23
Um halb zehn war die Familie Wayland wieder bei ihrem Haus in Trout Island angelangt, wo Hund sie auf dem Rasen erwartete. Marcus nahm Jack an der Hand und machte einen großen Bogen um das Tier und seine Allergene. Als Lara die Haustür öffnete, wehte ihr süßlich faulige Luft entgegen. Sie war so warm, als hätte man eine Ofentür aufgemacht. Der Gestank im Haus schien schlimmer denn je.
Mit Ausnahme von Bella, die nach oben rannte, um sich umzuziehen, waren alle Familienmitglieder aus dem einen oder anderen Grund ziemlich niedergeschlagen. Olly schnappte sich seine Gitarre und ließ sich im stickigen Wohnzimmer auf die Couch fallen, wo er einen traurigen Beirut-Song anstimmte. Jack trottete kraftlos herum und klagte über die Hitze.
»Ich geh zur Tankstelle und hole ein paar Cola light«, verkündete Marcus und nahm sich einen Zehndollarschein aus Laras Geldbeutel. Seine Lieblingskur gegen einen Kater bestand aus zwei Ibuprofen, die er mit einem Schluck des »scheißefarbenen Nektars«, wie er es nannte, herunterspülte.
Lara streifte die Clogs von den Füßen, setzte sich frische Kontaktlinsen ein, gab Jack seine Malbücher und ging dann in die Küche, um für Hund eine Schüssel Wasser zu holen. Sie wollte gerade barfuß über den Fußboden laufen, als sie sah, dass er mit Glassplittern und Rotweinspritzern bedeckt war. Marcus musste sich gestern vor der Abfahrt ein Glas eingegossen haben – womöglich, um sich Mut anzutrinken? –, dann hatte er es halb voll stehen lassen, und irgendwie war es heruntergefallen. Und jetzt musste sie sauren Wein, Glassplitter und eine Ameisenstraße beseitigen. Auf Zehenspitzen umrundete sie die Sauerei und holte Kehrblech und Handfeger.
Als sie in die Hocke ging, um die letzten Scherben aufzufegen, tauchte Bella im Durchgang zur Küche auf. In ihrem gestreiften Trägerkleid aus Jersey und Flipflops sah sie so hübsch aus, dass es Lara ein wenig eng in der Kehle wurde. Sie hatte sich die Kameratasche über die Schulter gehängt und die Sonnenbrille oben auf den Kopf geschoben, so dass sie ihr das Haar aus dem Gesicht hielt.
Lara stand auf und drückte ihre Tochter. Sie musste sich ein bisschen strecken, um sie zu umarmen. Es war ein komisches Gefühl, als würde sich das Blatt wenden.
»Pass auf dich auf, Bell«, bat sie.
»Seufz«, machte Bella und verdrehte die Augen.
»Ich meine damit nur, du sollst deinen Kopf und dein Herz nicht verlieren. Dich vorsehen.«
»Ich gehe schwimmen, Mutter. In einem Teich. Es sind keine Waffen im Spiel.«
»Du weißt, was ich meine.«
»Gott, Mum. Lass es doch einfach mal gut sein«, sagte Bella, klang dabei aber so gutmütig, dass Lara das Gefühl hatte, ihr gefahrlos einen Kuss auf die Wange geben zu können. »Zum Abendessen bin ich wieder da.« Bella wischte sich die Stelle ab, wo Laras Lippen sie berührt hatten. Lara trat in den Durchgang, um ihr nachzusehen, als sie durchs Wohnzimmer ging. Ihr kurzes Kleid schwang hin und her und gab den Blick auf ihre perfekt geformten Beine frei.
»Sei vorsichtig, Bella«, sagte Olly in der tiefen Flüsterstimme, mit der er immer dann sprach, wenn er mütterliche Besorgnis nachahmen wollte. Dann legte er die flache Hand über die Gitarrensaiten und warf ihr einen Blick zu, der ganz und gar nicht mütterlich war.
»Halt die Fresse, Olly«, blaffte Bella zurück. Dann schlüpfte sie zur Tür hinaus und war fort.
»Ich neige ja dazu, ihr zuzustimmen«, sagte Lara.
»Gott noch mal«, erwiderte Olly und beugte sich wieder über seine Gitarre, um einen weniger ruhigen Song zu spielen.
Es war ein Beweis für Jacks hohe Konzentration beim Malen oder aber dafür, dass solche Szenen für ihn mittlerweile zum Alltag gehörten, dass er während des gesamten Wortwechsels nicht mit der Wimper zuckte.
Während Lara nun endlich die Wasserschüssel für den armen geduldigen Hund fertig machte, überlegte sie, dass sie vielleicht doch noch einen Versuch unternehmen sollte, mit Olly zu reden. Sie trug die gefüllte Schüssel gerade durchs Wohnzimmer, als Hunds wütendes Gebell sie zusammenfahren ließ. Wasser schwappte über Stephens Hemd, das sie nach wie vor nicht ausgezogen hatte. Ihr Leinenoberteil hatte sie bei ihm gelassen, und sie fragte sich, ob es immer noch in Vanish einweichte. Falls ja, dann war mittlerweile bestimmt auch das letzte bisschen Farbe herausgesogen.
»Kannst du mal nachsehen, was da los ist?«, bat sie Olly, bevor sie zurück in die Küche ging, um das Hemd auszuwringen.
»Scheiße, Mann.« Olly warf seine Gitarre hin, fuhr in die Höhe und ging zur Tür. »Alter«, hörte Lara ihn kurz darauf in gänzlich verändertem Tonfall sagen. Auf die Begrüßung folgte das Aufeinanderklatschen junger Männerhände. Als sie ins Wohnzimmer zurückkam, spähte sie in den Flur. Im Türrahmen standen krumm zwei Gestalten mit Baseballkappen und auf halbmast sitzenden Hosen.
»Was geht ab, Mann?«, fragte einer von ihnen.
Olly warf einen Blick über die Schulter zurück und wandte sich dann wieder seinen Besuchern zu. Ihre Stimmen senkten sich zu einem leisen Gemurmel, als er sich gegen den Türrahmen lehnte und irgendetwas mit ihnen besprach. Lara spitzte die Ohren, konnte aber nicht hören, was sie sagten.
»Wartet kurz«, sagte Olly schließlich und kam zurück ins Wohnzimmer. Lara huschte in die Küche. Sie wollte nicht, dass er dachte, sie hätte ihn belauscht.
»Hey, Mum.« Ollys Stimme hatte einen merkwürdigen Einschlag – schon jetzt hörte man einen leichten amerikanischen Akzent. »Ich zieh mit den Jungs los. Cool?«
»Äh, okay. Cool.« Sie ging in den Flur, damit er ihr die »Jungs« vorstellte, aber noch ehe sie dort ankam, war Olly seinen neuen Freunden bereits auf die Veranda gefolgt und hatte die Tür so heftig hinter sich zugeknallt, dass die farbverklebten Fensterrahmen wackelten und der Modergestank des Hauses sie anwehte.
Sie sah zu, wie die drei über die Main Street davonschlenderten, bevor sie Hund endlich sein Wasser gab. Danach ging sie zurück ins Wohnzimmer, ließ sich auf die Couch fallen und schloss die Augen. Wenigstens hatten sie beide hier schon Freunde gefunden, dachte sie. Immerhin. Dann wanderten ihre Gedanken von ihren Kindern zu dem, was sich am Abend zuvor zwischen ihr und Stephen abgespielt hatte, und ihr lief ein Schauer über den Rücken. Sie musste es vergessen. Sie hatte ihn abgewiesen, und er hatte sich entschuldigt. Ende der Geschichte.
Es war einfach nicht fair, dass sie und Stephen sich hier wiedergefunden hatten. Von allen Streichen, die das Schicksal ihr hätte spielen können, war das der hinterhältigste.
Ein Schatten fiel über sie.
»Cola?«
Sie machte die Augen auf und sah Marcus vor sich stehen, der ihr eine eisgekühlte rotsilberne Dose hinhielt.
»Ich habe dich gar nicht reinkommen hören.«
»Ich gebe mir Mühe, ein bisschen leiser zu sein. Ich weiß ja, wie sehr dich mein Herumgepolter nervt. Und im Haus schallt es so.«
»Was für eine Ehre.« Lara nahm die Dose von ihm entgegen. »Es ist stickig hier drin, findest du nicht auch?«
»Warum gehen wir nicht ein bisschen raus, solange Jack mit seinen Malbüchern beschäftigt ist? Vorne weht ein angenehmer Wind.«
»Okay.« Sie hielt ihm eine Hand hin, damit er ihr aufhalf.
»Stephen hatte recht«, sagte Marcus und sah sie an.
»Womit?« Sie wandte sich ab, um die Röte zu verbergen, die ihr in die Wangen gestiegen war.
»Die Farbe steht dir wirklich gut.«
»Hach, ist das nicht schön?«, sagte Marcus, als sie sich auf der Hollywoodschaukel ausstreckten. Er schwang die Beine hoch, um sie auf ihren Schoß zu legen. Hund saß auf dem Rasen und sah zu ihnen empor.
»Braver Junge«, lobte Lara.
»Ich will ihn nicht im Haus haben«, erklärte Marcus.
»Keine Sorge. Platz, Junge«, befahl Lara. Hund machte sich lang, legte sich hin und ließ den Kopf auf die Vorderpfoten sinken. »Bist du schon dazu gekommen, dich wegen einem Auto zu erkundigen?«
»Ich habe rumgefragt. Noch nichts Konkretes.«
»Irgendwas müssen wir unternehmen«, sagte sie, obwohl sie ganz genau wusste, dass es an ihr hängenbleiben würde.
Sie saßen da, schaukelten in der Hitze und nippten an ihren Coladosen.
»Ob wir uns je an diese stickige Luft gewöhnen werden?«, fragte sie. Eine neue Dunstglocke hatte sich über den frischen, vom Gewitter gereinigten Tag gesenkt. Lara fühlte, wie ihr dort, wo das Gewicht von Marcus’ Beinen auf ihr lastete, der Schweiß die Kniekehlen herunterlief. Jede Pore in seinem Gesicht war gerötet, groß und glänzte.
»Wann fängst du heute an?«, wollte sie von ihm wissen.
»Um zwei. James und Betty haben gesagt, dass sie einen freien Vormittag brauchen, bevor sie sich ins nächste Projekt stürzen. Es ist nur eine Leseprobe und die Präsentation der Kostüme und des Bühnenbilds. Nichts Anstrengendes, Gott sei Dank.« Marcus trank den letzten Tropfen Cola und zerquetschte die Dose in der Faust.
»Eine Premiere, und gleich danach gehen die Proben für die nächste Inszenierung los. Das ist ganz schön viel Stress für sie, findest du nicht?«
»Nur während der Sommermonate. Den Rest der Zeit wursteln sie einfach so vor sich hin.«
Sie saßen nebeneinander, schwangen gemächlich hin und her und sahen zu, wie auf der menschenleeren Straße nichts passierte. Hund, der eingeschlafen war, wälzte sich winselnd herum.
»Könntest du so weit draußen leben?«, fragte Marcus. »So wie er?«
»Ich weiß nicht.« Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Auge. »Ich glaube, so ganz allein wäre das nichts für mich. Ich hätte viel zu viel Angst.«
»Soll ich dir ein Geheimnis verraten?« Marcus nahm die Hände hinter den Kopf und streckte sich. »Als ich ihn auf der Party wiedergesehen habe, war ich im ersten Moment so eifersüchtig, dass ich dachte, ich komme mit der Situation gar nicht klar.«
Lara hielt den Atem an. »Wie meinst du das, eifersüchtig?«
»Auf seinen Erfolg. Er hat’s bis ganz nach oben geschafft und ich nicht.«
Erleichtert wollte Lara widersprechen, aber er hob die Hand, um ihr Einhalt zu gebieten.
»Das ist die Wahrheit. Ich arbeite, verdiene dabei aber kaum genug zum Leben, und niemand ist so vernarrt in mich, dass er mich stalken würde. Aber weißt du was? Ich mag den Kerl. Das war mir total entfallen, weil ich ihn so lange nicht gesehen hatte. Ich mag ihn wirklich gerne.«
»Das ist gut«, sagte Lara.
»Und in gewisser Weise tut er mir auch leid. Mag sein, dass er einer der größten Stars von ganz Hollywood ist, aber er hat nicht halb so viel wie ich. All das hier hat er nicht.« Absurderweise zeigte Marcus dabei auf das Haus. Trotzdem wusste Lara, was er meinte.
»Ich habe lange gebraucht, um das zu begreifen, aber eigentlich bin ich viel, viel besser dran als Stephen Molloy.« Marcus nahm ihre Hand. »Außerdem«, setzte er hinzu und rieb mit dem Finger auf eine Art über ihre Handfläche, die sie ganz und gar unangenehm fand. »Wer weiß? Wenn mein Agent alle Register zieht, so wie wir es vor unserer Abreise besprochen haben, kommt ja vielleicht tatsächlich einer der großen Caster aus Manhattan hier hoch, sieht mich als Mr Mack und sagt: ›Das ist genau der rothaarige Scheißer, nach dem wir gesucht haben.‹«
Trotz des Gewichts, das auf ihrem Herzen lastete, lachte Lara.
»Ich habe bei dem Job hier einfach ein gutes Gefühl. Die Hauptrolle im schottischen Stück! So viel großartiger Text. Vielleicht bekomme ich alles mit Sahnehäubchen und einer Kirsche obendrauf. Man kann nie wissen.«
»Man kann nie wissen …«, sagte sie. Ihr Blick schweifte zu einem Fluchtpunkt weit hinten am Ende der Main Street. Das immerhin musste man Marcus zugutehalten: Sein Optimismus ließ ihn nur selten im Stich.
»Mummy, mir ist langweilig.« Jack kam auf die Veranda getrottet. »Ich hab Hunger.«
»Dann mache ich mich jetzt mal an meinen Text.« Marcus schwang seine Beine von Laras Schoß und griff nach seiner Tasche, die noch auf der Veranda lag, wo er sie bei ihrer Ankunft hatte fallen lassen.
Lara stand auf und ließ sich von ihrem jüngsten Sohn zurück in die Küche ziehen.