33

Als Stephen am frühen Abend vor der Küchentür stand, wurde Lara bei seiner bloßen Anwesenheit ganz schwindlig vor Erleichterung.

»Hi«, sagte sie und berührte ihn sacht an der Schulter.

Stephens Verkleidung für die Fahrt in den Zirkus war eine andere als die, die er tagsüber trug. Er hatte eine Brille mit dickem Rahmen aufgesetzt, und ein zerbeulter Filzhut beschattete die obere Hälfte seines Gesichts. Der Rest seines Körpers war unter einem leichten Vintage-Regenmantel verborgen.

»Du siehst aus wie ein Kunststudent aus den Neunzigern!«, stellte Lara fest, die Mühe hatte, ihre Lunge mit Luft zu füllen. Tatsächlich sah er genauso aus wie damals, als sie sich kennengelernt hatten.

»Und du siehst aus wie die Frau meiner Träume«, flüsterte er und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Während er sich zu ihr herunterbeugte, suchte Lara den dunklen Hügel hinter ihm nach etwaigen Bewegungen oder Personen ab.

Jack kam angerannt und drängte sich zwischen sie.

»Hallo, Stephen. Gehen wir jetzt in den Zirkus?«

»Das will ich doch wohl meinen«, antwortete Stephen und nahm Jack mit Schwung auf den Arm. »So, wo sind denn deine Geschwister?«

Jack zeigte zum Wohnzimmer, wo Olly Kaugummi kauend auf seiner Gitarre spielte und dazu ein sehr schönes Lied sang, das er gerade komponiert hatte.

»Hey, wie geht’s?« Olly stand auf und begrüßte Stephen mit Handschlag.

»Byron?«, fragte Stephen und deutete auf die Gitarre.

»Aus dem Buch, das du mir geliehen hast.«

»Freut mich.«

»Bella hat sich irgendetwas eingefangen«, sagte Lara. »Deswegen kommt sie nicht mit.«

»Oder sie hat Liebeskummer.« Olly zwinkerte Stephen zu. »Loverboy meldet sich nicht. Die Arme.«

»Olly, sei nicht so gehässig«, mahnte Lara.

»Das ist aber schade«, sagte Stephen. »Soll ich mal hochgehen und mit ihr reden?«

»Ich fürchte, sie lässt sich nicht umstimmen«, erwiderte Lara.

Sie stiegen in den Wrangler und fuhren mit heruntergelassenem Verdeck los. Die Straße schlängelte sich durch ein Tal in den immer tiefer werdenden Abend hinein, vorbei an phallisch aufragenden Silos und roten Scheunen, die zunehmend verfallener aussahen, je weiter sie sich vom Ort entfernten.

»Wisst ihr, warum sie rot sind?«, rief Stephen über das Dröhnen des Motors hinweg. »Früher haben die Farmer das Blut der geschlachteten Tiere mit Öl vermischt und damit ihre Scheunen gestrichen.«

»Igitt«, sagte Lara. »Wieso denn das?«

»Weil’s gut aussah.« Olly schien die Sache unheimlich komisch zu finden.

Sie bogen um eine Kurve und überquerten eine Brücke. Etwa fünfzehn Meter unter ihnen rauschte ein Fluss in seinem steinigen Bett dahin. Kurz darauf kamen sie an einem wie neu aussehenden, minimalistisch aus Glas und Eiche erbauten Bungalow vorbei, der sich in einem mit Holz umkleideten Teich spiegelte.

»Das Sommerhaus eines Journalisten bei der New York Times«, erklärte Stephen. »Ein gefürchtetes Klatschmaul. Ich versuche, die Straße hier nach Möglichkeit zu meiden.«

Die Fahrt ging weiter durch eine Flussniederung, umgeben von Feldern mit mannshohem Mais, die im Licht des frühen Abends blau erschienen. Stephen schaltete die Scheibenwischer ein, um die Insektenkadaver von der Windschutzscheibe zu wischen.

Sie verließen das Tal, und die Straße führte wieder bergauf. Gerade als sie die unübersichtliche Hügelkuppe erreicht hatten, schoss ein weißes Auto mit Rennstreifen an den Seiten unter Aufheulen seines Motors an ihnen vorbei. Stephen trat auf die Bremse.

»Idiot«, rief Lara, deren Nerven sich nach dem Schreck erst wieder beruhigen mussten. »Der hätte uns umbringen können.«

»Hier gibt es viele verrückte Fahrer. Jugendliche, gerade mal sechzehn, betrunken oder high«, erklärte Stephen. »Das Auto ist die einzige Möglichkeit, von hier wegzukommen.«

»Da wären wir«, verkündete Stephen, als sie eine kleine Ortschaft erreichten und in die wunderhübsch erhaltene Main Street voller gut besuchter Cafés und Restaurants einbogen. »In dieser einen Straße spielt sich alles ab. Sie ist mit Abstand der belebteste Ort im gesamten Umkreis.« Er fand einen Parkplatz und hielt an.

Lara stieg aus dem Wrangler und hob Jack von der Rückbank. Von dort, wo sie stand, konnte sie ein Sushi-Restaurant, mehrere unabhängige Coffeeshops, einen Bioladen, der noch geöffnet hatte und voller Kunden war, einige italienische Restaurants sowie eine Buchhandlung mit Bar ausmachen. Die Menschen, die durch die Straßen schlenderten, waren jung und hip, so ähnlich wie die Gäste auf Ginas Gartenparty. Wie um diesen Eindruck zu unterstreichen, kam einer der Maler aus Brooklyn mit einer braunen Papiertüte voller Gemüse unter dem Arm an ihnen vorbei.

»Hey, Lara, wie geht’s?«, begrüßte er sie und gab ihr die Hand. »Hey, Olly.« Er nickte Olly zu, dann bückte er sich, um Jack durch die Haare zu strubbeln.

Lara wollte ihm Stephen vorstellen, aber der hatte sich in Luft aufgelöst.

»Also, ich muss auch gleich weiter«, sagte der Maler. »Hungrige Mäuler stopfen.« Er deutete auf die Tüte. Dann stieg er in seinen Pick-up und brauste davon.

»Wer war das denn?« Stephen tauchte wieder neben ihr auf.

»Den habe ich bei Gina kennengelernt. Seinen Namen habe ich vergessen.«

»Gina?«

»Gina. Sie wohnt ganz in der Nähe vom Theater.«

»Wann warst du denn bei ihr?«, wollte er wissen, den Blick auf die Straße gerichtet, die links von ihnen anstieg. Ganz oben stand eine beleuchtete weiße Kirche, bei deren Anblick Lara an Italien denken musste.

»Gestern Abend«, sagte sie.

»Ich wusste gar nicht, dass du gestern Abend aus warst.«

»Wir wurden eingeladen.«

»Verstehe.« Stephen rückte sich den Hut zurecht, so dass er ihm noch tiefer im Gesicht saß. »Du hast doch nichts gesagt? Über mich?«

»Natürlich nicht!«

»Gut.«

Er ging mit ihnen in das Restaurant, das an den Bioladen angeschlossen war. »Es ist toll hier«, sagte er. »Ich habe reserviert, sonst hätten wir nie einen Tisch bekommen. Der Koch hat früher bei Mario Batali gearbeitet, die Küche ist gehoben italienisch mit einem Fokus auf regionale, biologische Zutaten.«

»Bella hätte es hier bestimmt gefallen«, sagte Lara voller Überzeugung.

»Ganz schön blöd, die Bella, dass sie einfach im Bett liegen bleibt«, sagte Olly zu Jack.

Ein Kellner brachte sie zu ihrem Tisch, der in dem von Kerzen erleuchteten Restaurant ganz hinten in einer kleinen Nische stand. Stephen setzte sich in den Schatten neben Lara, so dass sein Schenkel ihren berührte. Seine Nähe raubte ihr auch den letzten Rest Appetit, also bestellte sie für sich selbst nur einen Salat und für Jack eine Kinderpizza. Stephen und Olly entschieden sich für Pasta. Stephen bestellte außerdem hausgemachte Limonade und ein großes Glas italienischen Sauvignon Blanc für Lara.

»Kannst du bitte damit aufhören, Olly?«, bat Lara, als der Kellner ihre Bestellung aufgenommen hatte und sich entfernte. Seit sie sich hingesetzt hatten, trommelte er unablässig mit den Fingern auf die Tischplatte, und es machte sie fast wahnsinnig.

Während des Abendessens erzählte Stephen, dass der kleine Ort deshalb so anders sei als die anderen in der Gegend, weil es hier einen Campus der Summer University of New York, SUNY, gebe, der ihm das bürgerlich-liberale Gepräge einer typischen Universitätsstadt verlieh und wohlhabende Studenten anlockte, die das Leben genießen wollten. Lara gefiel der Ort, und sie erlaubte sich einen kleinen Tagtraum, in dem sie und Stephen in dem Haus mit Teich des New York Times-Journalisten ein gelehrsames, anonymes Leben führten.

Hin und wieder sah Stephen – der im Schutz des schummrig beleuchteten Restaurants Hut und Brille abgelegt hatte – zu ihr hin, und jedes Mal spürte sie dabei, wie ihr Magen einen Satz machte, als würde in ihrem Innern ein kleiner Vogel aufflattern.

»Wo ist denn Ollys berüchtigter Appetit geblieben?«, fragte Lara und deutete mit einem Nicken auf den Pastateller ihres Sohnes, den dieser kaum angerührt hatte.

»Ich bin auf Diät«, erwiderte Olly und schaute sie aus blutunterlaufenen Augen an. »Los, Mum, lass mich mal von deinem Wein probieren.«

Unauffällig schob Lara ihm ihr Glas hin, damit er es austrinken konnte. Stephen bestellte ihr ein neues. Als sie fertig waren – sowohl Lara als auch Olly hatten mehr als die Hälfte des Essens auf ihren Tellern liegen lassen –, zahlte Stephen mit einer auf einen falschen Namen ausgestellten Kreditkarte. Dann traten sie hinaus auf die Straße, wo sich die Menschenmenge zwischenzeitlich vergrößert und verjüngt hatte. Es war wie die North Laine in Brighton an einem Freitagabend, fand Lara, nur dass das Gefühl, sich auf einer Insel inmitten rauer Natur zu befinden, die Atmosphäre noch intensiver machte. Sie kamen an einer Gruppe junger Frauen in hübschen Vintage-Kleidern und abgewetzten Lederjacken vorbei, die sich zum Ausgehen bereitmachten. Wäre Lara Studentin gewesen, dann hätte sie gerne den SUNY-Campus besucht. Ein solches Leben hätte ihr gefallen.

Sie fuhren etwa eine Meile bis zum Stadtrand, wo auf einer flachen Aue ein großes Zelt aufgebaut war. Die feuchte Wärme aus der Erde vermischte sich mit der kühler werdenden Abendluft und sorgte bei der buntgemischten Menschentraube, die sich vor dem Kartenhäuschen tummelte, für natürliche Erfrischung.

Nun wieder vollständig maskiert, zeigte Stephen ihre Eintrittskarten vor, und sie gingen ins Zelt, in einen großen Raum ohne Sitze. Auf einer Seite spielte eine Live-Band lauten Jazzrock, während Akrobaten und andere Zirkusleute sich unters Publikum mischten, kleine Szenen improvisierten, einander Brocken auf Englisch, Spanisch, Italienisch und Französisch zuriefen, Stangen hinaufkletterten und durch die nach Parfüm, Schweiß und Sägemehl riechende Luft zu Boden wirbelten. In der wogenden Menge wurde Lara gegen Stephen gedrückt. Der Wein hatte sie verwegen gemacht, und sie blieb dicht an seiner Seite stehen. Es war berauschend, fast unerträglich, und als sie zu Stephen aufblickte, sah sie, dass er die Augen geschlossen hatte.

»Jack«, rief sie und sah sich in der Menge um.

»Ist schon gut, er ist bei mir«, antwortete Olly. Er hatte Jack ein Stück entfernt auf einen Heuballen gesetzt, damit er besser sehen konnte, und hielt ihn fest.

Die letzten Zuschauer traten ein, und die Musik verstummte. In diesem Moment der Stille verschwanden die Planen, die zuvor wie Zeltwände ausgesehen hatten, und dahinter öffnete sich wie durch Zauberhand ein noch größerer Raum, in dem acht wunderschöne junge Punk-Artisten an Trapezen in der Luft hingen. Die Lichter erloschen, bis nur noch die Kuppel des Zelts beleuchtet war.

Die Band begann wieder zu spielen, eine pirschende Bassline auf der Snare Drum, zu der sich eine einzige, immer wiederkehrende Songzeile gesellte. Der Mann, der sie mit Reibeisenstimme sang, sah aus, als hätte er in seinem Leben schon alles gesehen.

»I. Will. Not. Be-Good.
I. Will. Not. Be-Good.«

Nacheinander setzten auch die übrigen Instrumente ein: E-Gitarre, Congas, Saxophon und Trompete. Als der Blechbläser schließlich den Gesang übertönte und das Zelt mit seiner anarchischen Energie füllte, flogen die Artisten in hohen Bögen johlend und trällernd an ihren Trapezen durch die Zeltkuppel.

Stephen nahm seinen Hut ab, schüttelte den Kopf in der warmen Luft und überließ sich der Anonymität, die das Dunkel und die Menschenmenge ihm gewährten.

»Hey, kann ich den mal aufsetzen?«, fragte Olly, der mit Jack auf dem Arm aus dem Nichts aufgetaucht war.

»Sicher.« Lächelnd reichte Stephen Olly seinen Hut, der ihn sich tief über die Augen zog und Stephens Körperhaltung nachahmte.

»Du hast schon einen Freund gewonnen«, flüsterte Lara in Stephens Ohr.

»Das macht mich sehr glücklich.« Er lächelte zu ihr herab.

Über ihren Köpfen segelten die Akrobaten dahin, bis sie irgendwann springend, sich drehend, fliegend und taumelnd in der von Scheinwerfern erhellten Manege landeten, um den Beginn der eigentlichen Vorstellung einzuleiten. Sie nutzten jeden Winkel des Raums aus, rollten in riesigen Silberreifen über den Boden oder schnellten an elastischen Seilen durch die Kuppel. Die Zuschauer wurden von einer Seite des Zelts zur anderen dirigiert – in einem Moment drängten sie sich in der Mitte, während eine Frau mit Knieschonern und Glitzerkostüm sich in ein Seil wickelte, im nächsten bildeten sie einen Kreis um einen unglaublich muskulösen Mann, der laut auf Französisch brüllte, während er außerordentliche Dinge mit einer Eisenstange vollführte.

Die ganze Zeit über spielte die Band ihre scheppernde Musik – Lieder, in denen es darum ging, Tabus zu brechen und Einsamkeit und Sehnsucht durch das Überschreiten von Grenzen zu besiegen.

Nicht ein einziges Mal wurden Lara und Stephen durch die Bewegungen der Masse getrennt. Sie hielten sich im Hintergrund und genossen den heimlichen Körperkontakt, den die Dunkelheit ihnen ermöglichte. Olly und Jack hingegen waren immer mittendrin. Einen verwirrenden Augenblick lang dachte Lara, der Mann, der dicht hinter ihr stand, sich an ihren Rücken drückte und die Hände auf ihre Schultern gelegt hatte, könne unmöglich Stephen sein, weil der auf der anderen Seite der Manege in der vordersten Reihe stand und zu ihr herüberblickte. Doch als sie die mahlenden Kiefer sah, die einen Kaugummi bearbeiteten, erkannte sie, dass es Olly war, den das Licht und Stephens Hut einen Moment lang verwandelt hatten.

Über ihnen verbog sich eine große Frau im taubengrauen Seidenkleid schwungvoll an einer statischen Trapezstange. Sie kletterte hinauf bis unter das Dach des Zelts. Dann fiel sie, stürzte geradewegs auf das Publikum zu. Die Menge erschrak und wich wie ein Mann zurück, hin- und hergerissen zwischen dem Impuls, sie aufzufangen, und dem Drang zu fliehen, um die eigene Haut zu retten. Lara verbarg das Gesicht an Stephens Arm. Doch der vermeintliche Absturz war Teil der Darbietung. Im letzten Moment wurde die Frau durch ihren Fuß gehalten, den sie in eins ihrer Seile gehakt hatte.

»Komm heute Abend zu mir«, raunte Stephen in Laras Haar.

Die Akrobatin schlang einen muskulösen Schenkel um ihre Trapezstange, ihr Seidenkleid breitete sich aus wie Flügel, und sie bog im Triumph über ihren Fall den Rücken durch.

»Ich kann nicht.« Laras Mund streifte sein Ohr. »Ich will. Aber es geht nicht.«

»Dann morgen. Komm tagsüber, wenn du kannst.«

Lara nickte. Die Schönheit und Kühnheit dort oben trieben ihr die Tränen in die Augen. Sie hatte die Mädchen in den Lederjacken und Vintage-Kleidern um ihr Leben beneidet, doch dieser Neid wog nichts gegen die schmerzhafte Sehnsucht, die Frau dort oben sein zu können. Sie würde weglaufen und sich dieser Gruppe unbekümmerter Schlangenkörper und Freigeister anschließen, die eine wundervoll verschworene, wilde Gemeinschaft bildeten, jede Woche in einer anderen Stadt, einem anderen Land, und ihre einzige Pflicht wäre es, mit ganzem Herzen und ganzer Seele ihre Kunst zu präsentieren.

Sie weinte stumme Tränen um ihre verlorene Jugend.

Das Trapez wurde in die Kuppel hinaufgezogen, und die Artistin glitt an einem langen Seil in die Manege hinab. Ein älterer Mann mit Hut und einem Regenmantel, der dem von Stephen nicht unähnlich sah – obwohl sein Oberkörper unter dem Mantel nackt war und er nichts weiter trug als enge Leggings –, dirigierte das Publikum in eine neue Formation, damit sie einem Paar zuschauen konnten, das in einem anderen Teil des Zelts eine Zweiernummer an einer Tuchschlinge vorführte. Ihre Glieder schlangen sich ineinander, über- und umeinander. Der Mann hielt die Frau an einem Arm in die Höhe, dann drehten sie sich um, so dass sie sein gesamtes Körpergewicht auf ihrem Bein balancierte. Er löste die Pose auf, und ihre Körper verschmolzen erneut miteinander. Lara spürte Stephens Hand, als sein Arm sich um ihre Taille legte.

»Da bist du ja, Mutter«, sagte Olly ihr ins Ohr.

Instinktiv rückte sie von Stephen ab. Sie hatte geglaubt, Olly sei noch auf der anderen Seite. Sie sah zu ihm auf. Nichts ließ darauf schließen, dass er etwas mitbekommen hatte. Dennoch war sich Lara bewusst, dass sie selbst auf einem Drahtseil balancierte und besser achtgeben musste.

»Ist das nicht einmalig?«, fragte sie. Zu ihrer Erleichterung nickte Olly.

»Besser als Dads ätzender Kram«, antwortete er und schaute zu den zwei Körpern empor, die sich fünf Meter über ihnen ineinander verknoteten. »So was will ich auch mal machen«, fügte er stöhnend hinzu.

»Erst kommt der Schulabschluss«, erwiderte sie.

Nach dem Ende der Vorstellung strömten die Zuschauer aus dem stickigen Zelt in die kühle Nachtluft hinaus. Der Rhythmus der Band pulste noch durch ihre Adern. Als sie über das stoppelige Gras zum Parkplatz gingen, drehte sich ein Paar, das sie gerade überholte, nach ihnen um und starrte Stephen an.

»Er ist es wirklich«, sagte die Frau. »Wenn ich es dir sage.«

»Hey, Olly, kann ich meinen Hut wiederhaben?«, bat Stephen und setzte die Brille auf. »Da habe ich doch glatt für einen Moment vergessen, dass ich kein normaler Sterblicher bin«, setzte er, an Lara gewandt, hinzu, die seinen Arm drückte. »Dass ich ein Mensch mit zwei Köpfen bin.«

Olly wollte den Hut abnehmen.

»Scheiße«, fluchte er, als sich seine Locken in der Schnalle zur Weitenregulierung verfingen. Das Pärchen vor ihnen war stehen geblieben, und die Frau debattierte mit ihrem Mann darüber, ob sie zurückgehen und Stephen ansprechen sollte.

»Nicht zerren«, sagte Lara, doch Olly riss sich mit Gewalt den Hut vom Kopf, so dass ein Haarbüschel hängen blieb.

»Autsch. Mist«, sagte er.

Mit Hut und dicker Brille war Stephen eine vollkommen andere Person.

»Schatz, ich denke, wir sollten unseren Kleinen jetzt nach Hause bringen. Er muss schleunigst ins Bett«, sagte er in seinem cremigen Südstaatenakzent und legte den Arm um Lara, als sie sich dem neugierig schauenden Paar näherten.

»Irgendjemand hier muss mal zum Augenarzt«, meinte der Mann zu seiner Frau, als sie an ihnen vorbeigingen.

»Ach, du«, hörten sie sie hinter sich sagen.

»Und der Oscar für die Rolle als Familienvater vom Lande geht an Stephen Molloy«, verkündete Olly, sobald Stephen den Motor des Wrangler angelassen hatte.

Stephen hatte eine CD mit der Musik aus der Show gekauft, und sie fuhren unter einem mit strahlenden Sternen bedeckten Himmel dahin und sangen »I. Will. Not. Be-Good«, so laut ihre Lungen es hergaben. Jack, der die Vorstellung von der ersten bis zur letzten Minute genossen hatte, sang am lautesten. Halb schrie er die Worte heraus, halb verschluckte er sie in gurgelndem Gelächter. Zum ersten Mal seit langem hatte Lara das Gefühl, vollkommen im Moment zu leben, ohne den Wunsch, irgendwo anders zu sein. In Gedanken spann sie die Szene, die Stephen auf dem Parkplatz angedeutet hatte, weiter und malte sich aus, dass sie tatsächlich eine Familie wären, die zu ihrem Haus im Wald zurückkehrte, wo sie alle zusammen lebten. Sie stellte sich vor, sie befände sich außerhalb des Autos. Wie fröhlich sie klingen mussten, wie sie laut singend die Straße entlangfuhren.

»Verdammte Scheinwerfer«, sagte Stephen.

Lara sah sich um. Direkt hinter ihnen war ein Auto. Es fuhr so dicht auf, dass es fast ihre Stoßstange berührte. Die Frontscheinwerfer waren auf Fernlicht geschaltet und blendeten Stephen. Er kippte den Innenspiegel in die Abblendposition, trotzdem konnte er nur mit Mühe sehen.

»Verdammt«, sagte er. »Festhalten.«

Das andere Auto setzte zum Überholen an, allerdings kam es ihnen dabei seitlich immer näher, bis es sie schließlich rammte. Lara sah an Stephen vorbei auf den aggressiven Fahrer. Entsetzt stellte sie fest, dass es derselbe graubraune Wagen war, der sie und Jack um ein Haar überfahren hätte; derselbe Wagen, den sie bei Pretty Fly Pie hatte anhalten wollen … Die getönten Scheiben ließen nur die Silhouette des Fahrers erkennen, aber es war unverkennbar eine Frau. Es war Elizabeth Sanders, und es war sonnenklar, dass sie ihrer Drohung Taten folgen lassen wollte.

»Hauen Sie ab!«, rief Stephen. »Lassen Sie mich in Ruhe!«

Sie holperten weiter, halb auf der Fahrbahn, halb auf dem Randstreifen. Wenige hundert Meter vor ihnen tauchte die Brücke auf, die sie auf der Hinfahrt überquert hatten. Wenn sie so weiterfuhren, würden sie abstürzen und im Fluss landen.

»Bremsen!«, schrie Lara und klammerte sich mit weißen Knöcheln ans Armaturenbrett. Gerade noch rechtzeitig besann sich Stephen und trat auf die Bremse, so dass sie mit kreischenden Reifen im Schotterbett drei Meter vor der Brücke zum Stehen kamen.

Nach einem letzten Schlenker, durch den es die Seite des Wagens eindrückte und ihn fast umwarf, raste das graubraune Auto an ihnen vorbei und verschwand in der Nacht. Stephen ließ den Kopf aufs Lenkrad sinken, während die Band einen unstrukturierten, atonalen Bläserriff improvisierte. Lara streckte die Hand aus, um die Musik abzustellen, und das Zirpen der Grillen in den umliegenden Feldern war wieder zu hören.

»Sind alle heil geblieben?« Sie sah nach hinten zu ihren Söhnen, die zusammengekauert und blass dasaßen. Sie nickten stumm. »Stephen?«, fragte sie und legte ihm vorsichtig die Hand auf den Rücken.

»Habe ich es nicht gesagt?«, sagte er endlich, hob den Kopf und lächelte. »Jede Menge Wahnsinnige auf den Straßen hier.«

Lara versuchte, an seinen Augen zu erkennen, ob er glaubte, was er da sagte – ob er wirklich nicht wusste, was los war –, aber seine Miene war undurchdringlich. Mit einem Schulterzucken ließ er den Motor wieder an und lenkte den Wagen zurück auf die Straße.

»Sehen wir zu, dass wir die Kinder nach Hause bringen«, erklärte er, jetzt wieder mit zur Verkleidung passender verstellter Stimme.

»Go, Daddy, go«, rief Olly in derselben Tönung des tiefen Südens.

Als sie in Trout Island ankamen, saßen Marcus und Selina auf der Veranda und rauchten. Auf dem schäbigen Plastiktisch vor der Hollywoodschaukel stand eine große, fast leere Flasche Yellowtail Pinot Grigio.

»Wie war die Vorstellung?«, blökte Marcus quer durch den Vorgarten, nachdem Stephen den Motor ausgeschaltet hatte.

»Super!«, rief Olly und sprang vom Rücksitz.

»Was zu trinken, Stephen?«, fragte Selina, die aufgestanden war und die Stufen hinunter auf ihn zutänzelte.

»Schhh!«, machte Marcus. »Mist.«

»Marcus«, sagte Lara. »Sag mir, dass das nicht wahr ist.«

»Ich kann ein Geheimnis für mich behalten, Süße«, beteuerte Selina und lehnte sich an Stephens Auto. »Selina Mountford.« Sie beugte sich zu ihm und streckte ihm die Hand zum Gruß entgegen. »Ich bin eine große Bewunderin Ihrer Arbeit. Ich habe in Transform mitgespielt, aber ich glaube nicht, dass wir uns persönlich begegnet sind. Ich war eins der Wassermädchen.«

»Hallo«, sagte Stephen, während er Jack aus seinem Kindersitz hob.

»Machen Sie sich wegen mir keine Sorgen«, versicherte Selina. »Ich bin die Verschwiegenheit in Person. Es ist ja nicht so, als ob ich Zivilistin wäre. Ich verstehe, dass Sie sich bedeckt halten müssen. Bleiben Sie doch noch, setzen Sie sich zu uns.«

»Tut mir leid. Ich muss zurück zu meinen Tieren.« Stephen reichte Lara den Kindersitz. »Tschüs, Jungs.« Er winkte Olly und Jack, die aufs Haus zugingen. »Tschüs, Lara.« Er gab ihr einen flüchtigen, unpersönlichen Kuss auf die Wange. »Marcus«, sagte er und zeigte mit dem Finger auf ihn.

»Cheers, Alter.« Marcus winkte. Er war aufgestanden und stützte sich schwankend aufs Verandageländer.

»Danke, Stephen«, sagte Lara. »Es war ein toller Abend.«

»War mir ein Vergnügen.« Er startete den Motor und fuhr davon. Erst als seine Rücklichter schon verschwunden waren, wurde Lara mit einem Stich bewusst, dass sie sich nicht für ein weiteres Treffen verabredet hatten.

»Oll, könntest du Jack bettfertig machen?«, bat sie. Olly stöhnte und schnalzte mit der Zunge, nahm aber seinen schläfrigen kleinen Bruder auf den Arm und trug ihn ins Haus.

Lara drehte sich zu Marcus um und lenkte den verspäteten Schock nach dem Beinahe-Autounfall in Wut auf ihren Mann um. »Dir ist schon klar, dass es ein Geheimnis sein sollte, dass Stephen hier ist?«

»Jetzt komm aber.« Marcus fuchtelte mit den Armen. »Was ist schon Schlimmes dabei, wenn Selina Bescheid weiß?«

»Du hast ja keine Ahnung«, erwiderte Lara.

»Was soll das denn bitte heißen?«

»Du kannst mir wirklich vertrauen, Lara«, versicherte Selina. »Zufällig habe ich eine Menge Freunde, die genauso berühmt sind wie Stephen Molloy – mindestens. Ich weiß, wie schwierig das ist. Ich bin cool.«

»Hoffen wir mal, dass das stimmt«, gab Lara zurück. Sie fragte sich, inwiefern man es als cool bezeichnen konnte, Stephen etwas vorzusäuseln und mit der winzigen Rolle zu prahlen, die man vor acht Jahren in einem seiner Filme gespielt hatte, aber sie ersparte sich jeden weiteren Kommentar. »Er gibt sich sehr große Mühe, unentdeckt zu bleiben. Für ihn steht viel auf dem Spiel.«

»Jetzt mach aber mal halblang!«, sagte Marcus. »Findest du nicht, dass er das Ganze ein bisschen übertreibt und absichtlich einen auf mysteriös macht? Er hat diesen Mythos um sich herum konstruiert, und jetzt glaubt er fest daran, und niemand widerspricht ihm, deswegen ist das Ganze für ihn zu einer Art Spiel geworden.«

»Ein Spiel? Du kapierst gar nichts, oder?«

»Mein Gott.« Marcus verdrehte die Augen. »Was hat er dir denn erzählt?«

»Weißt du was? Du verdienst es gar nicht, dass ich es dir verrate.«

»Jetzt hör mal zu. Wir haben alle von der Sache mit der Stalkerin gehört. Aber das war vor Ewigkeiten und am anderen Ende dieses riesigen Landes. Also reg dich nicht so auf, altes Mädchen.« Marcus stand auf und wollte den Arm um sie legen. »Pass auf, es tut mir leid, dass ich es Selina gesagt habe. Hilft das? Also, willst du jetzt ein Glas mittrinken?«

Lara sah auf ihre Zehen herab, die sie so stark zusammengekrallt hatte, dass sie krampften. Sie wollte Selina eine Maulschelle verpassen und dann diese dämliche Weinflasche zerschlagen und sie Marcus in den Bauch rammen. Sie stellte sich sogar bildlich vor, wie sie es tat.

»Ich bin müde«, erklärte sie nach einer Weile. »Und ich muss nach oben, Jack gute Nacht sagen.« Sie überlegte, ob sie sich eine Geschichte ausdenken könnte, dass sie etwas in Stephens Wagen vergessen hatte, damit sie einen Grund hatte, ihn anzurufen, und seine Stimme hören konnte, aber ihre Fantasie ließ sie im Stich. »Bleibt ihr beiden nur hier und amüsiert euch. Aber schließ ab, wenn du reinkommst«, fügte sie hinzu.

Als sie ins Haus ging und die widerliche, stinkende Treppe hinaufstieg, hörte sie Selinas helles Gickern, begleitet von Marcus’ tiefem, kehligem Lachen. In Selinas Augen musste er geradezu exotisch sein – so anders und britisch, und noch dazu war er extra den weiten Weg aus Europa angereist, um die Hauptrolle zu übernehmen.

Nun, sie konnte ihn gerne haben.

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