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Also, morgen Mittag kommt Danny für das Reinigungsritual zu euch. Ich habe Marcus zur Probe bestellt, das heißt, er wird beschäftigt sein und nie davon erfahren. So. Könnte mein kleines Täubchen morgen Abend so gegen fünf zum Proben kommen?«

»James, das ist keine ideale Zeit für einen Jungen in seinem Alter. So spät am Tag ist er nicht gerade in Hochform.«

Lara hörte James am anderen Ende der Leitung seufzen, als wäre dies nur ein weiteres Problem, mit dem er sich herumschlagen musste. Nach der schlaflosen Nacht, die hinter ihr lag, hatte sie für solche Dinge keine Geduld. Jedes Geräusch schien auf einmal etwas Bedrohliches zu haben, ob das hämmernde Gebell eines Hundes jenseits des Hügels hinter dem Haus oder das Knarren der Treppe, das sie um drei Uhr früh aus dem Bett getrieben und dazu veranlasst hatte, mit ihrem Clog als Waffe in der Hand das Haus zu durchkämmen.

»Ich weiß nicht, ob du darüber informiert bist, aber Marcus hat angeboten, ihn zu beaufsichtigen«, fuhr James fort. »Du musst dich also um nichts kümmern. Du hast ein paar Stunden frei. In denen du machen kannst, was du willst.« Eine Stille folgte.

»Okay, pass auf«, sagte sie schließlich. »Ich sehe zu, dass Jack sich morgen früh so richtig verausgabt, damit er einen langen Mittagsschlaf macht. Dann ist er um fünf hoffentlich etwas lebhafter als gewöhnlich. Aber probt nicht zu lange, einverstanden?«

»Danke, meine Liebe. Ich bin mir sicher, dass alles ganz wunderbar funktionieren wird.«

»Bestimmt«, erwiderte sie und legte auf.

Sie starrte noch eine Weile aufs Telefon und spielte mit dem Gedanken, Stephen anzurufen, um sich für Marcus’ loses Mundwerk am Abend zuvor zu entschuldigen und um einfach nur seine Stimme zu hören. Dann, noch während sie davorstand, und als hätte sie es mit der Kraft ihrer Gedanken dazu gebracht, klingelte das Telefon. Sie riss den Hörer hoch und presste ihn ans Ohr.

»Hallo?«, meldete sie sich.

»Freu dich nicht zu früh, ich bin’s nur!«, sagte Gina lachend am anderen Ende.

»Oh. Hi, Gina. Wie geht’s dir?«

»Ich habe gehört, du warst gestern Abend im Zirkus.«

»Du liebe Zeit, wie denn das?«

»Simon hat dich gesehen – erinnerst du dich, der Mann von der Party?«

»Stimmt, ja. Wir sind uns über den Weg gelaufen.«

»War es gut?«

»Es war atemberaubend. Ihr müsst unbedingt hingehen.«

»Tja, mit Bert könnte das schwierig werden. Er mag keine Menschenmengen. Aber apropos Bert: Er schläft gerade, deshalb wollte ich dich fragen, ob du Lust hast, auf einen Kaffee vorbeizukommen?«

»Nichts lieber als das. In zehn Minuten sind wir da.« Die Zwillinge hatten sich noch nicht blicken lassen, und Lara war nicht gerade wohl bei der Vorstellung gewesen, den ganzen Vormittag lang mit Jack wie zwei Zielscheiben im Haus herumzusitzen.

»Na, dann bis gleich.«

»Siehst du, ich habe die Wunde gesäubert, so schlimm ist es gar nicht.« Lara hob ihren Rock, um Gina ihre Knie zu zeigen.

»Das war total verrückt«, sagte Gina. »Du warst so wütend. Und was ich nicht begreife: Warum sollte diese Frau die Sachen fremder Leute aus dem Waschsalon klauen?«

Lara blickte in ihre Tasse und biss erneut von ihrem Kirsch-Walnuss-Keks ab, den Gladys ihr angeboten hatte, bevor sie mit Jack zum Spielen nach oben verschwunden war.

»Und wer war der geheimnisvolle Mann?«, wollte Gina wissen.

»Was?«

»Der Typ, mit dem Simon euch gestern Abend gesehen hat. Er meinte, als er auf euch zugekommen ist, hätte er sich gewissermaßen in Luft aufgelöst.«

»Ach, bloß ein alter Freund, den ich zufällig getroffen habe.«

»Du hast hier einen alten Freund getroffen?«, hakte Gina nach. »Na, das nenne ich aber Zufall.«

»Ja. Kann man wohl sagen«, erwiderte Lara. Sie saßen hinter dem Haus im Schatten. Der Himmel war blau und die Luft überraschend klar. Eine kühle Brise strich an der Seite des Hauses entlang zu ihnen herüber, so dass Lara in ihrer Tasche nach der Strickjacke suchen musste. Sie zog sie an, verschränkte die Arme, lehnte sich zurück und sah den Bäumen dabei zu, wie sie sich im Wind wiegten.

»Ist zu dem Thema noch mehr aus dir herauszubekommen?«, fragte Gina und versuchte, ihr in die Augen zu sehen.

Lara schüttelte den Kopf. Als sie in die freundlichen Augen ihrer Freundin blickte, wäre sie beinahe in Tränen ausgebrochen. »Ich würde es dir so gerne sagen. Aber das geht nicht. Es ist … zu kompliziert.«

»Das macht doch nichts.« Gina legte ihr die Hand aufs Knie. »Du musst es mir nicht sagen, wenn du nicht willst.«

»Ich kann nicht.« Lara zwang sich zu einem Lächeln, obwohl ihre Augen überzuquellen drohten. »Glaub mir, wenn ich es sagen dürfte, wärst du die Erste, die es erfährt.«

»Es hat nicht zufällig mit einem gewissen berühmten britischen Schauspieler zu tun, der ›inkognito‹ da draußen im Wald wohnt?« Gina zeigte in die Richtung, in der Stephens Haus lag.

Hätte Gina ihr eine Ohrfeige verpasst, wäre Laras Entsetzen nicht größer gewesen.

Gina lachte. »Tja, manche Geheimnisse sind eben nicht ganz so geheim, wie die Leute gerne glauben möchten. In Trout Island spricht sich alles schneller herum, als man gucken kann. Es wird zu einem Gerücht, und das Gerücht wird dann immer weiter ausgeschmückt. Mein Haus steht mitten im Zentrum, das bedeutet, ich weiß über alles Bescheid. Denk nur immer daran und sei ein bisschen vorsichtig, ja?«

Lara nickte. Aber was genau meinte Gina damit? Weswegen sollte sie vorsichtig sein? Wegen der Gerüchte oder weil Gina über alles Bescheid wusste?

O nein, dachte Lara, als sie mit Jack durch den Garten zum Haus ging. An der Tür klebte ein an sie adressierter Umschlag.

Vom Rasen aus hielt sie nach unangenehmen Überraschungen wie Tierkadavern oder Fäkalien Ausschau, aber die Veranda war leer. Sie stieg die Stufen hoch und riss den Umschlag von der Tür, als wäre er eine Brennnessel, die man mit festem Griff anfassen musste.

Im Umschlag fand sie, in einer vertrauten Handschrift, bei deren Anblick ihr sofort das Blut in die Wangen schoss, folgende Nachricht vor:

Heute Blaubeeren pflücken? Mit Kindern. Hole Dich um 14.00 Uhr ab. Sx

Sie spürte das altbekannte Flattern in der Magengegend, das Stephen in ihr auslöste. Es war erst halb eins. Wie um alles in der Welt sollte sie es fertigbringen, noch ganze anderthalb Stunden zu warten?

»Mummy, ich bin müde«, sagte Jack. Das war nicht weiter verwunderlich, schließlich hatte er den ganzen Vormittag lang als Ballettschul-Anziehpuppe für Ginas Töchter herhalten müssen, einschließlich Tutu, Rouge und allem, was dazugehörte.

»Warum legst du dich nicht auf die Hollywoodschaukel?«, schlug Lara vor. »Hier draußen ist es schön kühl.«

Sie half ihm dabei, es sich bequem zu machen, und schüttelte die Kissen auf, damit er sich lang ausstrecken konnte. Dann sperrte sie die Haustür auf, betrat den Flur, den Ort des Verbrechens, und rief die Treppe hinauf.

»Bella? Olly?«

Sie bekam keine Antwort. Wahrscheinlich waren die beiden unterwegs. Ein wenig hoffte sie – und sie war nicht gerade stolz darauf –, dass sie nicht rechtzeitig wieder auftauchen würden, so dass sie mit Jack allein zum Blaubeerenpflücken fahren konnte. Er bekam noch nicht so viel mit wie seine älteren Geschwister, und in seiner Gegenwart würde sie sich mehr erlauben können.

In der Küche beseitigte sie die Hinterlassenschaften vom Frühstück, die bewiesen, dass die Zwillinge irgendwann im Laufe des Vormittags ihre Zimmer verlassen und etwas gegessen haben mussten. Dann stieg sie unter die Dusche und zog das neue Kleid an, das sie tags zuvor gekauft hatte.

Ihr fiel ein, dass sie Jack noch das großzügig aufgetragene Make-up vom Gesicht wischen musste, also ging sie hinaus auf die Veranda. Dort angekommen, machte ihr Herz einen Satz direkt in ihre Kehle. Die Hollywoodschaukel war leer. Jack war nicht auf der Veranda, und im Garten war er auch nicht.

»Jack!«, rief Lara und stürzte zurück ins Haus. Dort war er auch nicht. Sie rannte zur Hintertür, um den Garten hinter dem Haus und den Hügel abzusuchen. Sie konnte ihn nirgendwo entdecken.

»Jack!«, schrie sie, als sie durch die Einfahrt ums Haus herum nach vorn lief. Kalte Angst stieg in ihr hoch. Sie hatte ihren Sohn verloren. Er war verschwunden. Jemand hatte ihn entführt. Sie rannte bis zum Gehweg und spähte die Main Street entlang, erst in die eine Richtung, dann in die andere. Abgesehen von einem großen Lastwagen, der langsam auf sie zugerumpelt kam, war die Straße wie immer menschenleer.

Sie musste sich an einer Straßenlaterne festhalten und presste die Stirn gegen das heiße Metall, während sie versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen und das Gewirbel hinter ihren Augen zu stoppen.

»Mummy!«

Ihr Kopf schnellte in die Höhe. Auf der anderen Straßenseite kam Jack den Gehweg entlang in ihre Richtung gerannt. In einer Hand hielt er eine längliche Süßigkeit, in der anderen, so hatte es den Anschein, den verschollen geglaubten Cyrilbär.

»Jack, stopp!«, brüllte sie, gerade als er den Rand der Straße erreicht hatte, die ihn von seiner Mutter trennte. Vor lauter Schreck gehorchte er, und das bewahrte ihn davor, vor einen Laster zu laufen, als dieser mit ohrenbetäubendem Lärm vorbeifuhr.

Lara sah sich nach beiden Seiten um, bevor sie über die Straße und zu ihrem kleinen Sohn rannte, der mit weit aufgerissenen Augen wie festgenagelt auf dem Gehweg stand. Klebriger Zucker und Schminke mischten sich mit Tränen des Schocks, weil seine Mutter ihn angeschrien hatte.

»Was ist denn passiert, Jacky? Wie bist du auf die andere Straßenseite gekommen? Wer hat dir was zum Naschen gegeben?« Sie zog ihm das Bonbon aus den Fingern und schleuderte es von sich, als könnte es jeden Augenblick in seiner Hand explodieren. »Und wo hast du Cyril gefunden?«

Jack holte tief Luft und heulte auf, empört, dass man ihm sein Naschwerk weggenommen hatte.

»Wer war das?«, sagte Lara. Doch sie wusste die Antwort bereits.

»Die Frau«, antwortete Jack. »Die Frau hat mir Cyril wiedergegeben.«

Als sie ihm schließlich die klebrige Schmiere abgewaschen hatte, hatten sich sowohl Lara als auch Jack wieder beruhigt. Sie schärfte ihm ein, dass er niemals und unter keinen Umständen mit einem Fremden mitgehen dürfe.

»Aber das war doch keine Fremde. Das war die Frau.«

»Mit der Frau darfst du erst recht nicht mitgehen«, mahnte Lara. »Die Frau war nicht nett zu uns, hast du das schon vergessen?«

»Aber sie hat mir doch was Süßes geschenkt«, gab Jack zu bedenken.

»Und du darfst niemals etwas Süßes von der Frau oder von einem Fremden annehmen, hast du verstanden?«

Jacks roter Lockenkopf nickte. Unversehrt und sauber, sah er mehr denn je wie eine engelhafte Ausgabe seines Vaters aus. All die guten Eigenschaften vereint, ohne die unangenehmen.

Als Lara den Motor des Wrangler in der Einfahrt hörte, warf sie einen Blick aus dem Schlafzimmerfenster und sah ihn, Stephen, am Steuer sitzen.

»Also, wir sagen Stephen kein Wort von der bösen Frau«, ermahnte sie Jack und tat so, als würde sie einen Reißverschluss über ihrem Mund zuziehen.

Jack nickte und ahmte die Geste nach.

Sie nahm ihn auf den Arm, schnappte sich ihre Tasche und ging nach draußen, um Stephen zu begrüßen.

»Ohne Zwillinge?«, sagte er und stieg aus, um ihr behilflich zu sein.

»Die sind unterwegs.«

»Na gut. Schau dir mal die Delle an.« Stephen deutete auf die Seite seines Wagens. »Ich habe immer noch keine Ahnung, was sich dieser Wahnsinnige dabei gedacht hat. Bei euch war seit gestern alles in Ordnung? Keine seltsamen Vorkommnisse?«

»Doch«, entgegnete Lara. »Ich meine nein, keine.«

»Gut«, sagte Stephen mit leicht gerunzelter Stirn. »Du würdest es mir doch sagen, wenn dich irgendwas beunruhigt, oder?«

»Natürlich«, beteuerte Lara. »Ich hole nur schnell den Kindersitz.« Sie eilte zurück in den Flur. Der Sitz stand noch da, wo sie ihn am Abend zuvor hingestellt hatte. Wie gerne hätte sie Stephen gesagt, was los war. Aber Bettys Worte hallten noch in ihrem Kopf wider.

Wenn Stephen erfährt, dass sie wieder da ist, wird ihn das umbringen.

Lara wollte nicht noch mehr Blut an ihren Händen kleben haben. Außerdem war sie fest entschlossen, dieser Frau auf eigene Faust das Handwerk zu legen, und zwar ein für alle Mal.

»Wo wollen wir denn Blaubeeren pflücken?«, erkundigte sie sich, als sie Trout Island hinter sich ließen.

»Bei mir«, antwortete er. »Auf meinem Land gibt es die besten Blaubeeren.« Er drehte den Song lauter, den er auf seinem iPhone über die Anlage des Wagens laufen ließ. Es war »There is a light that never goes out« von den Smiths. »Weißt du noch?«, fragte er.

Sie sah ihn an und nickte. Es war damals ihr Lied gewesen.

Sie fuhren über den Berg, während Stephen und Lara davon sangen, wie sie von Doppeldeckerbussen überrollt und Seite an Seite sterben würden.

»Das Haus ist wunderschön«, meinte sie, als sie am strahlend weißen Farmhaus mit der spektakulären Aussicht vorbeikamen.

»Die Lage ist zu exponiert für mich«, erwiderte Stephen. »Ich muss im Verborgenen bleiben.«

Sie tauchten wieder in den Wald ein, bis sie an die Zufahrt zu seinem Grundstück kamen. Stephen langte ins Fach in der Fahrertür und nahm ein kleines Gerät mit einem Knopf heraus. Das Tor öffnete sich summend, ließ sie passieren und schloss sich dann wieder hinter ihnen.

»Es ist so schön hier«, seufzte Lara, als sie auf der Lichtung vor seinem Haus anhielten.

»Ja.« Er sah sie an.

Lara stieg aus, um Jack aus seinem Sitz zu helfen. »Schlangen!«, rief der und zappelte, bis sie ihn herunterließ, woraufhin er sofort zielstrebig auf den Holzstapel zuging. Als Jack nicht hinschaute, legte Stephen den Arm um Lara und küsste sie aufs Haar.

»Ich bin so froh, dass du hier bist«, sagte er.

»Ich bin auch froh, dass ich hier bin. Ich freue mich so, dass ich dich wiedergefunden habe. Ich dachte schon –«

»Stephen! Du musst kommen und mit mir nach Schlangen suchen!« Jack kam um die Ecke gerannt, und sie rückten voneinander ab.

»Ich gehe die Ausrüstung fürs Blaubeerpflücken holen«, erklärte Stephen. »Deine Mum kann dir helfen.«

»Na gut. Aber du brauchst einen Stock, Mummy«, sagte Jack.

Sie stocherten gerade im Holzstoß herum, als Lara wenig später Stephens Hand auf der Schulter spürte. »Bitte sehr.« Er reichte ihr und Jack jeweils einen kleinen Weidenkorb.

»Du musst mich tragen!«, verlangte Jack von Stephen und streckte die Arme aus.

Sie machten sich auf den Weg und folgten dem Pfad hinter dem Haus in den Wald hinein.

»Wir könnten auch den Wagen nehmen, aber es ist nicht weit, und es ist so ein schöner Tag«, sagte Stephen.

»Mir ist es recht«, antwortete Lara, während sie durch den sonnengesprenkelten Wald einen steilen Hang erklommen und sich immer weiter vom Haus entfernten. Unterwegs erzählte ihnen Stephen, dass sich an der Stelle einst eine Siedlung befunden habe und dass die dichtbewaldeten Hügel hundert Jahre zuvor noch kahl gewesen seien, weil dort Kleinbauern Landwirtschaft betrieben und der kargen, steinigen Erde mühsam ihren Lebensunterhalt abgerungen hätten. Der Niedergang der zehn Meilen entfernten Eisenbahnstrecke und die Schwierigkeiten, vor die der Boden und die harten Winter die Farmer stellten, hatten die Menschen jedoch dazu gezwungen, die Gegend zu verlassen. Innerhalb weniger Jahrzehnte hatten Bäume und Unterholz wieder die Herrschaft übernommen. Lara dachte daran, wie viel Arbeit es machte, ihren winzigen Garten in Brighton von Unkraut freizuhalten. Wie schnell erst in diesem heißen, feuchten Klima die heimischen Pflanzen wachsen mussten. Sie konnte den Blattranken fast dabei zusehen, wie sie Zentimeter um Zentimeter über den felsigen Boden krochen und den Waldweg von den Menschen zurückeroberten.

Mit jedem Schritt spürte Lara, wie sie sich ein Stück mehr von den Ereignissen der vergangenen Tage erholte. Zu dritt gingen sie der Zukunft entgegen, und während sie vorwärtsschritten, zerrissen die Fesseln der Vergangenheit und Pflicht.

»Wenn man die Augen offenhält, kann man überall noch Überreste der Siedlung entdecken«, erzählte Stephen. »Da.« Er zeigte zu einer von Efeu überwucherten Mauer, die im rechten Winkel zum Weg am Hang entlangführte. »Das ist eine alte Grenzmauer. Wenn man ihr bis über den Hügel folgt, kommt man zu einem verfallenen Haus. Ich kann es euch zeigen, wenn wir mit dem Blaubeerpflücken fertig sind.«

»Klingt gut, oder, Jack?«, fragte Lara. Der kleine Junge nickte. Er hatte den Kopf in die Höhe gereckt und die Arme fest um den Hals des großen Mannes geschlungen. Stephen hielt ihn sicher mit einem Arm, während er gleichzeitig mit Hilfe eines Stocks, den er vom Boden aufgehoben hatte, ein zugewachsenes Stück Pfad von den langen, blättrigen Stielen einer Art Weidenröschen befreite. Wie er so mit Kind und Stock durch den Wald ging, sah Stephen genauso vollständig aus wie auf dem Foto von Dover’s Hill in seiner Nachttischschublade.

»Da wären wir!«, verkündete er, als sie den höchsten Punkt erreicht hatten. Der dunkelgrüne Schein jenseits der Bäume verblasste erst zu einem hellen Limettengrün, dann tat sich das Blau des Himmels auf. Noch ein Schritt, und sie standen auf einer mit Gras bewachsenen Kuppe, auf der Gruppen von Sträuchern wuchsen, die größer waren als Lara und zwischen denen sich schmale Trampelpfade hindurchschlängelten. Sie hingen voller blauvioletter Beeren, die förmlich darum bettelten, gepflückt zu werden.

Jack kletterte von Stephens Arm herunter und rannte auf die Sträucher zu.

»Seht euch nur mal die Aussicht an«, sagte Lara, kletterte auf eine mit Grasbüscheln bewachsene Erhebung und drehte sich im Kreis. Dreihundertsechzig Grad bewaldete Hügel, die ineinander übergingen und sich in der blau schimmernden Ferne verloren. Hätte es die fünf Hochspannungsleitungen nicht gegeben, die auf ihren gigantischen Masten das Land durchschnitten, wäre weit und breit kein Zeichen menschlicher Zivilisation zu sehen gewesen. Zum ersten Mal seit langem hatte Lara nicht das Gefühl, unter Beobachtung zu stehen.

»Nicht schlecht, oder?« Stephen legte ihr eine Hand auf die Schulter und zeigte in die Ferne. »Von da unten sind wir gekommen.«

Lara schloss die Augen und lehnte den Kopf an seine Schulter. »Ich –«

»Schh«, mahnte er und legte ihr einen Finger an die Lippen. »Komm, Jacko, lass uns die Körbe hier vollmachen, dann kann deine Mum dir Pfannkuchen backen.« Er nahm Jack an die Hand und führte ihn auf einem der Trampelpfade tief ins Blaubeerdickicht hinein.

Wie im Traum begann Lara, Beeren von einem Strauch zu pflücken und in ihren Korb zu legen. Hin und wieder schob sie sich versonnen eine Beere in den Mund, zerdrückte sie mit der Zunge und schmeckte ihre mehlig-herbe Süße. Das tiefe Summen umherfliegender Insekten vermischte sich mit dem Zirpen der Grillen, und sie betete, für immer bleiben zu dürfen, hier inmitten der Blaubeersträucher.

»Mummy, schau mal!« Mit dem Korb voller Beeren stolperte Jack hinter einem Strauch hervor und in ihren Tagtraum hinein.

»Das ging aber schnell«, sagte sie und hockte sich neben ihn, um seine Ernte zu begutachten.

»Er hatte ein klein wenig Hilfe.« Lara hob den Kopf und sah Stephen auf sie herabblicken. Sie stand auf und durchbrach so die sonderbare Innigkeit des Augenblicks.

»Ich würde sagen, das reicht fürs Frühstück morgen und vielleicht noch für einen Kuchen«, stellte Stephen fest. »Obwohl ich das Gefühl habe, dass bei deiner Mummy mehr Beeren in den Mund als in den Korb gewandert sind.« Er leckte sich über den Daumen und wischte ihr einen Fleck Blaubeersaft von der Lippe.

»Mummy ist ein Frechdachs«, sagte Jack kichernd. »Kann ich –?«

Ein Knacken im Gebüsch hinter ihnen übertönte den Rest und ließ Lara und Stephen herumfahren. Gut dreißig Meter von ihnen entfernt stand ein drei Meter großer Bär auf den Hinterbeinen und starrte sie aus vor Wut blitzenden Augen an. Er schien über das unerwartete Aufeinandertreffen ebenso erstaunt wie sie.

Jack klammerte sich an Laras Beine.

»Macht keine plötzlichen Bewegungen«, flüsterte Stephen und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. »Stellt euch hinter mich, und egal, was passiert, seht ihm nicht in die Augen.«

»Keine Angst, Jacko. Alles wird gut.« Lara schob Jack hinter sich und bemühte sich, ihn stillzuhalten.

Stephens Warnung folgend, blickte sie zwar in die Richtung des Bären, sah ihn aber nicht direkt an, sondern beobachtete ihn lediglich aus dem Augenwinkel. Trotzdem war nicht zu verkennen, dass er sie hungrig fixierte. Die Insekten waren verstummt, als hätten sie die Spannung zwischen Menschen und Tier gespürt. Obwohl der Bär noch weit entfernt war, wehte sein fruchtiger Geruch in der heißen Nachmittagsluft zu ihnen herüber. Eine scheinbare Ewigkeit lang geschah nichts.

»Hey, Bär!« Stephen streckte ihm die Hand hin, Handfläche nach unten. »Ich werde jetzt mit dem Bär reden, Lara«, sagte er leise und langsam. »Bleib aufrecht stehen und mach dich so groß wie möglich. Denk dran, schau ihm nicht in die Augen, aber sieh auch nicht weg.« Er bewegte langsam die Arme auf und ab und streckte sich. »Der Kerl da«, erklärte er und meinte damit den Bären, »denkt wahrscheinlich, dass wir uns auf seinem privaten Blaubeerfeld befinden. Wir werden ihm zeigen, dass wir ihm nichts Böses wollen, und ihm als Entschuldigung die Beeren dalassen, die wir gepflückt haben.«

»Nein!«, rief Jack. Das plötzliche Geräusch brachte Bewegung in den Bären. Er begann, seinen massigen, pelzigen Körper hin und her zu wiegen, schüttelte den Kopf und brummte.

»Still, Jack«, mahnte Lara und hielt ihn fest gegen ihre Beine gedrückt. »Wir können neue Beeren pflücken.«

»Hier, Bär, nimm die Beeren.« Stephen schüttete seinen Korb vor sich im Gras aus. »Und jetzt ziehen wir uns langsam zurück.« Er bewegte weiterhin die Arme auf und ab, während er vorsichtig ein paar Schritte rückwärtsging und Lara und Jack auf den Pfad zum Haus lotste. Sie waren etwa zwanzig Meter weit gekommen, als der Bär einen Schritt auf sie zumachte.

Lara verbarg das Gesicht an Stephens Rücken und hielt Jack dicht an sich gepresst. Der Bär begann, auf sie zuzutrotten, und wurde immer schneller. Rasch riss Stephen die Arme hoch, stellte sich breitbeinig hin und stieß ein dermaßen lautes Brüllen aus, dass die Bäume im näheren Umkreis davon zu erzittern schienen. Zitternd schmiegte sich Jack an Laras Beine.

Lara fiel das Smiths-Lied aus dem Auto wieder ein. To die by your side …

Stephens Gebrüll ließ den Bären innehalten. Er stellte sich auf die Hinterbeine, während Stephen ihm mit hoch erhobenen Armen gegenüberstand, um so groß wie möglich zu wirken. Die Zeit schien stillzustehen, während Mann und Bär sich gegenseitig musterten. Endlich ließ sich der Bär auf die Vordertatzen fallen. Er begann, die ausgeschütteten Blaubeeren zu beschnüffeln, als wären die drei Menschen Luft.

»Er hat seinen Meister gefunden.« Ein kleines Lächeln umspielte Stephens Lippen. »Er hat verdammt noch mal seinen Meister gefunden.«

Sie zogen sich rückwärts in den Wald zurück. Erst als sie außer Sichtweite des Bären waren, wagten sie es, sich umzudrehen. Stephen nahm Jack auf die Arme.

»Gut gemacht, mein tapferer Kleiner«, lobte er. »Und jetzt müssen wir so viel Lärm machen, wie wir können, für den Fall, dass noch andere Bären in der Nähe sind. Damit sie uns kommen hören. Aber nicht rennen, ganz egal, was passiert.«

Unter lautem Rufen, Johlen und Händeklatschen machten sie sich auf den Weg hinunter zum Haus. Als sie bei der Tür zur hinteren Veranda ankamen, war Lara heiser. Doch zu dem Adrenalin, das ihr vor Angst ins Blut geschossen war, gesellte sich nun das stärkere Hochgefühl, überlebt zu haben.

Stephen schloss die Tür auf und ließ sie eintreten.

»Ich dachte schon, wir wären erledigt.« Er drehte sich zu ihr um und grinste sie an. Sie warf ihm und Jack die Arme um den Hals, und einen Augenblick lang standen sie einfach nur so da und hielten einander fest. Nach einer Weile fing Jack an zu zappeln und schlängelte sich zwischen ihnen hervor.

»Schlangen!«, sagte er.

Die einstündige Suche auf der Wiese hinter dem Haus lieferte reiche Ausbeute: eine einen Meter zwanzig lange schwarze Rattenschlange, von der Stephen behauptete, dass sie so weit nördlich äußerst selten anzutreffen sei. Jack klatschte vor Freude in die Hände, als das Tier den Stock zu würgen versuchte, mit dem Stephen es aufgehoben hatte.

Viel zu früh wurde es Zeit für Lara, wie ein Aschenputtel in ihr schreckliches Haus in Trout Island zurückzukehren, wo sie für alle kochen und putzen musste.

Auf der Rückfahrt nutzte Lara den Motorenlärm des Wrangler und den Wind, der ihnen durchs Haar pfiff, um Stephen von den zwei freien Stunden zu erzählen, die sie am nächsten Abend zur Verfügung haben würde.

»Vielleicht könnte ich dich besuchen kommen?«, schlug sie vor.

Geradeaus blickend, die Hände am Lenkrad, lächelte er. »Das wäre wirklich schön.«

»Warte«, sagte er, als sie vor ihrem Haus aus dem Jeep sprang, und drückte ihr einen Schlüssel in die Hand. »Für die Hintertür«, erklärte er. Dann nahm er ihren Arm und schrieb ihr mit einem Kugelschreiber, den er vom Armaturenbrett genommen hatte, fünf Ziffern auf die Haut.

»Das ist der Code, auf den ich morgen das Tor einstellen werde. Komm einfach, sobald du Zeit hast, und öffne es selbst.«

Lara winkte zum Abschied, dann trug sie Jack und den Kindersitz ins Haus, das noch genauso leer war wie früher am Tag bei ihrem Aufbruch. Bevor sie von einem Bären bedroht und von einem Helden gerettet worden waren.

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