22
Bella hatte es Alice Neel zu verdanken, dass sie von deformierten Frauen träumte, die sich Babys über die faltigen Schultern warfen, und von Zwillingen mit Speckrollen wie Luftballons, die sich auf einem zerknitterten Bettüberwurf wälzten. Immer wieder rissen die grellen Blitze sie halb aus dem Schlaf, und ein unablässiges Grunzen und Scharren draußen unter ihrem Fenster bescherte ihr eine schlaflose Stunde, während der sie mit der Bettdecke über dem Kopf dalag und sich einzureden versuchte, dass es nur ein Tier aus dem Wald war, kein Psychopath, der gerade die Hauswand zu ihrem Zimmer hochkletterte.
Die Krönung ihrer lausigen Nacht war, dass sie um fünf Uhr früh aufwachte. Sie lag im wässrigen Morgenlicht und fand keinen Schlaf mehr, weil sie Angst hatte, nicht rechtzeitig für ihre Verabredung mit Sean nach Trout Island zu kommen. Sie wusste nicht mehr genau, ob es während dieses frühmorgendlichen Dösens war oder vorher, dass sie auf dem Flur vor ihrem Zimmer Schritte hörte.
Um acht lockten köstliche Düfte sie schließlich aus dem Bett und nach unten in die Küche, wo Stephen mit dem Rücken zu ihr in Joggingshorts und engem T-Shirt am Herd stand.
»Morgen«, grüßte sie. Stephen zuckte zusammen.
»Entschuldige«, sagte er. »Du hast mich erschreckt.«
»Riecht gut.«
»In der Kanne ist Tee.« Er deutete zur Kücheninsel, wo eine große, bauchige Teekanne mit einem gestrickten Teekannenwärmer stand. »Ich habe nie diese amerikanische Angewohnheit übernommen, den Tag mit Kaffee zu beginnen. Ich brauche immer zuerst meine PG Tips.«
»Danke.« Bella goss sich Tee in einen der handgetöpferten Becher, die er bereitgestellt hatte.
»Du bist die Erste«, sagte Stephen und wandte sich wieder seiner Bratpfanne zu, in der, wie Bella nun sah, dicke Pfannkuchen lagen. »Nach mir natürlich. Ich gehe gerne ganz früh joggen, bevor es zu heiß wird.«
»Mum joggt auch.«
»Wirklich? Das ist neu.«
Einen Augenblick lang konnte Bella gar nicht glauben, dass sie hier in Stephen Molloys Küche stand, während er Frühstück machte. Obwohl er alt genug war, um ihr Vater zu sein, schwärmten sie und ihre Freundinnen alle für ihn. Anders als ihr Vater achtete er auf sein Äußeres. Er hatte nicht mal den Ansatz eines Bierbauchs wie viele andere Männer in seinem Alter, und seine Schultern waren so muskulös wie die von Sean.
Aber andererseits war es ja auch sein Job, sich fit zu halten. Im Gegensatz dazu war ihr Vater eher ein Charakterdarsteller, deswegen waren Äußerlichkeiten bei ihm nicht so wichtig. Und nur mal angenommen, Marcus wäre so gut aussehend wie Stephen – wäre es nicht, gelinde gesagt, ziemlich peinlich, wenn all ihre Freundinnen auf ihren Dad stehen würden? Nein, sie war froh, dass sie so einen angenehm durchschnittlichen Vater hatte.
»Hast du in der Nacht das Stachelschwein gehört?«, erkundigte sich Stephen. »Es kommt immer und nagt am Verandapfosten genau unter deinem Fenster. Veranstaltet einen Riesenkrach.«
»Das war es also«, sagte Bella. »Ich dachte, Stachelschweine gibt’s nur in Afrika.«
»Ja. Tut mir leid, ich habe vergessen, dich vorzuwarnen.«
Bella kletterte auf einen der Barhocker an der Kücheninsel. »Das Essen riecht super.«
»Ich dachte, ich mache euch allen ein großes amerikanisches Frühstück.« Stephen hielt inne und lächelte sie an. »Gott, du bist wie deine Mutter.«
»Hab ich schon öfter gehört«, erwiderte Bella und fühlte sich ein bisschen verlegen. »Kanntet ihr euch früher gut?«
»Ja.« Er wandte sich wieder dem Herd zu, nahm die Pfannkuchen aus der Pfanne und goss neuen Teig hinein. »Ich habe sie kennengelernt, als sie mit Marcus gerade frisch verheiratet war. Sieh mal.« Er streute eine Handvoll Blaubeeren auf die Teigkleckse. »Frische Eier, heute Morgen gelegt, daraus macht man die besten Pfannkuchen; ein paar Beeren für die süßherbe Note. Ich habe sie vorhin auf der Lichtung hinter dem Hügel gepflückt.« Er deutete mit dem Pfannenwender aus dem Fenster. »Auf Ahornholz geräucherter durchwachsener Speck, knusprig gebraten, wie es sich gehört, und das Ganze garniert mit einem Klecks schaumig gerührter Butter und meinem Ahornsirup.«
»Wow«, sagte sie. »Wenn ich die ganze Zeit so was esse, bin ich so breit wie ein Haus, wenn wir abreisen.«
»Das wage ich doch stark zu bezweifeln«, gab er zurück und musterte sie von oben bis unten.
»Morgen.« Bellas Mutter erschien auf dem mittleren Treppenabsatz. Sie sah alt aus an diesem Morgen – ihre Augen waren blutunterlaufen und verquollen, und ihre Stimme klang kratzig. Kater, mutmaßte Bella. Ihre Eltern hatten sich am Abend ordentlich was in den Kragen gegossen.
»Oh, hi.« Stephen sah lächelnd zu ihr auf, und eine Sekunde lang fragte sich Bella, ob er früher vielleicht auf ihre Mutter gestanden hatte. Aber sie verwarf die Idee sofort wieder. Ihre Eltern waren damals schon verheiratet gewesen. Das hatte er eben selbst gesagt.
»Haben wir wieder Strom?«, fragte Lara.
»Alles wieder in Ordnung«, sagte Stephen. »Gibt es ein Lebenszeichen von den anderen?«
»Ich muss um zehn zurück sein, nicht vergessen«, erinnerte Bella ihre Mutter.
»Jack ist wach, er ist bei seinem Vater im Schlafzimmer. Das heißt, es fehlt nur noch Olly.«
»Nimm dir einen Tee, Lara. Er ist noch ziemlich frisch«, sagte Stephen.
Lara goss sich einen Becher ein und ging zum geöffneten Fenster im Essbereich, wo sie tief einatmete. »Es ist so frisch draußen nach dem Regen. Und nicht mehr ganz so warm, oder bilde ich mir das nur ein?«
»Es wird sich schnell genug wieder aufheizen«, erklärte Stephen.
Lara drehte sich um und schenkte Bella ein heiteres Lächeln. »Wie wäre es, wenn ich hochgehe und Olly wecke, und danach können wir zwei draußen einen kleinen Spaziergang machen. Ein bisschen frische Luft schnappen.«
»Okay.« Bella zuckte mit den Schultern. Ihre Mutter schien Mühe zu haben, auch nur einen Moment still zu stehen.
»Sag den dreien oben, dass es in einer halben Stunde Frühstück gibt«, bat Stephen, als Lara die Treppe hinaufging. »Ich muss noch mehr Pfannkuchen backen, aber im Ofen halten sie sich gut warm.«
Bella sah ihm bei der Arbeit zu. »Wird es dir gar nicht einsam hier draußen?«
»Manchmal schon«, gestand er. »Aber nach L. A. ist das eine ganz willkommene Abwechslung.«
»Aber da drüben muss es doch toll sein.«
»Glaub mir, Bella. Es ist der reinste Wahnsinn.« Er lächelte sie an. »Im guten wie im schlechten Sinne. Ständig steht man im Rampenlicht, und alle wollen etwas von einem.«
»Also, mir würde das ganz gut gefallen.«
»Nein. Glaub mir.«
Bella musterte ihn. Sie wollte ihm noch mehr Fragen zu seinem Leben in L. A. stellen – wen er kannte, was er machte, wo er hinging. Und sie brannte darauf, Einzelheiten über seinen Zusammenbruch und die Sache mit der Stalkerin zu erfahren. Aber die Themen waren ihr zu persönlich. Sie war nicht wie Olly.
»Allerdings«, fuhr Stephen fort, »freue ich mich unheimlich, dass ihr den Sommer über hier seid. Es wird toll, mit euch und eurer Mum einfach mal ganz normale Sachen zu unternehmen. Hier gibt es jede Menge zu tun, wenn man sich ein bisschen auskennt. Ich kann euch die Gegend zeigen.«
»Klingt gut«, sagte Bella. Sich von einem Filmstar die Gegend zeigen zu lassen wäre wirklich toll. Allerdings fragte sie sich, wie er das bewerkstelligen wollte, ohne dabei seine Tarnung aufzugeben.
»Das war ein hartes Stück Arbeit«, verkündete Lara, als sie wieder nach unten kam. »Als müsste man jemanden von den Toten aufwecken. Komm, Bell.« Sie hakte sich bei ihrer Tochter unter. »Geh mit mir nach draußen.«
»Bis später«, sagte Stephen, als sie zur Hintertür hinaustraten.
»Du musst mich führen«, sagte Lara. »Ich war nicht auf eine Übernachtung eingestellt, deswegen habe ich weder meine Brille noch ein frisches Paar Kontaktlinsen mit.«
Die Sonne hatte das feuchte Grün bereits erwärmt und hüllte alles in einen feinen Nebel. Wie in der Dampfsauna im Prince-Regent-Bad, fand Bella. Der schwere Geruch nasser Erde lag in der Luft, und die Insekten begannen ihr Konzert für den neuen Tag.
»Das Gras ist so hart«, stellte Lara fest. »Ganz anders als das moosige Gras bei uns.«
Sie schlenderten zum Gemüsebeet in einem von der Sonne beschienenen Flecken am Rande des Rasens.
»Schau dir mal die Zucchini an.« Bella bückte sich und schob eine gesprenkelte Frucht beiseite, die von einem haarigen Blatt halb verdeckt wurde. An ihrem Ende saß eine eben verwelkte gelbe Blüte. »Da sind ja Tausende.«
»Das nenne ich Überfluss«, sagte Lara. »Und sieh mal, da – sind das Basilikum und Tomaten? Wir sollten uns wirklich um einen Schrebergarten bemühen, wenn wir wieder zurück sind.«
»Aber erwarte nicht, dass ich dir helfe«, verkündete Bella. »Ich mach mich nicht gerne dreckig.«
»Aber es ist doch eine schöne Vorstellung, findest du nicht? Selbst etwas anzubauen?«
Bella sah ihre Mutter an und bemerkte, dass ihr eine Träne auf der Wange glitzerte. »Alles klar bei dir?«
»Ja, ja. Bloß die Hormone.« Lara zupfte ein Basilikumblatt ab und rollte es zwischen ihren Fingern, bevor sie es sich unter die Nase hielt. »Was hast du denn so Wichtiges vor, dass wir um zehn zurück sein müssen?«
»Ich treffe mich mit jemandem.«
»Mit diesem netten Jungen von der Party?«, fragte Lara, als sie über den Rasen zu einer Gartenbank weiterschlenderten, vor der eine Feuerschüssel stand.
»Ja.«
»Und wo wollt ihr hin?«
»Schwimmen.«
»Wo denn?«
»Bei seinem Cousin.«
»Wie schön.« Lara ließ sich auf der Bank nieder. »Ist das weit weg?«
»Keine Ahnung.« Bella setzte sich neben sie.
»Fahrt ihr mit dem Auto?«
»Kann schon sein.«
»Dann sag ihm, er soll vorsichtig fahren. Und wenn er etwas trinkt, steigst du nicht bei ihm ein.«
»Mum …«
»Ich meine es ernst. Du bist eine kostbare Fracht.«
Das sagte sie immer.
»Und –«, fuhr Lara fort.
»Und, was?« Langsam hatte Bella genug.
»Und er soll gut auf dich aufpassen. Und mach keine Dummheiten.«
»Ich kann selbst auf mich aufpassen, Mum.«
»Natürlich kannst du das. Ich habe in deinem Alter genauso gedacht. Trotzdem war ich durchaus in der Lage, Fehler zu machen. Und ich habe welche gemacht, glaub mir.«
Bella stand auf, hob einen Stock auf und stocherte damit in der Asche der Feuerschüssel herum. Sie war noch feucht vom Regen und roch wie eine verkohlte Hausruine, die von den Schläuchen der Feuerwehrleute durchtränkt worden war.
»Lass dir einfach nicht den Kopf verdrehen, Bell, okay?«
»Komm, wir gehen wieder rein.« Bella schleuderte den Stock in den Nebel. Er wirbelte durch die Luft und landete schließlich mit einem Peitschenknall im Gras bei den Bäumen.
»Ich bleibe noch ein bisschen hier draußen«, sagte Lara. »Ruf mich, wenn das Essen fertig ist. Und hilf Stephen beim Tischdecken oder so, ja?«
»Das musst du mir nicht erst sagen, Übermutter.«
»Ich weiß.«
Bella ließ ihre Mutter auf der Bank zurück. Sie saß vornübergebeugt, zog das Hemd, das Stephen ihr geliehen hatte, um sich, als fröre sie, und blickte auf die Stelle, wo das Feuer gewesen wäre, wenn es gebrannt hätte. Sie war irgendwie komisch heute Morgen. So pingelig. Es ging Bella auf den Geist, dass sie sie nicht einfach in Ruhe lassen konnte. Sie war fast siebzehn, verdammt noch mal. Wenn sie jetzt nicht in der Lage war, auf sich selbst aufzupassen, würde sie es nie sein.
Sie ging zurück ins Haus, um dem Filmstar dabei zu helfen, den Tisch zu decken und sein Frühstück aus Pfannkuchen und Speck zu servieren.