EPILOG
Die goldenen Strahlen der Morgensonne tauchten den
östlichen Himmel über dem Golf mit seinen lavendelfarben
schimmernden Wolken in einen rötlichen Schein, durchfluteten mit
ihrem Licht die Bucht dahinter und erleuchteten die silbergrauen
Wellen, die von weißen Schaumkronen bedeckt waren. Die metallene
Bordverkleidung funkelte wie das Licht tausender, winziger Sterne.
Und das Boot bäumte sich im Gegenwind auf, der von Richtung Norden,
aus Smith Point, herüberwehte.
Bubba Bear ging vom
Gas.
»Der Nordwind trägt
das Wasser aus dem Schwemmland hier rüber«, brüllte er. »Es läuft
in die Bucht, und mit ihm die kleinen Fische. So dass die Saiblinge
und Rotbarsche hier zusammenströmen, um nach Futter zu
suchen.«
Eddie hockte auf der
flachen Sitzbank vor der Steuerkonsole, auf dem Kopf eine verkehrt
herum aufgesetzte Baseballkappe. Er hob eine Hand in die Höhe und
winkte Bubba Bear zu, um zu signalisieren, dass er ihn gehört
hatte. Wenn auch nicht verstanden. Mann, sein Magen schlug
Purzelbäume. Das Boot schaukelte unaufhörlich auf und
ab.
Randy und Waylon
hatten allerdings ihren Spaß. Mit großen Augen hockten sie da und
sogen alles in sich auf, die gewaltige, wogende Wasseroberfläche,
den Regenhimmel über den Sümpfen am Horizont, den Wind, selbst das
Schaukeln des Bootes. Mannomann. Bubba Bear gab erneut Gas, das
Boot machte einen Satz nach vorne, und der Bug hob sich, bis sie
klatschend über die Wellen glitten. Randy und Waylon
jubelten.
Schließlich glitten
sie um das sumpfige Ufer der Landspitze, dann drosselten sie das
Tempo und kamen fast zum Stehen, während das Boot in der eigenen
Heckwelle auf und ab schaukelte. Bubba Bear steuerte es in die
Mündung einer schmalen Rinne und sagte: »Außerdem läuft das Wasser
jetzt in die andere Richtung. Das heißt, die Meeräschen und kleinen
Fische machen jetzt Jagd auf Garnelen. Und die Saiblinge wiederum
auf sie. Und wenn wir die gute alte Nahrungskette um ein Glied
erweitern, wartet dort unser Mittagessen. Schon mal Saiblinge
geangelt?«
Eddie schüttelte den
Kopf.
»Du hast ja keine
Ahnung, was dir entgeht. Schlagen sich wirklich wacker. Riech
mal.«
Eddie hob den Kopf
und schnupperte. Er roch nach verrotteten Pflanzen und fauligem
Schlick. Nach Sumpf.
»Das ist der Duft
der Fruchtbarkeit«, sagte Bubba Bear. »So läuft das eben hier im
Schwemmland. Die Lebenden fressen die Toten. Ein ewiger
Kreislauf.«
Das Boot fuhr durch
die Öffnung des Tümpels, wo das Wasser ruhiger war. Und Eddies
Magen beruhigte sich wieder. Der große Mann schaltete den Motor aus
und setzte den Anker. »Weißt du, wie eine Frau schmeckt, wenn sie
ihren Eisprung hat, Rufus?«
Er schätze schon,
erwiderte Eddie, das schmecke ein wenig sauer.
»Genau das meine
ich. Fruchtbarkeit, Kumpel.«
Bubba Bear reichte
ihm eine Angel mit Spule, für Randy und Waylon steckte er zwei
kleinere Ruten zusammen. Und während die blutrote Sonne über den
Wolken weiter emporstieg, warfen sie ihre Angeln aus; die beiden
Männer fingen drei Pfund schwere Saiblinge, die nach Luft
schnappten und an den Seiten silbrig glänzten, die Jungs kleinere
Umberfische und Trommler, für die sie gefrorene Garnelen als Köder
verwendeten. Das Boot erzitterte und schaukelte unter dem lautem
Gejohle und dem polternden Gelächter des großen Mannes. Nach einer
Stunde stellte Eddie seine Rute zur Seite und legte sich, gegen die
Konsolen gelehnt, in die Sonne, er fühlte sich schläfrig. Bubba
Bear ließ seine Ausrüstung ebenfalls sinken, öffnete zwei Bier und
reichte ihm eins.
»Wirklich schade um
deine alte Gibson«, sagte er.
Eddie schüttelte mit
geschlossenen Augen den Kopf. »Du weißt ja, wie Kinder
sind.«
»Also, wenn du mich
fragst, die neue klingt besser. Und sie ist echt
hübsch.«
Vor seinem geistigen
Auge sah Eddie die Gitarre. Cherry-Sunburst-Lackierung, die Decke
aus Sitka Fichte, der Boden und die Seiten aus Mahagoni, mit
graviertem Schlagbrett. Eine Gibson Hummingbird, echte Handarbeit.
Vor einer Woche hatte er sie in einem Musikgeschäft in Galveston
gebraucht gekauft. Bubba Bear hatte den Scheck mit
unterschrieben.
»Hast du das von dem
Truck des Rangers oben im Sea Rim Park gehört?«
Eddie nickte, die
Augen immer noch geschlossen. Es kam seit Tagen in sämtlichen
Nachrichten. Sie hatten die Leiche zusammen mit der eines anderen
Typen auf dem Grund eines Flusses oben in East Texas gefunden, und
seinen Truck unten bei Port Arthur. Es gab jede Menge
Spekulationen. Man hielt das Ganze für Johnny Ray Matthews Werk,
der inzwischen abgetaucht war und von der Polizei gejagt
wurde.
Ray
Bob.
Fort.
In den Nachrichten
hieß es, er sei zusammen mit einem anderen Mann für eine ganze
Verbrechensserie verantwortlich und habe eine Spur aus Tod und
Verderben durch halb Texas gezogen, sein Partner sei wahrscheinlich
tot.
Sprich: Cousin
Wade.
Ebenfalls fort.
Mannomannomann.
»Tja, wir leben in
einer schrecklichen Welt«, sagte Bubba Bear, »aber wir haben sie
selbst zu dem gemacht, was sie ist.« Mit einer Hand zerquetschte er
die leere Bierdose. »Was meint ihr dazu, wenn wir den Anker lichten
und zurückfahren?«
»Klingt gut«,
murmelte Eddie.
»Das sind wirklich
ein paar Prachtkerle, die du da hast, Rufus.«
Er öffnete die
Augen, um Randy und Waylon dabei zu beobachten, wie sie in ihren
orangefarbenen Schwimmwesten die Angelruten ins Wasser streckten;
sie blinzelten ins Sonnenlicht, das von unten reflektiert wurde,
während sie an der Spitze der Fiberglasrute nach einem Zucken
Ausschau hielten. Keiner der beiden lutschte am Daumen, sie waren
einfach zu beschäftigt.
»Ja«, sagte er, »das
sind sie. O ja.«
Über ihnen, am
türkisblauen Himmel, zogen zwei Pelikane ihre Bahn; die Jungs
deuteten nach oben und drehten sich beide mit offenem Mund zu ihm
um.
»Sie sind meine
Kumpel.«
»Ich hab gehört,
wenn man die Burritos mit Bohnen bestellt, kann man so viel scharfe
Soße essen, wie man will.«
»Auf die saure Sahne
solltest du aber besser verzichten.«
»Stimmt. Und bei
McDonald’s nimmst du den Junior Burger und nicht den Big
Mac.«
»Okay.«
»Das sind
fünfhundert Kalorien weniger.«
Es war später
Nachmittag, und Della und Melinda Crane hockten im Kosmetiksalon
und tauschten sich darüber aus, wie man Fast Food isst, ohne
zuzunehmen. Della meinte, es sei die Größe der Portionen, die dick
mache, und die Milchprodukte. Melinda, die auf einem Stuhl saß und
gerade eine Dauerwelle bekam, fragte: »Woher hast du denn deine
Informationen?«
Della runzelte die
Stirn. »Aus der Cosmopolitan. Ich glaube, wir können jetzt
waschen.«
Sie traten zum
Waschbecken hinüber. Susie Green, die Ladenbesitzern, die am
anderen Stuhl Mrs. McFaddin bediente, erklärte, sie habe gehört,
man könne alles essen, was gegrillt oder gekocht sei, nur von
Frittiertem solle man die Finger lassen.
»Frittiertes Essen
ist einfach schrecklich«, sagte Mrs. McFaddin und klammerte sich
bei dem Gedanken an all das Schweineschmalz an die Armlehnen ihres
Stuhls. »Aber wie soll man Meeresfrüchte sonst zubereiten?« Sie
blickte ratlos drein und schüttelte den Kopf, sodass ihre Wangen
hin und her schlackerten.
»Im Stingaree
benutzen sie Pflanzenöl«, sagte Melinda. Am Wochenende arbeitete
sie dort im Restaurant als Bedienung. »Und natürlich kein
Schweineschmalz.«
»Um Gottes willen,
das hab ich auch nicht behauptet«, sagte die ältere
Dame.
Della wechselte das
Thema und fragte Melinda, was ihr Liebesleben mache. Sie erzählte,
dass ihr Freund Larry Lee oben in Fort Wort einen Job als
Bauarbeiter gekriegt habe und dass sie sich noch nie so gut
verstanden hätten wie jetzt, wo er in einer anderen Stadt
arbeitete. »Und wisst ihr auch, warum?«
»Warum denn?«,
fragte Mrs. McFaddin.
»Weil er dann nicht
in meiner Nähe rumhängt und mich ständig daran erinnert, was für
ein Arschloch er ist.«
Sie lachten, und
Della erklärte, dass sie und Rufus diesen Punkt noch nicht erreicht
hatten. Sie sprach den Namen Ru-fas
aus, denn sie war sich immer noch nicht sicher, wie man es richtig
betonte, allerdings klang es so oder so bescheuert.
»Das sind nicht
seine Jungs, oder?«, fragte Susie.
»Nein, Ma’am, sie
sind von meinem ersten Mann. Nur dass Rufus ein doppelt so guter
Vater ist. Wisst ihr, dass er mit ihnen angeln gefahren ist? Ihr
leiblicher Vater hätte so was nie getan. Der hatte immer nur Jack
Daniels und die Glotze im Sinn.«
»Männer«, sagte Mrs.
McFaddin.
»Ich hab noch keinen
kennengelernt, der mir nicht irgendwann auf die Nerven gegangen
ist«, witzelte Della und fügte hinzu: »Das ist nur so ein Spruch
von einer Freundin. Ich bin da nicht unbedingt ihrer
Meinung.«
»Na ja, Sie sind
noch jung«, sagte Mrs. McFaddin.
»Danke. Übrigens,
Rufus hat erzählt, dass die Jungs auf dem Boot nicht einmal am Daumen gelutscht hätten. Sie haben ein
echtes Problem damit, wisst ihr? Darum haben wir dieses bittere
Zeug gekauft, mit dem man sich das Nagelkauen abgewöhnt. Das klappt
auch ganz gut, aber er hatte vergessen, es draufzutun. Doch das war
offenbar egal. Seine Theorie ist: Solange sie beschäftigt sind,
haben sie gar keine Zeit, nervös zu werden. Nur dann tun sie es
nämlich.«
»Was?«, fragte Mrs.
McFaddin.
»Tja, ich werd dir
was sagen«, mischte sich Melinda ein, »ich steh total auf seine
Musik. Bubba Bear ist davon überzeugt, dass er absolut echt
klingt.«
»Auf jeden Fall«,
sagte Della. »Er ist mit Leib und Seele dabei. Wir denken daran,
wieder nach LA zu ziehen, wisst ihr, sobald er noch mehr Songs
geschrieben hat. Dort gibt es einfach mehr Möglichkeiten, wenn’s
darum geht, entdeckt zu werden und so weiter. Das ist sein großer
Traum.«
Mrs. McFaddin
erklärte daraufhin, Träume seien zwar eine schöne Sache, aber wenn
man dafür an einem Ort wie Kalifornien leben müsse, sei das ein
hoher Preis. Della gab zu, dass sie womöglich recht habe, doch dass
man für den Erfolg eine Menge Opfer bringen müsse. Als Mrs.
McFaddin wissen wollte, welchen Preis sie bereit sei zu zahlen,
deutete Susie mit dem Kamm in den Spiegel und sagte zu ihr: »Ich
glaube, wir sind fertig, na, ist doch schnuckelig
geworden.«
Während sie sich im
Spiegel beäugte, runzelte die dicke Frau die Stirn. »Ich weiß
nicht, ob ich dieses Wort dafür verwenden würde.«
Nachdem sie gegangen
war, stieß Susie zischend einen Schwall Luft aus. »Die Gute, es ist
jedes Mal eine Strafe mit ihr.« Und dann war Melinda ebenfalls
verschwunden, und Susie und Della fingen an, aufzuräumen. Die
Besitzerin erklärte, sie sei froh, dass Della für sie arbeitete.
»Es ist nicht ganz einfach hier unten, qualifizierte
Schönheitspflegerinnen aufzutreiben«, sagte sie, »das hier ist
nicht gerade ein Leben auf der Überholspur.«
»So übel ist es gar
nicht«, erwiderte Della. »Man kann hier gut entspannen, die
Batterien wieder aufladen.« Sie lächelte nervös. »Und weißt du
was?«
»Was
denn?«
Susie musste über
Dellas Benehmen lächeln.
»Kannst du ein
Geheimnis für dich behalten?«
»Darauf kannst du
wetten, Süße.«
»Ich glaube, ich bin
schwanger.«
Es war früh am
Abend, und der Strand lag ruhig da, während am Himmel die ersten
Sterne aufgingen. Im Zwielicht des Sumpfes stimmten die Frösche
nach und nach ein Lied an, und Eddie machte sich gerade bereit für
seinen Auftritt, als Della erklärte, sie müsse noch mal schnell zum
Laden, Milch für die Jungs holen.
Sie fuhr mit dem
Truck hinunter zum Gulf Coast Market, kaufte zwei Liter Milch und
wechselte fünf Dollar in 25-Cent-Stücke. Dann rief sie vom Telefon
draußen die Auskunft in Houston an und fragte nach der Nummer des
Holiday Inn am Interstate 10, in der Nähe des Highway 6, wählte die
Nummer und verlangte den Empfangschef. Es meldete sich ein junger
Mann.
»Guten Abend«, sagte
Della, »mein Name ist Mrs. Green, ich rufe aus Kalamazoo
an.«
Lügen, Lügen, Lügen.
Sie hasste das, aber wie sollte sie sonst die Wahrheit
erfahren?
»Ja,
Ma’am?«
»Also, ich rufe an,
weil ich vor Kurzem mit meinem Mann in Ihrem Hotel übernachtet habe
– wir haben seine Familie in Houston besucht -, und es gab da
diesen merkwürdigen Zwischenfall. Ich bin schrecklich neugierig und
wüsste gerne, was da passiert ist.«
Der Empfangschef
wartete und räusperte sich dann. »Ja, Ma’am?«
»Das war, na ja,
etwa vor drei Wochen«, sagte sie, »einer Ihrer Gäste wurde auf
seinem Zimmer mit einem Messer angegriffen. Ich glaube, er wurde
sogar getötet. Am nächsten Tag sind wir dann abgereist. Und ich
habe nie erfahren, worum es überhaupt ging. Darum rufe ich an, ich
bin einfach eine neugierige Person.«
Der Empfangschef
schwieg.
»Wie auch immer, ich
frage mich nur, wer der Täter war und warum er es getan hat. Hatten
Sie an diesem Abend Dienst?«
Der Empfangschef
zögerte und sagte schließlich: »Ja, Ma’am, doch ich bin mir nicht
sicher, ob ich mit Ihnen darüber reden darf. Er hat allerdings noch
gelebt, so viel kann ich sagen.«
»Mein Gott.« Della
ließ fast den Hörer fallen. »Tatsächlich?«
»Ja, Ma’am, aber
sein Zustand war kritisch.«
»Wer war der Mann?«
Und als der Empfangschef nicht antwortete, sagte sie: »Hören Sie,
ich rufe aus Kalamazoo an, wem sollte ich davon
erzählen?«
»Also … ich weiß das
auch nur vom Hörensagen, denn das ging alles ziemlich diskret über
die Bühne«, erklärte der Empfangschef schließlich. »Bei dem Mann
handelte es sich um einen Mister Delahoussaye aus New Orleans.
Einige seiner … Geschäftspartner ist,
glaube ich, das richtige Wort, haben ihn dann gefunden. Es hieß,
dass sie was mit der Mafia zu tun hätten.«
»Mein Gott«, sagte
Della.
»Ja, Ma’am, sie
haben dann einen Krankenwagen gerufen und ihn ins Krankenhaus
gebracht. Sie haben behauptet, er wäre auf seinen Brieföffner
gefallen, darum bräuchten wir die Polizei nicht zu verständigen.
Mein Chef war davon nicht gerade begeistert, wegen der Versicherung
und so. Ich meine, wegen möglicher
Rechtsstreitigkeiten.«
»Na ja, das wundert
mich nicht. Und haben Sie?«
»Was?«
»Die Polizei
gerufen.«
»Ja, Ma’am. Unser
Barkeeper konnte sich noch erinnern, dass er eine Frau bei sich
hatte. Aber das brachte sie auch nicht weiter. Wie gesagt, seine
Partner behaupteten, es wäre ein Unfall gewesen. Und mein Chef
wollte die Öffentlichkeit da raushalten. Also wurde die ganze Sache
unter den Teppich gekehrt … aber eigentlich sollte ich Ihnen das
alles gar nicht erzählen.«
»Ich werd’s für mich
behalten«, versicherte Della ihm, »ich würde mich nie mit dem
organisierten Verbrechen anlegen. Mister Delahoussaye ist also am
Leben?«
»Nein, Ma’am. Ich
meine, ich weiß es nicht. Nach dem, was ich gehört habe, hat man
ihn nach New Orleans ins Krankenhaus überführt, und dort ist er
dann gestorben. Vielleicht aber auch nicht, schließlich sind das
alles nur Gerüchte. Bei Leuten in dieser Branche kann man nie
wissen. Aber zitieren Sie mich bitte nicht.«
»Natürlich nicht«,
sagte Della.
Das Ganze klang
allerdings ziemlich bizarr. Wie etwas, das man sonst nur aus dem
Fernsehen kennt.
»Schon erstaunlich,
was direkt vor der eigenen Nase so alles passiert«, sagte Della.
»Hören Sie, die Telefonrechnung wird langsam teuer, mein Mann
bringt mich um. Danke für Ihre Ausführungen.«
»Ja, Ma’am, aber von
mir haben Sie nichts gehört.«
»Kein
Wort.«
Sie hängte den Hörer
ein und stand, die Milchtüte und die Truck-Schlüssel in der Hand,
einen Moment einfach nur da. Sie konnte es nicht fassen. Mister
Traumschiff lebte, vielleicht. Oder war tot. Jedenfalls drüben in
New Orleans. Junge, Junge, in ihrer kleinen schwarzen Kiste war
jetzt wieder etwas mehr Platz.
Ein Gangster, um
Himmels willen. Nach dem ganzen Gefasel über seinen dicken
Managerposten. War doch klar, oder? Mister Traumschiff – ein
Lügner. Dabei hatte er so einen netten Eindruck gemacht. Außer am
Ende.
Ja, was Menschen
anging, konnte man nie wissen. Jeder ein echtes Original, schlimmer
als in einem Roman. Den sie vielleicht eines Tages schreiben
sollte. Vielleicht tat sie das tatsächlich. Nur dass ihr keiner
glauben würde.
Tja. So war das
eben.
Ein später Abend in
der Stingaree Bar. Draußen die aufgewühlte Heckwelle eines
vorüberziehenden Lastkahns, unter funkelnden Sternen die Lichter
der Bucht und die aufgewühlte See mit ihrer salzigen Brise. Im
Innern Hochbetrieb, anschwellender Lärm und Rauch, klirrende
Bierflaschen, der würzige Duft gegrillter Krebse, Gäste dicht an
dicht – das ausgelassene Treiben der Einheimischen.
Und inmitten der
ganzen Szenerie, an der Bar, Bubba Bear, voll der Glückseligkeit;
und auf seinem Hocker, schwitzend über die Gitarre gebeugt, Rufus,
der ihr schräge Töne entlockt, in die Mundharmonika bläst und sich
die Seele aus dem Leib singt.
Von vergeblicher
Liebe, von Liebe, die in die Brüche gegangen ist, von unerfüllter
und heimlicher Liebe und davon, wie sie sich in ihrer
unberechenbaren Sehnsucht offenbart. Liebe und Freude. Liebe und
Schmerz. Hoffnung und Verlust, Treue und Verrat. Und Liebe, Liebe,
immer wieder die Liebe.
Was sie ausmacht.
Was wir aus Liebe tun.
Und in seinem
schmerzerfüllten Gesicht, in seiner gebrochenen Stimme, in den
verzerrten Blue Notes und in seinem Wehklagen:
Erlösung.
Er singt
-
Früher war er ein
schlechter Mensch, ein schlechter Mensch, ein Dieb und ein Lügner,
er hat einem Mann in den Kopf geschossen und ist entkommen. Hat
sich mit bösen Männern herumgetrieben, Männern noch schlimmer als
er, und hat zugesehen, wie sie mit dem bezahlten, was sie
verachteten.
Kein guter Mensch,
nein. Nicht gut. Nur böse -
Hört zu
-
Ein Bluesman, ein
Bluesman, Künstler und Dieb, der verstohlen einen kurzen Moment der
Zeit festhält, der ewige Dichter, der für die Verbrechen jedes
Einzelnen bezahlt. Der in das Gesicht aller Gesichter blickt und in
das, was darin verborgen liegt, ohne zu blinzeln, und er singt,
singt von Erlösung und Sünde. Seiner und der aller anderen
Menschen.
Und er lächelt
dabei.
Er lächelt voll
qualvoller Freude und Mühsal, schließt die Augen und singt. Strophe
für Strophe, den sehnsuchtsvollen Refrain, die letzten Zeilen, die
langgezogenen Töne. Dann ein Moment der Stille, die vieldeutig
verhallt.
Der riesige bärtige
Mann an der Bar trinkt sein Malzbier mit geschlossen Augen und
lauscht. In diesen Songs erkennt er die Geschichte seines und eures
Lebens wieder. In der Gewissheit, dass der Sänger weiß, was wir
alle wissen, nur dass der Sänger den Mut hat, es auszusprechen.
Dieser einsame Sänger und all die anderen, die Dichter der Zeit,
zeitlos.
Seine Worte haben
nicht die geringste Bedeutung – außer der, die wir ihnen
geben.
Der große Mann
verfolgt aufmerksam, wie der Song zu einem Ende kommt, und er weiß,
dass darauf ein weiterer folgen wird, kaum eine Atempause zwischen
den ruhelosen, wechselvollen Geschichten, alle Szenen endlos
miteinander verbunden.
Dennoch gibt es
dazwischen kurze Momente der Stille.
Und er lächelt in
seinen Bart, den Bart eines Barden, und hebt das Glas auf Rufus,
denn er weiß, dass auch dieser, zu so später mitternächtlicher
Stunde einen Moment der Ruhe erlangt hat und dem Schwan gleich
enden muss … zärtlich, voller Anmut, ganz leise … der hinstirbt in
Musik.
Fort.