28
Gina sagte, sie habe ein furchtbar schlechtes Gewissen, weil sie Lara die Geschichte des Hauses verraten habe. Um sich zu entschuldigen, nötigte sie sie, zum Mittagessen zu bleiben. Lara rief zu Hause an, um Bella und Olly Bescheid zu geben, dass sie sich selbst versorgen mussten, aber es nahm niemand ab. Wahrscheinlich schliefen sie noch, oder aber sie waren bereits unterwegs. Wie auch immer, sie und Jack würden jedenfalls nicht vermisst werden.
Beim Mittagessen berichtete Lara Gina von ihrer Situation mit dem Auto, woraufhin diese ihr sofort ihren alten Volvo zur Verfügung stellen wollte. »Ich bin nur noch nicht dazu gekommen, ihn zu verschrotten«, erklärte sie. »Er steht bloß rum und nimmt Platz weg. Ihr würdet mir einen Gefallen tun.«
Sie ging mit Lara den kleinen Weg am Haus entlang zur Garage. Das vom Rost zerfressene Wrack war haargenau dasselbe Volvo-Modell wie das, das sie zu Hause in England fuhren. Selbst die Farbe war die gleiche. Der einzige Unterschied bestand darin, dass dieses Auto noch älter war.
»Er gehört euch«, erklärte Gina. »Bitte befreit mich davon.«
Bevor Lara und Jack sich von Gina verabschiedeten, lud diese sie noch ein, am selben Abend mit der ganzen Familie zu einem geselligen Beisammensein an der Feuergrube vorbeizukommen. Zwischenzeitlich war Lara zu dem Schluss gelangt, dass sie aus dem Larssen-Haus ausziehen mussten. Die Geschichte war einfach zu schrecklich. Sie ging beim Theater vorbei, um zu sehen, ob James oder Betty da waren, damit sie sich persönlich mit ihnen über die Sache auseinandersetzen konnte.
Und tatsächlich, James’ kleiner Sportwagen parkte vor dem Gebäude. Lara half Jack die Stufen zur Veranda hinauf und klopfte an die verschlossene Eingangstür.
Fast augenblicklich kam James und öffnete. Er sah erschöpft aus, und seine Augen waren blutunterlaufen.
»Hallo, ihr Lieben.« James küsste Lara auf die Wange. »Was verschafft mir die Ehre?« Eine seiner irritierenderen Eigenschaften war, dass er normalerweise über die Energie eines aufgedrehten Hundewelpen verfügte. Ihn so verhalten zu erleben war geradezu beunruhigend.
»Geht es dir gut?«, erkundigte sich Lara.
»Ach, na ja. Nur ein bisschen im Stress.«
Er ließ sie ein, nahm hinter dem Schreibtisch im Foyer Platz und bedeutete Lara, sich auf den Stuhl gegenüber zu setzen. »Es sind zusätzliche Proben für das Musical anberaumt worden, und dann muss ich mich auch noch um das schottische Stück kümmern. June und Brian haben sich verkracht und reden nicht mehr miteinander – nicht mal auf der Bühne –, und meine Lady McB liegt mir ständig damit in den Ohren, dass ihr die Unterkunft nicht passt. Als hätte ich nicht schon genug am Hals.« Er stand auf, ging zum Küchen-Einbauschrank und füllte einen Wasserkocher. »Aber genug von mir. Was kann ich für dich tun, Lara, Liebes? Kaffee? Pfefferminztee?«
»Pfefferminztee, bitte.« Lara hatte bei Gina schon so viel Kaffee getrunken, dass sie ihr Herz klopfen hörte.
»Na«, sagte James und drehte sich zu ihr um. »Ist das nicht schön.«
»Ich wollte mit dir über das Haus reden«, begann Lara und hörte ihre Stimme im hohen, holzverkleideten Foyer widerhallen. »Mir hat gerade eben jemand erzählt, was dort passiert ist.«
»Ah.« James presste sich die Finger tief in die Schläfen. »Warte eine Sekunde«, bat er und zog einen Korb mit Spielsachen hervor, auf dem Gebrauch NUR für Spiel- und Krabbelgruppe stand.
Jack schlängelte sich von Laras Schoß und nahm Kurs auf die Spielsachen.
»Betty, bist du noch da unten?«, rief James die Treppe hinunter. Er goss zwei Tassen Pfefferminztee ein und brachte sie zum Tisch.
»Ich kann mich einfach nicht losreißen«, sagte Betty, die mit einem Maßband um den Hals die Stufen hinaufkam. »Oh, hallo, Lara, Schatz.« Sie ging zu Lara und küsste sie.
»Sie weiß über das Larssen-Haus Bescheid.«
»Oh«, machte Betty. »Oje.«
»Bevor du noch mehr dazu sagst, Lara«, begann James, »möchte ich, dass du weißt, dass wir keine andere Wahl hatten. Wir stellen grundsätzlich allen unseren Schauspielern eine Unterkunft zur Verfügung, und in Marcus’ Fall bedeutete das, dass wir gezwungen waren, eine komplette Familie unterzubringen, was uns ziemliche Kopfschmerzen bereitet hat. Wir sind darauf angewiesen, dass Leute aus dem Ort uns entweder umsonst oder für sehr wenig Geld Zimmer bereitstellen, und Betty und ich haben Monate im Voraus damit zu tun, alles zu organisieren. Eine Bleibe für euch alle fünf zu finden wäre so gut wie unmöglich gewesen – wenn unser großzügiger Wohltäter nicht gewesen wäre, der das Haus aus dem Larssen-Nachlass gekauft und es uns gestiftet hat. Damit hat er das Problem gelöst, mit dem ihr als Familie uns konfrontiert habt.«
»Aber ihr wisst, was in dem Haus passiert ist?«
»Selbstverständlich wissen wir, was in dem Haus passiert ist«, sagte James.
»Alle wissen das.« Betty setzte sich neben Lara und nahm ihre Hand. »Aber mal ehrlich, Liebes, das ist doch Schnee von gestern.«
»Warum habt ihr uns nichts davon erzählt?«
»Was hätte das genützt?« James gähnte, ließ sich gegen seine Stuhllehne sinken und verschränkte die Hände hinter dem Kopf.
»Aber euch muss doch klar gewesen sein, dass wir es früher oder später rausfinden würden?«
»Ich habe eine Million Dinge um die Ohren, Lara«, rechtfertigte sich James. »Wir sind wohl einfach davon ausgegangen, dass es reicht, wenn wir das Haus ausräumen und gründlich saubermachen. Dass ihr euch einlebt und es euch gemütlich macht, und dass es dann nicht so schlimm werden würde, selbst wenn ihr es herausfindet. Und es ist doch auch nicht so schlimm, oder? Es ist ein wunderschönes Haus. Ich bitte euch ja nicht, für immer dort wohnen zu bleiben, nur für einen Sommer lang. Die meisten Leute wären dankbar«, fügte er hinzu.
»Das ist unnötig, Schatz«, sagte Betty zu James.
»Ich bin einfach nur so erledigt«, erwiderte James und rieb sich die Augen.
»Ich würde sagen, das Haus war weder ausgeräumt noch sauber, als wir angekommen sind«, widersprach Lara und schluckte trocken.
»Das erwähntest du bereits, Liebes. Aber wir haben die Arbeiter angewiesen, es komplett leer zu räumen, bevor sie die Möbel reinstellen. Stimmt’s?« Betty warf James einen Blick zu.
»Es sind lauter unheimliche Sachen im Keller, und dann war da noch dieser widerliche Teppich mit dem Fleck drauf.« Lara wurde ganz schlecht bei dem Gedanken daran.
Erneut ein Blick von Betty zu James. »Ich wünschte, du hättest noch mal alles überprüft.«
»Schließlich habe ich ja noch nicht genug zu tun«, sagte James, stand auf und marschierte quer durch den Raum.
»Ich nehme mal an, ihr könnt uns nicht irgendwo anders unterbringen?«, vermutete Lara.
James lachte.
»Es ist nur – ich kann den Gedanken an all das Leid nicht ertragen. Das arme Mädchen.«
»Mädchen? Sie war jenseits der vierzig, als man sie gefunden hat«, entgegnete James.
»Ach, James, darum geht es doch gar nicht«, sagte Betty und tätschelte Laras Hand. »Schütte Tante Betty dein Herz aus.«
»In dem Haus herrscht eine ganz schreckliche Atmosphäre.« Lara rieb sich den Nacken und erschauerte. Die Klimaanlage im Theater war zu hoch eingestellt. Sie wünschte, sie hätte eine Jacke mitgebracht, aber angesichts der Hitze draußen war sie gar nicht auf die Idee gekommen.
»Sag mal, was ist denn mit Danny?«, fragte Betty James.
»O Gott, Betty.« James verdrehte die Augen und ließ den Kopf in die Hände sinken.
»Danny?« Lara schaute Betty fragend an.
»Danny kann dir mit dem Haus bestimmt helfen. Er ist ein ganz wunderbarer Mann. Er lebt ganz in der Nähe. Ein Ältester des Seneca-Stammes.«
»Behauptet er jedenfalls von sich«, warf James ein. Er nahm die Teebecher und trug sie zur Spüle.
»Und er vollzieht ein ausgezeichnetes Reinigungsritual«, fuhr Betty fort, ohne sich um James zu kümmern.
»Reinigungsritual?«
»Er verbrennt Salbei und chantet dabei. Das reinigt einen Ort von bösen Geistern und negativer Energie. Es wirkt ganz fantastisch. Seine Familie lebt schon seit Urzeiten hier auf diesem Land, und die Kunst wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Danny hat es für uns gemacht, kurz nachdem wir das Theater übernommen hatten. Ich war mir nämlich ganz sicher, dass wir einen Geist im Keller hatten. Ich habe es nicht eine Minute lang alleine da unten ausgehalten. Und jetzt ist es praktisch mein zweites Zuhause.«
»Gib mir Kraft«, murmelte James und ließ das Wasser in der Spüle aufspritzen. »Betty, Schatz, in zehn Minuten fängt die Probe an. Bist du bereit?«
»Ich bin immer bereit, James«, antwortete Betty. Sie beugte sich zu Lara und nahm erneut ihre Hand. »Ich rede mit Danny und sage ihm, es sei dringend. Bestimmt hilft er euch gern.«
Was blieb Lara übrig? Eigentlich hasste sie solchen Hokuspokus – violette Esoterikläden mit ihren Kristallen und Duftstäbchen. Aber vielleicht konnte dieser Danny ja tatsächlich helfen. Schließlich hatte sein Volk in der Gegend gelebt, lange bevor dort die ersten Häuser gebaut worden waren. Vielleicht konnte er seinen Salbei auch über ihr verbrennen, um den Bann zu brechen, mit dem Stephen sie belegt hatte, damit alles wieder klar und einfach wurde.
»Ich werde es mit ihm probieren. Aber sagt Marcus nichts davon, sonst macht er sich nur über mich lustig.«
»Na, dann wäre das ja geklärt«, sagte James, der bereits im Flur stand und mit seiner Körpersprache zum Ausdruck brachte, dass die Unterredung nun zu Ende war. »Tut mir leid, falls du geglaubt hast, wir wollten euch hinters Licht führen.«
»Nein –«
»Aber ich hoffe, dass du die Sache auch von unserer Warte aus betrachtest.«
»Natürlich«, bestätigte Lara.
Sie brachte Jack dazu, sich vom Spielzeugkorb zu trennen, indem sie ihm ein Eis am Stiel in Aussicht stellte. Als sie ihn endlich losgeeist hatte und sich mit ihm auf der Hüfte umdrehte, sah sie, dass James und Betty nebeneinanderstanden und sie liebreizend anlächelten.
»Na los.« Betty knuffte James in die Seite.
»Ich hätte da eine Rolle für unseren kleinen Jack«, sagte James. »Falls er gerne sein Schauspieldebüt geben würde.«
»Rolle?«
»Wir brauchen noch ein süßes kleines Mäuschen für die Macduff-Szene«, klärte Betty sie auf. »Glaubst du, er hätte Lust?«
»Was meinst du dazu?«, wandte sich Lara an Jack, der sie mit verständnisloser Miene ansah. »Ich glaube, das müsst ihr mit seiner Agentin besprechen.«
»Hallo? Ist da Jacks Agentin am Apparat?« Betty hielt sich einen imaginären Telefonhörer ans Ohr. »Hätte Ihr Klient eventuell Interesse an einer kleinen Rolle in der Trout-Island-Theatre-Produktion von Macbeth?«
»Schottisches Stück!«, quiekte James laut, so dass Jack vor Schreck zusammenfuhr. Er steckte den Daumen in den Mund und starrte James mit weit aufgerissenen Augen an.
»Ups. Dann müssen wir Danny wohl gleich noch mal kommen lassen.« Betty zwinkerte Lara zu.
»Ich bespreche das kurz mit meinem Klienten«, sagte Lara in ihr eigenes Telefon, um Jack abzulenken, dessen Unterlippe bedrohlich zu zittern begonnen hatte. »Jack, hättest du Lust, mit Daddy zusammen in Daddys Stück aufzutreten?«
Den Daumen nach wie vor im Mund, sah Jack zu ihr auf und nickte, dass seine roten Locken wippten.
»Mein Klient würde Ihr Angebot gerne annehmen«, verkündete Lara in ihren Hörer und dachte an die vielen freien Stunden, die sie damit gewinnen würde.
»Hervorragend! Was sind Ihre Bedingungen?«, wollte Betty wissen.
»Wir pfeifen auf irgendwelche Bedingungen. Sorg einfach dafür, dass Danny vorbeikommt.« Lara legte auf.
»Nun. Dann ist ja alles ganz wunderbar«, schloss James. »So, ihr zwei Hübschen. Wenn ihr nichts dagegen habt, muss ich jetzt zu meiner Probe.«
»Und ich in meinen Garten«, sagte Betty.
»Ich habe ihr den Nachmittag freigegeben«, erklärte James. »Ich kann mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, wieso.«
Er brachte sie noch zur Tür.
Als sie ins Freie traten, sahen sie Marcus. Er saß mit dem Rücken zu ihnen auf der Veranda auf einem Plastikstuhl. Ihm zugewandt saß eine braungebrannte Frau mit langen honigfarbenen Haaren, die ihm einen Arm um den Nacken gelegt hatte.
»Entweibt mich hier«, sagte sie gerade zu Marcus, während er ihr eine Zigarette anzündete. Ihr Blick brannte sich in sein Gesicht. »Füllt mich vom Wirbel bis zum Zeh randvoll mit wilder Grausamkeit –«
Als sie Lara bemerkte, verstummte sie, hob den Kopf und lächelte, so dass Marcus’ Feuerzeug nutzlos in der Luft schwebte.
Marcus drehte sich um und sah seine Frau und seinen Sohn. »Oh, hi.« Er schnippte seine eigene Zigarette in einen Feuereimer neben seinem Stuhl. »Wir fragen uns gerade gegenseitig unseren Text ab. Lara, das ist Selina Mountford, meine Lady McB. Selina, das ist Lara, meine Lady Wayland. Und das ist Jack, ein Kind, dessen Kopf nicht an die Wand geschmettert ward.«
»Freut mich.« Selina streckte sich über Marcus hinweg, um Lara die Hand zu schütteln.
»Gleichfalls«, sagte Lara, während sie daran denken musste, wie schön diese Selina war. Und hatte sie Marcus nicht mit dem Arm gestreift, als sie sich vorgebeugt hatte? Bahnte sich zwischen den beiden womöglich etwas an?
Man konnte es nur hoffen.
Lara und Jack überquerten gerade die Main Street, als Seans Nissan vor ihnen am Straßenrand hielt. Bella kurbelte die Scheibe herunter, und Takte einer wunderschönen Unplugged-Musik entschwebten in die warme Luft.
»Hey, Mum. Wo warst du?«
»Fast überall«, antwortete Lara.
»Hallo, Mrs Wayland«, sagte Sean.
»Sag ruhig Lara zu mir, Sean. Was habt ihr zwei denn vor?«
»Schwimmen gehen«, erwiderte Bella. »Zum Abendessen bin ich wieder da.«
»Sei brav«, bat Lara. Das Auto fuhr wieder an und war bald in der flimmernden Hitze verschwunden.
»Das sagt die Richtige, Miz Wayland.« Eine schleppende Stimme hinter ihr ließ sie zusammenzucken.
Sie wirbelte herum und sah Stephen in seiner Verkleidung als Sam. Er stand direkt hinter ihr.
»Wo kommst du denn so plötzlich her?«, fragte sie, während sich ihr anfänglicher Schreck in pures Glücksgefühl verwandelte.
»Ich kam gerade hier vorbei, Ma’am.«
»Ich habe dich gar nicht gesehen.«
Lächelnd wies Stephen auf eine Bank, die halb hinter den Zweigen eines Baums verborgen war. »Da habe ich gesessen und die Zeit vertrödelt.«
Jack streckte ihm die Arme entgegen, damit er ihn hochhob.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte Stephen und nahm Jack auf den Arm.
»Ja«, antwortete Lara. »Wieso?«
»Du wirkst ein bisschen verstört.«
»Ach. Es ist nichts.« Lara schwirrte der Kopf, weil sie kaum noch wusste, mit wem sie worüber reden durfte. »Ich habe bloß gerade einige Dinge über das Haus erfahren, in dem wir wohnen.«
»Wirklich? Was denn?«
»Das kann ich dir nicht sagen. Nicht vor –« Sie zeigte auf Jack, der zu sehr damit beschäftigt war, Stephens Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, als dass er zugehört hätte, was seine Mutter redete. »Ein andermal, wenn wir unter uns sind.« Sie lächelte zu ihm auf und spürte, wie die Welt um sie herum zu schwanken begann.
»Ich freue mich schon darauf.« Er erwiderte ihren Blick.
Sie schüttelte den Kopf und rieb sich die Augen. »Ach, verdammt, ich habe das mit den Schlössern ganz vergessen.«
»Schlösser?«
»Wir haben keine Schlösser an den Türen, und ich würde gerne welche anbringen lassen. Ich wollte James und Betty darauf ansprechen.«
»Schlösser sind immer gut. Ich bin ein großer Freund von Sicherheit.«
»Das ist mir aufgefallen. Obwohl ich natürlich nichts Hochkompliziertes verlange, so wie bei dir. Und die Kellertür muss auch verriegelt werden. Marcus hatte versprochen, sich darum zu kümmern, aber …« Sie beendete den Satz nicht, weil es ihr wie Verrat vorkam, vor Stephen schlecht über Marcus zu sprechen.
»Wenn Marcus das gesagt hat, wird er es mit Sicherheit auch tun«, sagte Stephen und legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Wie auch immer«, fuhr er fort. »Ich bin froh, dass wir uns getroffen haben. Ich wollte dich nämlich fragen, ob du und die Kinder vielleicht Lust hättet, mit mir das hier anzuschauen.« Er hielt fünf Eintrittskarten in die Höhe. »Das ist eine Zirkusvorstellung – eine moderne, Gott sei Dank, im traditionellen Zirkus hier gibt es sogar noch Tierdressuren. Die Vorstellung wäre in einem kleinen Ort etwa eine halbe Stunde südlich von hier. Morgen Abend. Unbedingt sehenswert.«
»Und was ist mit Marcus?«, fragte Lara.
»Oh, die Vorstellung fängt um sieben Uhr an, da ist er noch auf der Probe.«
»Wie schade.« Lara lächelte.
»Ja, schade.«
»Wir kommen sehr gern.«
»Großartig.« Er steckte die Eintrittskarten wieder weg. »Dann komme ich so gegen fünf bei euch vorbei und hole euch ab. Wir können unterwegs essen gehen.«
Er stand da und lächelte sie an, während Jack an seiner Perücke zog. Irgendwo ganz in der Nähe sang eine Zikade. Selbst in seiner merkwürdigen, fast schon grotesken Verkleidung kam Stephen ihr wie etwas ganz Besonderes und Kostbares vor, etwas, das ganz ihr gehörte. Sie streckte die Hand aus und schob seine Pilotensonnenbrille nach oben, damit sie ihm in die Augen sehen konnte. Sekundenbruchteile bevor Jack auffallen konnte, dass etwas Merkwürdiges zwischen ihnen vorging, hatte sie sich auf die Zehenspitzen gestellt und ihn auf die Wange geküsst. Es war eine Geste, mit der sie den intimen Moment zugleich beendete und besiegelte.
»Du testest die Grenzen aus«, meinte er. »Gefällt mir.«
»Dann sehen wir uns morgen«, sagte sie, und ihre Stimme verhakte sich ein wenig dabei.
»Muss ich wirklich so lange warten?« Er gab ihr Jack zurück.
Lara und Jack gingen weiter die Main Street hinunter. Kurz bevor sie den Dorfladen erreicht hatten, in dem sie Jack sein Bestechungs-Eis kaufen wollte, drehte Lara sich um und sah zu der Stelle zurück, wo sie kurz zuvor gestanden hatten. Stephen hatte sich noch nicht bewegt. Er schirmte die ungeschützten Augen vor der Sonne ab und sah ihr nach.