13
Bella stand auf der Veranda. Ihr war noch immer ganz schwindlig bei der Erinnerung daran, Stephen Molloy so nah gewesen zu sein.
Durch die Arbeit ihres Vaters hatte sie bereits einige Schauspieler kennengelernt, die ein bisschen berühmt waren: Einmal waren zwei Darsteller aus EastEnders zum Abendessen da gewesen – vom Auftritt ihres Vaters in der Serie hatte sie nichts mitbekommen, damals war sie noch zu jung gewesen. Dann waren da noch dieser Typ aus der Ofenreiniger-Werbung und ein Theaterschauspieler, den sie zwar noch nie auf der Bühne gesehen hatte, dessen Name aber von Zeit zu Zeit im Feuilleton des Guardian auftauchte und den man hin und wieder im Radio hören konnte.
Aber Stephen Molloy – das war eine ganz andere Liga. Er war ein Megastar und absoluter Kassenmagnet. Trotz seines Rufs, sich mit jeder neuen Rolle komplett verwandeln zu können, wurde er überall auf der Welt wiedererkannt. Heerscharen von Fans lagen ihm zu Füßen. Und natürlich wusste Bella – wie jeder andere auch – über die Sache mit der Stalkerin Bescheid. Darüber war in der Heat, der Grazia und in den Showbiz-Seiten der Daily Mail, die sie oft schlechten Gewissens las, wenn sie eigentlich Hausaufgaben machen sollte, ausführlich berichtet worden.
Sie wusste auch, dass Stephen und ihr Vater sich früher gekannt hatten; Marcus hatte von ihm immer als »der, der es geschafft hat« gesprochen oder als »Molloy, die glückliche Drecksau«. Aber nie im Leben hätte sie damit gerechnet, ihm einmal persönlich gegenüberzustehen.
Das Schlimmste daran war, dass sie es für sich behalten musste. Was hatte man davon, einen Filmstar zu treffen, wenn man es danach nicht herumerzählen durfte?
Ihr Vater stand auf der anderen Seite des Rasens, rauchte und unterhielt sich mit irgendwelchen Schauspielern. Sie konnte sein Gelächter über die Stimmen der anderen hinweg hören. Olly hatte sich verkrümelt – vermutlich auf der Suche nach Bier und einem Versteck, wo er sich heimlich eine Zigarette genehmigen konnte. Also stand sie ganz allein da, trank ihren Champagner und genoss das Gefühl, das er in ihrem Kopf auslöste, so als würden die Bläschen direkt in ihrem Gehirn prickeln. Während sie unter den Gästen nach einem ganz bestimmten Gesicht Ausschau hielt, versuchte sie, sich daran zu erinnern, was sie sonst noch über Stephen Molloy wusste. War da nicht dieses Gerücht, er sei schwul? Auf Fotos sah man ihn oft mit irgendeiner Schauspielerin am Arm, aber er hatte nie eine feste Beziehung gehabt, was, so wurde gemunkelt, damit zu tun hatte, dass er in Wahrheit auf Männer stand. Vielleicht stimmte es ja auch, und er kam deshalb so gut mit James und Betty aus.
Plötzlich spürte sie eine Berührung an der Schulter. Sie fuhr herum, und Stephen Molloy war vergessen.
»Hi«, sagte Sean. »Ich dachte schon, du kommst nicht mehr.«
Sie sah zu ihm auf und schob sich ein abstehendes Haar hinters Ohr. Sie traute sich nicht, Sean in die Augen zu schauen, also sah sie wieder nach unten und strich ihr Kleid glatt. Sie fragte sich, ob sie das richtige Outfit angezogen hatte. Das kurze geblümte Baumwollhängerchen war das einzige halbwegs schicke Kleidungsstück, in dem sie es bei der Affenhitze aushielt. Aber sie sah viel zu jung darin aus. Sie warf einen Blick zu den anderen Gästen auf dem Rasen, der mittlerweile von zwischen den Bäumen gespannten Lichterketten mit Tausenden von Glühbirnen erhellt wurde. Die Kleidungsstile der Leute waren ganz unterschiedlich. Einige Frauen trugen Vintage-Sommerkleider, andere lange, fließende Gewänder. Einige waren in Jeans und Tunika gekommen. Aber alle sahen sie so aus, als wüssten sie, was sie taten – ganz im Gegensatz zu Bella.
»Möchtest du noch was trinken?«, fragte Sean mit dem Mund ganz dicht an ihrem Ohr.
»Okay.«
Er führte sie die Verandastufen hinunter ins Getümmel.
»Was riecht denn hier so?«, fragte Bella, als ihr ein zitroniger Duft aus der Menge entgegenwehte.
»Citronella. Ohne das hält man es hier nicht aus. Es wehrt die Insekten ab. Möchtest du?« Sean reichte ihr ein kleines Fläschchen aus seiner hinteren Hosentasche. »Du musst es auf deine Pulspunkte tupfen.« Sie blieben stehen, und er sah zu, wie sie sich das Öl in die Kniekehlen, an die Innenseite der Handgelenke und in die kleine Kuhle an ihrem Hals tupfte. »Jetzt bist du unverwundbar. Komm, wir holen uns was zu trinken.«
Er führte sie zur anderen Seite der Feuergrube, wo ein großer runder Holztisch aufgebaut war, auf dem zwei alte Zinkwannen, gefüllt mit Eis, Bier- und Weißweinflaschen, standen.
»Ich nehme ein Bier«, sagte Bella.
Sean zog eine Flasche heraus, öffnete den Kronkorken und reichte sie ihr.
Sie suchten sich eine freie Patchworkdecke am Rande der Menge. Sean setzte sich so neben sie, dass ihre Oberarme sich berührten. Bella hatte die Arme um die angezogenen Knie geschlungen und hoffte, dass das Citronella den leichten Schweißgeruch überdeckte, den sie an sich gerochen hatte. Sie hätte ihm so gern von Stephen Molloy erzählt, und das nicht nur, weil sie einen Knoten in der Zunge hatte und sie so wenigstens ein Gesprächsthema gehabt hätten. Aber das ging natürlich nicht.
»Ich war noch nie in England«, sagte Sean. »Wie ist es da so?«
»Eng. Voll.«
»Ich war überhaupt noch nie im Ausland, außer in Kanada«, fuhr er fort. »Wo wohnst du denn? In London?«
»Brighton. Am Meer. Von London aus gerade runter.«
»Zeig’s mir«, bat er und langte in seine Tasche. Er zog sein iPhone hervor und rückte noch näher an sie heran, damit sie das Display sehen konnte.
»Hast du hier Netz?«
»Nee. Hier gibt’s meilenweit keinen Empfang. Ich hab mich in James’ und Bettys WLAN eingeklinkt.«
»Da wohnen wir.« Sie zeigte ihm ihr Haus auf Google SatelliteView. Es lag mitten zwischen unzähligen Straßen voller Reihenhäuser, die sich in dünnen Linien vom Meer aus bis zur weiten, offenen Fläche der Downs hinaufzogen. Sean strich mit der Fingerspitze über den Bildschirm, um näher heranzuzoomen.
»Ihr wohnt ja direkt am Meer«, stellte er fest. Sie waren sich jetzt so nahe, dass ihre Wangen sich praktisch berührten. Bella spürte das Kitzeln seiner langen Wimpern, und tief in ihrem Innern war ein Schwindelgefühl, als würde sich dort ein Loch auftun, in das sie sich hineinfallen ließ. Trotzdem versuchte sie weiterzureden, als wäre es die normalste Sache von der Welt.
»Wenn es noch dasselbe Bild ist, dann kannst du hinten im Garten sogar unsere Wäsche auf der Leine sehen.«
»Lustig.« Sean legte den Arm um sie, damit sie noch näher ans Display herankam. Bella hob den Kopf. Es standen Leute direkt in ihrer Nähe, aber niemand schaute zu ihnen hin.
»Und das ist unser Auto, da auf der Straße.« Sie lehnte sich nach hinten und trank einen Schluck Bier. Ihr Zuhause und alles, was sie damit verband, kamen ihr so weit weg vor. Erst recht, wenn man es nur als winziges Satellitenfoto auf einem Bildschirm sah. Bei diesem Gedanken fühlte sie sich plötzlich unglaublich befreit. Wenn Olly nicht gewesen wäre …
Auch Sean lehnte sich zurück, so dass sie einander wieder ganz nahe waren. Als er sich bewegte, erhaschte Bella seinen Duft, eine Mischung aus Seife, Schwimmbad und noch irgendetwas anderem, so ähnlich wie frischer Schweiß, aber kein bisschen unangenehm.
»Soll ich dich rumführen?«, fragte er. »Das Grundstück von James und Betty ist ziemlich cool.«
Er sprang auf und streckte ihr die Hand hin, um ihr hochzuhelfen. Er hielt sie fest, als sie über den Rasen schlenderten, vorbei an acht kleinen, schachbrettartig angelegten Gemüse- und Blumenbeeten. Chinesische Laternen auf Stäben tanzten im Wind und beleuchteten einen Pfad zwischen den Beeten. Als sie im Vorübergehen die Pflanzen streiften, stieg der vertraute Geruch von Basilikum in die Luft, nur um im nächsten Moment von der schweren Süße pinkfarbener und roter Rosen abgelöst zu werden. Das Stimmengewirr der Partygäste wurde im gleichen Maße leiser, wie die Liebesgesänge der Grillen auf der Wiese vor ihnen lauter wurden.
Die Laternen führten bis hinunter zu einem großen Teich und um dessen Ufer herum. Das Wasser schien im Licht des frühen Abends zu brodeln. Auf der gegenüberliegenden Seite stand eine überdachte Bank, die aus der aufrecht in der Erde stehenden Hälfte eines hölzernen Ruderboots gebaut worden war. Bella schaute zum Höhenzug jenseits des Gartens hinüber. Die Umrisse der Hügel wurden von einem sanften orangefarbenen Licht erhellt, die letzte Handlung der Sonne an diesem Tag. Der Mond stand bereits hinter dem Haus, und die drei Lichtquellen – die untergehende Sonne, der Mond und die Laternen – hoben die Umrisse der Dinge schärfer hervor und ließen sie wirklicher als wirklich erscheinen, so ähnlich wie auf dem Salvador-Dalí-Poster, das sie zu Hause mit Patafix an die Wand ihres Zimmers geklebt hatte.
»Das Licht ist wunderschön«, sagte sie.
»Wunderschön.« Sean blieb stehen und sah sie an.
Dann zuckte Bella zusammen, als vom Teich her plötzlich ein merkwürdiger Laut erscholl, so als würde ein Geist auf alten Dielenbrettern herumspringen. Der Lärm wurde lauter und lauter, und weitere, ganz ähnliche Geräusche gesellten sich dazu, bis schließlich die Grillen nicht mehr zu hören waren. Es klang, als stürzte die alte Scheune in sich zusammen.
»O mein Gott, was ist das denn?«, rief sie und drehte sich, die Hände auf den Ohren, zu ihm um.
»Das sind bloß Ochsenfrösche.« Sean lachte. »Komm, wir können sie uns anschauen.«
Vorsichtig gingen sie bis ans Ufer des Teichs.
»Da, siehst du?«, flüsterte er, hockte sich hin und zeigte auf etwas.
Bella reckte sich vor, und sobald ihre Augen sich an das Graugrünbraun des Wassers gewöhnt hatten, entdeckte sie einen Frosch, dann noch einen und noch einen. Einige saßen auf Seerosenblättern oder Steinen, von anderen waren nur die Köpfe zu sehen, die mit ihren aufgeblähten Schallblasen aus dem Wasser ragten.
»Ein Froschchor«, sagte sie.
Sie sahen sich an, und diesmal hielt Bella Seans Blick stand. Seit einer halben Stunde war ihr Inneres kurz davor, sich nach außen zu krempeln, und jetzt war es tatsächlich so weit. Sie konnte nicht atmen. In dem seltsamen Licht hatte seine Iris die Farbe von Vergissmeinnicht mit dunklen Sprenkeln, die sie immer stärker in ihren Bann zogen, bis sie das Gefühl hatte, hypnotisiert zu sein, wie das Kaninchen vor der Schlange. Er kam ihr näher und näher, und sie schloss die Augen.
»Sean, alter Kumpel! Mach nichts, was ich nicht auch machen würde!«
Sie fuhren auseinander und sahen zur Bootsbank am anderen Ufer des Teichs hinüber, wo die Stimme hergekommen war. Im Schein einer beim Anzünden aufglimmenden Zigarettenspitze konnte Bella einen Mann erkennen. Er sah aus wie ein Italiener, und sie schätzte, dass er ziemlich alt sein musste, auf jeden Fall über dreißig. Sie erkannte ihn als einen der Darsteller aus dem Musical wieder.
»Hey, Tony, du Wichser, was soll das? Spionierst du mir nach oder was?«, rief Sean zurück. Er klang wie eine vollkommen andere Person.
»Immer locker bleiben, Mann.« Tony streckte die Beine aus, so dass sie unter der Überdachung des Boots hervorragten. »Macht ihr Kids einfach euer Ding. Beachtet mich gar nicht weiter.« Er verschränkte die Arme vor der Brust, zog an seiner Zigarette und lachte leise. Der Geruch von Marihuana wehte zu ihnen herüber.
»Arschloch«, knurrte Sean halblaut. »Komm, Bella.« Er nahm sie an der Hand und ging mit ihr zusammen vom Teich weg, zurück den Hang hinauf.
»Nimmst du sie mit ins Maisfeld, Junge?«, rief Tony ihnen hinterher. »Für eine kleine Nummer im Stroh?« Eine Salve Marihuana-geschwängerten Gelächters verfolgte sie.
»Wer war das?«, fragte Bella, sobald sie außer Hörweite waren.
»Tony Marconi«, erwiderte Sean. »Wichser.«
»Hat der nicht bei den Sopranos mitgemacht?«
»Genau. Wichser.«
»Ganz ruhig.« Bella lächelte ihn an.
»Sorry. Aber er behandelt mich wie den letzten Trottel, nur weil ich von hier bin und nicht aus New York City.«
»Nicht besonders nett von ihm.«
»Nein.«
»Ich finde nicht, dass du ein Trottel bist«, sagte sie.
Sie waren am geöffneten Tor der verfallenen Scheune angelangt. Mondstrahlen durchschnitten kreuz und quer die Dunkelheit im Innern. Sie fielen durch die breiten Ritzen in den Holzwänden herein und ließen die Umrisse von Stapeln aus uralten, vor langer Zeit ausgemusterten Landwirtschaftsmaschinen erkennen. Der Anblick wirkte irgendwie unecht, und Bella musste an das Bühnenbild eines der Stücke ihres Vaters denken, das sie sich hatte anschauen müssen. Der Kirschgarten, genau, so hatte es geheißen. Ein schwacher, aber deutlich wahrnehmbarer Tiergeruch stieg von den alten Strohresten auf, die in den verwitterten Stallboxen an der Seite der Scheune lagen. Bestimmt reichte ein scharfer Windstoß, um alles zum Einsturz zu bringen.
»Komm«, bat Sean und betrat die Scheune.
»Ist es da drin auch sicher?«, fragte Bella, die daran dachte, was ihre Mutter gesagt hatte.
»Klar. Ich war schon oft hier drinnen.«
Wider besseres Wissen folgte Bella ihm in die gefährliche Kulisse hinein. Sean zog sie weg vom Türrahmen, tiefer ins Innere. Dann nahm er sie in die Arme und beugte sich zu ihr herab. Endlich küssten sie sich.
Bella spürte, wie sich alles drehte, als sie die Augen schloss. Die Aufregung, die seit der Begegnung mit Sean am Vormittag in ihr geschwelt hatte, entlud sich endlich, bis sie irgendwann gar nicht mehr wusste, wo sie aufhörte und er anfing.
Sean hatte die Arme um sie geschlungen, und seine Hände wanderten unter dem kurzen Kleid ihren Rücken hinauf; seine Haut war an ihrer. Sie wollte, dass er sie hochhob und mit sich forttrug, wohin auch immer. Sie spürte, wie hart er war, als sie sich aneinanderpressten.
»Bella, was soll der Scheiß?«
Sie fuhren auseinander, als sei die magnetische Polung, die sie zusammengehalten hatte, plötzlich umgekehrt worden.
Im Tor der Scheune stand Olly. Er schwankte leicht, und seine Lippen zuckten. Er sah aus, als stünde er ganz kurz vor der Explosion.
»Mum hat gesagt, ich soll dich holen, weil das Essen fertig ist, und dann finde ich dich hier drin. Was machst du da, verdammte Scheiße noch mal?« Er funkelte Sean an.
»Alles locker, Mann.« Sean hob die Hände.
»Nichts ist ›locker‹, ›Mann‹.« Olly trat auf Sean zu und kam ihm mit seinem Gesicht ganz nahe. Er hatte einen seltsamen Ausdruck in den Augen, als wäre er besessen. Bella sah diesen Ausdruck nicht zum ersten Mal, und er behagte ihr gar nicht.
»Olly, das ist Sean«, sagte sie. »Er ist –«
»Jemand, den du offenbar schon ziemlich gut kennst«, unterbrach Olly sie. »Los, raus hier, Bella.«
»Du bist nicht mein Aufpasser.«
»Mum hat gesagt, wir sollen hier nicht reingehen.«
»Als ob es dich interessieren würde, was Mum sagt.«
»Das werde ich Jonny erzählen.« Olly machte einen Schritt auf sie zu, um sie am Arm zu packen. Die Sehnen an seinem Hals traten hervor, als er nach ihr griff.
»Verpiss dich.« Bella schlug ihn beiseite. »Und ich glaube nicht, dass Jonny derjenige ist, der damit ein Problem hat, stimmt’s, Olly?«
Erneut wollte Olly nach seiner Schwester greifen.
»Lass sie in Ruhe«, forderte Sean ihn auf und stellte sich zwischen sie.
»Hör zu, Kumpel, du hältst dich da mal sauber raus.« Olly stieß ihn mit beiden Händen zur Seite.
»Olly, lass das!«, rief Bella und lief zu Sean, der auf den staubigen Boden gefallen war.
»Bella! Olly!«, rief Marcus von irgendwoher. »Es gibt was zu futtern!«
Bella drehte sich zu Olly um. »Der rastet aus, wenn er uns hier findet.«
»Dann komm«, sagte Olly. Er zog seine Schwester von Sean weg, der sich wieder aufgerappelt hatte und sich Stroh und Dreck von den Kleidern klopfte. Olly war jünger und nicht so kräftig gebaut wie Sean, aber dafür größer. Das und seine wütende Eifersucht verliehen ihm einen deutlichen Vorteil. Er stach dem älteren Jungen mit dem Finger vor die Brust. »Und hey, du, ›Mann‹. Wenn ich dich noch einmal dabei erwische, wie du meine Schwester befummelst, dann wirst du’s bereuen.«
»Olly! Bella!«, rief Marcus erneut.
»Ach ja?«, sagte Sean.
»O ja.« Olly gab Sean noch einen letzten Schubs und ging dann zum Tor der Scheune. Seine Kiefer zuckten noch immer. »Bella?«
Bella zögerte. Sie wollte nicht mit ihrem Bruder mitgehen, aber ihr blieb nichts anderes übrig.
Nur weil sie sich das eine Mal nahegekommen waren – zu nahe –, glaubte Olly jetzt, dass sie sein Eigentum war, und sie hatte keine Ahnung, wie sie sich jemals von ihm befreien sollte. Er wollte einfach nicht begreifen, dass das, was sie getan hatten, falsch war. Dass sie damit sämtliche Grenzen überschritten hatten – falls Olly überhaupt Grenzen kannte, was sie bezweifelte. Er weigerte sich einzusehen, dass er sie, wenn sie halbwegs normal weiterleben wollten, in Frieden lassen musste. Zwei Jahre lang hatte sie zugelassen, dass er Jonny benutzte, um sie gegen andere Jungs abzuschirmen, und langsam reichte es ihr.
Und obwohl sie sich meistens gegen ihn zu wehren wusste, hatte er, wenn er so war wie jetzt, etwas an sich, was ihr wirklich Angst machte. Sein Wille war derart stark, dass sie fürchtete, er würde vor nichts zurückschrecken, um das zu bekommen, was er haben wollte.
»Komm schon, Bella«, hatte er damals zu ihr gesagt, als sie jünger gewesen waren. »Nur das eine Mal.« Sie hatte keine Chance gehabt. Und es war auch nicht bei dem einen Mal geblieben.
Und jetzt war er zu allem Überfluss auch noch total high. Das machte die Situation noch schwieriger.
Sie wollte bei Sean bleiben, musste aber aus der Scheune verschwinden und zu ihrem Vater gehen, weil der nach ihr rief. Aber vor allem hatte sie Angst: Sie musste Abstand zwischen Olly und diesen Jungen bringen, den sie gerade geküsst und in den sie sich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit verliebt hatte.
Ihre Entscheidung war getroffen. Sie folgte ihrem Bruder. Als sie neben Olly in den Toreingang der Scheune trat, drehte sie sich noch ein letztes Mal um, und Sean lächelte sie an.
»Wir sehen uns«, rief er, und sie seufzte vor Erleichterung. Er war ein Kämpfer.
»Nicht wenn ich dich zuerst erwische, Kumpel«, sagte Olly, zeigte drohend mit dem Finger auf ihn und zog Bella mit sich davon.
»Du bist so ein Arschloch, Olly.« Sie versuchte, sich von ihm loszumachen, als sie über den Rasen liefen.
»Das sag ich Dad«, drohte Olly.
»Machst du nicht. Wenn doch, dann gibt es nämlich noch eine ganze Menge mehr, was ich über dich sagen könnte. Angefangen damit, dass du Gras geraucht und Bier getrunken hast, als du eigentlich mit mir zusammen auf Jack hättest aufpassen sollen. Und das ist noch längst nicht alles.«
»Fick dich«, erwiderte Olly.
»Herrgott noch mal«, sagte Bella und stapfte davon, um zu ihrem Vater zu gehen, der schon wieder nach ihnen rief.