25
Bella lag im Dunkeln in der brütenden Hitze ihres Zimmers und lauschte dem Summen einer Mücke, die Kurs auf ihre Haut nahm. Nach dem unangenehmen Abend war sie ganz durcheinander, und das Mückensummen machte es noch schlimmer. Eins der Fliegengitter hatte einen kleinen Riss, und als sie gestern Abend weggefahren waren, musste sie das Licht angelassen haben. Deshalb hatte sie vor dem Insbettgehen eine geschlagene halbe Stunde damit verbringen müssen, mit einer Sandale bewaffnet durchs Zimmer zu schleichen und die gerissenen kleinen Biester, die den Weg hineingefunden hatten, auf der stockfleckigen Tapete zu blutigen Flecken zu zerquetschen.
Das Summen der letzten verbliebenen Mücke verstummte, und sie spürte den Stich, als der Stechrüssel die Haut an ihrem Bauch durchdrang. Sie hielt den Atem an, hob die Hand und ließ sie mit einem lauten Klatschen auf ihren Bauch niedersausen. Sie zerrieb die krümeligen Überreste des Insekts zwischen den Fingern. Wenn sie das Licht anmachte, würde sie ihr eigenes Blut sehen können – Motiv genug für ihr Attentat. Aber sie war zu faul, sich aus dem Bett zu lehnen und an diesem dämlichen Schalter herumzufummeln.
Der Nachteil daran, dass die Mücke jetzt nicht mehr summte, war, dass sie Olly besser hören konnte. Er schrieb gerade an einem Song, was bedeutete, dass er einen Heidenlärm veranstaltete. Er hatte diese raue Klagestimme, die ihr so unglaublich auf die Nerven ging. Sie klang total gekünstelt, und ihr einziger Zweck war es, sie in den Wahnsinn zu treiben. Er sei, so hatte er während des peinlichen Abendessens erklärt, zu dem Sean mit eingeladen gewesen war, gerade dabei, ein Byron-Gedicht aus dem Band zu vertonen, den Stephen ihm geliehen hatte. Also musste Bella jetzt Ollys Stimme ertragen, die aus dem Nebenzimmer zu ihr herüberdrang.
»Sie hatte meine Züge – ihre Augen,
Ihr Haar, der Ton selbst ihrer Stimme war,
So sagte man, dem meinen ähnlich …«
»Halt’s Maul«, stöhnte Bella in die undurchdringliche Dunkelheit ihres Zimmers. Sie wusste genau, was für ein Spiel er trieb. Als sie in der Schule die Romantiker durchgenommen hatten, hatte sie auch etwas über Byron und dessen Verhältnis zu seiner Halbschwester gelesen. Es war einfach so typisch Olly, dass er jetzt versuchte, aus dem, was zwischen ihnen gelaufen war, etwas Erhabenes zu machen. Die Nummer hatte er schon mal versucht, zu Hause in Brighton. Ihre Eltern waren aus gewesen, und er hatte völlig zugedröhnt oben auf der Treppe gestanden, ihr den Weg versperrt und irgendwas davon gefaselt, dass in Bali zweieiige Zwillinge unterschiedlichen Geschlechts zur Heirat gezwungen würden, weil man davon ausging, dass sie bereits im Mutterleib Sex gehabt hatten.
Solange es nur irgendeine gelehrte Erklärung gab, war für Olly alles in Ordnung. Sie selbst jedoch empfand nichts als Scham. Sie wollte alles vergessen. Am liebsten hätte sie so getan, als wüsste niemand außer ihr davon. Aber wie sollte das gehen, wenn er es auch wusste? Und sie immer von neuem damit quälte?
Endlich war Olly mit seiner Songschreiberei fertig. Bella versuchte, die Verspannung in ihren Schultern nach unten wegzuatmen, durch die Fingerspitzen auf das zerknitterte Bettlaken. Sie zwang ihren Kopf dazu, den ganzen Müll loszuwerden, und bemühte sich, ihn stattdessen mit schönen Gedanken zu füllen.
Es war so heiß, dass man kaum Luft bekam. Das nächste Gewitter war im Anmarsch. Sie hatte es »im Urin«, wie ihr Vater immer zu sagen pflegte. Aber sie würde keinen Strom verschwenden, indem sie den Ventilator einschaltete. Am Nachmittag, nachdem sie und Sean im abgelegenen Teich seines Cousins nackt gebadet und noch einige andere Sachen gemacht hatten – bei der Erinnerung an diese anderen Sachen entfuhr ihr ein genüsslicher Seufzer –, war Sean mit ihr in einen Ort gefahren, dessen unaussprechlicher Name angeblich indianischen Ursprungs war. Dort hatten in der drückenden Hitze die Türen sämtlicher Geschäfte sperrangelweit offen gestanden, und trotzdem war es in den Geschäften kalt wie in einem Eisschrank gewesen. Sie und Sean hatten versucht auszurechnen, wie viel Energie alle Geschäfte Amerikas zusammengenommen verpulverten, indem sie ihre Kunden schockfrosteten, so dass diese selbst bei hohen Temperaturen warme Sachen anziehen mussten. Es war unvorstellbar. In ihrem Bett zu liegen und zu schwitzen war Bellas ganz persönliche Maßnahme gegen den Klimawandel. Mit einem Schmunzeln dachte sie daran, dass es, wenn sie noch einen zweiten Körper neben sich hätte, noch heißer und ihr Protest somit noch größer wäre.
Tja, die Aussicht war eher gering, solange ihr Bruder in der Nähe war.
Schon wieder war sie bei Olly gelandet und ließ es zu, dass er ihre Gedanken vergiftete. Sie ging die Ereignisse des Abends durch und stöhnte erneut.
Sie hob ihr Bettlaken an und ließ es dann herabsinken, um sich ein bisschen Luft zuzufächeln. Die war zwar nicht kühler, aber wenigstens nicht ganz so abgestanden.
Zu allem, was Sean am Tisch gesagt hatte, hatte Olly einen doppeldeutigen oder gemeinen Kommentar abgegeben, um ihn lächerlich zu machen. Sean war nie darauf eingegangen, aber sie hatte genau gemerkt, wie sehr es ihm zusetzte.
»Mich hätte fast der Schlag getroffen, als uns die beiden plötzlich im Pretty Fly Pie über den Weg gelaufen sind …«, hatte ihre Mutter gesagt.
»Ihr könnt froh sein, dass ihr nicht mir über den Weg gelaufen seid«, hatte Olly gemurmelt und dabei den Kopf so gedreht, dass nur Bella und Sean ihn hören konnten.
Und Marcus war so überschwänglich gewesen. Er hatte Sean Wein aufgenötigt, ihn nach seinen Plänen für die Zukunft gefragt und ihn ausgequetscht wie einen potentiellen Schwiegersohn. Es war die absolute Tortur gewesen. Aber bei Marcus war das nun mal so. Wenn er Gäste hatte, ging er immer voll in die Charme-Offensive. Und an diesem Abend hatte er besonders dick aufgetragen, weil seine Leseprobe so gut gelaufen war.
Aber ihre Mutter war auch irgendwie komisch gewesen. Sie hatte sich ein Glas Wein nach dem anderen eingegossen, sie mit diesem dämlichen Ausdruck in den Augen angelächelt, Sean und sie mit »ihr zwei« angesprochen und Witze übers Händchenhalten und Schnäbeln und so weiter gemacht. Es hatte Bella all ihre Selbstbeherrschung gekostet, nicht vor lauter Peinlichkeit unter den Tisch zu kriechen.
Dann noch die detaillierte Auflistung ihrer Unterwäscheteile, die in der gestohlenen Wäsche gewesen waren. Das war überhaupt die Krönung. Bella versuchte, ein bisschen Leben in ihr Kissen zu prügeln. Ihr Lieblingskleid und ein unersetzbarer BH waren weg, geklaut von irgendeinem Perversling, weil ihre Mutter mit Stephen Molloy losgezogen war und die Wäsche einfach vergessen hatte. Und jetzt taten ihre Eltern so, als wäre die ganze Geschichte ein Riesenwitz.
Sie kratzte die Schwellung, die die Mücke hinterlassen hatte. Wenigstens würden dabei ein paar neue Sachen zum Anziehen für sie rausspringen. Falls es hier am Ende der Welt überhaupt einen halbwegs anständigen Laden gab. In der Stadt mit dem unaussprechlichen Namen hatte sie nur einen einzigen Klamottenladen gesehen, und das war so ziemlich der finsterste Laden der Welt gewesen. Er hieß Fashion Bug und verkaufte nichts außer pastellfarbenem und limettengrünem Polyester.
Sie suchte nach etwas Positivem, an das sie denken konnte. Die anderen Sachen natürlich. Und Sean. Der wunderschöne Sean. Als sie sich auf der Veranda voneinander verabschiedet hatten, hatte er ihr gesagt, wie nett er ihre Eltern finde, wie cool sie seien und dass er sie hoffentlich noch öfter sehen werde.
Sie hatten sich geküsst – mit etwas weniger Leidenschaft als am Teich seines Cousins, aber immer noch heftig genug, um das Feuer neu auflodern zu lassen, das er in ihr entfacht hatte. Er hatte seine Finger mit ihren verschränkt, und sie hatten sich für den nächsten Tag verabredet.
Aber dann war natürlich Olly, dieser Schwachkopf, auf die Veranda gestolpert gekommen und direkt in sie hineingerannt, so dass sie sich erschrocken voneinander gelöst hatten.
»Oh, mein Gott«, hatte Olly gerufen. »Das tut mir ja so leid. Ich konnte ja nicht ahnen, dass ihr hier draußen steht und rumknutscht.« Dann war er mit einer widerlichen Grimasse auf Sean losgegangen und hatte ihn von Bella weggestoßen, so dass er rückwärts die Verandatreppe herunterfiel.
»Olly, komm sofort wieder rein!«, hatte Bella ihre Mutter rufen hören.
»Ich dachte, ich hab dir gesagt, dass du dich von ihr fernhalten sollst«, hatte Olly gezischt. Er war von der Veranda gesprungen, hatte Sean am Kragen gepackt und war ihm mit seinem Gesicht ganz nahe gekommen. Dann hatte er laut gerufen: »Komme schon, Mutter«, und war wieder im Haus verschwunden.
Bella verzog das Gesicht, als sie daran dachte, wie Sean sich mit zusammengebissenen Zähnen die Sachen saubergeklopft und versucht hatte, sich seine Wut nicht anmerken zu lassen.
»Was hat dein Bruder eigentlich für ein Problem?«, hatte er sie gefragt.
Natürlich hatte sie es ihm nicht sagen können. Sie wurde von Olly vollkommen unterdrückt. Und von ihren Eltern auch. Ihre Familie ließ ihr kein bisschen Raum. Sie konnte es kaum erwarten, zu Hause auszuziehen und von ihnen wegzukommen.
Sie schloss die Augen und versuchte, nicht mehr an sie zu denken, sondern stattdessen zu Sean zurückzuspulen, wie er sie anlächelte und ihre Hand hielt. Aber es war unmöglich. Immer wieder drängte sich Ollys dreckiges Grinsen dazwischen.
Sean durfte nie erfahren, was zwischen ihr und Olly passiert war. Sie fühlte sich so schmutzig deswegen. Sie würde buchstäblich vor Scham sterben.
Und dann hörte sie das unverkennbare Summen einer neuen Mücke an ihrem Ohr. Als wäre sie geschickt worden, um ihr die Nacht vollends zu versauen.
Es war einfach nicht fair. Nichts von alldem war fair.