39
 
Rule wendete und nahm denselben Weg zurück, die U. S. 90 hinunter durch die Jacinto-Ebene und die Geländewagenvororte. In Richtung Houston. In die falsche Richtung, wogegen er jedoch nichts unternehmen konnte.
Die glühende Sonne näherte sich langsam ihrem Zenit, und vom Golf her trieb eine Bank hoher weißer Kumuluswolken landeinwärts. Er gelangte auf den I-10 Richtung Innenstadt, während Lefty auf dem Sitz neben ihm schlief.
Stadteinwärts herrschte ein wahnsinniger Verkehr, eine immerwährende Rushhour. Stop-and-go. Fluchend beobachtete Rule den gelbbronzenen Feinstaubnebel, der über der Landschaft schwebte. Er hasste diesen Ort aus ganzem Herzen. Tatsache: Dies war die dreckigste Stadt der Nation. Die Krebshauptstadt der Welt. Ruß, Schmutz, ein schwärender Misthaufen aus Beton. Zu viele Menschen, zu viel Lärm. Barrios, Ghettos, teure Wohngegenden mit Wächtern und Zäunen. Armut und Wohlstand Seite an Seite. Ein wahnsinniges Drängeln ohne Ende, das exzessive Brüllen der menschlichen Rasse. Ein Widerwillen erregendes Etwas: Houston. Eine Stadt jenseits von Recht und Ordnung, der Wilde Westen.
Deswegen lebte er auf dem Land. Dort gab es eine Welt ohne Menschen.
Er fuhr an der Anheuser-Busch-Brauerei bei der Abfahrt zur 610 vorbei und sah direkt vor sich einen durch den Dunst himmelwärts strebenden Mischmasch merkwürdiger geometrischer Formen. Kryptische Formen, die sich über ein Meer von Smog erhoben. Die aus Stein und Glas erbauten Türme der Innenstadt. Er griff nach dem Handy, wählte die Nummer der Mordkommission im Polizeihauptquartier und fragte nach Sergeant Eastland. Es knackte in der Leitung, dann wurde es still, und schließlich meldete sich der Detective.
»Clint, hier ist Rule.«
»Hey, alter Junge, das ist ja ewig her. Wie läuft’s denn so, Partner?«
»Es lief schon besser. Ich bin in Houston.«
Eastland lachte. »Die Stadt hält uns auf Trab. Ich arbeite an einem Fall, wo die Leiche keinen Kopf hat und beide Arme fehlen. Rat mal, warum.«
Rule stellte sich seinen alten Freund vor, wie er in einem kleinen viereckigen Büro saß, die Füße auf dem Schreibtisch und eine Zigarette im Mund. »Na los, erklär’s mir schon.«
»Wir haben ihn unten am Ship Channel gefunden. Aber vor uns waren die Alligatoren dort und haben ein richtiges All-You-Can-Eat-Büfett veranstaltet.« Wieder lachte Eastland und begann prompt zu husten. Er war ein schwerer Raucher, übergewichtig, und er trank zu viel. Nach zwei Scheidungen verbarg er seine Einsamkeit hinter markigen Sprüchen.
»Also, wenn du dich’ne Weile davon loseisen kannst«, sagte Rule, »dann könntest du mir helfen.«
Er unterrichtete Eastland über den Tod von DeReese. »Wahrscheinlich sind die Arbeiten am Tatort noch nicht abgeschlossen. Wo immer es passiert ist. Willst du mitkommen?«
»Wo bist du?«
»Auf dem Weg in die Innenstadt.«
»In Ordnung. Ich finde den Tatort heraus und warte dann vor der Tür. Die Mordkommission liegt jetzt nicht mehr am Bayou. Sie haben uns in ein renoviertes Hochhaus gesteckt. Wir sitzen jetzt in einer feineren Gegend. Ecke Travis und Polk.«
»Da kann ich nur gratulieren, Partner.«
»Und ob.«
Fünfzehn Minuten später verließen sie das Stadtzentrum in östlicher Richtung über den Navigation Boulevard, der parallel zum Buffalo Bayou verlief, einem unter Abwässern und Müll erstickten Graben mit grünen Ufern. Eastland ließ Rule mehrmals abbiegen, bis sie schließlich an den Geleisen der Southern Pacific entlang Richtung Galena Park fuhren. Der Detective streichelte Lefty abwesend mit der linken Hand, während seine Rechte mit einer Zigarette herumwedelte, deren Rauch er zum offenen Fenster hinausblies. Feuchte Luft drang in den Wagen. Eastland lockerte seine Krawatte und knöpfte den Kragen auf.
»Wunderschöner Tag«, sagte er. »Eine beschissene Sauna.«
Rule musterte ihn. Der Detective war noch dicker geworden. Sein Bauch quoll jetzt über den Gürtel, sodass sich die Hemdköpfe spannten. Sein Gesicht war rot, und auf seiner Nase zeigten sich purpurfarbene geplatzte Äderchen. Er trug einen zerknitterten Seersuckeranzug und abgewetzte Justin-Stiefel. Sein weißes Haar lockte sich in festen Kringeln über den Ohren und den Hals hinunter.
»Du siehst alt aus«, sagte Rule.
Eastland grinste. »Fick dich und das Pferd, auf dem du hergeritten bist, Partner. Ich bin alt. Ein fetter Alkoholiker, der drei Päckchen am Tag raucht und zu viel arbeitet. Ich könnte morgen auf sechs verschiedene Arten den Löffel abgeben, ohne dass jemand überrascht wäre.«
Er nahm einen tiefen Zug. »Trotzdem würde ich eine Flasche Old Crow drauf wetten, dass ich dich überlebe.«
»Was ist mit deinen Eiern?«, fragte Rule. »Hängen sie durch?«
Eastland lachte laut auf und verfiel dann in einen krampfartiges Husten. Vornübergebeugt und mit bebenden Schultern wies er mit der Hand nach rechts. Rule bog in eine Seitenstraße, überquerte die Schienen, fuhr an einem Schrottplatz vorbei und entdeckte schließlich einen Polizeiwagen und den Kastenwagen des Coroners, die vor einem einstöckigen Gebäude gleich am Ship Channel parkten. Er bremste unter einem Trompetenbaum hinter einer nicht als Dienstfahrzeug gekennzeichneten Limousine. Ein Stück entfernt bemerkte er ein weiteres Dienstfahrzeug, einen Abschleppwagen. Sie stiegen aus. Rule befahl Lefty, im Wagen zu bleiben, und öffnete beide Fenster, damit der Hund frische Luft bekam.
Sie blieben einen Augenblick auf der Straße stehen und versuchten, sich einen Überblick über die Szene zu verschaffen. Über ihnen schrien Möwen, und von einem ein Stück entfernt gelegenen Hafengelände drang ein regelmäßiges Klirren herüber. Rule griff nach hinten und zupfte an seinem Hemd. Dreißig Sekunden im Freien, und schon durchgeschwitzt. Eastland zog die Jacke aus, legte sie sich über die Schulter und wischte sich mit einem Arm übers Gesicht. »Herrlich«, sagte er.
Sie befanden sich in einer heruntergekommenen Industriezone mit hohen Maschendrahtzäunen, DURCHGANG-VERBOTEN-Schildern und von überwucherten Austernschalen bedeckten Parkplätzen, auf denen verrostete Boote und Schiffszubehör lagerten. Gräben voller Abfall und das durchdringende Aroma von erhitztem Diesel, gemischt mit dem scharfen Geruch alten Eisens und einer Prise Sumpffäulnis. Von den Aktivitäten vor dem einstöckigen Gebäude abgesehen, wirkte die Gegend verlassen. Das Haus war im Prinzip ein Betonklotz mit grünem Schimmel und teilweise farblosem Walzblech. Eine Miller-Bierreklame über dem Eingang verkündete: LITTLE BROWN JUG.
»Ein Laden ganz nach meinem Geschmack«, sagte Eastland und zündete eine Zigarette an. »Exklusive Lage, erstklassige Kundschaft.«
Rule grunzte.
Es gab keine Schaulustigen, was in dieser Gegend nicht weiter überraschte. Ein Uniformierter stand neben seinem Streifenwagen und trank ein Gatorade. Die Hintertüren am Kastenwagen des Mediziners waren offen. An der Stoßstange lehnte eine Bahre auf Rädern. Ein junger Mann und eine Frau saßen wartend im schattigen Inneren des Wagens. Ein großer fleischiger Mann mit breiten Schultern und beginnender Glatze rauchte an der Eingangstür der Kneipe eine Zigarre, während er die Szene beobachtete.
Die Leiche lag an einer Stelle mit hohem Gras an der Seite des Gebäudes. Zu sehen waren nur die Jeans und ein Paar braune Stiefel, deren Spitzen nach unten wiesen. Ein dünner junger Mann mit blonden Haaren beugte sich über die Leiche. Er trug eine Leinenhose mit Bügelfalten, ein beiges Sportsakko aus Seide und ein dunkles Hemd mit einer schmalen aprikosenfarbenen Krawatte.
»Der Typ aus der Modezeitung, das ist Charles Phelps«, sagte Eastland. »Einer unserer letzten Neuzugänge. Oder Kollegen, wie wir heute sagen.«
Er nahm einen kräftigen Zug an seiner Zigarette und grinste. »Collegeausbildung, Psychologie, arbeitet an seinem Abschluss in Jura. Ein Vorschriftenfanatiker. Lernt das Strafgesetzbuch auswendig, bloß aus Spaß. Redet wie diese Typen in Nightline. Ein toller Typ, das wird er dir bestätigen. Und nenn ihn ja nicht Charlie. Er heißt Charles
Eastland rieb mit den Fingerknöcheln über seine geschwollene Nase.
»Ich werd schon nett zu ihm sein«, sagte Rule.
Sie gingen zu Phelps hinüber, Rule stellte sich vor und erklärte dem Detective, er habe an einem Fall gearbeitet, in den DeReese verwickelt war, und diesen Typen gejagt. Es gehe um mehrere Morde, darunter auch ein Polizistenmord.
»Dieser Mann hier?« Phelps wies auf die Leiche, und sein schmales Gesicht verriet seinen Unglauben.
»Ich denke schon«, sagte Rule. »Wenn er es ist. Haben Sie was dagegen, wenn ich ihn mir ansehe?«
Der Körper des jungen Mannes versteifte sich. Mit einer seiner schmalen Hände strich er seine aprikosenfarbene Krawatte glatt, mit der anderen zog er das Seidenjackett ein Stück zurück, sodass an seiner Hüfte ein Pistolenhalfter aus Schlangenhaut mit einer 9mm-Beretta sichtbar wurde. Es passte perfekt zu seinem Gürtel. Der Typ schwitzte nicht mal.
»Ihnen ist doch klar, dass er Opfer eines mutmaßlichen Mordes geworden ist«, erklärte Phelps. »Er untersteht unserer Zuständigkeit. Ich bin verantwortlich.«
Rule hob beschwichtigend die Hände. »Ihr Fall, Sergeant. Ich brauche bloß eine eindeutige Identifizierung. Nur um sicherzugehen, dass er der ist, der er ist.«
Phelps zog einen Schmollmund und trat einen Schritt zurück. »In Ordnung, ich kann Ihnen sagen, wer er ist. Sein Name ist DeReese Ledoux. Er hatte einen Führerschein mit seinem Foto in der Brieftasche.«
»Schön, ist es dann okay, wenn ich einen Blick auf den Führerschein werfe?«
Der Detective atmete tief durch, beide Hände an den Hüften. »Sie sehen doch, dass wir hier zusammenpacken. Ich habe seine Habseligkeiten schon verstaut.«
Rule lehnte sich über die Leiche, wobei er die Hände dicht an die Oberschenkel drückte und Phelps nicht anblickte. »Das ist gut, mein Sohn, dann müssen Sie ja nicht lange suchen.« Er musterte die Leiche genau, die mit dem Gesicht nach unten im hohen Gras lag. Lange, dunkelbraune Haare, verwaschene Jeans, schwarzes T-Shirt, kränklich blasse, zu beiden Seiten des Körpers ausgebreitete Arme. Aus dem Augenwinkel sah Rule, dass Phelps’ Schuhe – schicke aus Cordobaleder geflochtene Halbschuhe – sich abwandten und entschwanden.
»Ist das der Kerl, den du gesucht hast?«, fragte Eastland.
Rule sagte nichts. Er kauerte sich tiefer hinunter. Der Kopf lag mit der rechten Wange im Gras. Im rechten Ohrläppchen trug der Tote einen goldenen Stecker in der Form des Staates Texas.
»Wir müssen ihn umdrehen«, erklärte Rule. »Nimm seine Füße!«
Rule hielt den Kopf, während Eastland die Stiefel packte und den Toten keuchend drehte, bis er auf dem Rücken landete.
»Junge, Junge«, sagte Eastland.
Rule zählte vier Einschusslöcher im T-Shirt, keines davon mehr als fünf Zentimeter vom Brustbein entfernt.
»Da schießt jemand besser als ich«, sagte Eastland.
»Das heißt nicht viel.«
Eastland lachte leise. »Nee, das heißt nicht viel.«
Rules Blick wanderte höher. Der Tote hatte ein hageres, knochiges Gesicht, teigige Haut, keinen Bart. Seine Augen waren offen. Dunkelbraune Augen. Hohe Wangenknochen, volle Lippen.
Nach einer Weile sagte Eastland: »Ich hab den Typen schon mal gesehen. Ja, genau, in der Glotze, bei einer von den Bands in Entertainment Tonight oder so was.«
»Hmm, klar«, sagte Rule. »Und ich bin Porter Wagoner.«
Er deutete auf die ausgestreckten Arme des Toten. Auf beiden waren Einstiche zu erkennen. »Der Typ war ein Junkie.«
»Ich sag doch, er war ein Rockstar.«
Rule streckte die Hand aus, nahm die Unterkante des T-Shirts zwischen zwei Finger und zog es bis zum Hals hoch. Ein schmaler und flacher Brustkasten kam zum Vorschein, nur Haut und Knochen. Alles war mit gerinnendem Blut bedeckt. Rule neigte sich ganz dicht heran und kniff die Augen zusammen. »Hast du ein Taschentuch?«
Eastland wühlte in seiner Hosentasche, zerrte einen zerknüllten grauen Fetzen heraus und reichte ihn Rule, der damit oberhalb der linken Brustwarze Blut abwischte.
»Verdammt«, sagte Eastland. »Das war mein Taschentuch.«
Rule wischte schweigend weiter, bis er die blassblauen Umrisse einer Tätowierung erkannte. Ein Harley-Davidson-Emblem, offensichtlich im Gefängnis ausgeführt.
»Ist er das?«
»Keine Ahnung.« Rule schüttelte den Kopf. »An eine Tätowierung kann ich mich nicht erinnern. Außerdem trägt der Kerl, den ich suche, einen Ring im Ohr, keinen Stecker.«
»Im linken Ohr?«
»Ja.«
»Na ja, einen Ohrring zu wechseln ist keine große Sache«, meinte Eastland. »Diese Typen sind wie Mädels. Sie haben ein Dutzend Ohrringe, zu jedem Outfit einen.«
Rule schaute auf und bemerkte Phelps, der sich mit schnellen Schritten vom Parkplatz her näherte. Eine seiner Hände lag am Aufschlag des Jacketts, und er selbst trug eine steinerne Mine zur Schau. Als er sie erreicht hatte, streckte er Rule den Führerschein entgegen. »Ich tue dies aus reiner Freundlichkeit, Ranger Hooks. Sie sollten wissen, dass ich mich gerade mit meinem Lieutenant beraten habe. Er sagt, Sie hätten ihr Vorgehen nicht über die offiziellen Kanäle abgesprochen.« Er bedachte Eastland mit einem scharfen Blick. Der zuckte die Schultern.
Rule starrte auf den Führerschein. Die gleiche Visage wie der Tote. Name: DeReese Ledoux. Eine Adresse in Dallas. Rule nahm sein Notizbuch heraus und schrieb sich die Einzelheiten auf. Dann wandte er sich an Phelps. »Verraten Sie mir die näheren Umstände. War er bewaffnet? Haben Sie einen Täter?«
»Das Opfer hatte eine H&R-Automatic Kaliber.32 bei sich«, antwortete der Detective steif. »Das ist alles. Wenn Sie mehr wissen wollen, halten Sie sich an die offiziellen Kanäle. Und jetzt wäre es nett, wenn Sie mir den Führerschein zurückgeben.«
Rule legte ihm den Führerschein in die fordernd ausgestreckte Hand. »Aber sicher, mein Sohn. Das ist Ihre Show hier. Ich weiß Ihre Unterstützung zu schätzen.«
Er wandte sich um und ging. Eastland folgte ihm dicht auf den Fersen. Dann blieb Rule abrupt stehen, drehte sich um und deutete mit dem Finger auf Phelps. »Übrigens, Ihr Kollege hier, Sergeant Eastland, spricht in den höchsten Tönen von Ihnen. Ich dachte, das interessiert Sie vielleicht … Chuck.«
Der Detective lief rot an. »Mein Name ist Charles.«
»Wie auch immer«, fuhr Rule fort. »Ich finde es toll, wie gut ihr Halfter und der Gürtel zusammenpassen.«
Sie wandten sich ab und ließen ihn allein. Als Eastland grinsend den Kopf schüttelte, erklärte Rule: »Wenigstens hab ich ihn nicht Charlie genannt.«
»Zum Teufel, darüber amüsier ich mich gar nicht. Ich hab bloß gerade gemerkt, dass du wirklich wie Porter Wagoner aussiehst.«
»Was ist daran so komisch?« Rule hielt kurz an und gab ihm mit der Hand ein Zeichen. »Bin gleich zurück.«
Er marschierte quer über den Parkplatz zu dem Mann hinüber, der an der Eingangstür stand und eine Zigarre rauchte. Das hinter ihm liegende Innere des Gebäudes wirkte düster wie eine Höhle, muffig und feucht. »Sind Sie der Eigentümer?«
Der große Mann nickte schweigend.
»Haben Sie beobachtet, was passiert ist?«
Der Mann klemmte die Zigarre zwischen die Zähne und strich sich mit der Hand über den kahl werdenden Kopf. »Da gibt’s nicht viel zu erzählen.«
Seine Stimme war überraschend hoch, ein Tenor. »Dieser Typ ist drinnen« – er deutete auf die Leiche – »und ein anderer Typ kommt rein. Sie streiten sich. Dann gehen beide raus. Ich höre Schüsse und ruf die Polizei. Das ist alles, was ich weiß.«
Er blickte Rule an und zuckte gleichgültig die Schultern. »Solcher Mist kann hier in der Gegend schon passieren. Das ist nicht die West University.«
»Kennen Sie das Opfer?«
Der Mann lehnte sich schwerfällig gegen den Türpfosten und schüttelte den Kopf. »Hab ihn vorher noch nie gesehen. Beide nicht.«
Rule wandte sich ab. Es war Zeitverschwendung, hier unten am Kanal Fragen zu stellen. Niemand hier hatte einen Namen oder eine Geschichte. Niemand legte Wert darauf, und keinen Außenstehenden interessierte es. Er ließ den Motor an, stellte die Klimaanlage auf die höchste Stufe, ließ die Türen weit offen und wartete neben dem Wagen, während Lefty gegen den Trompetenbaum pisste und dann am Graben entlangschnüffelte. Aus dem Gras kam das hohe Summen der Insekten.
»Ob du mir hier wohl die näheren Einzelheiten besorgen kannst?«, fragte er Eastland. Der Detective zündete sich die nächste Zigarette an und erklärte, das wäre kein Problem. Gleich nach dem Mittagessen würde er sich darum kümmern. Und dafür wurde es sowieso langsam Zeit. Er empfahl ein Lokal, wo sie das beste Garnelengumbo mit »dreckigem Reis« westlich von Lafayette zubereiteten.
»Dann sollte ich dich wohl einladen«, sagte Rule. Im selben Moment klingelte das Handy, und er nahm es aus dem Wagen.
»War es DeReese?«
Moline war am Apparat.
»Kommt darauf an. Eigentlich sieht es so aus. Allerdings hatte er eine Zweiunddreißiger bei sich, keine Zweiundzwanziger.«
»Wahrscheinlich ist er die andere losgeworden«, sagte Moline. »Dafür hätte ich an seiner Stelle jedenfalls gesorgt.«
»Vielleicht. Hat er jemals einen Texas-Ohrstecker getragen? Hat er eine Tätowierung?«
Rule hörte, wie Moline mit den Papieren raschelte. Nach kurzer Zeit war er wieder am Apparat und erklärte, über Ohrringe oder Stecker hätte er nichts gefunden. »Aber er hat eine Tätowierung auf der Brust.«
»Wo?«
»Davon steht hier nichts.«
»Wie sieht sie aus?«
»Davon steht hier auch nichts«, entgegnete Moline. »Nur dass er tätowiert ist. Mann, eigentlich sollte man erwarten können, dass diese Arschlöcher in der Lage sind, ein Formular auszufüllen.«
Rule grunzte. »Irgendwas Neues über den Rothaarigen?«
»Nein«, sagte Moline. »Aber hör mal, warum ich überhaupt anrufe: Jemand hat sich telefonisch gemeldet und behauptet, er hätte DeReese gesehen. Ein anonymer Tipp aus Galveston County. Er behauptet, er hätte in einem Gemüseladen auf der Bolivar-Halbinsel jemanden beobachtet, der DeReese ähnelt. Und zwar heute Morgen. Wahrscheinlich ist es Unsinn.«
Rule schwieg. Er erinnerte sich an Galveston und dieses Gefühl, das er gehabt hatte. Dann wies er Moline an, sich von der Houstoner Polizei so schnell wie möglich die Fingerabdrücke der Leiche zu besorgen. Er sollte der vorgeschriebenen Prozedur folgen, aber Druck machen. Damit sie so bald wie möglich erfuhren, ob die Abdrücke zu DeReese passten.
»Fährst du jetzt nach Beaumont?«
»Ich fahre jetzt zum Essen. Besorg die Abdrücke, Moline, und heiz denen um Himmels willen richtig ein.« Er schaltete das Telefon aus und zog die Stirn in Falten.
»Scheiße«, bemerkte Eastland. »Jetzt lass uns Gumbo essen gehen.«
Rule legte den Gang ein, steuerte zurück auf die Straße und langsam zwischen den dort geparkten Fahrzeugen hindurch. Als sie den zweiten Streifenwagen und den Abschleppwagen passiert hatten, hielt er an. »Da hol mich doch der Teufel.«
»Was?«
Er bat Eastland, einen Moment zu warten, stieg aus, ging zurück zu dem Streifenwagen und bückte sich, um durch das Glas zu spähen. Der Officer hinter dem Steuer aß ein geröstetes Mortadellasandwich mit Porkskins. Gemächlich kurbelte er das Fenster herunter und musterte den Ranger mit fragendem Gesichtsausdruck. Rule achtete nicht auf ihn. Er starrte Harvey Lomax an, der auf dem Rücksitz saß.
»Was dagegen, wenn ich dem Typen ein paar Fragen stelle?«
Der Officer zuckte die Schultern und kurbelte kauend sein Fenster wieder hoch. Rule öffnete die hintere Tür und beugte sich hinein.
»Mister Lomax.«
Lomax betrachtete ihn schweigend. Dann wandte er sich ab. Der Ausdruck auf seinem knochigen Gesicht war unergründlich. Er saß aufrecht und steif auf dem Rücksitz, die Arme mit Handschellen im Rücken gefesselt. Er trug noch immer denselben dreckigen Overall und dieselben Arbeitsstiefel. Seine borstigen Haare standen in alle Richtungen. Offenbar hatte er sich seit Tagen nicht rasiert oder gebadet. Der saure Geruch nach abgestandenem Schweiß hing in der Luft. Nach längerem Schweigen begann er mit den Füßen auf dem Boden zu scharren. Schließlich warf er Rule mit gerecktem Kinn einen Blick zu. Seine bleigrauen Augen glühten triumphierend.
»Nun, Mister Lomax, wie ich sehe, haben Sie die Arbeit des Herrn schon erledigt. Würden Sie mir verraten, wie Sie ihn aufgespürt haben?«
Lomax verlagerte sein Gewicht auf eine Seite und antwortete mit leiser, vor Stolz zitternder Stimme: »Die Wege des Herrn sind unergründlich, und ein kluger Mann verbirgt sein Wissen.«
Rule nickte. »Na ja, ich glaube nicht, dass Sie so klug gewesen sind, wie Sie glauben, Mister Lomax. Sie haben den Falschen erwischt. Der andere Mann hat geschossen. Ich denke, dass Anklage gegen Sie erhoben wird.«
»Derjenige, der den Mund hält, wird auch sein Leben behalten«, intonierte der Mann. »Aber der, der seine Lippen weit öffnet, wird zerstört werden. Sprüche 13, Vers 3.«
»Schon gut, Partner, wie Sie wollen«, entgegnete Rule. »Verweigern Sie die Aussage. Aber lesen Sie gelegentlich mal diese Stelle: Die Rache ist mein, spricht der Herr. Wenn dein Feind hungrig ist, dann gib ihm zu essen. Wenn er durstig ist, gib ihm etwas zu trinken. Auf diese Weise wirst du glühende Kohlen auf sein Haupt häufen und das Böse mit Gutem überwinden. Ich denke, das ist mehr oder weniger korrekt zitiert. Buch der Römer.«
Lomax zuckte, dann wandte er sich langsam ab. »Bockmist.«
Rule zuckte mit den Schultern und schloss die Wagentür. Was sollte er darauf erwidern? Lomax hatte recht, kein Zweifel. Trotzdem stand es so in der Bibel.
Na bitte!
Robbers: Thriller
titlepage.xhtml
dummy_split_000.html
dummy_split_001.html
dummy_split_002.html
dummy_split_003.html
dummy_split_004.html
dummy_split_005.html
dummy_split_006.html
dummy_split_007.html
dummy_split_008.html
dummy_split_009.html
dummy_split_010.html
dummy_split_011.html
dummy_split_012.html
dummy_split_013.html
dummy_split_014.html
dummy_split_015.html
dummy_split_016.html
dummy_split_017.html
dummy_split_018.html
dummy_split_019.html
dummy_split_020.html
dummy_split_021.html
dummy_split_022.html
dummy_split_023.html
dummy_split_024.html
dummy_split_025.html
dummy_split_026.html
dummy_split_027.html
dummy_split_028.html
dummy_split_029.html
dummy_split_030.html
dummy_split_031.html
dummy_split_032.html
dummy_split_033.html
dummy_split_034.html
dummy_split_035.html
dummy_split_036.html
dummy_split_037.html
dummy_split_038.html
dummy_split_039.html
dummy_split_040.html
dummy_split_041.html
dummy_split_042.html
dummy_split_043.html
dummy_split_044.html
dummy_split_045.html
dummy_split_046.html
dummy_split_047.html
dummy_split_048.html
dummy_split_049.html
dummy_split_050.html
dummy_split_051.html
dummy_split_052.html
dummy_split_053.html
dummy_split_054.html
dummy_split_055.html
dummy_split_056.html
dummy_split_057.html
dummy_split_058.html
dummy_split_059.html
dummy_split_060.html
dummy_split_061.html
dummy_split_062.html
dummy_split_063.html
dummy_split_064.html
dummy_split_065.html
dummy_split_066.html
dummy_split_067.html
dummy_split_068.html
dummy_split_069.html
dummy_split_070.html
dummy_split_071.html
dummy_split_072.html