38
Lara, die es gewohnt war, in aller Frühe von Jack geweckt zu werden, öffnete nach zu wenig Schlaf die Augen und stellte fest, dass sie mit dem Gesicht an Stephens vernarbter Brust lag. Es dauerte mehrere Minuten, bis ihr klar wurde, wo sie war und dass sie die letzten vierzehn Stunden nicht geträumt hatte. Sie lauschte seinen gleichmäßigen, satten Atemzügen, während sich ihrer beider Körperwärme mit der kühleren Luft des Schlafzimmers vermischte. Ein klarer Himmel und dazu der regennasse Wald hatten für eine beinahe schon kalte Nacht gesorgt, aber das war ihnen kaum aufgefallen.
In diesem frischen Morgenlicht wusste Lara nur eins: Hier war ihr Zuhause, und hier wollte sie bleiben. Sie lag ruhig da, bemüht, ihn nicht aufzuwecken, während sie über alles nachdachte. Jack würde bei ihr und Stephen hier draußen im Wald leben. Sobald Sanders das Handwerk gelegt worden war, würden sie zurück nach L. A. ziehen. Bella und Olly würden, solange sie ihren Abschluss noch nicht hatten, das Schuljahr über bei Marcus bleiben, danach konnten sie sich aussuchen, ob sie lieber in Amerika oder in England studieren wollten. Ihr kam alles so einfach, so klar vor, als sie an diesem ersten gemeinsamen Morgen in Stephens Armen im Bett lag.
Natürlich hatte sie ihr Versprechen Betty gegenüber gebrochen und sich nicht zurückgehalten. Andererseits hatte sich Bettys Auffassung, Stephen dürfe nichts von Elizabeth Sanders erfahren, ja auch als falsch erwiesen. Es wäre viel besser gewesen, wenn Lara ihn schon früher ins Vertrauen gezogen hätte. Außerdem hätte nicht einmal Betty mit ihrem Blick wie Stahl das abwenden können, was zwischen ihr und Stephen hatte passieren müssen.
»Na, du?«, sagte Stephen, rollte sie auf den Rücken und lächelte bis in ihr innerstes Wesen hinein.
»Ich habe ein Problem«, bekannte Lara, als sie sehr viel später gemeinsam aus der Dusche stiegen. »Ich kann nichts sehen.«
»Was meinst du damit?« Stephen hüllte sie in ein flauschiges weißes Handtuch, das ihr von den Schultern bis zum Fußboden reichte.
»Ich habe keine frischen Kontaktlinsen mitgebracht, und meine alten musste ich gestern Abend rausnehmen. Ich dachte, ich hätte noch welche in meiner Tasche, aber ich habe mich getäuscht. Ohne Linsen kann ich nicht Auto fahren.«
»Warum würdest du das auch wollen?«, fragte Stephen und rubbelte sie sanft mit dem Handtuch trocken.
Später, nach einem Frühstück, bestehend aus Blaubeeren und selbstgemachtem Sahnejoghurt, schlüpfte Stephen in das Kostüm des langhaarigen Sam Miller, nahm sein Gewehr und küsste Lara auf die Lippen.
»Es dauert nicht lange«, versprach er.
»Wo willst du denn hin?«
»Ich muss ein Päckchen von der Post im Ort abholen. Wichtige Unterlagen. Ich bin ganz schnell wieder da. Bleib einfach im Wohnzimmer, lass die Vorhänge zu und geh nicht nach draußen.«
»Ich kann nicht alleine hierbleiben«, protestierte sie, und es war ihr voller Ernst. »Kannst du nicht Trudi Staines bitten, das Päckchen für dich abzuholen?«
»Sie geht nicht ans Telefon«, erwiderte Stephen rasch. »Und ich brauche das Päckchen sofort.«
»Oh«, sagte sie.
»Du Arme.« Er schloss sie in die Arme. »Du fürchtest dich, stimmt’s?«
»Ja.« Sie lächelte zu ihm auf.
»Du könntest natürlich mitfahren. Sofern …«
»Sofern?«
»Wenn wir nach Trout Island kommen, müsstest du dich verstecken. Und ich muss vorsichtig sein. Wir wollen ja nicht, dass jemand merkt, dass es den umgestürzten Baum auf der Straße gar nicht gibt.«
Also fuhren sie mit offenem Verdeck den Berg hinunter. Kurz vor dem Ort hielt Stephen am Straßenrand an. Lara kletterte auf den Rücksitz, und er reichte ihr das Gewehr.
»Ich will das nicht haben«, sagte sie.
»Es ist aber besser, wenn du es nimmst. Es ist gesichert, keine Sorge.« Er breitete eine Decke über sie und fuhr weiter in den Ort hinein. Lara fühlte sich beengt und schwitzte unter der Decke, aber es war besser, als ganz allein in Stephens Haus zu sitzen. Irgendwann kam der Wrangler zum Stehen.
»Wir sind jetzt vor dem Postamt. Bleib unten«, bat Stephen, als er aus dem Wagen stieg. »Es dauert nur zwei Minuten.«
Während Lara unter der Decke lag und versuchte, sich so wenig wie möglich zu bewegen, hörte sie plötzlich zwei vertraute Stimmen, die immer näher kamen.
»Was ist ein Verräter?«, sagte Marcus.
»Was ist ein Verräter?«, wiederholte Jack.
»Nun, einer, der schwört und es nicht hält«, antwortete Marcus, eine Frauenstimme nachahmend.
»Und sind alle Verräter, die das tun?«, fragte Jack, und Laras Herz krampfte sich zusammen.
»Jeder, der das tut, ist ein Verräter und muss aufgehängt werden«, fuhr Marcus in der Frauenstimme fort.
»Müssen denn alle …«, sagte Jack. Er stockte. »Ja. Jetzt weiß ich’s wieder … aufgehängt werden, die es nicht halten und schwören?«
»JAWOHL!«, donnerte Marcus, und Jack kicherte. »Aber es heißt ›schwören und es nicht halten‹, Jacko«, erklärte Marcus, nun wieder in seiner eigenen Stimme.
»Aber ich war doch gut, oder, Dad?«, wollte Jack wissen. »Ich hab meinen Text gelernt.«
»Wie ein Profi«, lobte Marcus. »So gut wie dein alter Vater.«
»Sieh mal!«, rief Jack. Seine Stimme war ganz nah, zu nah. »Stephens Auto.«
»Was?«, sagte Marcus. Lara konnte sein Aftershave riechen, als er sich in den Wagen beugte. Ein Schweigen folgte, so lang wie ein ganzes Leben. Lara hielt den Atem an und betete, Stephen möge nicht jetzt aus dem Postamt kom-men.
»Nein. Das kann gar nicht Stephens Wagen sein, Jacko. Stephen sitzt mit Mummy zusammen oben auf dem Berg fest, schon vergessen? Der arme Kerl.«
»Aber schau doch mal, Daddy. Stephens Dellen«, beharrte Jack, und seine Stimme wurde ein wenig leiser, als er in die Hocke ging, um auf die zerbeulte Seite des Wagens zu zeigen, wo Sanders sie, beim Versuch, sie von der Straße zu drängen, gerammt hatte. Einen Augenblick lang vergaß Lara ihre brenzlige Lage, weil ihr der verwirrende Gedanke durch den Kopf schoss, dass Stephen nicht einmal auf die Idee gekommen war, Sanders könnte hinter der Sache gesteckt haben. Oder hinter dem Vorfall im Waschsalon.
»Schau doch mal, Daddy.«
Sei still, Jack, flehte Lara.
»Das kann nicht Stephens Wagen sein«, sagte Marcus mit Nachdruck. »Hier gibt es haufenweise solche Jeeps. Und ich wette, jeder von denen ist voller Kratzer und Dellen wegen der vielen Geländefahrten, die ihre kernigen Besitzer in ihnen unternehmen. Komm, Jacko, wir müssen jetzt langsam weiter. Sonst kommt Daddy zu spät zur Arbeit.«
»Aber …«
»Kein Aber. Gina wartet, und ich will mich nicht verspäten.«
»Aber wann ist Mummy denn wieder da?«
»Früh genug, um dir dein Abendessen zu machen.«
Lara musste sich zwingen, nicht vor Erleichterung laut aufzuseufzen, als die beiden zu Ginas Haus weitergingen. Zum Glück hatte Jack, wie jeder kleine Sohn, der zu seinem Vater aufschaut, dessen Irrtum geglaubt. Ausnahmsweise einmal freute sich Lara, dass Marcus so dumm war.
Eine weitere Ewigkeit schien zu verstreichen, und sie musste sich langsam und vorsichtig unter der Decke auf den Rücken drehen, um sich etwas Abkühlung zu verschaffen und freier atmen zu können. Dann wurde die Tür geöffnet, und sie spürte, wie Stephen sich auf den Fahrersitz schwang. Sie hörte, wie er etwas neben sich auf den Beifahrersitz legte, dann war seine Hand auf ihr.
»Hi«, sagte er.
»Jack und Marcus sind vorbeigekommen«, berichtete sie und hielt seine Hand fest.
»Ich weiß. Ich musste drinnen warten, bis sie weg waren«, flüsterte er. »Bleib liegen, bis wir aus dem Ort raus sind.«
Lara hielt seine Hand fest. »Könnten wir nicht ganz kurz beim Haus vorbeifahren und meine Kontaktlinsen holen? Olly und Bella sind so früh noch nicht wach.«
»Zu riskant«, erklärte Stephen. »Wir müssen hier so schnell wie möglich verschwinden.«
Sie spürte einen Ruck durch den Wagen gehen, als Stephen anfuhr, auf der Straße wendete und sie sich auf den Rückweg machten. Lara wusste, dass sie an Ginas Haus vorbeikommen würden, und betete, dass Marcus Stephen nicht am Steuer sehen würde. Andererseits hatte er ihn bisher nur in seiner Zirkus-Verkleidung zu Gesicht bekommen, Sam Miller würde er aller Voraussicht nach also nicht erkennen. Sowieso gab es kein Zurück mehr. Sie hatte den kritischen Punkt längst überschritten. Sie musste sich Stephens treusorgenden Händen überlassen. Und natürlich tat sie nichts lieber als das.
Es gab niemanden auf der ganzen weiten Welt, dem sie mehr vertraute.