzt fiel ihr das makellose Äußere der Frau auf. Ihr Gesicht war perfekt geschminkt, und sie trug eine seidene Tunika mit limettengrünen und fuchsiaroten Kreisen auf schwarzem Grund.
»Kann ich helfen?«, fragte Lara und deutete auf den Einkaufswagen der Frau.
»Ach, das wäre wahnsinnig nett«, antwortete diese, hob das Baby aus seinem Gitteraufsatz und legte es der verdatterten Lara in die Arme. Dann wandte sie sich wieder dem Wagen zu und fuhr fort, die restlichen Waren aufs Band zu legen. Säuglingsnahrung, Windeln, abgepackten Kuchen, einen Kanister Traubensaft …
So hatte Lara ihr Hilfsangebot nicht gemeint.
Sie stand da, beäugte das unwillkommene Bündel in ihrem Arm, und ihre Lippen öffneten und schlossen sich lautlos wie bei einem Karpfen. Das Baby hatte die Äuglein fest zugekniffen und strampelte. Sein Mund war ein klaffendes Loch in seinem roten Gesicht. Mit jedem Schrei krampfte sich sein kleiner Leib zusammen, während es abwechselnd den Rücken durchbog und die Knie an den Bauch zog.
Es war so lebendig, und zugleich so zerbrechlich. Sie hätte es einfach auf den Boden werfen können und …
»Ahhh, ein Baby.« Jack streckte die Hand aus.
»Ja. Ein Baby«, brachte Lara hervor. Sie legte sich das Baby an die Schulter und vollführte den kleinen wiegenden Tanz, den jede Mutter kennt. Sanft schaukelte sie es auf und ab und klopfte ihm dabei auf den Rücken, um es in seiner wie auch immer gearteten Not zu trösten. Sie achtete darauf, durch den Mund zu atmen, damit sie sein köstliches kleines Köpfchen nicht riechen musste.
Das wäre vollends unerträglich gewesen.
Während Lara das Baby hielt, passierten ihre Einkäufe die Kasse. Auf der anderen Seite packte ein pickliger Junge mit niedriger Stirn, der ungefähr in Ollys Alter sein musste, alles ein, wobei er jeweils nur ein oder zwei Artikel in eine der dünnen Plastiktüten steckte, die an einem metallenen Karussell hingen. Hätte Lara nicht das Baby im Arm gehabt, dann hätte sie sich gefragt, ob sie ihm nicht vielleicht helfen sollte. Er verbrauchte definitiv zu viele Tüten. Und wurde etwa von ihr erwartet, dass sie ihm ein Trinkgeld gab?
»So, das war’s!«, verkündete er, sah auf und schenkte ihr ein argloses Lächeln, das schiefe gelbe Zähne entblößte. Lara staunte. Sie hatte gedacht, alle Amerikaner würden zum Kieferorthopäden geschleift, kaum dass sich ihr letzter bleibender Backenzahn zeigte.
»Ah, hm …« Mit dem Baby auf dem Arm versuchte Lara, in ihrer Handtasche nach dem Portemonnaie zu kramen.
»Ich nehme ihn jetzt wieder. Vielen, vielen Dank.« Die schicke junge Mutter streckte die Arme nach ihrem Kind aus.
Lara zahlte mit Kreditkarte.
»Schönen Tag noch!«, wünschte die Kassiererin mit einem strahlenden Lächeln.
»Schönen Tag noch!«, sagte der Einpacker und schnitt eine Grimasse.
»Danke«, nuschelte Lara. Dann schob sie ihren Einkaufswagen hinaus auf den schwülen Parkplatz, heilfroh, dem Baby endlich entkommen zu sein.
Sie fand das Alkoholgeschäft, in dem sie – unter missbilligenden Blicken des bärtigen Ladenbesitzers – ein Dutzend verschiedene Flaschen kalifornischen Rot- und Weißwein erstand. Er wollte sogar ihren Ausweis sehen, was sie angesichts ihrer sechsunddreißig Jahre als Kompliment zu betrachten beschloss. Dann schob sie den Einkaufswagen zurück über den glühend heißen Asphalt. Die Flaschen standen neben den Plastiktüten mit den Einkäufen in ihrem Karton und stießen klirrend gegeneinander. Wieder vor dem Supermarkt angekommen, stand ihr Auto nicht dort, wo sie es vermutet hatte.
»Scheiße«, sagte sie zu Jack.
Sie spürte Panik in sich aufsteigen. Wenn der Wagen gestohlen worden war, würden sie saftige eintausend Dollar Selbstbeteiligung für die Versicherung auf den Tisch legen müssen. Ihre Gedanken wanderten zurück zu der getuschelten Diskussion, die sie mit Marcus am Mietwagenschalter in Newark geführt hatte. Sie hatte gemeint, dass es angesichts des kostenlosen Upgrades nur vernünftig sei, die zusätzlichen siebzig Dollar für eine Vollkaskoversicherung ohne Selbstbeteiligung zu zahlen, schließlich würden sie einen teuren Wagen auf der falschen Seite der Straße fahren. Marcus hatte dagegengehalten, dass sie eben einfach vorsichtig fahren müssten, da der verdammte Wagen plus Kindersitz sie ohnehin schon ein Vermögen koste, Upgrade hin oder her. Nun fürchtete Lara, dass diese Sparmaßnahme, wie so viele, die Marcus durchsetzte, sie am Ende teuer zu stehen kommen würde.
»Wo ist unser Auto, Jack?«, fragte sie. Jack drehte sich auf seinem Sitz im Einkaufswagen um. Die Sonne brannte durch die Dunstglocke auf sie nieder, und Lara fiel ein, dass sie ihn hätte eincremen müssen – zwischen seinen Sommersprossen waren bereits vereinzelt rote Stellen zu sehen. Sie passten zur Farbe seiner Augen, die erneut angeschwollen waren. Sie zog seine Baseballkappe tiefer, damit sein Gesicht besser abgeschirmt war. Sie selbst spürte die ersten Vorboten eines Kopfschmerzes.
»Da, Mummy, schau!« Mit seinem kleinen Finger zeigte Jack ans andere Ende der flimmernden Asphaltfläche. Hätte man durch das Supermarktgebäude samt Parkplatz genau in der Mitte eine Linie gezogen, wäre der tatsächliche Standort des Chevy genau spiegelverkehrt zu dem Platz gewesen, an dem Lara glaubte, ihn abgestellt zu haben.
»Das ist ja komisch«, sagte sie kopfschüttelnd. »Ich war mir sicher, ich hätte da drüben geparkt.«
»Dumme Mummy.« Jack kicherte.
»Ja, dumme Mummy. Ich muss verrückter sein, als ich dachte.«
Sie schob den Einkaufswagen über den Parkplatz. Mittlerweile machte sie sich größere Sorgen um das Schicksal der gekauften Eiscreme als darum, dass ihr nicht mehr eingefallen war, wo sie das Auto abgestellt hatte. Ohnehin war es nicht das erste Mal – zu Hause vergaß sie ständig, wo sie den Volvo geparkt hatte –, und in diesem Fall konnte sie immerhin den Jetlag als mildernden Umstand anführen.
»O nein«, rief sie, als sie sich dem Wagen näherten.
»Wie doof«, sagte Jack.
Der Vorderreifen auf der ihr zugewandten Seite hatte keine Luft mehr.
»Ich fasse es nicht.«
Sie hob Jack aus dem Einkaufswagen, und gemeinsam beugten sie sich herunter, um den Platten zu inspizieren.
»Was mache ich denn jetzt?«
Jack hob die Schultern.
»Kann ich Ihnen helfen, Ma’am?« Hinter ihr war ein großer Wachmann in khakifarbener Uniform aufgetaucht.
»Ich habe einen Platten«, erklärte Lara, richtete sich auf und strich sich eine Haarsträhne aus dem Auge.
Der Wachmann ging in die Hocke, um sich den Reifen genauer anzusehen, und Lara fragte sich, wo sie den Mann schon mal gesehen hatte. Irgendetwas an der Form seiner Schultern kam ihr bekannt vor. Dann musste sie schmunzeln. Langsam fing sie wirklich an zu spinnen; erst vergaß sie, wo ihr Auto stand, und dann bildete sie sich allen Ernstes ein, den Wachmann eines Supermarkts irgendwo im hintersten Winkel von New York zu kennen.
»Ein Nagel«, stellte der Wachmann fest. Als er aufstand, hielt er den Übeltäter zwischen seinen langen Fingern.
Lara sah ihr Spiegelbild in seiner Pilotensonnenbrille. Natürlich irrte sie sich. Sie hatte diesen Mann noch nie zuvor gesehen. Die Nase, die Gesichtsform, die dunkle Haut. Nichts davon kam ihr bekannt vor.
»Ich kann jemanden anrufen, der das in Ordnung bringt«, bot er ihr an.
»Das ist sehr nett von Ihnen«, erwiderte Lara. Und als der Wachmann sein Handy aus der Jackentasche zog, fiel ihr ein, an wen er sie erinnerte. Irgendetwas an seinem Körperbau, daran, wie er sich bewegte, hatte Ähnlichkeiten mit Olly. Das war es.
Während er telefonierte, ging der Wachmann einmal um den Wagen herum.
»Sie haben hier noch zwei Platten, Ma’am«, verkündete er und zeigte auf die zwei Reifen, die Lara von dort, wo sie stand, nicht sehen konnte.
»Mein Gott«, sagte Lara. »Ich muss ja durch einen ganzen Nagelhaufen gefahren sein.«
»Er ist in einer Stunde hier«, verkündete der Wachmann und steckte sein Handy weg.
»In einer Stunde? Ich glaube nicht, dass meine Einkäufe bei der Hitze so lange durchhalten.«
»Wenn ich mich nicht irre, ist Ihr Modell vom Werk aus mit einem Kühlschrank ausgestattet.« Der Mann legte einen Arm auf das Dach des Chevy. Lara sah den dunklen Schweißfleck in der Achsel seines khakifarbenen Hemdes.
»Wirklich?«, fragte Lara. »Ich habe keine Ahnung. Das ist ein Mietwagen.«
»Geben Sie mir den Schlüssel«, bat er, und ohne groß nachzudenken, gehorchte Lara. »Sehen Sie?« Er winkte sie nach hinten, damit sie die schwarze Truhe im Kofferraum begutachten konnte. Er öffnete den Deckel, nahm Laras Handgelenk und hielt ihre Hand in die Truhe, so dass sie die Kälte spüren konnte. »Hören Sie das Summen? Nachdem man den Motor ausgestellt hat, läuft er noch eine Stunde weiter.«
»Danke.« Lara zog ihren Arm zurück. Sie wollte ihren Einkaufswagen holen, doch der Mann kam ihr zuvor. »Das geht schon«, wiegelte sie ab, als er anfing, ihre Einkäufe auszuladen, wobei er jede Tüte öffnete, den Inhalt durchsuchte und die verderblichen Waren in der Kühltruhe verstaute. »Das schaffe ich jetzt schon alleine.«
»Sie trinken wohl gerne ein Gläschen, Ma’am«, stellte er fest, ihren Einwand ignorierend, und hievte die Flaschenkiste aus dem Einkaufswagen.
Allmählich wurde Lara unbehaglich zumute. Überschritt dieser Mann nicht die Grenzen der Hilfsbereitschaft und drang in ein ganz anderes Territorium vor? Oder bewies er, genau wie die junge Kassiererin und der Einpacker, lediglich, wie selbstverständlich diese Art von Freundlichkeit für Amerikaner war? Sie ging zu Jack, der damit beschäftigt war, seinen neuen Ball auf einem Stück verkümmerten Rasen neben dem Parkplatz herumzukicken, und nahm ihn auf den Arm.
»Vielen Dank«, sagte sie, als der Wachmann die letzten Einkäufe in den Kofferraum hob. »Ich glaube, wir setzen uns jetzt in den Wagen und schalten die Klimaanlage ein.« Sie streckte die Hand nach dem Autoschlüssel aus.
»Gute Idee, Ma’am.« Er gab ihr den Schlüssel zurück, und sie war erleichtert. »Aber halten Sie Ausschau nach dem Kfz-Mechaniker. Ich habe ihm gesagt, er soll sich nach einer hübschen Lady mit einem stattlichen jungen Mann umsehen. Wenn Sie sich im Wagen verstecken, findet er Sie am Ende nicht.«
»Mach ich.« Lara setzte Jack auf den Beifahrersitz, dann ging sie um den Wagen herum zur Fahrerseite. »Vielen Dank noch mal«, sagte sie und stieg ein.
»War mir ein Vergnügen. Gehört zum Service.«
Erleichtert zog Lara die Wagentür hinter sich zu, drückte auf den Knopf für die Zentralverriegelung und ließ den Motor an, damit sie und Jack sich ein wenig abkühlen konnten. Im Seitenspiegel sah sie, wie der Wachmann ihren leeren Einkaufswagen zurück Richtung Supermarkt schob. Kurz bevor er im Gebäude verschwand, drehte er sich noch einmal um und grüßte, als hätte er gewusst, dass sie ihn beobachtete.
Dreister Kerl, dachte sie. Aber etwas ließ ihr keine Ruhe. Es war über zwei Stunden her, dass sie den Wagen geparkt hatte. Und die Kühltruhe, von der er behauptet hatte, dass sie nach Ausschalten des Motors eine Stunde weiterlief, war immer noch in Betrieb.