3
 
Buchhaltung … »Ein Vierteldollar für zwei Zehner … ein Zehner für zwei Fünfer und einen Dollarschein … das war’s mit den Rollen. Meine, deine. Hier ist das Wechselgeld, das ist für dich.«
Ray Bob spielte den Kassierer.
Eddie betrachtete die Häufchen. »Wir müssen es zur Bank bringen, Mann. Ich schlepp doch keine Rollen mit Fünfern mit mir rum. Die Beulen in den Taschen sehen idiotisch aus.«
»Dann nimm die Zehner, die sind kleiner.«
»Zum Teufel damit, wenn du sie nicht zur Bank schaffen willst, mach ich es. Wo liegt das Problem?«
»Ich mag keine Banken«, sagte Ray Bob. »Ich bin mal bei einem Bankraub erwischt worden.«
Eddie musterte ihn. »Hast du nicht behauptet, das wäre dein erster Überfall gewesen?«
»Ich hab gelogen.«
»Warum?«
»Brauch ich einen Grund? Wenn du was dagegen hast, ruf die Bullen!«
»Ist doch nicht illegal, wenn man lügt«, sagte Eddie.
»Da hast du Recht.« Ray Bob grinste. »Aber ich tu’s trotzdem.«
»Ist mir sowieso egal. Jedenfalls schlepp ich diese Rollen nicht in meinen Taschen rum. Aber wir könnten uns davon ein Mittagessen besorgen. Ich krieg langsam Hunger.«
Sie stritten herum, weil Ray Bob sich gerne stritt und weil Eddie sich kribbelig fühlte.
Sie hockten auf einem glatten Kalksteinfelsen im Zilker Park – vom Barton Springs Pool gesehen ein Stück das Flüsschen hinunter – und ließen die Beine über die Felskante baumeln. Die Kante ragte an dieser Stelle über die Uferböschung und wurde von einem Hickorybaum beschattet. Allmählich dämmerte es, und die Luft war mild. Purpurschwalben zogen ihre Bögen über das Wasser und nutzten die leichte Brise, um nach Insekten zu jagen. Ein Stück weiter aufwärts kräuselte sich die Oberfläche, wo der flache Wasserlauf zwischen ausgewaschenen Felsen hindurchrauschte. Dahinter rückten die steilen Ufer dichter zusammen, und das Wasser wurde tiefer, so dass die Felsen unter der Oberfläche verschwanden. Dort lag das Wasser ganz ruhig da.
Eddie zupfte an seinem Ohrring und beobachtete zwei Schwäne, die am Ufer entlangglitten. Weiße Federhügel mit schlanken gebogenen Hälsen.
»Also«, begann er, »worüber hast du mich sonst noch belogen?«
Ray Bob grinste. »Nun komm mal runter, Kumpel. Ich hab mehr Überfälle durchgezogen, als du dir vorstellen kannst. Falls du es noch nicht gemerkt haben solltest, ich bin kein Pfadfinder.«
»Ich war mal einer«, entgegnete Eddie. »Aber sie haben mich rausgeschmissen.«
»Was hast du gemacht, den Oberpfadfinder erschossen?«
»Nee, das hat seine Alte schon besorgt. Hat ihn im Bett mit ihrer Schwester erwischt und sie beide abgeknallt. Kaliber.12 mit’ner Schrotladung. Der fette Bock ist im Sattel gestorben. Ein echtes Arschloch, hat ständig wegen unseren Uniformen rumgebrüllt, und wie wir wieder aussähen. Eigentlich hätte sie’ne Verdienstmedaille kriegen müssen. Für Erfüllung von Bürgerpflichten und so.«
»Oder für besondere Treffsicherheit«, kicherte Ray Bob. Er stapelte das Papiergeld, wobei er die Ecken glatt strich.
»Jedenfalls bin ich nie über die unteren Ränge rausgekommen«, sagte Eddie. »Ich hab die ganzen Regeln gehasst, das ständige Brüllen. Sobald dein Hut schief sitzt oder du’ne Falte in der Hose hast, darf so ein Typ dich zusammenscheißen.«
Ray Bob zündete sich eine Zigarette an, klemmte sie sich in den Mundwinkel und begann mit dem Aufteilen der Scheine, überwiegend Eindollarnoten. Wegen des Rauchs kniff er ein Auge zu. »Vielleicht haben wir mehr Kohle erwischt, als ich dachte. Wenn damals in den alten Zeiten deine Frau mit einem anderen rumgemacht hat, konntest du sie einfach umbringen. Keiner hat danach gefragt. Verbrechen aus Leidenschaft.«
»Zwölf Jahre alt, und du bist praktisch schon bei den Marines«, sagte Eddie. Er beobachtete, wie die Schwäne langsam das Flüsschen hinunter verschwanden. »Wer soll das aushalten? Am Ende haben sie mich wegen schlechten Manieren rausgeschmissen.«
»Sie ist damit durchgekommen, oder?«
Eddie zuckte die Schultern. »Kann mich nicht mehr erinnern. Ich bin jedenfalls geflogen. Dabei wollte ich bloß in irgendwas gut sein.«
»Für nichts gut zu sein, ist auch für was gut.«
»Das ergibt keinen Sinn.«
»Deswegen stimmt’s ja.«
»Du hast echt’ne komische Logik. Hey, schau dir das an!« Eddie zeigte auf das Flüsschen.
Zwei Mädchen in einem Aluminiumkanu trieben vorbei. Eddie und Ray Bob unterbrachen ihr Gespräch, um die beiden zu beobachten. Die eine war pummelig, mit kurzen blonden Haaren, die andere war eine schlanke Brünette mit langen glatten Haaren. Alle beide trugen Shorts und rückenfreie Oberteile und hielten die Paddel quer über dem Schoß.
»Welche willst du?«, fragte Ray Bob und kratzte sich unter der Achsel.
»Ich steh auf Blondinen«, sagte Eddie. »Schadet nichts, wenn sie ein bisschen mollig sind.«
»Scheiße, die Braut ist nicht mollig. Sie ist fett.«
»Mir gefällt’s, wenn sie ein bisschen Fleisch auf den Rippen haben.«
»Das ist ziemlich cholesterinreiches Fleisch«, erklärte Ray Bob. »Ich steh mehr auf magere Kost.«
»Dann nimmst du eben die Dünne.«
»Alles klar.«
Ray Bob stopfte die Scheine und Münzrollen in die Plastiktüte, zog sein Shirt aus und wickelte die Tüte darin ein. Eine dicke Matte roter lockiger Haare überzog seine bleiche Brust und den Bauch. Deswegen hatte man ihn im Knast »Red« gerufen. Er war klein und breitschultrig, hatte eine schmale Taille und kräftige Muskeln. Er trug das Haar kurz geschnitten und einen Ring mit einem Goldnugget in jedem Ohr.
»Los«, sagte Eddie. »Sie fahren vorbei.«
»Die fahren nirgendwo hin«, meinte Ray Bob. »Überlass das Reden mir.«
Sie folgten dem Trampelpfad, der unter den Bäumen am Ufer entlangführte. Die frühsommerliche Luft war mild und trocken, und in den grünen Bäumen über ihnen sangen Zikaden. Als sie die Mädchen eingeholt hatten, rief Ray Bob: »Hey, ihr Hübschen. Wollt ihr ein Bier?«
Die Mädchen schauten sich an, und die Brünette, die hinten saß, verdrehte die Augen. Dann begannen sie mit ihren Paddeln zu hantieren. Sie bewegten sich unbeholfen, sodass die Blätter der Paddel aufs Wasser klatschten und die Griffe über die Dollborde der Kanus kratzten. Sie nahmen Kurs aufs andere Ufer.
»Wir haben Bier!«, brüllte Eddie.
»Was zum Teufel hab ich dir gesagt«, knurrte Ray Bob. »Überlass das Reden mir.«
»Ah ja, alles klar. Deine Schmeicheleien hab ich doch gehört. Sie können es kaum erwarten. Siehst du nicht, wie sie abhauen?«
»Ich sag dir doch, die fahren nirgendwo hin. Komm!«
Sie hasteten weiter über den schmalen Uferweg, sprangen über Baumwurzeln und duckten sich unter dem Stamm einer umgestürzten Pyramidenpappel hindurch. Ray Bob rief ihnen zu: »Sieht ziemlich heiß aus da drüben! Wollt ihr ein kaltes Bier? Wir wollen doch bloß ein bisschen reden. Nun kommt schon, haltet mal an!«
An der Stelle, wo die Barton Springs Road das Flüsschen überquerte, rutschten sie die Böschung hinunter und klammerten sich an den Zweigen der Büsche fest. Ein Stockentenpaar, das nahe am Ufer trieb und gemütlich dem Abendessen entgegenschaukelte, breitete die Flügel aus und flatterte panisch davon. Die Mädchen blieben dicht am anderen Ufer, ihre Bewegungen ein asynchrones Tandem, bei dem die Paddel gegen das Boot schlugen und ungelenk auf die Wasseroberfläche einhieben, sodass das Wasser hinter ihnen aufspritzte. Als die vorne sitzende Blonde zu kichern begann, befahl ihr die Andere, schneller zu paddeln. Ihre Stimme klang ängstlich.
»Kein Grund, Angst zu haben!«, brüllte Ray Bob. »Wir sind nur zwei Typen, die sich unterhalten wollen!«
Der Trampelpfad, der das Ufer säumte, endete vor einem Bollwerk aus Erde, wo eine Fußgängerbrücke das Flüsschen überquerte. Sie kletterten die steile Böschung mit kurzen schnellen Schritten hinauf und bohrten die Spitzen ihrer Stiefel in die harte Erde. Bei jedem zweiten Schritt bergauf rutschten sie einen zurück. Hechelnd kamen sie schließlich oben auf der schmalen Brücke an. Das Kanu war inzwischen ein Stück weiter abwärtsgeschwommen, wo das Wasser unter den überhängenden Bäumen breiter wurde, um schließlich in den Fluss zu münden.
»Scheiße, ich hab’s dir gesagt«, meinte Eddie. »Jetzt sind sie weg.«
»Sind sie nicht.«
»Nun lass sie in Ruhe. Sie wollen sowieso nicht mit uns reden.«
»Sicher wollen sie das«, erklärte Ray Bob. »Die können es gar nicht erwarten. Komm, los!«
Als er über die Brücke rannte, polterten die harten Absätze seiner Stiefel über die Holzplanken. Eddie folgte ihm. Dort, wo die Planken auf der anderen Seite endeten, sprangen sie über das Geländer auf einen Weg, der sich breit und flach unter den Bäumen entlangschlängelte, sodass sie das Kanu bald eingeholt hatten. Als die Mädchen ihre Schritte hörten, kreischte die schlanke Brünette auf, und sie versuchten, schneller zu paddeln. Die Blonde, die vorn saß, hatte aufgehört zu kichern. Sie atmete in kurzen, ungleichmäßigen Stößen. Plötzlich rutschte sie ein Stück zur Seite, um das Paddel noch tiefer einzutauchen. Dabei geriet das Kanu in eine Schieflage und drohte zu kippen. Schnell rutschte sie wieder zur Mitte, sodass sich das Boot weit zur anderen Seite neigte und sein Dollbord die Wasseroberfläche berührte. Beide Mädchen kämpften um ihre Balance. Ein-, zwei-, dreimal schwankte das Boot so heftig, dass Wasser hineinschwappte. Dann kippte es endgültig. Die Mädchen gingen über Bord und schlugen im Wasser mit den Armen um sich.
Ray Bob rutschte das flache grasbewachsene Ufer hinunter geradewegs auf die Brünette zu. »Du holst dir die andere!« rief er.
Eddie zögerte einen Moment, dann watete er ins Wasser. Das Mädchen ertränkte ihn beinahe. Als sie die Arme um seinen Hals warf, verloren seine Füße auf dem schlammigen Boden den Halt. Sie tauchten beide unter, wobei das Mädchen Eddie mit aller Kraft umklammerte, sodass er den Kopf nicht mehr nach oben bekam. Er schluckte Wasser und geriet in Panik. Endlich fanden seine Füße festen Grund, und er stieß sich Richtung Ufer ab, das Mädchen im Schlepptau. Ihr schwerer Körper hing schlaff an ihm, eine reglose Last. Nur ihre Arme blieben um ihn geschlungen. Er zog die Beine an, um sich ein weiteres Mal abzustoßen. Diesmal landeten sie am Uferrand. Sie hing an ihm, bis er ihr einen Schlag auf den Kopf versetzte, um von ihr loszukommen. Endlich ließ sie locker und rollte sich weinend auf die Seite.
»Ruhig, ruhig«, sagte Eddie und kroch auf allen vieren über sie; Wasser tropfte auf sie hinunter. »Alles in Ordnung, du hast dich bloß erschreckt, das ist alles. Warte, ich helfe dir.«
Er begann, das feuchte Oberteil über ihre Brüste hochzuschieben. Sie legte die Arme um ihren Oberkörper, um ihn abzuwehren, doch er schob sie zur Seite. »Ruhig, ruhig, kein Grund zur Panik.«
Ihr Körper entkrampfte sich, und sie begann wieder zu weinen. »Tu mir nicht weh, tu mir nicht weh, bitte tu mir nicht weh!«
»Verdammt, ich werd dir nicht wehtun«, sagte er. Er zog das Oberteil über ihre Schulter hoch. Ihre Brüste waren schwer und weich und wurden von ihrem eigenen Gewicht zur Seite gedrückt. Die Brustwarzen sahen aus wie große, rosabraune Nuggets aus straffem Fleisch, die Höfe waren noch größere Kreise aus hellerem Rosa. Er nahm ihre rechte Brustwarze zwischen die Lippen und begann zu lutschen. Sie lag still und wimmerte leise. Er öffnete den Reißverschluss seiner Hose, doch sein Schwanz war schlaff und machte keinerlei Anstalten, sich aufzurichten. Er streichelte ihn eine Weile, ohne etwas zu erreichen, gab es schließlich auf und legte sich neben das Mädchen. Er vermutete, dass er deshalb keinen Ständer bekam, weil es sich nicht richtig anfühlte. Er wusste, dass es nicht richtig war.
»Tut mir wirklich leid«, sagte er. »Ich bin wohl nicht entspannt genug.«
»Schon in Ordnung.« Sie lag immer noch auf dem Rücken, den Blick zum Himmel gerichtet. »Das passiert öfter, als man denkt.«
Ihre Stimme klang fügsam. Leise, monoton und ohne Gefühl. Völlig reglos lag sie da in ihren Shorts, die Hände über dem Bauch gefaltet. Wären ihre Augen nicht offen gewesen, hätte er sie für eine Leiche halten können. Es machte ihm Angst, sie anzuschauen. Sie wollte noch etwas sagen. Doch ihre Stimme brach, und sie verstummte ganz. Nach einer Weile griff sie nach oben und zog das Top wieder über ihre Brüste.
»Ich wollte dir keine Angst einjagen«, sagte Eddie leise. Als sie schwieg, fügte er hinzu: »Ich glaube, ich hab einfach nicht überlegt.«
Kurz darauf erhob er sich und fand Ray Bob ein Stück weiter das Ufer hinunter auf der anderen Seite einer Trauerweide, deren Zweige sich über das Wasser neigten. Er lag mit gekreuzten Beinen auf dem Rücken, die Waffe in einer Hand, und streichelte sich mit der anderen. Neben ihm ruhte die schlanke Brünette im Gras, die Beine weit geöffnet. Sie war nackt und bewusstlos, und an den Innenseiten ihrer Oberschenkel und um das dunkle Haarbüschel herum klebte Blut. Eddie beobachtete sie, um festzustellen, ob sie noch atmete. Er konnte es nicht erkennen. Aber ihr Kiefer wirkte verdreht, und ihre Unterlippe war stark geschwollen.
»Scheiße, Mann, du hast sie doch nicht umgebracht, oder?«
»Quatsch«, sagte Ray Bob. Er zog seinen Reißverschluss hoch, sprang auf, schlug sich auf die Hüften und sah sich nach dem T-Shirt mit dem eingewickelten Geld um. »Sie ist bloß ohnmächtig geworden, das ist alles. Gerade in dem Moment, als ich gekommen bin, hat sie die Augen hochgerollt. Passiert mir immer wieder.«
Er grinste. »Wie war deine?«
Eddie zupfte an seinem Ohrring. »Na ja, sie hat sich nicht viel bewegt.«
»Die Fetten sind eben träge.«
Eddie dachte einen Moment nach. »Ich glaube eher, der Grund war, dass sie Angst hatte.«
»Klar hatte sie Angst. Los, Kumpel, ich hab Hunger. Lass uns was essen.«
Sie stiegen zum Pfad hinauf und kamen an dem blonden Mädchen vorbei, das zusammengerollt im Gras lag, die Stirn gegen die Knie gepresst. Sie gab keinen Ton von sich, aber ihre schweren Schultern zitterten. Kaum waren sie an ihr vorüber, wandte Eddie sich noch einmal um. Er ging zu dem Mädchen zurück und beugte sich über sie, beide Hände auf die Knie gestützt.
»Hey, tut mir wirklich leid«, sagte er. »Denn du bist wirklich ein hübsches Mädchen.«
Ihr Körper beruhigte sich.
Eddie zögerte, dann neigte er sich noch weiter hinunter und räusperte sich. Er sprach ganz leise, beinahe im Flüsterton. »Hör zu, ich weiß, dass es falsch war, und es tut mir ehrlich leid. Das sag ich nicht bloß so. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Es ist dein gutes Recht, dass du Angst hast. Und da bist du auch nicht die Einzige, glaub mir. Aber du kommst sicher wieder auf die Beine, warte nur ab.«
»Was machst du da, Arschloch?«, brüllte Ray Bob. »Dich entschuldigen? Los jetzt!«
Unsicher stand Eddie auf. Er wusste nicht, ob sie ihm überhaupt zugehört hatte. Sie schaute ihn noch immer nicht an. Schließlich drehte er sich um und trabte zum Weg hinauf.
In der Dämmerung folgten sie dem Pfad Richtung Brücke. Ihre Kleider waren feucht, und in ihren Stiefeln schwappte das Wasser. Unter einem Ahorn setzten sie sich hin, um die Stiefel auszuschütten. Sie hörten das Murmeln der Zikaden in den Bäumen und die Grillen im Gras. Im Osten hing ein schlanker Halbmond über der Skyline. Die Luft war noch warm von dem langen Tag.
»Mann, wie ich dieses Wetter liebe«, sagte Ray Bob.
»Ist ganz in Ordnung«, meinte Eddie. Sogar in seinen Ohren klang seine Stimme uninteressiert und abgelenkt.
»Wo willst du essen?«
»Egal, mir ist alles recht.«
»Ich will ein frittiertes Steak.«
Eddie sagte nichts.
»Mit Rahmsoße. Pommes frites. Und Brötchen mit Butter.«
Eddie blickte auf. Dann schloss er die Augen. »Klingt verdammt gut.«
»Lass uns in diesen Laden unten an der Straße gehen. Threadgill’s.«
»Gibt es da Musik?«
»Manchmal.«
»Welche Art Musik?«
»Teufel, was weiß ich?«, sagte Ray Bob. »Musik eben. Gitarren und so.«
Eddie nickte und meinte, das klinge nicht schlecht. Er hatte früher selbst Gitarre gespielt. In einer Rockband.
»Echt?«
»Mann, wir waren richtig gut.« Er atmete tief durch, kaute auf seiner Unterlippe und gab sich seinen Erinnerungen hin. »Southern Boogie, R&B, Bluesrock, wie die Allman Brothers. Überall Gigs. Ich wünschte, ich wäre dabeigeblieben.«
»Nur zu«, sagte Ray Bob. »Wünsch dir, was du willst. Ich hab mir viel gewünscht. Aber fürs Wünschen kannst du dir nichts kaufen.«
Sie standen auf und setzten sich in Bewegung. Abgesehen von Hof haltenden Insekten und einer Brise in den Gipfeln war es in dem Waldstück ganz still. Im Dämmerlicht überquerten sie die Holzbrücke und ließen sich auf der anderen Seite die steile Böschung zu dem Pfad hinunterrutschen. Sie nahmen den Weg am Ufer. Ray Bob marschierte voran und trug das T-Shirt, in das ihr Geld eingewickelt war. Seine kurze stämmige Gestalt bahnte sich ihren Weg durch die Schatten.
»Also, ich werde nicht aufhören, mir was zu wünschen«, erklärte Eddie von hinten. »Musiker zu sein ist schon in Ordnung. Fühlt sich gut an da oben. Als ob du etwas machst, was zählt. Die Leute mögen es, Frauen vor allem. Man kriegt viel Sex, ohne sich anzustrengen. Und Freibier. Ist doch besser, als Läden zu überfallen.«
Abrupt blieb Ray Bob stehen und drehte sich um. Er rieb mit den Knöcheln beider Hände über seinen nackten Oberkörper, als wäre er ein Waschbrett. »Wo wir gerade davon reden, Schwachkopf: Du hast mir gesagt, du hättest nie jemanden umgebracht.«
»Hab ich auch nicht«, sagte Eddie.
»Gut, jetzt hast du es.«
»Ich wollte es aber nicht.« Eddie schüttelte den Kopf und runzelte die Stirn. »Wirklich nicht. Es war nicht geplant, ich wollte bloß die Zigaretten.«
Ray Bob grunzte. »Du hast einen Wüstennigger umgebracht.«
»Darum ging es nicht. Es war bloß, wie der Typ sich benommen hat, wie er von oben auf mich runtergesehen hat, als ob ich der allerletzte Betrüger wäre … keine Ahnung, es war ein Reflex.« Immer noch schüttelte er den Kopf, die Stirn in Falten gelegt. »Als ob ich den falschen Gang eingelegt hätte, Mann. Das ist nicht mein Ding, ehrlich. Ich hab nie im Leben auf jemanden geschossen. Nie. Ich hab diese Knarre nur deshalb, weil du sie mir gegeben hast.«
»Warum warst du dann im Knast?«
»Hab ich dir doch erzählt. Autodiebstahl.«
»Scheiße, stimmt«, schnaubte Ray Bob. »Hast dich beim Autoknacken erwischen lassen.«
»Ich hab mich nicht erwischen lassen. Sie haben’nen anderen gekriegt.« Eddie schwieg einen Moment. »Und dann verpfeift mich dieser Scheißkerl …« Er fuhr sich mit einem Finger über die Kehle.
Sie wanderten weiter durch das Zwielicht, passierten den Kalksteinfelsen, auf dem sie das Geld gezählt hatten, und kletterten schließlich den mit Hickorybäumen bestandenen Hügel zu dem Parkplatz hoch, wo ihr Caddy wartete. Ray Bob öffnete den Kofferraum, und sie streiften trockene Jeans über. Als Eddie ein frisches T-Shirt fand, zog er sich das nasse über den Kopf. Ray Bob starrte auf seinen dünnen, unbehaarten Oberkörper mit der glatten Haut. Über Eddies linker Brustwarze prangte ein dunkelblaues Gefängnistattoo. Fünf kurze horizontale Linien mit Musiknoten.
»Und, hast du den Scheißkerl drangekriegt?«
»Wen?«
»Den Vogel, der gesungen hat?«
»Nee«, sagte Eddie. »Hab ihn nie gefunden.«
»Wie heißt er?«
»Ledoux. DeReese Ledoux.«
»Was ist das, ein Niggername?«
»Ein Cajun aus Lafayette.«
»Gut, dann ziehen wir los und spüren den Scheißer auf«, sagte Ray Bob. »Und schlitzen ihm ein neues Arschloch.«
Eddie schlüpfte in das trockene Shirt. »Er ist nicht mehr dort. Ist nach Houston gegangen.«
»Zur Hölle damit.« Ray Bob grinste. »Kommen, Houston, wir sind im Anflug.«
»Was geht dich das überhaupt an?«, fragte Eddie. Er stopfte sich das Shirt in die Hose. »Ist doch nicht dein Problem.«
»Blödsinn.« Ray Bob musterte ihn, als hätte er sich gerade wie ein kompletter Trottel verhalten. »Sind wir Kumpel oder nicht?«
Eddie zuckte die Schultern. Nun nach zwei Wochen kam ihm die ganze Idee doch nicht mehr so großartig vor. Man musste sich bloß anschauen, was passiert war. Scheiße, da lief er rum, erschoss Leute und war kurz davor, Frauen zu vergewaltigen. Vielleicht sollte er die Situation noch einmal überdenken.
Laut sagte er: »Klar.«
»Also gut.« Ray Bob grinste wieder, legte den Kopf schräg und richtete seinen dicken Finger auf Eddie. »Was hast du sonst noch vor?«
Auch darüber dachte Eddie nach. »Nicht viel.«
Robbers: Thriller
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