40

Lara öffnete ein Auge und versuchte, das Kopfkissen zu fokussieren. Jeder Teil ihres Körpers schmerzte.

Während sie sich zusammenreimte, wo sie war und was passiert war, flackerten durch ihren Kopf unbewusst wahrgenommene Bilder – Stephens leuchtendes Gesicht über ihr, vielleicht von unten von einer Kerze beleuchtet. Sie sah orange, sie sah rot. Sie sah ihn aus nächster Nähe, wie eine Eule oder einen Hund.

Dann sah sie sich selbst von oben, wie ihr ganzer Körper durchgerüttelt wurde, als wäre sie eine schlaffe Puppe. Ein Band, das in das Fleisch ihres Arms schnitt; Rosenblätter, die an ihrem Gesicht klebten. Der Duft, der Gestank von Rosen und fauligem Rosenwasser, der ihr durch die Haut bis in die Knochen drang.

Sie bewegte sich vorsichtig auf der Matratze. Stephens schlafschwerer Arm lag auf ihr.

Sie fasste ihn am Handgelenk und befreite sich vorsichtig aus der Umarmung, wobei sie achtgab, ihn nicht zu wecken. Dann schwang sie die Beine herum und setzte sich auf der Bettkante auf. Ihr Kopf tat weh, und sie musste dringend auf die Toilette, aber noch stärker war der Schmerz zwischen ihren Beinen und an den Hinterseiten ihrer Oberschenkel. Sie tastete nach der Quelle des Schmerzes, und als sie die Hand wegzog, war sie blutverschmiert.

Auf unsicheren Beinen stand sie auf, drehte sich um und warf einen Blick zu Stephen, der nach wie vor tief und fest schlief und dabei lächelte. Er sah so schön aus, wie ein dunkler Engel. Aber was hatte er in der Nacht mit ihr gemacht? Sie wusste noch, dass sie Champagner getrunken hatte – zu viel Champagner. An mehr erinnerte sie sich nicht.

Sie wankte ins Bad und lehnte sich über das Waschbecken, um im Spiegel ihre blutunterlaufenen Augen zu betrachten. Ihre Arme, die sie auf den Waschbeckenrand gestützt hatte, zitterten. Sie bemerkte die roten Striemen an ihren Handgelenken.

Sie spritzte sich Wasser ins Gesicht, leerte unter brennenden Schmerzen ihre Blase und setzte sich dann vorsichtig aufs Bidet, in das sie warmes Wasser einließ, um das Brennen zu lindern. Sie nahm Stephens nach Sandelholz duftende Seife und begann, sich zu waschen. Sie versuchte, sich einen Plan zurechtzulegen, aber ihr Gehirn war nicht in der Lage, auch nur zwei Gedanken miteinander zu verknüpfen. Aus dem Augenwinkel nahm sie eine Bewegung wahr. Sie sah auf. Stephen lehnte in der Tür und blickte auf sie herab.

»Hör nicht auf«, bat er. Beschämt senkte sie den Blick. Er ging vor ihr auf die Knie. »Komm, ich helfe dir.«

»Ich weiß nicht, ob ich das jetzt kann«, sagte sie, als er mit der Hand zwischen ihre seifigen Schenkel fuhr, dorthin, wo der Schmerz am stärksten war. Irgendwie gelang es ihm, sie mit Hilfe dieser intimsten aller Berührungen hochzuheben. Er drückte sie brutal gegen die Tür und ignorierte ihre Schmerzensschreie, als er erneut in sie eindrang. Er stieß in sie, bis sie schluchzend an seiner starken vernarbten Schulter zusammenbrach.

»Darf ich mich jetzt anziehen?«, fragte sie, als er sie nach einer gemeinsamen Dusche abtrocknete.

»Lieber nicht«, sagte er. »Es wäre eine Sünde, diese Schönheit zu bedecken.«

Also war sie immer noch nackt, als er ihr am Esszimmertisch unter dem großen hölzernen Deckenventilator, der durch seine Bewegung die kühle Luft im Haus verteilte, Kaffee, Eier und Toast servierte. Sie hatte keinen Appetit, aber weil ihr so schwindlig war, zwang sie sich, ein paar Gabeln voll zu essen.

»Wir machen jetzt Folgendes«, begann Stephen, als wolle er einen Einkaufszettel schreiben. »Wir sagen es den Zwillingen. Du und Marcus lasst euch scheiden, wir beide heiraten und werden glücklich sein bis an unser Lebensende.«

»Aus deinem Mund klingt es alles kinderleicht.«

»Ich muss dir was zeigen.« Er nahm ein iPad und rutschte neben sie auf die Bank. Eine Hand lag auf ihrem Schenkel, während er ihr den Bildschirm fürsorglich dicht vors Gesicht hielt und mit der Bewegung seines Fingers Fotos aufrief.

»Das ist mein Haus in L. A.«, erklärte er. »Ich finde, wir sollten es behalten. Gefällt es dir? Wenn nicht, kann ich auch ein neues kaufen.« Sodann zeigte er ihr mehrere Bilder von großen, wunderschön eingerichteten Zimmern, einem Infinity-Pool mit dunklem Grund und eine Nachtaufnahme seiner Terrasse, die am Hang eines Hügels direkt über dem glitzernden Luxusmeer der Stadt Los Angeles schwebte.

»Dort können wir abends sitzen, und ich schaue dir beim Champagnertrinken zu.« Er rief ein weiteres Foto auf, dieses zeigte ein rotes Schlafzimmer mit einem wunderschön zurechtgemachten, riesigen Bett und Wandbehängen aus Brokat. Über dem Bett hing ein Gemälde, das aussah wie ein echter Klimt. »Ich hab es extra nach deinem Geschmack einrichten lassen. Du magst doch Rot, oder? Und das hier«, er öffnete das nächste Foto: ein riesengroßes, aber schlichter möbliertes Zimmer, durch dessen Fenster man denselben Ausblick hatte wie von der Terrasse, »ist für Olly. Siehst du die Gitarre?« Er deutete auf die Wand. »Eine Original Les Paul. Hat früher Kurt Cobain gehört. Als ich sie fand, wusste ich gleich, dass er sie lieben würde.«

»Aber wann –«

»Und das ist für Bella.« Er zeigte ihr ein weiteres Schlafzimmer. Dieses war femininer, mit mehr Mustern. »Sie könnte sich meinen Alice Neel an die Wand hängen. Allerdings«, er lächelte Lara an, »müsste sie ein bisschen mehr Ordnung halten als in ihrem Zimmer in Brighton.«

»Woher weißt du –«

»Hallo, du wunderschöne Brust.« Er beugte sich vor und küsste ihre linke Brustwarze.

In Laras Kopf überschlugen sich die Gedanken. Das Essen hatte den Kater und den dumpfen Schmerz vertrieben, der ihr das Gehirn vernebelt hatte.

Das hier war keine Romanze. Es war keine Sehnsucht. Es war kein was wäre wenn.

Sie war so unfassbar dumm gewesen.

»Du hast das alles schon ganz genau durchgeplant, was?«, sagte sie.

»Ich hatte lange genug Zeit, mir Gedanken darüber zu machen«, erwiderte er und zeichnete mit dem Finger eine Spur von ihrer Kehle über ihre Brust bis zum Bauchnabel.

Sie spannte die Bauchmuskeln an und versuchte, sich vor ihm zurückzuziehen, doch seine andere Hand lag noch immer schwer auf ihrem Schenkel. »Das hast du ja ziemlich schlau eingefädelt. Es war kein Zufall, dass wir uns hier begegnet sind, oder?«

»Erwischt!« Er zwinkerte ihr zu.

»Verrat mir, wie du es angestellt hast«, bat sie, um Zeit zu schinden. Sie gab sich Mühe, es so zu sagen, als wäre sie nicht entsetzt, sondern fasziniert.

Stephen lehnte sich zurück, legte den rechten Arm auf die Rückenlehne der Bank und umfasste dann mit festem Griff ihre Schulter. Seine andere Hand begleitete das, was er sagte, mit lebhaften Gesten.

»Wir haben ja bereits festgestellt, dass ich die Ritterlichkeit in Person bin.« Er lächelte sie an. »Ich habe mich also bedeckt gehalten und darauf gewartet, dass die Zwillinge sechzehn werden, damit sie nicht länger auf ihre kuschelige heile Kleinfamilie angewiesen sind und ich endlich das zurückfordern kann, was rechtmäßig mir gehört. Du hast es doch selbst gesagt, nicht wahr? Als ich damals gegangen bin. Du hast gesagt, dass wir zusammengehören?«

»Ja.« Ihr Atem ging in hektischen, flachen Stößen, aber sie bemühte sich, ihn bewundernd anzusehen. »Ja, das habe ich.«

»Und ich habe sehr viel Glück gehabt, denn wenn man Geld hat, um die entsprechenden Leute zu bezahlen, ist es heutzutage kinderleicht, das Leben einer anderen Person zu verfolgen. Ich habe dich die ganze Zeit im Auge behalten, Lara Wayland. Der arme alte Marcus. Seine Karriere ist nie so richtig in Schwung gekommen, oder? Für diese Jugendtheater-Tournee des National Theatre, bei der er mitgespielt hat, hat er im Guardian eine gute Kritik bekommen, aber normalerweise wird er in den Rezensionen nicht einmal namentlich erwähnt, stimmt’s? Ich habe mir Sorgen gemacht, ob er überhaupt genug verdient, um euch zu ernähren. Ich habe sogar schon mit dem Gedanken gespielt, heimlich ein bisschen Geld auf dein Konto bei der Co-op-Bank zu überweisen.«

»Woher weißt du von dem Konto?« Lara holte erschrocken Luft. Nicht einmal Marcus wusste von ihrem separaten Konto.

»Mittel und Wege«, lautete Stephens Antwort. »Schau dir das hier mal an.«

Erneut nahm er das iPad zur Hand und durchsuchte den Bilderordner.

»Siehst du?« Er hielt ihr den Bildschirm hin. Sie sah sich selbst, wie sie auf dem Parkplatz des Sainsbury’s-Supermarkts in ihrer Nachbarschaft aus dem Auto stieg. Sie holte gerade etwas aus dem Kofferraum, und der für Brighton typische Seewind peitschte ihr die Haare. »Das war letztes Jahr. Dieses hier ist ein bisschen älter. Sie haben mir Abzüge geschickt. Ich habe sie eingescannt, für meine Unterlagen.« Er blätterte zu einem Bild, auf dem sie den mit Tüten behängten Zwillingskinderwagen den Hügel zu ihrem Haus hinaufschob. »Da hattest du gerade deine Weihnachtseinkäufe gemacht. Du hast dein Kreditkartenlimit ganz schön überzogen. Böse Lara.«

»Aber ich hatte keine Ahnung …«

»Natürlich nicht.« Er lachte. »Das ist ja der Sinn der Sache. Und dann, mit der Zeit, wurden die zwei immer größer …« Er rief ein Foto von Bella auf, das sie im Alter von etwa dreizehn Jahren zeigte, wie sie in Schuluniform an einer Bushaltestelle über ihr Handy gebeugt dastand. »Und plötzlich sah sie immer mehr aus wie du.« Sein Finger verweilte auf dem Foto. »Genau wie du. Und er, der Schlingel …« Das nächste Bild zeigte Olly, der in Badehose und mit einer verräterisch dicken Selbstgedrehten zwischen den Fingern am Strand saß. Seinem Aussehen nach zu urteilen, musste das Foto im vergangenen Sommer aufgenommen worden sein. »Also, wie kann dir da nicht der Verdacht gekommen sein, dass ich sein Vater bin?« Stephen hob die Hände, so dass sie einen Rahmen um sein Gesicht bildeten, und setzte exakt dieselbe Miene auf wie Olly auf dem Foto. Dann zuckte er mit den Schultern und lächelte Lara an.

Sie sah auf ihre Hände herab, die so fest ineinander verkrallt waren, dass sich ihre Knöchel blau verfärbt hatten. Ein Gefühl der Scham senkte sich über sie wie ein Leichentuch. Sie hatte nicht den leisesten Schimmer gehabt, dass ihre Familie beschattet wurde. Nicht den Hauch einer Ahnung.

»Aber schau dir an«, sagte Stephen, nun wieder großmütig, »was für ein Mann ich bin. Ich hatte so viele Beweise in der Hand, und trotzdem habe ich abgewartet, bis sie sechzehn waren. Ich bin ein Mann, der zu seinem Wort steht.« Er hob ihre Haare an, um sie auf den Hals zu küssen. »Ich habe sie in Ruhe ihre Prüfungen machen lassen«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Ich wollte, dass sie die besten Zukunftsaussichten haben.«

»Das war sehr rücksichtsvoll von dir.« Lara versuchte, ihre Angst herunterzuwürgen.

»Allerdings.« Er ließ den Kopf an ihre Schulter sinken.

»Aber was ist mit Jack?«, fragte Lara. Bei dem Gedanken an ihren kleinen Sohn schossen ihr die Tränen in die Augen. Sie wünschte sich, sie wäre wieder daheim in Brighton, läge mit ihm zusammengekuschelt im Bett, in der Sicherheit und Geborgenheit ihres kleinen Hauses, und läse ihm eine Gutenachtgeschichte vor. Aber dann rief sie sich ins Gedächtnis, dass es ihr nur sicher erschienen war. Unsichtbare Augen hatten jede ihrer Bewegungen verfolgt.

»Ich weiß«, sagte Stephen. Er stieß einen schweren Seufzer aus, fasste sie bei den Schultern und zwang sie, ihn anzusehen. »Aber wie lange soll ich noch warten, Lara? Wann bekomme ich endlich die Chance auf ein bisschen Glück?« Er lächelte. »Aber die Abtreibung war wirklich eine gute Entscheidung, findest du nicht auch? Sonst wärst du jetzt schwanger, und das hätte die ganze Angelegenheit ein wenig verkompliziert.«

Lara schloss die Augen. Ihr war speiübel. Speiübel und kalt.

»Und ich weiß, dass du nicht glücklich bist. Du sitzt nachmittags auf dem Sofa und trinkst Wein. Streitest dich ständig mit ihm.« Er blätterte zu einem neuen Bild, das sich auf die Berührung seines Fingers hin in Bewegung setzte.

»Ich bin nicht sauer, wenn du mir die Wahrheit sagst«, hörte Lara sich auf dem Bildschirm in seiner Hand sagen.

»Okay. Also, du, na ja, du quillst hier und da ein bisschen raus«, antwortete Marcus’ Stimme.

»Ich finde, du sahst wunderschön aus«, sagte Stephen und hielt das Video an der Stelle an, wo sie in dem engen rosafarbenen Kleid mit verletztem Blick in ihrem Schlafzimmer stand.

»Wie?«

»Laptop. Der Router, den ich dir geliefert habe – das war ein ziemlich cleverer Einfall. Es war, als befände ich mich direkt in deinem Computer. Ein sehr schöner Ort.«

Der Router, den er ihr geliefert hatte? Das bisschen, was noch von Laras Kampfgeist übrig war, verrieselte wie die letzten Körnchen in einer Sanduhr.

»Armes Ding, du hast ja eine Gänsehaut«, stellte Stephen fest. »Hier, nimm das.« Er streckte sich und zog ein Rehfell von der Rückenlehne des Sofas. »Fell auf Haut«, murmelte er, als er es ihr um die nackten Schultern legte. »So wunderschön.« Abermals landete seine Hand auf ihrem Schenkel.

Lara roch das schwache, süßlich strenge Aroma von Verwesung in der Tierhaut.

»Das heißt, du wusstest, dass wir hierherkommen wollten.« Sie wollte ihn am Reden halten, damit er ihr nicht mehr so nahekam. Trotz des Geruchs war sie dankbar für den Schutz, den ihr das Rehfell bot. Sie zog es fest um sich.

»Nein. Lass es offen. Bitte. Damit ich dich anschauen kann«, bat Stephen und zog die Tierhaut so zurecht, dass Lara wieder entblößt war. »Ach, Lara. Du begreifst es immer noch nicht, oder? Glaubst du im Ernst, James wollte Marcus für seinen Macbeth haben? Ich musste ihn lange bearbeiten, das kann ich dir sagen. Es wurde ziemlich kostspielig!«

»Kostspielig?«

»Vollständig einklappbare Sitze, zu acht verschiedenen Formationen umbaubar. Maßgefertigt und mit dem teuren roten Stoff bezogen. Schon wieder deine Lieblingsfarbe.«

»Du meinst, du hast James bestochen, damit er uns hierherholt?«

»›Aber Stephen‹.« Stephen gelang eine vollendete Imitation von James’ Akzent und Modulation. »›Wir brauchen dringend mehr Unterkünfte für unsere Schauspieler. Und das Larssen-Haus ist so ein Schnäppchen.‹ Ich bin froh, dass du mein Werk so überzeugend fandest, Lara«, fuhr er in seiner eigenen Stimme fort. »Schließlich wollte ich nicht, dass du und Marcus hier ein kleines Liebesnest vorfindet.«

»Du hast dir die Larssen-Geschichte ausgedacht?«

»Natürlich nicht. Schrecklich, oder? Aber sie hat mich inspiriert, und ich habe in dem alten Haus ein bisschen gezaubert. Ein schöner alter Teppich, eingeweicht in den Innereien eines Rehs – dasselbe Reh, dessen Fell du gerade umhast, wie es der Zufall will. Ein paar Fotos. Ein Bett. Ketten.« Er ließ sich das Wort auf der Zunge zergehen, als wäre es eine Erdbeere. »Ich habe sogar ein Stück von einer toten Ricke unten im Keller versteckt, für das authentische Geruchserlebnis. James und Betty hatten wie erwartet alle Hände voll zu tun und waren heilfroh, dass ich mich um alles gekümmert habe. Nicht, dass sie jemals eine meiner Entscheidungen in Frage stellen würden. Sie versuchen ihr Bestes, sich locker zu geben, aber in Wirklichkeit sind sie zwei ausgemachte kleine Starficker, genau wie alle anderen. Es war kein Kunststück, ihre ›Freundschaft‹ zu erlangen, wenn man es so nennen kann, damit sie mir dabei helfen, meinen Plan in die Tat umzusetzen.«

»Sie wissen über alles Bescheid?«, fragte Lara.

»Nein.« Stephen lachte. »Nur so viel, dass sie für mich von Nutzen sein können. Ich wusste, dass James irgendwann in grauer Vorzeit Marcus’ Schauspiellehrer gewesen war, also habe ich ihn ausfindig gemacht. Und die Geschichte mit der Stalkerin – die mir wirklich sehr zugesetzt hat, Lara, ungelogen –, nun ja, die hat sich als überaus praktisch erwiesen, weil dadurch Bettys Muttergefühle geweckt wurden. Danach hatte ich die beiden endgültig auf meiner Seite. Sie haben sich rührend um mich gesorgt.«

»Aber die Stalkerin ist doch nach wie vor ein Problem für dich«, sagte Lara.

Stephen hielt inne. Einige Sekunden lang saß er mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen regungslos da und musterte sie. Dann schnellte er in die Höhe.

»Also, ich würde sagen, um Elizabeth Sanders brauchen wir uns keine Sorgen mehr zu machen«, erklärte er. »Ich bin gleich wieder da, rühr dich nicht vom Fleck.« Damit verschwand er im Bad.

Was meinte er damit? Nun, da sie endlich allein war, hielt Lara im Raum nach einer Fluchtmöglichkeit Ausschau. Sie wusste, dass er sämtliche Türen abgeschlossen hatte, und vor den Fenstern waren fest installierte Fliegengitter. Sie jubelte innerlich, als sie ihre Handtasche auf dem Küchentresen erspähte. Dort hatte sie sie kurz nach ihrer Ankunft hingelegt, als die Welt noch eine ganz andere gewesen war.

Sie zog sich das Rehfell fester um den Körper, schlich zu ihrer Handtasche und schüttete den Inhalt auf dem Tresen aus. Fieberhaft wühlte sie sich durch Portemonnaie, Schlüssel, Tabletten, Ventolin und Schminkutensilien. Die Sachen kamen ihr fremd vor, als gehörten sie einer anderen Person. Sobald sie ihr Handy gefunden hatte, entsperrte sie es mit zitternden Fingern. Doch dann erkannte sie, dass sie keinen Empfang hatte, und stöhnte auf. Sie warf das Handy weg und schaute sich in panischer Verzweiflung um. In ihrem Fellkleid glich sie eher einem wilden Tier als der Frau, die sie früher einmal gewesen war. Ihr Blick blieb am Festnetztelefon hängen, das Stephen beim Braten des Rühreis neben den Herd gelegt hatte. Mit einem Satz hatte sie es sich geschnappt und tippte blitzschnell die Nummer ihres Hauses in Trout Island ein. Doch als sie den grünen Knopf drückte, um die Verbindung herzustellen, schallte zu ihrem Entsetzen die Melodie der Tastentöne durchs ganze Haus.

Die Badezimmertür flog auf. Stephen kam herausgestürzt, entriss ihr das Telefon und schleuderte es in die Spüle, die voll war mit kaltem Abwaschwasser. Dann wirbelte er zu ihr herum. Sein Kiefer zuckte.

»Ich habe doch gesagt, ich kümmere mich darum«, sagte er. »Wir müssen im Augenblick niemanden anrufen. Alle glauben, dass wir wegen des umgestürzten Baums hier oben festsitzen.«

»Aber glaubst du nicht, dass sie früher oder später ins Grübeln kommen werden?«, wandte sie ein. »Sie könnten jemanden hier raufschicken, der mich abholt, und ich könnte dann einfach über den Baum klettern. Oder jemand kommt her, um sich die Sache anzusehen.«

»Warum um alles in der Welt sollten sie das tun? James und Betty werden sich für mich freuen, weil du hier bei mir bist. Marcus wird sich von der liebreizenden Selina umsorgen lassen. Und wenn ich ganz ehrlich sein soll«, fuhr Stephen fort, während er die Sachen, die Lara auf dem Küchentresen ausgeschüttet hatte, zusammenschob und zurück in ihre Tasche räumte, »wenn ich ganz ehrlich sein soll, würde es mich nicht wundern, wenn James genau in diesem Moment Marcus davon erzählt, dass er hier hochgefahren sei und den Baum mit eigenen Augen gesehen habe, und dass es keine Möglichkeit gebe, daran vorbeizukommen, auch nicht zu Fuß.«

Lara hielt das Rehfell umklammert und stand mit offenem Mund da.

»Also, ich finde, auf dem Sofa hätten wir es bequemer, meinst du nicht auch? Möchtest du dir gerne einen Film ansehen?«

Er führte sie zurück in den Wohnbereich. »Ich glaube, das brauchst du jetzt nicht mehr.« Er zog ihr das Rehfell von den Schultern. »Jetzt sitzt du ja nicht mehr unter dem großen alten Ventilator.«

Er ließ sich neben ihr nieder, durchsuchte eine Liste von Filmen auf seinem iPad und traf seine Auswahl. Mit Hilfe einer Fernbedienung schaltete er den großen Flachbildfernseher ein.

Der Vorspann seines allerersten Films lief über den Bildschirm.

»Ich dachte, wir machen eine kleine Retrospektive meiner alten Werke.« Er legte den Arm um sie und zog sie an sich. »Wir fangen ganz am Anfang an. Was meinst du?«

»Brillant«, lautete Stephens Urteil, nachdem sie neunzig Minuten lang seinem jüngeren Selbst zugesehen hatten. Lara hatte den Schmerz gesehen, den er damals bei den Dreharbeiten zu seinem ersten Film in sich getragen hatte. Er war ein wunderschöner Mann gewesen, und die Jahre hatten seinem Aussehen nichts anhaben können. Allerdings war »wunderschön« mittlerweile nicht mehr das Wort, mit dem sie Stephen beschrieben hätte. Wenn er eins nicht war, dann schön.

»Du bist müde«, meinte er, als er den Fernseher ausschaltete, sie bei den Händen nahm und ihr aufhalf. »Wie wäre es mit einem Nickerchen?«

»Mir geht es gut, wirklich. Danke.« Lara versuchte, ihm ihre Hände zu entziehen. Sie kam sich so nackt vor.

»Unsinn. Komm mit. Das ist jetzt unser Leben, Lara.« Und er führte sie nach oben ins Schlafzimmer, wo das Bett noch Zeugnis von den Geschehnissen der vergangenen Nacht abgab, befleckt mit dem Rot von Rosenblättern und ihrem Blut.

»Leg dich hin!«, forderte er sie auf. »Auf den Bauch.«

Was kommt jetzt?, dachte sie, als sie ihn durchs Zimmer gehen hörte. Die Matratze senkte sich, als er zu ihr zurückkam und sich neben ihren Arm kniete. Er goss ihr etwas Feuchtes auf den Rücken, und der Geruch von Orangenbäumen in voller Blüte stieg ihr in die Nase. Unwillkürlich musste sie an den billigen Frühlingsurlaub denken, den sie mit Marcus zusammen in der Nähe von Sevilla verbracht hatte, als die Zwillinge noch klein gewesen waren. Nichts als Sonnenschein und Gelächter.

Ihr war, als hätte sie jemand mit einem brutalen Tritt aus dem Schlaf gerissen. Sie waren glücklich gewesen. Sie hatte ein gutes Leben gehabt. Und jetzt hatte sie es endgültig und unwiederbringlich zerstört.

Dann waren Stephens Hände auf ihr, sie rieben und kneteten und klopften ihren Körper, bis sie an nichts mehr denken konnte. Während er sie bearbeitete, ihr Rücken, Beine und Kopfhaut massierte und ihr das Öl in die Haare rieb, erzählte er ihr, wie ihre gemeinsame Zukunft aussehen würde. Ihr Kopf lag schwer auf ihren Unterarmen. Sie hörte Stephen zu und erkannte, wie sehr sein Bild mit dem identisch war, das sie sich selbst seit ihrer Ankunft in Trout Island in ihren Träumen ausgemalt hatte.

Nach einer Weile wurde seine Massage intensiver, bis er sie schließlich auf den Rücken drehte.

Sie wusste, dass ihr nichts anderes übrigblieb, als es auch diesmal über sich ergehen zu lassen.

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