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Buchhaltung … »Ein Vierteldollar für zwei Zehner …
ein Zehner für zwei Fünfer und einen Dollarschein … das war’s mit
den Rollen. Meine, deine. Hier ist das Wechselgeld, das ist für
dich.«
Ray Bob spielte den
Kassierer.
Eddie betrachtete
die Häufchen. »Wir müssen es zur Bank bringen, Mann. Ich schlepp
doch keine Rollen mit Fünfern mit mir rum. Die Beulen in den
Taschen sehen idiotisch aus.«
»Dann nimm die
Zehner, die sind kleiner.«
»Zum Teufel damit,
wenn du sie nicht zur Bank schaffen willst, mach ich es. Wo liegt
das Problem?«
»Ich mag keine
Banken«, sagte Ray Bob. »Ich bin mal bei einem Bankraub erwischt
worden.«
Eddie musterte ihn.
»Hast du nicht behauptet, das wäre dein erster Überfall
gewesen?«
»Ich hab
gelogen.«
»Warum?«
»Brauch ich einen
Grund? Wenn du was dagegen hast, ruf die Bullen!«
»Ist doch nicht
illegal, wenn man lügt«, sagte Eddie.
»Da hast du Recht.«
Ray Bob grinste. »Aber ich tu’s trotzdem.«
»Ist mir sowieso
egal. Jedenfalls schlepp ich diese Rollen nicht in meinen Taschen
rum. Aber wir könnten uns davon ein Mittagessen besorgen. Ich krieg
langsam Hunger.«
Sie stritten herum,
weil Ray Bob sich gerne stritt und weil Eddie sich kribbelig
fühlte.
Sie hockten auf
einem glatten Kalksteinfelsen im Zilker Park – vom Barton Springs
Pool gesehen ein Stück das Flüsschen hinunter – und ließen die
Beine über die Felskante baumeln. Die Kante ragte an dieser Stelle
über die Uferböschung und wurde von einem Hickorybaum beschattet.
Allmählich dämmerte es, und die Luft war mild. Purpurschwalben
zogen ihre Bögen über das Wasser und nutzten die leichte Brise, um
nach Insekten zu jagen. Ein Stück weiter aufwärts kräuselte sich
die Oberfläche, wo der flache Wasserlauf zwischen ausgewaschenen
Felsen hindurchrauschte. Dahinter rückten die steilen Ufer dichter
zusammen, und das Wasser wurde tiefer, so dass die Felsen unter der
Oberfläche verschwanden. Dort lag das Wasser ganz ruhig
da.
Eddie zupfte an
seinem Ohrring und beobachtete zwei Schwäne, die am Ufer
entlangglitten. Weiße Federhügel mit schlanken gebogenen
Hälsen.
»Also«, begann er,
»worüber hast du mich sonst noch belogen?«
Ray Bob grinste.
»Nun komm mal runter, Kumpel. Ich hab mehr Überfälle durchgezogen,
als du dir vorstellen kannst. Falls du es noch nicht gemerkt haben
solltest, ich bin kein Pfadfinder.«
»Ich war mal einer«,
entgegnete Eddie. »Aber sie haben mich
rausgeschmissen.«
»Was hast du
gemacht, den Oberpfadfinder erschossen?«
»Nee, das hat seine
Alte schon besorgt. Hat ihn im Bett mit ihrer Schwester erwischt
und sie beide abgeknallt. Kaliber.12 mit’ner Schrotladung. Der
fette Bock ist im Sattel gestorben. Ein echtes Arschloch, hat
ständig wegen unseren Uniformen rumgebrüllt, und wie wir wieder
aussähen. Eigentlich hätte sie’ne Verdienstmedaille kriegen müssen.
Für Erfüllung von Bürgerpflichten und so.«
»Oder für besondere
Treffsicherheit«, kicherte Ray Bob. Er stapelte das Papiergeld,
wobei er die Ecken glatt strich.
»Jedenfalls bin ich
nie über die unteren Ränge rausgekommen«, sagte Eddie. »Ich hab die
ganzen Regeln gehasst, das ständige Brüllen. Sobald dein Hut schief
sitzt oder du’ne Falte in der Hose hast, darf so ein Typ dich
zusammenscheißen.«
Ray Bob zündete sich
eine Zigarette an, klemmte sie sich in den Mundwinkel und begann
mit dem Aufteilen der Scheine, überwiegend Eindollarnoten. Wegen
des Rauchs kniff er ein Auge zu. »Vielleicht haben wir mehr Kohle
erwischt, als ich dachte. Wenn damals in den alten Zeiten deine
Frau mit einem anderen rumgemacht hat, konntest du sie einfach
umbringen. Keiner hat danach gefragt. Verbrechen aus
Leidenschaft.«
»Zwölf Jahre alt,
und du bist praktisch schon bei den Marines«, sagte Eddie. Er
beobachtete, wie die Schwäne langsam das Flüsschen hinunter
verschwanden. »Wer soll das aushalten? Am Ende haben sie mich wegen
schlechten Manieren rausgeschmissen.«
»Sie ist damit
durchgekommen, oder?«
Eddie zuckte die
Schultern. »Kann mich nicht mehr erinnern. Ich bin jedenfalls
geflogen. Dabei wollte ich bloß in irgendwas gut
sein.«
»Für nichts gut zu
sein, ist auch für was gut.«
»Das ergibt keinen
Sinn.«
»Deswegen stimmt’s
ja.«
»Du hast echt’ne
komische Logik. Hey, schau dir das an!« Eddie zeigte auf das
Flüsschen.
Zwei Mädchen in
einem Aluminiumkanu trieben vorbei. Eddie und Ray Bob unterbrachen
ihr Gespräch, um die beiden zu beobachten. Die eine war pummelig,
mit kurzen blonden Haaren, die andere war eine schlanke Brünette
mit langen glatten Haaren. Alle beide trugen Shorts und rückenfreie
Oberteile und hielten die Paddel quer über dem Schoß.
»Welche willst du?«,
fragte Ray Bob und kratzte sich unter der Achsel.
»Ich steh auf
Blondinen«, sagte Eddie. »Schadet nichts, wenn sie ein bisschen
mollig sind.«
»Scheiße, die Braut
ist nicht mollig. Sie ist fett.«
»Mir gefällt’s, wenn
sie ein bisschen Fleisch auf den Rippen haben.«
»Das ist ziemlich
cholesterinreiches Fleisch«, erklärte Ray Bob. »Ich steh mehr auf
magere Kost.«
»Dann nimmst du eben
die Dünne.«
»Alles
klar.«
Ray Bob stopfte die
Scheine und Münzrollen in die Plastiktüte, zog sein Shirt aus und
wickelte die Tüte darin ein. Eine dicke Matte roter lockiger Haare
überzog seine bleiche Brust und den Bauch. Deswegen hatte man ihn
im Knast »Red« gerufen. Er war klein und breitschultrig, hatte eine
schmale Taille und kräftige Muskeln. Er trug das Haar kurz
geschnitten und einen Ring mit einem Goldnugget in jedem
Ohr.
»Los«, sagte Eddie.
»Sie fahren vorbei.«
»Die fahren
nirgendwo hin«, meinte Ray Bob. »Überlass das Reden
mir.«
Sie folgten dem
Trampelpfad, der unter den Bäumen am Ufer entlangführte. Die
frühsommerliche Luft war mild und trocken, und in den grünen Bäumen
über ihnen sangen Zikaden. Als sie die Mädchen eingeholt hatten,
rief Ray Bob: »Hey, ihr Hübschen. Wollt ihr ein Bier?«
Die Mädchen schauten
sich an, und die Brünette, die hinten saß, verdrehte die Augen.
Dann begannen sie mit ihren Paddeln zu hantieren. Sie bewegten sich
unbeholfen, sodass die Blätter der Paddel aufs Wasser klatschten
und die Griffe über die Dollborde der Kanus kratzten. Sie nahmen
Kurs aufs andere Ufer.
»Wir haben Bier!«,
brüllte Eddie.
»Was zum Teufel hab
ich dir gesagt«, knurrte Ray Bob. »Überlass das Reden
mir.«
»Ah ja, alles klar.
Deine Schmeicheleien hab ich doch gehört. Sie können es kaum
erwarten. Siehst du nicht, wie sie abhauen?«
»Ich sag dir doch,
die fahren nirgendwo hin. Komm!«
Sie hasteten weiter
über den schmalen Uferweg, sprangen über Baumwurzeln und duckten
sich unter dem Stamm einer umgestürzten Pyramidenpappel hindurch.
Ray Bob rief ihnen zu: »Sieht ziemlich heiß aus da drüben! Wollt
ihr ein kaltes Bier? Wir wollen doch bloß ein bisschen reden. Nun
kommt schon, haltet mal an!«
An der Stelle, wo
die Barton Springs Road das Flüsschen überquerte, rutschten sie die
Böschung hinunter und klammerten sich an den Zweigen der Büsche
fest. Ein Stockentenpaar, das nahe am Ufer trieb und gemütlich dem
Abendessen entgegenschaukelte, breitete die Flügel aus und
flatterte panisch davon. Die Mädchen blieben dicht am anderen Ufer,
ihre Bewegungen ein asynchrones Tandem, bei dem die Paddel gegen
das Boot schlugen und ungelenk auf die Wasseroberfläche einhieben,
sodass das Wasser hinter ihnen aufspritzte. Als die vorne sitzende
Blonde zu kichern begann, befahl ihr die Andere, schneller zu
paddeln. Ihre Stimme klang ängstlich.
»Kein Grund, Angst
zu haben!«, brüllte Ray Bob. »Wir sind nur zwei Typen, die sich
unterhalten wollen!«
Der Trampelpfad, der
das Ufer säumte, endete vor einem Bollwerk aus Erde, wo eine
Fußgängerbrücke das Flüsschen überquerte. Sie kletterten die steile
Böschung mit kurzen schnellen Schritten hinauf und bohrten die
Spitzen ihrer Stiefel in die harte Erde. Bei jedem zweiten Schritt
bergauf rutschten sie einen zurück. Hechelnd kamen sie schließlich
oben auf der schmalen Brücke an. Das Kanu war inzwischen ein Stück
weiter abwärtsgeschwommen, wo das Wasser unter den überhängenden
Bäumen breiter wurde, um schließlich in den Fluss zu
münden.
»Scheiße, ich hab’s
dir gesagt«, meinte Eddie. »Jetzt sind sie weg.«
»Sind sie
nicht.«
»Nun lass sie in
Ruhe. Sie wollen sowieso nicht mit uns reden.«
»Sicher wollen sie
das«, erklärte Ray Bob. »Die können es gar nicht erwarten. Komm,
los!«
Als er über die
Brücke rannte, polterten die harten Absätze seiner Stiefel über die
Holzplanken. Eddie folgte ihm. Dort, wo die Planken auf der anderen
Seite endeten, sprangen sie über das Geländer auf einen Weg, der
sich breit und flach unter den Bäumen entlangschlängelte, sodass
sie das Kanu bald eingeholt hatten. Als die Mädchen ihre Schritte
hörten, kreischte die schlanke Brünette auf, und sie versuchten,
schneller zu paddeln. Die Blonde, die vorn saß, hatte aufgehört zu
kichern. Sie atmete in kurzen, ungleichmäßigen Stößen. Plötzlich
rutschte sie ein Stück zur Seite, um das Paddel noch tiefer
einzutauchen. Dabei geriet das Kanu in eine Schieflage und drohte
zu kippen. Schnell rutschte sie wieder zur Mitte, sodass sich das
Boot weit zur anderen Seite neigte und sein Dollbord die
Wasseroberfläche berührte. Beide Mädchen kämpften um ihre Balance.
Ein-, zwei-, dreimal schwankte das Boot so heftig, dass Wasser
hineinschwappte. Dann kippte es endgültig. Die Mädchen gingen über
Bord und schlugen im Wasser mit den Armen um sich.
Ray Bob rutschte das
flache grasbewachsene Ufer hinunter geradewegs auf die Brünette zu.
»Du holst dir die andere!« rief er.
Eddie zögerte einen
Moment, dann watete er ins Wasser. Das Mädchen ertränkte ihn
beinahe. Als sie die Arme um seinen Hals warf, verloren seine Füße
auf dem schlammigen Boden den Halt. Sie tauchten beide unter, wobei
das Mädchen Eddie mit aller Kraft umklammerte, sodass er den Kopf
nicht mehr nach oben bekam. Er schluckte Wasser und geriet in
Panik. Endlich fanden seine Füße festen Grund, und er stieß sich
Richtung Ufer ab, das Mädchen im Schlepptau. Ihr schwerer Körper
hing schlaff an ihm, eine reglose Last. Nur ihre Arme blieben um
ihn geschlungen. Er zog die Beine an, um sich ein weiteres Mal
abzustoßen. Diesmal landeten sie am Uferrand. Sie hing an ihm, bis
er ihr einen Schlag auf den Kopf versetzte, um von ihr loszukommen.
Endlich ließ sie locker und rollte sich weinend auf die
Seite.
»Ruhig, ruhig«,
sagte Eddie und kroch auf allen vieren über sie; Wasser tropfte auf
sie hinunter. »Alles in Ordnung, du hast dich bloß erschreckt, das
ist alles. Warte, ich helfe dir.«
Er begann, das
feuchte Oberteil über ihre Brüste hochzuschieben. Sie legte die
Arme um ihren Oberkörper, um ihn abzuwehren, doch er schob sie zur
Seite. »Ruhig, ruhig, kein Grund zur Panik.«
Ihr Körper
entkrampfte sich, und sie begann wieder zu weinen. »Tu mir nicht
weh, tu mir nicht weh, bitte tu mir nicht weh!«
»Verdammt, ich werd
dir nicht wehtun«, sagte er. Er zog das Oberteil über ihre Schulter
hoch. Ihre Brüste waren schwer und weich und wurden von ihrem
eigenen Gewicht zur Seite gedrückt. Die Brustwarzen sahen aus wie
große, rosabraune Nuggets aus straffem Fleisch, die Höfe waren noch
größere Kreise aus hellerem Rosa. Er nahm ihre rechte Brustwarze
zwischen die Lippen und begann zu lutschen. Sie lag still und
wimmerte leise. Er öffnete den Reißverschluss seiner Hose, doch
sein Schwanz war schlaff und machte keinerlei Anstalten, sich
aufzurichten. Er streichelte ihn eine Weile, ohne etwas zu
erreichen, gab es schließlich auf und legte sich neben das Mädchen.
Er vermutete, dass er deshalb keinen Ständer bekam, weil es sich
nicht richtig anfühlte. Er wusste, dass es nicht richtig
war.
»Tut mir wirklich
leid«, sagte er. »Ich bin wohl nicht entspannt genug.«
»Schon in Ordnung.«
Sie lag immer noch auf dem Rücken, den Blick zum Himmel gerichtet.
»Das passiert öfter, als man denkt.«
Ihre Stimme klang
fügsam. Leise, monoton und ohne Gefühl. Völlig reglos lag sie da in
ihren Shorts, die Hände über dem Bauch gefaltet. Wären ihre Augen
nicht offen gewesen, hätte er sie für eine Leiche halten können. Es
machte ihm Angst, sie anzuschauen. Sie wollte noch etwas sagen.
Doch ihre Stimme brach, und sie verstummte ganz. Nach einer Weile
griff sie nach oben und zog das Top wieder über ihre
Brüste.
»Ich wollte dir
keine Angst einjagen«, sagte Eddie leise. Als sie schwieg, fügte er
hinzu: »Ich glaube, ich hab einfach nicht überlegt.«
Kurz darauf erhob er
sich und fand Ray Bob ein Stück weiter das Ufer hinunter auf der
anderen Seite einer Trauerweide, deren Zweige sich über das Wasser
neigten. Er lag mit gekreuzten Beinen auf dem Rücken, die Waffe in
einer Hand, und streichelte sich mit der anderen. Neben ihm ruhte
die schlanke Brünette im Gras, die Beine weit geöffnet. Sie war
nackt und bewusstlos, und an den Innenseiten ihrer Oberschenkel und
um das dunkle Haarbüschel herum klebte Blut. Eddie beobachtete sie,
um festzustellen, ob sie noch atmete. Er konnte es nicht erkennen.
Aber ihr Kiefer wirkte verdreht, und ihre Unterlippe war stark
geschwollen.
»Scheiße, Mann, du
hast sie doch nicht umgebracht, oder?«
»Quatsch«, sagte Ray
Bob. Er zog seinen Reißverschluss hoch, sprang auf, schlug sich auf
die Hüften und sah sich nach dem T-Shirt mit dem eingewickelten
Geld um. »Sie ist bloß ohnmächtig geworden, das ist alles. Gerade
in dem Moment, als ich gekommen bin, hat sie die Augen hochgerollt.
Passiert mir immer wieder.«
Er grinste. »Wie war
deine?«
Eddie zupfte an
seinem Ohrring. »Na ja, sie hat sich nicht viel
bewegt.«
»Die Fetten sind
eben träge.«
Eddie dachte einen
Moment nach. »Ich glaube eher, der Grund war, dass sie Angst
hatte.«
»Klar hatte sie
Angst. Los, Kumpel, ich hab Hunger. Lass uns was
essen.«
Sie stiegen zum Pfad
hinauf und kamen an dem blonden Mädchen vorbei, das zusammengerollt
im Gras lag, die Stirn gegen die Knie gepresst. Sie gab keinen Ton
von sich, aber ihre schweren Schultern zitterten. Kaum waren sie an
ihr vorüber, wandte Eddie sich noch einmal um. Er ging zu dem
Mädchen zurück und beugte sich über sie, beide Hände auf die Knie
gestützt.
»Hey, tut mir
wirklich leid«, sagte er. »Denn du bist wirklich ein hübsches
Mädchen.«
Ihr Körper beruhigte
sich.
Eddie zögerte, dann
neigte er sich noch weiter hinunter und räusperte sich. Er sprach
ganz leise, beinahe im Flüsterton. »Hör zu, ich weiß, dass es
falsch war, und es tut mir ehrlich leid. Das sag ich nicht bloß so.
Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Es ist dein gutes Recht,
dass du Angst hast. Und da bist du auch nicht die Einzige, glaub
mir. Aber du kommst sicher wieder auf die Beine, warte nur
ab.«
»Was machst du da,
Arschloch?«, brüllte Ray Bob. »Dich entschuldigen? Los
jetzt!«
Unsicher stand Eddie
auf. Er wusste nicht, ob sie ihm überhaupt zugehört hatte. Sie
schaute ihn noch immer nicht an. Schließlich drehte er sich um und
trabte zum Weg hinauf.
In der Dämmerung
folgten sie dem Pfad Richtung Brücke. Ihre Kleider waren feucht,
und in ihren Stiefeln schwappte das Wasser. Unter einem Ahorn
setzten sie sich hin, um die Stiefel auszuschütten. Sie hörten das
Murmeln der Zikaden in den Bäumen und die Grillen im Gras. Im Osten
hing ein schlanker Halbmond über der Skyline. Die Luft war noch
warm von dem langen Tag.
»Mann, wie ich
dieses Wetter liebe«, sagte Ray Bob.
»Ist ganz in
Ordnung«, meinte Eddie. Sogar in seinen Ohren klang seine Stimme
uninteressiert und abgelenkt.
»Wo willst du
essen?«
»Egal, mir ist alles
recht.«
»Ich will ein
frittiertes Steak.«
Eddie sagte
nichts.
»Mit Rahmsoße.
Pommes frites. Und Brötchen mit Butter.«
Eddie blickte auf.
Dann schloss er die Augen. »Klingt verdammt gut.«
»Lass uns in diesen
Laden unten an der Straße gehen. Threadgill’s.«
»Gibt es da
Musik?«
»Manchmal.«
»Welche Art
Musik?«
»Teufel, was weiß
ich?«, sagte Ray Bob. »Musik eben. Gitarren und so.«
Eddie nickte und
meinte, das klinge nicht schlecht. Er hatte früher selbst Gitarre
gespielt. In einer Rockband.
»Echt?«
»Mann, wir waren
richtig gut.« Er atmete tief durch, kaute auf seiner Unterlippe und
gab sich seinen Erinnerungen hin. »Southern Boogie, R&B,
Bluesrock, wie die Allman Brothers. Überall Gigs. Ich wünschte, ich
wäre dabeigeblieben.«
»Nur zu«, sagte Ray
Bob. »Wünsch dir, was du willst. Ich hab mir viel gewünscht. Aber
fürs Wünschen kannst du dir nichts kaufen.«
Sie standen auf und
setzten sich in Bewegung. Abgesehen von Hof haltenden Insekten und
einer Brise in den Gipfeln war es in dem Waldstück ganz still. Im
Dämmerlicht überquerten sie die Holzbrücke und ließen sich auf der
anderen Seite die steile Böschung zu dem Pfad hinunterrutschen. Sie
nahmen den Weg am Ufer. Ray Bob marschierte voran und trug das
T-Shirt, in das ihr Geld eingewickelt war. Seine kurze stämmige
Gestalt bahnte sich ihren Weg durch die Schatten.
»Also, ich werde nicht aufhören, mir was zu wünschen«,
erklärte Eddie von hinten. »Musiker zu sein ist schon in Ordnung.
Fühlt sich gut an da oben. Als ob du etwas machst, was zählt. Die
Leute mögen es, Frauen vor allem. Man kriegt viel Sex, ohne sich
anzustrengen. Und Freibier. Ist doch besser, als Läden zu
überfallen.«
Abrupt blieb Ray Bob
stehen und drehte sich um. Er rieb mit den Knöcheln beider Hände
über seinen nackten Oberkörper, als wäre er ein Waschbrett. »Wo wir
gerade davon reden, Schwachkopf: Du hast mir gesagt, du hättest nie
jemanden umgebracht.«
»Hab ich auch
nicht«, sagte Eddie.
»Gut, jetzt hast du
es.«
»Ich wollte es aber
nicht.« Eddie schüttelte den Kopf und runzelte die Stirn. »Wirklich
nicht. Es war nicht geplant, ich wollte bloß die
Zigaretten.«
Ray Bob grunzte. »Du
hast einen Wüstennigger umgebracht.«
»Darum ging es
nicht. Es war bloß, wie der Typ sich benommen hat, wie er von oben
auf mich runtergesehen hat, als ob ich der allerletzte Betrüger
wäre … keine Ahnung, es war ein Reflex.« Immer noch schüttelte er
den Kopf, die Stirn in Falten gelegt. »Als ob ich den falschen Gang
eingelegt hätte, Mann. Das ist nicht mein Ding, ehrlich. Ich hab
nie im Leben auf jemanden geschossen. Nie. Ich hab diese Knarre nur
deshalb, weil du sie mir gegeben hast.«
»Warum warst du dann
im Knast?«
»Hab ich dir doch
erzählt. Autodiebstahl.«
»Scheiße, stimmt«,
schnaubte Ray Bob. »Hast dich beim Autoknacken erwischen
lassen.«
»Ich hab mich nicht
erwischen lassen. Sie haben’nen anderen gekriegt.« Eddie schwieg
einen Moment. »Und dann verpfeift mich dieser Scheißkerl …« Er fuhr
sich mit einem Finger über die Kehle.
Sie wanderten weiter
durch das Zwielicht, passierten den Kalksteinfelsen, auf dem sie
das Geld gezählt hatten, und kletterten schließlich den mit
Hickorybäumen bestandenen Hügel zu dem Parkplatz hoch, wo ihr Caddy
wartete. Ray Bob öffnete den Kofferraum, und sie streiften trockene
Jeans über. Als Eddie ein frisches T-Shirt fand, zog er sich das
nasse über den Kopf. Ray Bob starrte auf seinen dünnen, unbehaarten
Oberkörper mit der glatten Haut. Über Eddies linker Brustwarze
prangte ein dunkelblaues Gefängnistattoo. Fünf kurze horizontale
Linien mit Musiknoten.
»Und, hast du den
Scheißkerl drangekriegt?«
»Wen?«
»Den Vogel, der
gesungen hat?«
»Nee«, sagte Eddie.
»Hab ihn nie gefunden.«
»Wie heißt
er?«
»Ledoux. DeReese
Ledoux.«
»Was ist das, ein
Niggername?«
»Ein Cajun aus
Lafayette.«
»Gut, dann ziehen
wir los und spüren den Scheißer auf«, sagte Ray Bob. »Und schlitzen
ihm ein neues Arschloch.«
Eddie schlüpfte in
das trockene Shirt. »Er ist nicht mehr dort. Ist nach Houston
gegangen.«
»Zur Hölle damit.«
Ray Bob grinste. »Kommen, Houston, wir sind im
Anflug.«
»Was geht dich das
überhaupt an?«, fragte Eddie. Er stopfte sich das Shirt in die
Hose. »Ist doch nicht dein Problem.«
»Blödsinn.« Ray Bob
musterte ihn, als hätte er sich gerade wie ein kompletter Trottel
verhalten. »Sind wir Kumpel oder nicht?«
Eddie zuckte die
Schultern. Nun nach zwei Wochen kam ihm die ganze Idee doch nicht
mehr so großartig vor. Man musste sich bloß anschauen, was passiert
war. Scheiße, da lief er rum, erschoss Leute und war kurz davor,
Frauen zu vergewaltigen. Vielleicht sollte er die Situation noch
einmal überdenken.
Laut sagte er:
»Klar.«
»Also gut.« Ray Bob
grinste wieder, legte den Kopf schräg und richtete seinen dicken
Finger auf Eddie. »Was hast du sonst noch vor?«
Auch darüber dachte
Eddie nach. »Nicht viel.«