39
Rule wendete und nahm denselben Weg zurück, die U. S.
90 hinunter durch die Jacinto-Ebene und die Geländewagenvororte. In
Richtung Houston. In die falsche Richtung, wogegen er jedoch nichts
unternehmen konnte.
Die glühende Sonne
näherte sich langsam ihrem Zenit, und vom Golf her trieb eine Bank
hoher weißer Kumuluswolken landeinwärts. Er gelangte auf den I-10
Richtung Innenstadt, während Lefty auf dem Sitz neben ihm
schlief.
Stadteinwärts
herrschte ein wahnsinniger Verkehr, eine immerwährende Rushhour.
Stop-and-go. Fluchend beobachtete Rule den gelbbronzenen
Feinstaubnebel, der über der Landschaft schwebte. Er hasste diesen
Ort aus ganzem Herzen. Tatsache: Dies war die dreckigste Stadt der
Nation. Die Krebshauptstadt der Welt. Ruß, Schmutz, ein schwärender
Misthaufen aus Beton. Zu viele Menschen, zu viel Lärm. Barrios,
Ghettos, teure Wohngegenden mit Wächtern und Zäunen. Armut und
Wohlstand Seite an Seite. Ein wahnsinniges Drängeln ohne Ende, das
exzessive Brüllen der menschlichen Rasse. Ein Widerwillen
erregendes Etwas: Houston. Eine Stadt jenseits von Recht und
Ordnung, der Wilde Westen.
Deswegen lebte er
auf dem Land. Dort gab es eine Welt ohne Menschen.
Er fuhr an der
Anheuser-Busch-Brauerei bei der Abfahrt zur 610 vorbei und sah
direkt vor sich einen durch den Dunst himmelwärts strebenden
Mischmasch merkwürdiger geometrischer Formen. Kryptische Formen,
die sich über ein Meer von Smog erhoben. Die aus Stein und Glas
erbauten Türme der Innenstadt. Er griff nach dem Handy, wählte die
Nummer der Mordkommission im Polizeihauptquartier und fragte nach
Sergeant Eastland. Es knackte in der Leitung, dann wurde es still,
und schließlich meldete sich der Detective.
»Clint, hier ist
Rule.«
»Hey, alter Junge,
das ist ja ewig her. Wie läuft’s denn so, Partner?«
»Es lief schon
besser. Ich bin in Houston.«
Eastland lachte.
»Die Stadt hält uns auf Trab. Ich arbeite an einem Fall, wo die
Leiche keinen Kopf hat und beide Arme fehlen. Rat mal,
warum.«
Rule stellte sich
seinen alten Freund vor, wie er in einem kleinen viereckigen Büro
saß, die Füße auf dem Schreibtisch und eine Zigarette im Mund. »Na
los, erklär’s mir schon.«
»Wir haben ihn unten
am Ship Channel gefunden. Aber vor uns waren die Alligatoren dort
und haben ein richtiges All-You-Can-Eat-Büfett veranstaltet.«
Wieder lachte Eastland und begann prompt zu husten. Er war ein
schwerer Raucher, übergewichtig, und er trank zu viel. Nach zwei
Scheidungen verbarg er seine Einsamkeit hinter markigen
Sprüchen.
»Also, wenn du
dich’ne Weile davon loseisen kannst«, sagte Rule, »dann könntest du
mir helfen.«
Er unterrichtete
Eastland über den Tod von DeReese. »Wahrscheinlich sind die
Arbeiten am Tatort noch nicht abgeschlossen. Wo immer es passiert
ist. Willst du mitkommen?«
»Wo bist
du?«
»Auf dem Weg in die
Innenstadt.«
»In Ordnung. Ich
finde den Tatort heraus und warte dann vor der Tür. Die
Mordkommission liegt jetzt nicht mehr am Bayou. Sie haben uns in
ein renoviertes Hochhaus gesteckt. Wir sitzen jetzt in einer
feineren Gegend. Ecke Travis und Polk.«
»Da kann ich nur
gratulieren, Partner.«
»Und
ob.«
Fünfzehn Minuten
später verließen sie das Stadtzentrum in östlicher Richtung über
den Navigation Boulevard, der parallel zum Buffalo Bayou verlief,
einem unter Abwässern und Müll erstickten Graben mit grünen Ufern.
Eastland ließ Rule mehrmals abbiegen, bis sie schließlich an den
Geleisen der Southern Pacific entlang Richtung Galena Park fuhren.
Der Detective streichelte Lefty abwesend mit der linken Hand,
während seine Rechte mit einer Zigarette herumwedelte, deren Rauch
er zum offenen Fenster hinausblies. Feuchte Luft drang in den
Wagen. Eastland lockerte seine Krawatte und knöpfte den Kragen
auf.
»Wunderschöner Tag«,
sagte er. »Eine beschissene Sauna.«
Rule musterte ihn.
Der Detective war noch dicker geworden. Sein Bauch quoll jetzt über
den Gürtel, sodass sich die Hemdköpfe spannten. Sein Gesicht war
rot, und auf seiner Nase zeigten sich purpurfarbene geplatzte
Äderchen. Er trug einen zerknitterten Seersuckeranzug und
abgewetzte Justin-Stiefel. Sein weißes Haar lockte sich in festen
Kringeln über den Ohren und den Hals hinunter.
»Du siehst alt aus«,
sagte Rule.
Eastland grinste.
»Fick dich und das Pferd, auf dem du hergeritten bist, Partner. Ich
bin alt. Ein fetter Alkoholiker, der
drei Päckchen am Tag raucht und zu viel arbeitet. Ich könnte morgen
auf sechs verschiedene Arten den Löffel abgeben, ohne dass jemand
überrascht wäre.«
Er nahm einen tiefen
Zug. »Trotzdem würde ich eine Flasche Old Crow drauf wetten, dass
ich dich überlebe.«
»Was ist mit deinen
Eiern?«, fragte Rule. »Hängen sie durch?«
Eastland lachte laut
auf und verfiel dann in einen krampfartiges Husten. Vornübergebeugt
und mit bebenden Schultern wies er mit der Hand nach rechts. Rule
bog in eine Seitenstraße, überquerte die Schienen, fuhr an einem
Schrottplatz vorbei und entdeckte schließlich einen Polizeiwagen
und den Kastenwagen des Coroners, die vor einem einstöckigen
Gebäude gleich am Ship Channel parkten. Er bremste unter einem
Trompetenbaum hinter einer nicht als Dienstfahrzeug
gekennzeichneten Limousine. Ein Stück entfernt bemerkte er ein
weiteres Dienstfahrzeug, einen Abschleppwagen. Sie stiegen aus.
Rule befahl Lefty, im Wagen zu bleiben, und öffnete beide Fenster,
damit der Hund frische Luft bekam.
Sie blieben einen
Augenblick auf der Straße stehen und versuchten, sich einen
Überblick über die Szene zu verschaffen. Über ihnen schrien Möwen,
und von einem ein Stück entfernt gelegenen Hafengelände drang ein
regelmäßiges Klirren herüber. Rule griff nach hinten und zupfte an
seinem Hemd. Dreißig Sekunden im Freien, und schon durchgeschwitzt.
Eastland zog die Jacke aus, legte sie sich über die Schulter und
wischte sich mit einem Arm übers Gesicht. »Herrlich«, sagte
er.
Sie befanden sich in
einer heruntergekommenen Industriezone mit hohen
Maschendrahtzäunen, DURCHGANG-VERBOTEN-Schildern und von
überwucherten Austernschalen bedeckten Parkplätzen, auf denen
verrostete Boote und Schiffszubehör lagerten. Gräben voller Abfall
und das durchdringende Aroma von erhitztem Diesel, gemischt mit dem
scharfen Geruch alten Eisens und einer Prise Sumpffäulnis. Von den
Aktivitäten vor dem einstöckigen Gebäude abgesehen, wirkte die
Gegend verlassen. Das Haus war im Prinzip ein Betonklotz mit grünem
Schimmel und teilweise farblosem Walzblech. Eine Miller-Bierreklame
über dem Eingang verkündete: LITTLE BROWN JUG.
»Ein Laden ganz nach
meinem Geschmack«, sagte Eastland und zündete eine Zigarette an.
»Exklusive Lage, erstklassige Kundschaft.«
Rule
grunzte.
Es gab keine
Schaulustigen, was in dieser Gegend nicht weiter überraschte. Ein
Uniformierter stand neben seinem Streifenwagen und trank ein
Gatorade. Die Hintertüren am Kastenwagen des Mediziners waren
offen. An der Stoßstange lehnte eine Bahre auf Rädern. Ein junger
Mann und eine Frau saßen wartend im schattigen Inneren des Wagens.
Ein großer fleischiger Mann mit breiten Schultern und beginnender
Glatze rauchte an der Eingangstür der Kneipe eine Zigarre, während
er die Szene beobachtete.
Die Leiche lag an
einer Stelle mit hohem Gras an der Seite des Gebäudes. Zu sehen
waren nur die Jeans und ein Paar braune Stiefel, deren Spitzen nach
unten wiesen. Ein dünner junger Mann mit blonden Haaren beugte sich
über die Leiche. Er trug eine Leinenhose mit Bügelfalten, ein
beiges Sportsakko aus Seide und ein dunkles Hemd mit einer schmalen
aprikosenfarbenen Krawatte.
»Der Typ aus der
Modezeitung, das ist Charles Phelps«, sagte Eastland. »Einer
unserer letzten Neuzugänge. Oder Kollegen, wie wir heute
sagen.«
Er nahm einen
kräftigen Zug an seiner Zigarette und grinste. »Collegeausbildung,
Psychologie, arbeitet an seinem Abschluss in Jura. Ein
Vorschriftenfanatiker. Lernt das Strafgesetzbuch auswendig, bloß
aus Spaß. Redet wie diese Typen in Nightline. Ein toller Typ, das wird er dir
bestätigen. Und nenn ihn ja nicht Charlie. Er heißt Charles.«
Eastland rieb mit
den Fingerknöcheln über seine geschwollene Nase.
»Ich werd schon nett
zu ihm sein«, sagte Rule.
Sie gingen zu Phelps
hinüber, Rule stellte sich vor und erklärte dem Detective, er habe
an einem Fall gearbeitet, in den DeReese verwickelt war, und diesen
Typen gejagt. Es gehe um mehrere Morde, darunter auch ein
Polizistenmord.
»Dieser Mann hier?«
Phelps wies auf die Leiche, und sein schmales Gesicht verriet
seinen Unglauben.
»Ich denke schon«,
sagte Rule. »Wenn er es ist. Haben Sie was dagegen, wenn ich ihn
mir ansehe?«
Der Körper des
jungen Mannes versteifte sich. Mit einer seiner schmalen Hände
strich er seine aprikosenfarbene Krawatte glatt, mit der anderen
zog er das Seidenjackett ein Stück zurück, sodass an seiner Hüfte
ein Pistolenhalfter aus Schlangenhaut mit einer 9mm-Beretta
sichtbar wurde. Es passte perfekt zu seinem Gürtel. Der Typ
schwitzte nicht mal.
»Ihnen ist doch
klar, dass er Opfer eines mutmaßlichen Mordes geworden ist«,
erklärte Phelps. »Er untersteht unserer Zuständigkeit. Ich bin
verantwortlich.«
Rule hob
beschwichtigend die Hände. »Ihr Fall, Sergeant. Ich brauche bloß
eine eindeutige Identifizierung. Nur um sicherzugehen, dass er der
ist, der er ist.«
Phelps zog einen
Schmollmund und trat einen Schritt zurück. »In Ordnung, ich kann
Ihnen sagen, wer er ist. Sein Name ist DeReese Ledoux. Er hatte
einen Führerschein mit seinem Foto in der
Brieftasche.«
»Schön, ist es dann
okay, wenn ich einen Blick auf den Führerschein
werfe?«
Der Detective atmete
tief durch, beide Hände an den Hüften. »Sie sehen doch, dass wir
hier zusammenpacken. Ich habe seine Habseligkeiten schon
verstaut.«
Rule lehnte sich
über die Leiche, wobei er die Hände dicht an die Oberschenkel
drückte und Phelps nicht anblickte. »Das ist gut, mein Sohn, dann
müssen Sie ja nicht lange suchen.« Er musterte die Leiche genau,
die mit dem Gesicht nach unten im hohen Gras lag. Lange,
dunkelbraune Haare, verwaschene Jeans, schwarzes T-Shirt, kränklich
blasse, zu beiden Seiten des Körpers ausgebreitete Arme. Aus dem
Augenwinkel sah Rule, dass Phelps’ Schuhe – schicke aus
Cordobaleder geflochtene Halbschuhe – sich abwandten und
entschwanden.
»Ist das der Kerl,
den du gesucht hast?«, fragte Eastland.
Rule sagte nichts.
Er kauerte sich tiefer hinunter. Der Kopf lag mit der rechten Wange
im Gras. Im rechten Ohrläppchen trug der Tote einen goldenen
Stecker in der Form des Staates Texas.
»Wir müssen ihn
umdrehen«, erklärte Rule. »Nimm seine Füße!«
Rule hielt den Kopf,
während Eastland die Stiefel packte und den Toten keuchend drehte,
bis er auf dem Rücken landete.
»Junge, Junge«,
sagte Eastland.
Rule zählte vier
Einschusslöcher im T-Shirt, keines davon mehr als fünf Zentimeter
vom Brustbein entfernt.
»Da schießt jemand
besser als ich«, sagte Eastland.
»Das heißt nicht
viel.«
Eastland lachte
leise. »Nee, das heißt nicht viel.«
Rules Blick wanderte
höher. Der Tote hatte ein hageres, knochiges Gesicht, teigige Haut,
keinen Bart. Seine Augen waren offen. Dunkelbraune Augen. Hohe
Wangenknochen, volle Lippen.
Nach einer Weile
sagte Eastland: »Ich hab den Typen schon mal gesehen. Ja, genau, in
der Glotze, bei einer von den Bands in Entertainment Tonight oder so was.«
»Hmm, klar«, sagte
Rule. »Und ich bin Porter Wagoner.«
Er deutete auf die
ausgestreckten Arme des Toten. Auf beiden waren Einstiche zu
erkennen. »Der Typ war ein Junkie.«
»Ich sag doch, er
war ein Rockstar.«
Rule streckte die
Hand aus, nahm die Unterkante des T-Shirts zwischen zwei Finger und
zog es bis zum Hals hoch. Ein schmaler und flacher Brustkasten kam
zum Vorschein, nur Haut und Knochen. Alles war mit gerinnendem Blut
bedeckt. Rule neigte sich ganz dicht heran und kniff die Augen
zusammen. »Hast du ein Taschentuch?«
Eastland wühlte in
seiner Hosentasche, zerrte einen zerknüllten grauen Fetzen heraus
und reichte ihn Rule, der damit oberhalb der linken Brustwarze Blut
abwischte.
»Verdammt«, sagte
Eastland. »Das war mein Taschentuch.«
Rule wischte
schweigend weiter, bis er die blassblauen Umrisse einer Tätowierung
erkannte. Ein Harley-Davidson-Emblem, offensichtlich im Gefängnis
ausgeführt.
»Ist er
das?«
»Keine Ahnung.« Rule
schüttelte den Kopf. »An eine Tätowierung kann ich mich nicht
erinnern. Außerdem trägt der Kerl, den ich suche, einen Ring im
Ohr, keinen Stecker.«
»Im linken
Ohr?«
»Ja.«
»Na ja, einen
Ohrring zu wechseln ist keine große Sache«, meinte Eastland. »Diese
Typen sind wie Mädels. Sie haben ein Dutzend Ohrringe, zu jedem
Outfit einen.«
Rule schaute auf und
bemerkte Phelps, der sich mit schnellen Schritten vom Parkplatz her
näherte. Eine seiner Hände lag am Aufschlag des Jacketts, und er
selbst trug eine steinerne Mine zur Schau. Als er sie erreicht
hatte, streckte er Rule den Führerschein entgegen. »Ich tue dies
aus reiner Freundlichkeit, Ranger Hooks. Sie sollten wissen, dass
ich mich gerade mit meinem Lieutenant beraten habe. Er sagt, Sie
hätten ihr Vorgehen nicht über die offiziellen Kanäle
abgesprochen.« Er bedachte Eastland mit einem scharfen Blick. Der
zuckte die Schultern.
Rule starrte auf den
Führerschein. Die gleiche Visage wie der Tote. Name: DeReese
Ledoux. Eine Adresse in Dallas. Rule nahm sein Notizbuch heraus und
schrieb sich die Einzelheiten auf. Dann wandte er sich an Phelps.
»Verraten Sie mir die näheren Umstände. War er bewaffnet? Haben Sie
einen Täter?«
»Das Opfer hatte
eine H&R-Automatic Kaliber.32 bei sich«, antwortete der
Detective steif. »Das ist alles. Wenn Sie mehr wissen wollen,
halten Sie sich an die offiziellen Kanäle. Und jetzt wäre es nett,
wenn Sie mir den Führerschein zurückgeben.«
Rule legte ihm den
Führerschein in die fordernd ausgestreckte Hand. »Aber sicher, mein
Sohn. Das ist Ihre Show hier. Ich weiß Ihre Unterstützung zu
schätzen.«
Er wandte sich um
und ging. Eastland folgte ihm dicht auf den Fersen. Dann blieb Rule
abrupt stehen, drehte sich um und deutete mit dem Finger auf
Phelps. Ȇbrigens, Ihr Kollege hier, Sergeant Eastland, spricht in
den höchsten Tönen von Ihnen. Ich dachte, das interessiert Sie
vielleicht … Chuck.«
Der Detective lief
rot an. »Mein Name ist Charles.«
»Wie auch immer«,
fuhr Rule fort. »Ich finde es toll, wie gut ihr Halfter und der
Gürtel zusammenpassen.«
Sie wandten sich ab
und ließen ihn allein. Als Eastland grinsend den Kopf schüttelte,
erklärte Rule: »Wenigstens hab ich ihn nicht Charlie
genannt.«
»Zum Teufel, darüber
amüsier ich mich gar nicht. Ich hab bloß gerade gemerkt, dass du
wirklich wie Porter Wagoner aussiehst.«
»Was ist daran so
komisch?« Rule hielt kurz an und gab ihm mit der Hand ein Zeichen.
»Bin gleich zurück.«
Er marschierte quer
über den Parkplatz zu dem Mann hinüber, der an der Eingangstür
stand und eine Zigarre rauchte. Das hinter ihm liegende Innere des
Gebäudes wirkte düster wie eine Höhle, muffig und feucht. »Sind Sie
der Eigentümer?«
Der große Mann
nickte schweigend.
»Haben Sie
beobachtet, was passiert ist?«
Der Mann klemmte die
Zigarre zwischen die Zähne und strich sich mit der Hand über den
kahl werdenden Kopf. »Da gibt’s nicht viel zu
erzählen.«
Seine Stimme war
überraschend hoch, ein Tenor. »Dieser Typ ist drinnen« – er deutete
auf die Leiche – »und ein anderer Typ kommt rein. Sie streiten
sich. Dann gehen beide raus. Ich höre Schüsse und ruf die Polizei.
Das ist alles, was ich weiß.«
Er blickte Rule an
und zuckte gleichgültig die Schultern. »Solcher Mist kann hier in
der Gegend schon passieren. Das ist nicht die West
University.«
»Kennen Sie das
Opfer?«
Der Mann lehnte sich
schwerfällig gegen den Türpfosten und schüttelte den Kopf. »Hab ihn
vorher noch nie gesehen. Beide nicht.«
Rule wandte sich ab.
Es war Zeitverschwendung, hier unten am Kanal Fragen zu stellen.
Niemand hier hatte einen Namen oder eine Geschichte. Niemand legte
Wert darauf, und keinen Außenstehenden interessierte es. Er ließ
den Motor an, stellte die Klimaanlage auf die höchste Stufe, ließ
die Türen weit offen und wartete neben dem Wagen, während Lefty
gegen den Trompetenbaum pisste und dann am Graben
entlangschnüffelte. Aus dem Gras kam das hohe Summen der
Insekten.
»Ob du mir hier wohl
die näheren Einzelheiten besorgen kannst?«, fragte er Eastland. Der
Detective zündete sich die nächste Zigarette an und erklärte, das
wäre kein Problem. Gleich nach dem Mittagessen würde er sich darum
kümmern. Und dafür wurde es sowieso langsam Zeit. Er empfahl ein
Lokal, wo sie das beste Garnelengumbo mit »dreckigem Reis« westlich
von Lafayette zubereiteten.
»Dann sollte ich
dich wohl einladen«, sagte Rule. Im selben Moment klingelte das
Handy, und er nahm es aus dem Wagen.
»War es
DeReese?«
Moline war am
Apparat.
»Kommt darauf an.
Eigentlich sieht es so aus. Allerdings hatte er eine
Zweiunddreißiger bei sich, keine Zweiundzwanziger.«
»Wahrscheinlich ist
er die andere losgeworden«, sagte Moline. »Dafür hätte ich an
seiner Stelle jedenfalls gesorgt.«
»Vielleicht. Hat er
jemals einen Texas-Ohrstecker getragen? Hat er eine
Tätowierung?«
Rule hörte, wie
Moline mit den Papieren raschelte. Nach kurzer Zeit war er wieder
am Apparat und erklärte, über Ohrringe oder Stecker hätte er nichts
gefunden. »Aber er hat eine Tätowierung auf der
Brust.«
»Wo?«
»Davon steht hier
nichts.«
»Wie sieht sie
aus?«
»Davon steht hier
auch nichts«, entgegnete Moline. »Nur dass er tätowiert ist. Mann,
eigentlich sollte man erwarten können, dass diese Arschlöcher in
der Lage sind, ein Formular auszufüllen.«
Rule grunzte.
»Irgendwas Neues über den Rothaarigen?«
»Nein«, sagte
Moline. »Aber hör mal, warum ich überhaupt anrufe: Jemand hat sich
telefonisch gemeldet und behauptet, er hätte DeReese gesehen. Ein
anonymer Tipp aus Galveston County. Er behauptet, er hätte in einem
Gemüseladen auf der Bolivar-Halbinsel jemanden beobachtet, der
DeReese ähnelt. Und zwar heute Morgen. Wahrscheinlich ist es
Unsinn.«
Rule schwieg. Er
erinnerte sich an Galveston und dieses Gefühl, das er gehabt hatte.
Dann wies er Moline an, sich von der Houstoner Polizei so schnell
wie möglich die Fingerabdrücke der Leiche zu besorgen. Er sollte
der vorgeschriebenen Prozedur folgen, aber Druck machen. Damit sie
so bald wie möglich erfuhren, ob die Abdrücke zu DeReese
passten.
»Fährst du jetzt
nach Beaumont?«
»Ich fahre jetzt zum
Essen. Besorg die Abdrücke, Moline, und heiz denen um Himmels
willen richtig ein.« Er schaltete das Telefon aus und zog die Stirn
in Falten.
»Scheiße«, bemerkte
Eastland. »Jetzt lass uns Gumbo essen gehen.«
Rule legte den Gang
ein, steuerte zurück auf die Straße und langsam zwischen den dort
geparkten Fahrzeugen hindurch. Als sie den zweiten Streifenwagen
und den Abschleppwagen passiert hatten, hielt er an. »Da hol mich
doch der Teufel.«
»Was?«
Er bat Eastland,
einen Moment zu warten, stieg aus, ging zurück zu dem Streifenwagen
und bückte sich, um durch das Glas zu spähen. Der Officer hinter
dem Steuer aß ein geröstetes Mortadellasandwich mit Porkskins.
Gemächlich kurbelte er das Fenster herunter und musterte den Ranger
mit fragendem Gesichtsausdruck. Rule achtete nicht auf ihn. Er
starrte Harvey Lomax an, der auf dem Rücksitz saß.
»Was dagegen, wenn
ich dem Typen ein paar Fragen stelle?«
Der Officer zuckte
die Schultern und kurbelte kauend sein Fenster wieder hoch. Rule
öffnete die hintere Tür und beugte sich hinein.
»Mister
Lomax.«
Lomax betrachtete
ihn schweigend. Dann wandte er sich ab. Der Ausdruck auf seinem
knochigen Gesicht war unergründlich. Er saß aufrecht und steif auf
dem Rücksitz, die Arme mit Handschellen im Rücken gefesselt. Er
trug noch immer denselben dreckigen Overall und dieselben
Arbeitsstiefel. Seine borstigen Haare standen in alle Richtungen.
Offenbar hatte er sich seit Tagen nicht rasiert oder gebadet. Der
saure Geruch nach abgestandenem Schweiß hing in der Luft. Nach
längerem Schweigen begann er mit den Füßen auf dem Boden zu
scharren. Schließlich warf er Rule mit gerecktem Kinn einen Blick
zu. Seine bleigrauen Augen glühten triumphierend.
»Nun, Mister Lomax,
wie ich sehe, haben Sie die Arbeit des Herrn schon erledigt. Würden
Sie mir verraten, wie Sie ihn aufgespürt haben?«
Lomax verlagerte
sein Gewicht auf eine Seite und antwortete mit leiser, vor Stolz
zitternder Stimme: »Die Wege des Herrn sind unergründlich, und ein
kluger Mann verbirgt sein Wissen.«
Rule nickte. »Na ja,
ich glaube nicht, dass Sie so klug gewesen sind, wie Sie glauben,
Mister Lomax. Sie haben den Falschen erwischt. Der andere Mann hat
geschossen. Ich denke, dass Anklage gegen Sie erhoben
wird.«
»Derjenige, der den
Mund hält, wird auch sein Leben behalten«, intonierte der Mann.
»Aber der, der seine Lippen weit öffnet, wird zerstört werden.
Sprüche 13, Vers 3.«
»Schon gut, Partner,
wie Sie wollen«, entgegnete Rule. »Verweigern Sie die Aussage. Aber
lesen Sie gelegentlich mal diese Stelle: Die Rache ist mein,
spricht der Herr. Wenn dein Feind hungrig ist, dann gib ihm zu
essen. Wenn er durstig ist, gib ihm etwas zu trinken. Auf diese
Weise wirst du glühende Kohlen auf sein Haupt häufen und das Böse
mit Gutem überwinden. Ich denke, das ist mehr oder weniger korrekt
zitiert. Buch der Römer.«
Lomax zuckte, dann
wandte er sich langsam ab. »Bockmist.«
Rule zuckte mit den
Schultern und schloss die Wagentür. Was sollte er darauf erwidern?
Lomax hatte recht, kein Zweifel. Trotzdem stand es so in der
Bibel.
Na
bitte!