17

Übermorgen müssen wir das Auto zurückbringen«, sagte Lara.

»Wir können es uns nicht leisten, es länger zu behalten«, entgegnete Marcus.

Lara blickte zum hölzernen Deckenventilator empor, der sich drehte und drehte und die nach durchwachsenem Speck riechende Luft im Trout Island Diner quirlte.

»Aber wie sollen wir ohne Auto zurechtkommen?«

»Irgendwas wird sich schon ergeben.«

Es war Viertel nach eins, und die Kinder hatten sich immer noch nicht blicken lassen. Lara versuchte, sich zu entspannen. Es kam selten genug vor, dass sie mit Marcus allein war. Doch als sie nun bei zwei Bechern des in ihren Augen scheußlichsten Filterkaffees, den sie je probiert hatte, zusammensaßen, fiel es ihr schwer, ein Gesprächsthema zu finden.

»Der ist ungenießbar«, sagte sie zu Marcus.

»Schhh.«

»Ist Amerika nicht angeblich die Heimat des guten Kaffees?«

Das Diner war mit klobigen Kieferntischen und ebensolchen Stühlen eingerichtet. An der Längsseite gab es vinylgepolsterte Sitznischen, und in einer von diesen waren Lara und Marcus platziert worden. Ganz in der Nähe saß ein älterer Mann vor einem Glas Limonade. Bei ihrem Eintreten hatte er aufgeschaut und ihnen zugenickt, sich zwischenzeitlich aber wieder in seinen Traktor-Katalog vertieft. Außer ihm gab es lediglich zwei weitere Gäste: einen jungen Mann in Jeanshose und Jeanshemd, der zusammengesunken auf einem Barhocker am Tresen saß, und eine breite Frau undefinierbaren Alters, die von Kopf bis Fuß in diverse Schattierungen von Braun gekleidet war, einschließlich einer ockerfarbenen Schirmmütze. Sie saß hinten an der Wand und drehte ihnen den krummen Rücken zu.

»Sie müssen die Leute aus England sein«, sagte die Kellnerin, während sie ihnen zwei laminierte Speisekarten reichte.

»Stimmt.« Marcus beugte sich vor, knipste sein Lächeln an und streckte ihr die Hand hin. »Marcus Wayland, freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Und das ist meine Frau Lara.«

»Na, hallo! Ich bin Leanne«, stellte die Frau sich vor und tätschelte sich die verfilzten blonden Locken. »Die anderen müssten jeden Moment eintrudeln.« Damit eilte sie an ihren Platz hinter dem Tresen zurück, um dort weiter Tassen mit einem porentief reinen Geschirrtuch zu trocknen.

Marcus und James hatten vereinbart, dass die Familie gemeinsam mit der Besetzung von Set Me On Fire! zu Mittag essen würde. In den Verträgen mit der Trout Island Theatre Company war festgelegt, dass die Schauspieler als Ausgleich für die niedrige Gage täglich eine Mahlzeit im Diner einnehmen durften, für deren Kosten dann das Theater aufkam.

Lara überflog die Karte, die außer gesottenem Fleisch, Weißmehlprodukten und Zucker nicht viel zu bieten hatte. »Hier gibt es nichts, was ich wirklich essen möchte«, erklärte sie. Nach dem Schock des gestrigen Abends hatte sie sowieso keinen Appetit. Nicht einmal das Joggen hatte geholfen, ihre Nerven zu beruhigen oder sie hungrig zu machen.

»Ach, komm«, sagte Marcus. »Man muss mit den Wölfen heulen.«

»Heulen ist ein gutes Stichwort. Was bitte soll das sein: Biscuits? Mit Bratensoße? Klingt ja widerlich.«

Zugegeben, Lara hatte miserable Laune. Sie war wütend auf Bella, weil diese am Morgen nicht vom Schwimmen zurückgekommen war; auf Olly, weil der sich erst nach zehn Uhr vormittags zum Aufstehen bequemt hatte; und auf Marcus, weil der herumsaß und Text lernte, obwohl er doch der Erste gewesen war, der ihr darin zugestimmt hatte, dass ein gründlicher Hausputz vonnöten sei. Und dieser Familienhölle gegenüber stand nun Stephens Was wäre wenn. Seine Worte hatten in ihr die Ahnung von einem anderen Leben geweckt – ein Leben, das sie hätte haben können, wenn die Vereinigung und Teilung zweier Zellen nicht gewesen wäre.

Sie hatte versucht, ihren Frust durch Hausarbeit abzureagieren. Mittlerweile war die Küche sauber genug für die Verarbeitung von Lebensmitteln, sie hatte den Holzfußboden sowie die untapezierten Wände im riesigen verstaubten Wohnzimmer abgewischt, und dem im Perserteppichmuster bemalten Tschechow’schen Fußbodenbelag war über dem Verandageländer sämtlicher Dreck aus den Fasern geprügelt worden.

Sie hatte gerade im Wohnzimmer gekniet und war dabei gewesen, ihn aufzurollen, um ihn nach draußen zu schleppen, als Marcus, das Skript lässig unter den Arm geklemmt, von der Schaukel auf der Veranda ins Haus geschlendert gekommen war, um sich ein Glas Wasser zu holen.

»Übertreibst du es nicht ein bisschen?«, hatte er sie gefragt.

Aber unterschwellig hatte Stephen Molloy ihren Tag bestimmt, und er tat es noch immer. Bislang hatte sie das Gefühl gehabt, er hätte bei seinem überstürzten Fortgang damals ein Stück von ihr mitgenommen. Jetzt jedoch wurde ihr klar, dass ein Teil von ihr danach schlichtweg eingeschlafen war und all die Zeit über geschlafen hatte. Dieser Teil war jetzt wieder erwacht, und zwar nicht ganz allmählich, so wie eine Prinzessin aus einem langen Schlummer, sondern abrupt und brutal wie von dem Schlag, den ein Neugeborenes bekam, kaum dass man es mit bläulicher Haut aus dem Leib seiner Mutter gezogen hatte.

Und nun war alles von diesem plötzlichen Erwachen gefärbt.

Zum Beispiel erkannte sie jetzt, dass der Grund, weshalb sie in der letzten Zeit nicht von Marcus hatte berührt werden wollen, der war, dass sie seine feige Visage einfach nicht mehr ertragen konnte. Seine Reaktion auf ihre jüngste Schwangerschaft – er hatte sich die Haare gerauft und gejammert und war nicht einmal auf die Idee gekommen, dass sie das Baby vielleicht behalten wollte – hatte dazu geführt, dass sie ihn nicht mehr als Mann betrachtete, sondern als ein weiteres Kind, für das sie die Verantwortung trug. Und mit einem Kind konnte sie keinen Sex haben. Das war in jeder Hinsicht absolut undenkbar.

Die Blutungen hatten ihr eine gute Ausrede geboten. Jede Nacht war sie in ihrer Rüstung aus Unterwäsche, Vlieseinlagen und langem T-Shirt neben ihn ins Bett geschlüpft. Und obwohl die Blutungen mittlerweile zurückgegangen waren, hatte sie gehofft, den Schein noch ein oder zwei Wochen aufrechterhalten zu können.

Aber jetzt, im gleißenden Licht von Stephens Was wäre wenn, konnte sie sich nicht vorstellen, wie sie es über sich bringen sollte, Marcus überhaupt jemals wieder anzufassen.

Sie musterte ihn über den Tisch hinweg beim Studieren der Speisekarte. Zwischen den Sommersprossen und kupfernen Bartstoppeln war die Haut in seinem Gesicht bereits vom Sonnenbrand gerötet. Was früher an ihm selbstbewusst und attraktiv gewirkt hatte, war zu einer paranoiden Eitelkeit verkommen. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie er um sie geworben hatte – sie war so jung gewesen und er scheinbar so weltgewandt und erfahren. Sie hatte so fest daran geglaubt, dass er ihr die Welt in ihrer ganzen Pracht zu Füßen legen würde, dass sie sich ihm völlig ausgeliefert hatte.

Wie sie ihn vergöttert hatte. Seine Haare hatten in ihren Augen ausgesehen wie Feuer. Nach vier Monaten war er vor ihr auf die Knie gefallen und hatte ihr einen Heiratsantrag gemacht. Und sie hatte ja gesagt. Ohne zu zögern, vollkommen überwältigt von der Romantik des Augenblicks. Die Hochzeit hatte keine vier Wochen später stattgefunden.

Inzwischen war Lara längst klar, dass sie sich die Frage hätte stellen müssen, wieso Marcus, ein einunddreißigjähriger Mann, nicht ein wenig mehr Verstand bewiesen hatte.

Erst auf ihrer kleinen, beinahe heimlichen standesamtlichen Trauung – Lara hatte ihre Eltern nicht eingeladen, da sie nach ihrem ersten und einzigen Treffen mit Marcus mehrfach unmissverständlich angedeutet hatten, dass er zu alt und nicht gut genug für sie sei – war die Wahrheit ans Licht gekommen.

Sein alter Schulfreund Rufus war Trauzeuge. Lara sah ihn zum ersten Mal. Während Marcus’ Privatschul-Manierismen mit der Zeit einem allgemeinen Schauspieler-Habitus gewichen waren, hatte sich Rufus, der in London als Anwalt arbeitete, die kernige Ausgelassenheit, die ihm in Stowe anerzogen worden war, bis aufs letzte bisschen bewahrt.

»Ich freue mich so für euch beide«, verkündete er hinterher auf dem bescheidenen Empfang im Dirty Duck, als er Lara beschwipst einen Kuss auf die Wange drückte. »Ich dachte schon, nach Sophie wäre er zum ewigen Junggesellendasein verdammt.«

»Sophie?«

»Du weißt nichts von Sophie? Ups«, sagte er, warf eine Erdnuss in die Luft und fing sie mit den Zähnen wieder auf. »Da fragst du mal besser Marcus. Ich und mein loses Mundwerk.«

»Wer ist Sophie?«, fragte sie, als sie später am Abend in Marcus’ Wohnung nebeneinander im Bett lagen. Für Flitterwochen fehlten ihnen das Geld und die Zeit, da Marcus am laufenden Band Vorstellungen hatte.

Er fuhr buchstäblich zusammen.

»Wer hat dir von Sophie erzählt?«

»Rufus.«

»Das Arschloch.«

»Er hat es nicht absichtlich gemacht, es ist ihm nur so rausgerutscht.«

»Wer’s glaubt.«

»Und? Wer ist sie?«

Widerwillig erzählte Marcus ihr von der Frau, mit der er seit der Schauspielschule zusammen gewesen war und die ihn kaum acht Monate zuvor für einen Jüngeren, einen Kollegen aus dem Stück, in dem sie gerade spielte, verlassen hatte.

»Ich war total am Boden«, gestand Marcus mitleidheischend. »Ich habe sogar drüber nachgedacht, Schluss zu machen. Aber –«, fügte er hastig hinzu, »letzten Endes hatte es ja auch sein Gutes, denn wenn sie nicht mit diesem kleinen, affigen Möchtegern abgehauen wäre, hätte ich dich nie kennengelernt, und wir wären jetzt nicht zusammen.«

Vielleicht war Lara mit ihren neunzehn Jahren noch ein wenig grün hinter den Ohren. Nichtsdestotrotz wusste sie genau, wie die Dinge standen, und sie hätte sich am liebsten in den Hintern gebissen, weil sie so dumm und naiv gewesen war. Im Laufe der darauffolgenden Wochen versuchte sie, sich davon zu überzeugen, dass Marcus sich wirklich Hals über Kopf in sie verliebt hatte, konnte jedoch den Verdacht nicht abschütteln, dass er sie nur geheiratet hatte, um Sophie zu zeigen, dass sie ihm egal war und dass auch er sich eine Jüngere an Land ziehen konnte. Lara war lediglich sein Notnagel.

Und ausgerechnet an diesem Tiefpunkt war der junge Stephen Molloy nach Stratford gekommen, um genau wie Marcus in den niederen Rängen der Royal Shakespeare Company als Schauspieler anzufangen.

»Ah, da sind sie ja«, stellte Marcus gerade fest und schaute von seiner Speisekarte auf, als der Summer an der Tür ertönte und Bella von Jack ins Diner geschleift wurde. Olly folgte den beiden. Ihren Mienen nach zu urteilen, hatten sich die Zwillinge schon wieder gestritten.

»Um Himmels willen, wo habt ihr denn gesteckt?«, fragte Lara, während sie zur Seite rutschte, um ihnen Platz zu machen.

»Ich bin los, um Olly zu suchen –«, begann Bella, aber ihr Bruder fiel ihr ins Wort.

»Loverboy war am Pool«, sagte er und setzte sich neben Marcus. »Sie konnte sich nicht losreißen.«

»Das ist so was von gelogen«, protestierte Bella.

»Freund in Sicht?« Marcus lächelte zu ihr auf. »Pass nur auf, dass du nicht in die Fußstapfen deiner Mutter trittst, sonst bleibst du noch auf jemandem sitzen, so wie sie auf mir sitzengeblieben ist.«

Bella sagte nichts und setzte sich ans gegenüberliegende Tischende von Olly.

»Er hat zu viel Sonne abbekommen«, sagte Lara mit einem Blick auf Jacks glühende Wangen.

»Ich hab ihn gleich eingecremt, nachdem wir aus dem Wasser gekommen sind«, erwiderte Bella. »Olly hätte ihn eincremen sollen, bevor er mit ihm nach draußen gegangen ist.«

»Mein Gott«, sagte Olly.

»Na, hallo, alle zusammen«, rief Leanne, die Kellnerin, als sie mit einer Kanne voller Eiswasser und drei weiteren Speisekarten an den Tisch kam. »Schön, die ganze Familie kennenzulernen. Wie geht’s, wie steht’s?« Sie füllte ihnen die Gläser.

Bella und Olly saßen bloß da und stierten schweigend auf das rot karierte Plastiktischtuch. Ollys Finger trommelten auf der Tischplatte herum.

»Lass das!«, befahl Marcus.

»Ihnen geht es gut«, sagte Lara zu Leanne, weil sie das Gefühl hatte, sich für ihre launischen Sprösslinge entschuldigen zu müssen.

»Prima! Ich bin gleich bei Ihnen und nehme Ihre Bestellungen auf, bevor die anderen kommen und es in der Küche hektisch wird. Pfeifen Sie einfach, wenn Sie so weit sind.«

»Mum, er hat mir Jack einfach aufs Auge gedrückt und ist dann abgehauen«, beschwerte sich Bella, sobald sie wieder allein waren.

»Ach, Olly«, sagte Lara.

»Ich hab mit meinen Homies abgehangen«, sagte Olly.

»Pardon?«, fragte Marcus in übertrieben britischer Aussprache.

»Mit meinen Kumpels«, erklärte Olly.

»Du meinst, mit deinen Dorfdeppen«, fügte Bella hinzu. »Die sehen aus wie ein Haufen Hillbillys.«

»Sprich leise, Bella.« Lara sah sich um. »Nimm Rücksicht auf kulturelle Unterschiede.«

»Blabla«, sagte Bella.

»Also, was wollt ihr essen?« Marcus klatschte in die Hände. »Blaubeerpancakes mit Speck und Ahornsirup? Pizzaburger und Home Fries?«

Zu Forschungszwecken bestellte jeder etwas anderes von der Karte. Leanne war gerade mit ihren Tellern auf dem Weg zu ihnen, als die Tür aufgerissen wurde. Mit einem Mal war der Raum erfüllt vom aufgedrehten Geschnatter der Schauspieler, die soeben aus ihrer morgendlichen Gesangsprobe entlassen worden waren.

»Ich kann nicht glauben, dass James den Hänger nicht bemerkt hat«, sagte jemand.

»Eher würde ich mir Nadeln in die Augen stechen«, kreischte ein anderer.

»Jetzt passt auf«, sagte Marcus. Dann erhob er sich und ging durch den Raum zu James, der in seiner Vintage-Frackjacke aus rosenrotem Satin über der herkömmlichen weißen Leinenkleidung einen prächtigen Anblick bot. Unter dem Arm trug er eine mit Zetteln und Büchern vollgestopfte braune Ledertasche.

»James, mein Freund«, rief Marcus. »Wie war die Probe?«

»Theatergelaberalarm«, murmelte Olly, als Leanne fünf vollbeladene Teller auf ihrem Tisch abstellte.

»Vielen Dank«, sagte Lara.

»Gern geschehen«, antwortete Leanne und warf einen strengen Blick auf die Zwillinge, die, so viel war klar, an diesem Tag auf gutes Benehmen keinen Wert legten. Auf ihrem Weg zurück in die Küche wurde sie von den Schauspielern mit der Art von Vertrautheit begrüßt, die Touristen gern Einheimischen gegenüber an den Tag legen.

»Da ist ja überhaupt nichts Grünes dabei«, bemerkte Bella mit einem Blick auf das Essen.

»Das sind also Biscuits. So eine Art herzhafte Scones«, stellte Lara fest und stupste die lockeren weißen Gebäckteile auf Ollys Teller mit der Gabel an.

»Ich hoffe mal, dass die herzhaft sind, bei der Menge an Hühnchen, die es dazu gibt«, erwiderte er.

»Denen habe ich aber Feuer unterm Arsch gemacht«, sagte James zu niemand Bestimmtem. Er ließ sich in der Sitznische nebenan nieder, und die Schauspieler verteilten sich auf die übrigen Plätze. »Familie Wayland, habt ihr gestern Abend eigentlich Tony Marconi kennengelernt? Er ist dein Banquo, Marcus, und er spielt Heavy Dan im Musical.«

»Aha, Marcus, das ist also deine Tochter?« Tony gab Bella die Hand. »Wir sind uns gestern Abend schon begegnet, weißt du noch? Unten am Teich?«

Bella wurde rot und sah weg.

»Und habe ich dich nicht auch heute Morgen am Pool gesehen, während ich meine fünfzig Bahnen geschwommen bin?«, fragte er augenzwinkernd. »Wie du mit unserem Mann für alles zusammengesessen bist?«

»Und ob.« Olly lehnte sich mit eisiger Miene zurück und sah zu, wie seine Schwester sich wand.

James reckte den Arm und winkte. »Leanne, Liebchen, meinst du, ich könnte einen Kaffee bekommen? Danke, mein Täubchen.«

Lara glaubte zu sehen, wie der Mann in Jeans am Tresen beim Klang von James’ übertrieben näselndem Tonfall die Schultern anspannte.

»Ach, du liebe Zeit, meine Süße, was in Dreiteufelsnamen ist denn das?«, rief Betty aus, als sie sich neben Lara quetschte und auf deren Teller deutete. An diesem Tag trug sie eine Kombination aus Holzfällerhemd und weiten Levi’s, dazu Dreitagebart, toupierte Haare und ein komplettes Make-up. Sie sah aus wie Jane Russell auf Testosteron.

»Angeblich Makkaronisalat«, antwortete Lara. »Aber es sieht eher aus wie ein Teller geronnene Mayonnaise.«

»Herzlich willkommen, Trout Island Fünf«, rief Tony Marconi von seinem Platz inmitten einer Gruppe überschäumender Jungschauspieler.

»Trout Island Fünf?«, fragte Lara.

»So viele Pfunde nimmt ein Schauspieler zu, wenn er für uns arbeitet«, erklärte Betty. »Wir zahlen unsere Gage in Kalorien.«

»Du weißt nicht zufällig, ob wir gestern Abend Jacks Teddybär bei euch vergessen haben?«, erkundigte sich Lara bei ihr.

»Da bin ich überfragt. Als wir heute Morgen losgefahren sind, sah es bei uns aus, als wäre eine Bombe eingeschlagen«, berichtete Betty. »Aber ich werde Trudi bitten, danach Ausschau zu halten – sie wirbelt heute den ganzen Tag im Haus herum.«

»Können wir die Vorstellung heute Abend nicht ausfallen lassen? Mein Kopf«, sagte ein Junge mit verstrubbelten Haaren neben Tony, dessen schwere Lider über blutunterlaufenen Augen auf halbmast hingen.

»Das Theater ist der beste Arzt, Hase«, erwiderte James. »Du wirst phänomenal sein. Danke, Leanne, vielen Dank, meine Süße«, sagte er, als Leanne herumging und Eiswasser einschenkte.

»Ihr habt alle gestern Abend viel zu viel getrunken, Kinder«, meinte Betty. »Ihr müsst ein bisschen mehr Zurückhaltung an den Tag legen. Ein bisschen mehr Selbstdisziplin.«

»Du hast gut reden«, mischte sich ein großes, schlankes Mädchen ein, das aussah wie die junge Natalie Wood.

»Wie bitte habe ich das zu verstehen?« Betty setzte sich kerzengerade hin und nippte an ihrem Wasser.

»Du hast schließlich all die Jahre Zeit gehabt, die Sau rauszulassen«, sagte das Mädchen.

»All die Jahre? All die Jahre? Was soll das denn heißen?«, fragte Betty. »Ihr wisst doch gar nicht, wovon ihr redet, ihr Unschuldslämmer. Mein kleiner Finger hat härter gearbeitet als alle eure Körper zusammengenommen. Disziplin ist mein zweiter Vorname, Schwester.«

Olly konnte ein Kichern nicht unterdrücken, und Bettys Nasenflügel blähten sich. Es war schwer zu sagen, ob ihre Ansage als schlüpfriger Witz oder als ernsthafte Schelte gemeint gewesen war. Lara verstand Theaterleute nicht besonders gut, der ganze Lärm und das Trara überforderten sie. Sie wünschte, sie wäre in ihrem verstaubten Haus, wo sie in Ruhe ihren Tagträumen nachhängen und Ordnung schaffen konnte.

»Meine Damen, vertragen wir uns doch bitte«, mahnte James. Dann stand er auf und richtete das Wort an die Gruppe. »Wissen alle, was sie bestellen wollen? Darf ich euch daran erinnern, dass ihr in exakt sechs Stunden wieder auf der Bühne steht? Ich bitte die Tänzer, sich tunlichst nicht zu überfressen!«

Leanne bekam Verstärkung von einer zweiten Frau, die aus der Küchentür trat und sich die riesigen Hände an ihrer Schürze abwischte. Die beiden gingen von Tisch zu Tisch, um die Bestellungen aufzunehmen. Die zweite Frau bewegte sich mit schlurfenden Schritten, die grauen Kniestrümpfe waren ihr bis auf die bläulich aufgedunsenen Knöchel heruntergerutscht, und strähnige, halb ergraute, zum Pferdeschwanz gebundene Haare gaben den Blick auf die fahle Haut ihres Halses frei. Lara war von vorneherein nicht nach Essen zumute gewesen, aber bei dem Gedanken daran, dass diese Frau womöglich die Köchin war, verging ihr der Appetit auf ihren Makkaronisalat vollends.

»Olly, Junge, reißt du dich bitte zusammen?«, fauchte Marcus und beugte sich zu seinem demonstrativ gelangweilten, ungeduldig wirkenden Sohn. An seiner Stirn schwoll eine kleine Ader, und wieder einmal fühlte sich Lara bei Marcus’ Anblick an dessen Vater erinnert, der genauso rothaarig und von ähnlicher Statur war. Gegenüber Freunden pflegte sie oft zu scherzen, dass er und Marcus sich so ähnlich seien, dass sie genau wisse, was sie im Alter von ihrem Mann zu erwarten habe. Diesem Scherz folgte allerdings immer ein stummes Gebet, dass sie selbst nicht so enden möge wie Marcus’ Mutter: ein farbloses, verhuschtes Mäuschen, dünn wie ein Blatt Papier, das sich von ihrem herrischen Ehemann herumschubsen ließ.

Aber natürlich würde sie nicht so enden wie Moira Wayland. In ihren Adern floss kein Tropfen von deren wässrigem Blut. Allerdings gab ihre eigene Mutter ein noch schlechteres Vorbild für ihr zukünftiges Selbst ab. Die Erkenntnis, dass sie in der Lage war, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, unabhängig von den Zwängen ihres Erbguts oder den Erwartungen anderer, war Lara erst vor kurzem gekommen.

»Wie gefällt euch unser kleines Nest?«, wollte Betty von ihr wissen.

»Es ist sehr hübsch hier. Die Hitze ist ein bisschen anstrengend.«

»Es wird bald ein Gewitter geben. Im August herrscht hier ein Wetter wie in Der Sturm. Es wird so heiß, dass man es kaum noch aushalten kann. Dann kommt irgendwann der Regen mit Blitz und Donner, und man kann endlich wieder atmen. Bis das Ganze wieder von vorne losgeht.«

»So mag er fallen«, sagte Lara.

»Nicht schlecht, Lara, Schatz«, sagte Betty mit einem Augenzwinkern. »Aber übertreib es nicht mit Zitaten aus unserem schottischen Stück. Das bringt Unglück. Also, wie ist eure Unterkunft?«

»Ganz in Ordnung«, sagte Lara. »Ein bisschen staubig, aber wir sind gerade dabei, alles gründlich sauberzumachen.«

»Oh«, machte Betty mit einer Spur Enttäuschung in der Stimme. »Wir haben doch vor ein paar Wochen extra zwei Leute damit beauftragt, das Haus zu putzen.«

»Wahrscheinlich setzt sich in einem leerstehenden Haus der Staub einfach schneller ab«, sagte Lara. »Aber eins wollte ich noch fragen: Dürfte ich wohl den Teppich im Flur rausreißen?«

»Teppich?« Betty runzelte die Stirn.

»Den mit dem Fleck? Ich würde ihn gerne wegwerfen.«

»Ich kann mich an keinen Teppich erinnern, Schatz«, gab Betty zu. »Aber die letzten drei Monate war ich so mit Set Me On Fire! beschäftigt, dass ich kaum etwas anderes wahrgenommen habe. Sicher, wenn er Flecken hat, reiß ihn raus, nur zu.« Sie wedelte mit den Fingern in der Luft herum. »Der Besitzer hat gesagt, wir können mit dem Haus machen, was wir wollen.«

»Danke«, sagte Lara. »Und«, sie zögerte einen Moment, »danke für die Blumen. Die sind wunderschön.«

»Blumen?« Betty hob eine perfekt geformte Augenbraue. »Nicht von mir, meine Liebe.«

Lara runzelte die Stirn und wunderte sich.

»Olly, wie hat dir denn unser Musical gefallen?« James stellte einen Ellbogen auf den Tisch, stützte das Kinn in die Hand und rückte Olly auf die Pelle.

»Äh …«, brummte Olly.

»Er fand es großartig!«, sagte Marcus überschwänglich. »Stimmt’s, Junge?«

Olly murmelte seine Zustimmung.

»Und normalerweise hasst er Theater«, fuhr Marcus fort.

Ollys Lippen formten lautlos das Wort »Dünnschiss«. Lara hoffte, dass sie die Einzige war, die es gesehen hatte.

»Wie fühlst du dich nach der kleinen Überraschung gestern Abend?«, wollte Betty von ihr wissen, sobald das restliche Essen da war und Marcus und James sich in ein lebhaftes Gespräch über verschiedene Regie-Ideen für Macbeth vertieft hatten.

»Gut«, sagte Lara. Selbst wenn sie Betty vertraut hätte – und sie wusste nicht genau, ob sie das konnte –, im Moment wollte sie noch nicht darüber reden. Denn dadurch würde sie der ganzen Sache Realität zusprechen, und dazu war sie noch nicht bereit.

»Wann seid ihr noch gleich bei ihm zum Abendessen eingeladen?«

»Heute Abend«, antwortete Lara und fragte sich erneut, wie viel Betty wusste.

»Es ist so schön, alte Freunde wieder zusammenzuführen.« Betty presste die Hände ans Herz.

»Natürlich sind sich June und Brian viel zu vornehm dazu, sich herabzulassen, mit uns ins Diner zu kommen«, ließ Tony am Nebentisch verlauten.

»Wenn ich Sie bitten darf, dieses zersetzende Gerede zu unterlassen, vielen Dank, Mr Marconi.« Betty drohte ihm mit einer rot lackierten Kralle.

»Ich meine ja nur, Betty. Teamgeist sieht anders aus.« Tony senkte den Blick, um seinen tätowierten Bizeps zu bewundern.

»Im Ernst, Hase. Kann man es ihnen verübeln, wenn du zum Mittagessen nichts anderes anzuziehen findest als ein Unterhemd?«

»Miau«, machte der Junge mit den Strubbelhaaren.

»June und Brian tragen diese Inszenierung. Sie brauchen in den Pausen ihre Ruhe«, erklärte Betty mit hochgezogener Braue.

»Und wozu sie die brauchen, das wissen wir ja alle.« Tony zwinkerte Bella ein weiteres Mal zu, woraufhin diese rot wurde.

»Oh, oh, ohhh …« Das Natalie-Wood-Double gab eine langgezogene, opernartige Imitation eines Orgasmus zum Besten.

»Das reicht jetzt, junge Nancy«, sagte Betty. »Wenn es gut genug für Dame Nellie Melba war, dann ist es mit Sicherheit auch gut genug für unsere June.«

»Wer ist Dame Nellie Melba?«, wollte Olly wissen. Selbst wenn er sich an dem Geplänkel hätte beteiligen wollen, wäre er auf verlorenem Posten gewesen. Er verstand kaum ein Wort.

»Erzähle ich dir später«, sagte Lara.

»Sind Sie alle fertig?« Leanne räumte die Teller der Waylands ab. »Hat Ihnen der Makkaronisalat nicht geschmeckt?«

»Er war sehr lecker«, log Lara. »Ich hatte bloß keinen großen Hunger.« Ihr fiel auf, dass auch Olly sein Essen kaum angerührt hatte, was wirklich verwunderlich war. Die Hitze musste ihm auf den Appetit geschlagen sein.

»Das macht doch nichts, meine Liebe«, sagte Leanne. »Also. Kann ich Ihnen noch einen Nachtisch bringen? Wir haben Apfel-, Kirsch- oder Blaubeerpie, wahlweise mit oder ohne Schlagsahne oder Eiscreme. Erdbeer, Schokolade oder Vanille.«

»Trout Island, gib mir fünf!« Tony hob den Arm, und Olly schlug ein.

»Kein Dessert fürs Ensemble!« James erhob sich und klatschte in die Hände. »Ihr habt genau noch zehn Minuten, meine Damen und Herren, bevor es zurück ins Theater geht. Zu Schande oder Ruhm!«

Die Frau mit der ockerfarbenen Schirmmütze ganz hinten stand auf und ging zum Tresen, wo sie ihre Rechnung bezahlte. Lara erhaschte nur einen kurzen Blick auf ihr Gesicht, als sie sich zum Gehen wandte – es wurde größtenteils von der Mütze, einer riesigen Schildpattsonnenbrille und einem braun-türkis gewürfelten Seidentuch verborgen.

»Wer ist das?«, wandte sie sich flüsternd an Betty, als die Frau zur Tür ging.

»Keine Ahnung. Ich sehe sie zum ersten Mal.«

Und doch meinte Lara die Andeutung eines Runzelns auf Bettys Make-up-verkleisterter Stirn wahrzunehmen, während sie der Frau hinterherschaute, bis die gläserne Tür des Diners hinter ihr ins Schloss gefallen war.

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