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Marcus’ Probe dauerte wieder mal länger, deshalb hatte er Bella gesagt, sie solle sich eine Peperoni Spezial aus dem Pizzaladen holen. Wenigstens war sie so dazu gezwungen gewesen, ihr Zimmer zu verlassen, und nach dem Spaziergang hatte sie sich nicht mehr ganz so sehr wie der wandelnde Tod gefühlt. Aber wirklich nur ein bisschen.

Dass ihre Mutter oben bei Stephen Molloy festsaß, war ein einziger Mist. Ihr Dad war zu sehr mit seinen Proben beschäftigt, um einkaufen zu gehen oder zu kochen. Und was Olly anging – den konnte man sowieso abhaken. Obwohl sie die meiste Zeit in ihrem miefigen Zimmer im Bett verbracht hatte, hatte sie den Verdacht, dass ihr Bruder, dieser Freak, seit mindestens zwei Tagen nicht mehr nach Hause gekommen war. Wahrscheinlich rannte er irgendwo im Wald herum, warf sich Drogen ein und brachte kleine Tiere um. Na ja, sie konnte nur froh sein. Je länger er wegblieb, desto besser.

Wenigstens hatte sie Jack nicht am Hals. Ihre Mutter war seit mittlerweile drei Nächten weg, und er hatte während der ganzen Zeit bei Gina geschlafen.

Als sie zum Haus zurückkam, sah sie den Hund an seinem angestammten Platz auf dem Rasen sitzen. Seit ihre Mutter weg war, hatte er fast ständig da gehockt.

»Na, Junge?«, sagte sie und ging zu ihm, um ihm den Kopf zu streicheln. Er blickte mit seinen schwermütigen, seelenvollen Augen zu ihr auf. Der Inhalt ihrer großen, fetttriefenden Pizzaschachtel hatte sein Interesse geweckt.

Sie ging ins Haus, klappte die Schachtel auf und riss zwei Pizzastücke ab. Das erste trug sie mit fettigen Fingern nach draußen und warf es dem Hund hin, der es mit zwei gierigen Happen verschlang. Dann ging sie zurück nach drinnen, schaltete den Laptop ihrer Mutter ein und machte sich daran, das andere Stück zu essen. Es war die erste Mahlzeit, die sie seit Ollys Überfall auf Sean zu sich nahm. Ihr war es irgendwie unanständig vorgekommen zu essen. Appetit hatte sie nach wie vor keinen, aber sie war so hungrig, dass sie das Gefühl hatte, als würde sich ein Teil ihres Körpers vom Rest ablösen.

Das MacBook Pro ließ seine charakteristische Begrüßungsmelodie hören, und Bella tippte das Passwort ein, von dem ihre Mutter glaubte, es wäre geheim. Sie startete Safari und loggte sich auf ihrer Facebook-Seite ein, um zu sehen, was ihre Freunde zu Hause in England so trieben. Als sie die von Blitzlicht erhellten, verwackelten Fotos ihrer Altersgenossen sah, wie sie auf Strandpartys durcheinandertorkelten oder in Glastonbury Helium aus Gasballons inhalierten, bekam sie Heimweh. Sie war so weit weg von allem, was sie kannte und liebte.

Sie überflog ihre privaten Nachrichten und löschte rasch eine erbärmliche kleine Pinnwandnotiz von Jonny, Ollys Lockspitzel, der schrieb, wie schlecht es ihm gehe, weshalb sie sich nicht gemeldet habe und dass Brighton ohne sie total öde sei.

Scheiß auf ihn!, dachte sie.

Dann ging sie den Rest der Nachrichten durch.

Sie wünschte, sie hätte mit Sean reden können. Bei ihrem einzigen anderen Ausflug ins Freie war sie sogar an seinem Haus vorbeigegangen, aber dann hatte sie an die Stimme seiner Mutter gedacht und war zu feige gewesen, die Stufen zur Haustür hochzusteigen. Sie hatte seinen Namen auf Facebook gesucht, ihn aber nicht gefunden. Es war, als wäre er komplett aus ihrem Leben gelöscht worden.

Wahrscheinlich ist es auch besser so, dachte sie trübsinnig.

Sie las und löschte mehrere Einladungen zu Partys, auf die sie nicht würde gehen können, sowie die knappe, anklagende Nachricht ihrer Freundin Kat, die wissen wollte, was zum Geier mit ihr los sei. Die letzte Nachricht hatte den Betreff Sieh mal einer an und kam von jemandem mit dem Benutzernamen Dein Freund. Überzeugt, dass es sich um Spam oder irgendein langweiliges Spiele-App handelte, wollte Bella sie schon ungeöffnet in den Papierkorb befördern.

Doch dann biss sie stattdessen von ihrer Pizza ab und klickte die Nachricht an.

Sie enthielt mehrere, aus derselben Perspektive aufgenommene Fotos von ihrer Mutter und Stephen Molloy, wie sie auf der Veranda seines Hauses standen. Mit gerunzelter Stirn beugte Bella sich näher zum Bildschirm. Im ersten Foto standen die beiden mit dem Rücken zur Kamera dicht nebeneinander in der Nähe der Tür. Im zweiten hatte Stephen ihrer Mutter eine Hand ins Kreuz gelegt und drehte sie so, dass ihre Gesichter voll zu sehen waren. Stephen zeigte auf etwas.

Als sie das dritte Bild anklickte, wurde der Pizzabissen in ihrem Mund zu einem dicken teigigen Klumpen.

Ihre Mutter hatte die Hand in Stephens Nacken gelegt und zog ihn zu sich herab. Auf dem vierten Bild küssten sie sich – und nach den umfangreichen Erfahrungen, die Bella in der letzten Zeit damit gesammelt hatte, wusste sie sofort, dass dies kein Kuss zwischen Freunden war. Das letzte Foto schließlich zeigte ihre Mutter und Stephen eng umschlungen. Stephen hatte die Hand unter Laras Top, direkt auf ihrer Brust.

Das Erste, was Bella machte, nachdem sie sich etwas gesammelt hatte, war, den Link anzuklicken, der sie zur Seite von Dein Freund führte. Aber dort gab es nichts zu sehen. Dein Freund hatte sein Profil für alle Benutzer gesperrt, die nicht seine – oder ihre – Freunde waren. Und darauf legte Bella nun wirklich keinen gesteigerten Wert.

»Halloo!« Ein Klopfen an der Hintertür. »Jemand zu Hause?«

Bella saß regungslos da und starrte das leere Facebook-Profil an, während wie bei einem Tetris-Spiel die Teile der Wahrheit Stück um Stück an ihren Platz rückten.

Sie hörte, wie das Fliegengitter der Hintertür aufgezogen wurde und dann zuschnappte.

»Bella? Lolly?«, rief Jack. »Wo seid ihr denn?«

»Vielleicht sind sie unterwegs«, sagte Gina, als Jack sie hinter sich her ins Wohnzimmer zog. Sie trug wie immer den klammernden Bert auf dem Arm.

Bella knallte den Laptop zu und sah auf, gerade als die drei eintraten.

»Bella!« Jack kam auf sie zugerannt und schlang ihr die Arme um die Beine, als wäre er am Ertrinken und sie eine Rettungsinsel.

»Oh, hi, Bella«, sagte Gina. »Du warst so leise.«

»Ich hab ein paar E-Mails geschrieben«, erwiderte Bella. »Tut mir leid, ich war mit den Gedanken ganz bei –« Sie machte eine Handbewegung in Richtung des Computers.

»Du brauchst dich doch nicht zu entschuldigen«, sagte Gina. »Jack hatte nur ein bisschen Heimweh, deshalb dachte ich, wir machen mal einen kurzen Spaziergang hierher, um ihm zu zeigen, wie nah es von uns zu euch ist.«

»Ganz nah«, bestätigte Jack und nickte.

»Tom und ich haben nämlich überlegt«, fuhr Gina fort, »ob wir euch nicht vielleicht irgendwie dabei helfen können, eure Mutter zurückzuholen. Marcus hat uns von dem Baum erzählt. Aber ich will dir nichts vormachen.« Gina setzte sich neben Bella und legte ihr eine Hand aufs Knie. »Ich weiß, wohin sie unterwegs war und mit wem sie sich treffen wollte.«

»Ach ja?«, sagte Bella mit piepsiger Stimme.

»Ich hatte einen Informanten.« Gina deutete mit dem Kopf auf Jack.

»Ich hab Gina erzählt, dass Stephen mit uns in den Zirkus gegangen ist«, erklärte Jack und strahlte Bella voller Stolz an. »Und von dem Bären.«

»Ach, Jack.« Bella schlug sich die Hand vor den Mund.

»Keine Bange, Liebes. Ich wusste ohnehin schon fast alles. Mir entgeht nicht viel von dem bisschen, was hier in Trout Island so passiert.«

»Oh.«

»Jack, mein Mäuschen, könntest du mir vielleicht ein Glas Wasser holen?«, bat Gina ihn. »Ich habe ganz großen Durst.«

Jack war sichtlich stolz, mit so einer Mission betraut worden zu sein. Er nickte und marschierte in Richtung Küche davon.

Gina senkte die Stimme. »Tom hat heute Nachmittag auf der Heimfahrt von der Arbeit einen Umweg gemacht, um sich die Sache mit dem Baum auf der Straße anzusehen. Wir dachten, vielleicht könnten wir helfen. Jack vermisst natürlich seine Mommy.«

»Ja«, sagte Bella. Sie ahnte schon, was als Nächstes kommen würde.

»Es gibt keinen Baum«, formte Gina lautlos mit den Lippen.

Bella nickte und schloss die Augen. »Und warum sagen Sie mir das alles?«

»Ich will mich nicht einmischen«, sagte Gina, was Bella ein bisschen stark fand. »Deswegen bin ich auch nicht gleich zu deinem Dad gegangen. Aber eins will mir nicht in den Kopf: Wie kann eine Mutter, ganz egal, was sie sonst noch am Laufen hat, ihr kleines Kind so lange alleinlassen? Und so wie ich deine Mom kenne, passt das ganz und gar nicht zu ihr.« Gina lehnte sich zurück und sah Bella in die Augen. »Wenn du die Wahrheit wissen willst: Ich mache mir ein bisschen Sorgen um sie.«

»Aber was soll ich denn tun?«, fragte Bella. Einen Moment lang spielte sie mit dem Gedanken, Gina die Fotos zu zeigen, aber sie schämte sich zu sehr. Sie wollte mit alldem nichts zu tun haben.

»Pass auf. Dein Freund Sean hat doch ein Auto, oder? Könntet ihr nicht rauffahren und sagen, ihr wärt gekommen, um zu sehen, ob ihr irgendwie helfen könnt? Und dabei hättet ihr bemerkt, dass der Baum schon weggeschafft worden sei? Nur um rauszufinden, was los ist.«

»Aber …« Bella konnte Gina unmöglich von der Sache mit Sean erzählen. Einige Dinge in Trout Island gab es nämlich doch, über die sie nicht Bescheid wusste. Zum Beispiel, dass ihr Bruder ein sadistischer Psycho war.

»Ich würde ja selbst hinfahren, aber ich habe die Kinder. Und eigentlich dürfte ich von der ganzen Sache auch gar nichts wissen. Falls es wirklich harmlos ist, wäre es eine Katastrophe, wenn ich plötzlich vor der Tür stehe. Ich kümmere mich auch solange um Jack. Bitte, Bella. Ich bin zu dir gekommen, weil deine Mutter gesagt hat, du seist die Vernünftige von euch zweien. Könntest du nicht hinfahren und nachsehen, ob es ihr gutgeht?«, bat Gina. »Ich habe da so ein komisches Gefühl …«

»Bitte, Gina«, sagte Jack, der mit dem Wasser hereinkam. Er war sehr vorsichtig, schaffte es aber trotzdem, mehr als die Hälfte des Wassers zu verschütten, bevor er Gina erreicht hatte.

»Kann ich … kann ich bitte mit Sean sprechen?«, sagte Bella, während sie sich das altmodische Kabel des Harold-Pinter-Telefons um den Finger wickelte.

»Bist du das Mädchen aus England?«, wollte seine Mutter wissen.

»Bitte, ich muss wirklich dringend mit ihm sprechen …«

Seine Mutter legte auf.

Sie stand vor Seans Haus und wartete darauf, dass jemand auf ihr Klopfen reagierte. Irgendwann hörte sie lederne Absätze über Holz klackern. Die Tür wurde geöffnet, und eine Woge kühler, nach Bienenwachs duftender Luft strömte ins Freie.

»Ja?« Eine kleine, rundliche Frau in einem graugewürfelten Kleid füllte den Türrahmen aus.

»Mrs McLoughlin? Ich muss mit Sean sprechen.«

»Meinst du nicht, dass es dafür ein bisschen zu spät ist?«, fragte seine Mutter. Sie war eine streng aussehende Frau mit kurzen grauen Haaren und einer Lesebrille, die ihr vorn auf der Nasenspitze saß. Bella erinnerte sich daran, dass Sean gesagt hatte, sie sei Buchhalterin und arbeite von zu Hause aus. Was bedeutete, dass sie ihren Wachtposten niemals verließ.

Bella ergriff die Hand der Frau.

»Bitte«, sagte sie. »Es ist dringend.«

»Ich kann dich nicht zu ihm lassen.« Ihre Stimme klang abgehackt und rau. »So schäbig, wie du ihn behandelt hast. In einer einzigen Woche, junges Fräulein, hast du aus meinem Sohn einen –«

»Mom, ist schon gut.« Sean war hinter seiner Mutter im schwach beleuchteten Flur aufgetaucht. »Lass mich mit ihr reden.«

Seine Mutter drehte sich um, sah zu ihm auf, dann zurück zu Bella.

»Wenn du –«, drohte sie Bella.

»Danke, Mom«, sagte Sean. »Ich regle das schon.« Er hielt mit dem Arm die Haustür auf, so dass seine Mutter darunter hindurchgehen konnte. Noch einmal schaute sie kopfschüttelnd zu ihm hoch. Sean kam auf die Veranda und schloss die Tür hinter sich.

Sie standen da und starrten sich an. Bella schloss die Augen. Tränen liefen ihr übers Gesicht. Sean trat auf sie zu und schlang die Arme um sie.

»Du hast mir so gefehlt«, flüsterte er in ihr Haar. »Als du nicht ans Telefon gegangen bist, dachte ich, du willst mich nicht mehr sehen, weil du mich für einen Schwächling hältst.«

»Ich hab mich bloß so geschämt«, gab sie zu.

»Ich mich auch«, gestand er lachend, und seine Stimme klang ganz wacklig.

»Und ich wollte Olly nicht noch mehr Gründe liefern, dir weh zu tun.«

»Wir dürfen nicht zulassen, dass er gewinnt, Bella.«

»Was hast du denn gemacht?«, fragte Bella, »als du an dem Tag nach Hause gekommen bist?«

»Mich ins Bett verkrochen und mir die Decke über den Kopf gezogen. Zum Glück war Mom für ein paar Tage in New York, und ich hatte Zeit, mich wieder auf die Reihe zu kriegen. Sie weiß nichts. Niemand weiß was. Sie glaubt, du hättest mir einfach nur das Herz gebrochen. Nur!«

»Warst du nicht im Krankenhaus? Ich dachte –«

»Was hätte ich denen denn sagen sollen?«

»Und wie geht’s dir jetzt?«

»Ich hab immer noch Schmerzen. Mit Advil geht’s einigermaßen. Aber bald bin ich wieder der Alte.«

»Gott sei Dank.«

Erst nachdem sie ihr Gesicht eine Weile an seiner Brust vergraben und ihn fest im Arm gehalten hatte, fiel ihr wieder ein, weshalb sie eigentlich gekommen war.

»Sean, du musst mir helfen.« Sie sah zu ihm auf.

»Was hat er jetzt wieder angestellt?«, fragte Sean, und sein Kiefer spannte sich an.

»Es hat nichts mit Olly zu tun.« Bella zeigte ihm die Wegbeschreibung, die sie und Gina mit Hilfe deren Ortskenntnis und Google Earth zusammengeschrieben hatten. »Es ist wegen Mum und Stephen Molloy.«

Hund kam gemächlich die Main Street entlanggetrottet und setzte sich, als sie auf ihn zufuhren, direkt vor ihrem Wagen auf den von der Hitze aufgeworfenen Asphalt.

»Verrückter Köter«, sagte Sean und trat auf die Bremse.

»Er will mitkommen«, glaubte Bella, stieg aus und öffnete die hintere Tür. Hund kam um den Wagen herumgelaufen, sprang auf die Rückbank und setzte sich mit Blick nach vorn wie ein ungeduldiger VIP, der darauf wartet, dass sein Chauffeur endlich losfährt.

»Je mehr wir sind, desto besser«, war Bella überzeugt.

Hundert Meter weiter mussten sie erneut anhalten, diesmal wegen der Baustellenampel. Während sie warteten, lief Gladys vor ihnen auf die Straße. Sie trug den verängstigten, weinenden Jack auf dem Arm.

»Jack?«, rief Bella und streckte den Kopf aus dem Fenster.

»Bella!« Jack reckte ihr die Arme entgegen.

»Bella, bist du das? Dem Himmel sei Dank«, sagte Gladys in vollendeter Nachahmung der Ausdrucksweise ihrer Mutter. Sie war blass um die Nase und keuchte heftig. Sie hatte sichtlich Mühe, Jack zu tragen, der zwar mehrere Jahre jünger war als sie, aber fast genauso schwer.

»Was ist denn?« Bella sprang aus dem Auto und befreite das Mädchen von seiner Last.

»Ethel ist aus dem Baumhaus gefallen, und jetzt ist ihr Arm ganz verdreht, und der Knochen guckt raus, und sie schreit wie eine Bekloppte. Mommy hat gesagt, ich soll zum Theater gehen und Jack zu seinem Vater bringen, weil wir in die Notaufnahme müssen, aber da ist niemand.«

»Die Hauptdarsteller sind heute zur Kostümanprobe in der Stadt«, erklärte Sean, der nun ebenfalls ausstieg. »Deswegen hab ich auch den Nachmittag frei.«

»Ich nehme ihn. Geh du ruhig zurück zu deiner Mutter«, sagte Bella.

»Danke, du Gute«, rief das kleine Mädchen, dann rannte sie zurück zu ihrem Haus.

»Und was mache ich jetzt?« Mit Jack auf dem Arm wandte Bella sich an Sean.

»Dann kommt er eben mit.«

»Aber wir haben keinen Kindersitz. Mum rastet aus.«

»Irgendwie hab ich das Gefühl, dass das die geringste ihrer Sorgen sein wird, wenn sie uns sieht.« Sean öffnete die hintere Tür, damit Bella Jack ins Auto setzen konnte.

»Hundi!«, rief Jack, dessen Miene sich beim Anblick seines Reisebegleiters augenblicklich erhellte. Hund wandte den Kopf und schleckte Jack zur Begrüßung flüchtig über die Wange. Dann drehte er sich wieder nach vorn.

Die Ampel schaltete auf Grün, und Sean ließ den Motor an. Gerade als er losfahren wollte, sahen sie das türkisfarbene Cabrio, das ihnen auf der Main Street langsam entgegenkam. Es musste am anderen Ende der Baustelle das Rotlicht überfahren haben.

»Ach du Scheiße«, sagte Sean. Bella nahm seine Hand.

Vorn im Wagen saßen Aaron und Kyle. Hätte sie nicht solche Angst gehabt, hätte Bella lachen müssen, so groß war ihre Ähnlichkeit mit Dick und Doof. Als sie an ihnen vorbeifuhren, zielte Aaron, der am Steuer saß, genüsslich mit einem imaginären Gewehr auf Sean und drückte ab. Im Schneckentempo rollte der Wagen an ihnen vorüber.

»Was Olly wohl dazu sagen wird, Kyle?«, sagte Aaron in einer grotesken Frauenstimme.

»Ich möchte es mir gar nicht vorstellen«, lispelte Kyle zurück.

»Ich glaube, wir werden ihm sagen müssen, was seine ungezogene kleine Schwester so treibt …«

»Das wird ihm nicht gefallen.«

»Aber so gar nicht.«

Sie ließen den Motor zweimal aufheulen, dann brauste der Wagen davon. Sean legte die Stirn gegen das Lenkrad. Nach einer Weile atmete er tief durch, warf Bella einen Blick zu und lächelte.

»Kein Weglaufen mehr. Das Schlimmste an der ganzen Sache war für mich, dass ich mich nicht gewehrt habe. Das wird mir nicht noch mal passieren.«

Bella beugte sich zu ihm und küsste ihn. Dann gab er Gas, und sie machten sich auf den Weg die Main Street entlang zu Stephens Haus, das jenseits der Berge mitten im Wald lag.

»Und überhaupt, was regen wir uns so auf?«, sagte Bella. »Sie wissen ja gar nicht, wo wir hinwollen.«

Erst als sie schon zu weit von Trout Island entfernt waren, um noch etwas daran zu ändern – sie fuhren gerade an dem Haus mit dem Teich vorbei, das ihrer Mutter so gefallen hatte –, dämmerte es Bella.

Trotz des Schocks und der Verwirrung wegen der Fotos von ihrer Mutter mit Stephen hatte sie darauf geachtet, sich bei Facebook auszuloggen. Das machte sie immer, schon aus Gewohnheit, denn wenn sie es vergaß, ging Olly auf ihre Seite und schrieb unter ihrem Namen irgendwas Versautes oder Peinliches. »Frape« nannte man das. Aber hatte sie auch das Fenster geschlossen, in dem Stephens Haus auf Google Earth zu sehen war? Gina hatte ihr genau gezeigt, wie sie die Adresse finden konnte, die angeblich auf Google gar nicht existierte. Falls sie, wie sie befürchtete, die Seite wirklich offen gelassen hatte, dann war es ein Irrtum zu glauben, dass Olly nicht wusste, wohin sie unterwegs waren. Im Gegenteil: Er wusste es sogar sehr genau.

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