51
Er hatte sich entschieden: Er würde in den Wald
fahren und ihn zur Strecke bringen.
Es wäre vernünftiger
gewesen, das Büro des Sheriffs und Deputy Wright zu bitten, ein
Dutzend Männer mit Gewehren und kugelsicheren Westen und einem Paar
Bluthunden herzuschicken. Und mit Regenjacken. Oder nach Jasper
zurückzufahren, sich mit dem Deputy zu treffen und einen genauen
Plan auszuarbeiten. Klüger, nach Vorschrift, und auf jeden Fall
sicherer. Doch er brachte das alleine zu Ende, wie er es immer
getan hatte, denn das taten alle erstklassigen Ranger, und er war
Ranger geworden, weil ihm das gefiel.
Gab’s irgendwo
Krawall, war ein Ranger ausreichend. Und für einen bösen Jungen
erst recht.
Den Ausschlag hatte
der alte Mann gegeben, der vierhundert Meter weiter oben an der
Landstraße aus dem Wald getreten war, gerade als Rule vorbeifuhr
und überlegte, welche Lehmpiste in die Niederung er nehmen sollte.
Eben war der Randstreifen der Straße noch leer gewesen, die Bäume,
die sie säumten, ein langer, wirrer Wall aus Laub, dunklen Stämmen
und schmalen braunen Ästen unter einem aufgewühlten grauen Himmel.
Und dann, wie eine plötzliche Erscheinung, stand da dieser Mann.
Mit seinem zerfurchten, walnussfarbenen Gesicht und den knorrigen
Händen, die schlaff neben seinen Oberschenkeln herabhingen; er trug
einen Buschhut aus Filz und einen ausgebleichten blauen Overall zu
einem langärmligen Jeanshemd und Arbeitsschuhen.
Rule trat auf die
Bremse und sah ein zweites Mal hin. Der Mann stand direkt am
Waldrand und rührte sich nicht, und obwohl er Rule nicht anschaute,
schien er ihn unter seiner in die Stirn gezogenen Hutkrempe doch
wahrzunehmen, sein dunkles wettergegerbtes Gesicht vollkommen
regungslos. Kurz darauf kamen zwei Jagdhunde, ein Black and Tan und
ein Bluetick, aus dem Wald geschossen und hockten sich links und
rechts neben den Mann. Sie schienen Rule ebenfalls zu beobachten,
ohne ihn dabei anzusehen, als könnten sie mit ihrem ganzen Körper
mehr erfassen als durch einen bloßen Blick, ihre rätselhaften Posen
und Bewegungen unergründlich und sphinxhaft wie die des
Mannes.
Rule bremste, stieg
aus und befahl Lefty zu bleiben. Von Süden her rollte ein dumpfes
Donnergrollen über den Himmel, und ein gezackter Blitz zuckte über
den platingrauen Horizont, dazu kam ein kaltfeuchter Wind auf. Rule
blieb stehen, wo die Fahrbahn an den Randstreifen grenzte, und
tippte mit der Hand gegen seinen Stetson.
»Hallo.«
Der alte Man nickte
einmal kaum merklich, dann spuckte er einen Klumpen braunen Saft
nach rechts. Der Brocken streifte auf seinem Weg nach unten das
gesprenkelte Haupt des Bluetick und landete dann neben dem Hund im
mit Kiefernnadeln bedeckten Gras.
»Wie geht’s denn
so?«, fragte Rule.
Der Mann schien
erneut zu nicken.
Unter der Hutkrempe
konnte Rule die Augen des Mannes nicht erkennen, doch in das
Gesicht darunter hatten sich infolge des Alters und durch den
Aufenthalt im Freien tiefe Falten und schräge Furchen gegraben. Die
Hände und Gelenke unter den zugeknöpften Hemdsärmeln waren
dunkelbraun und wettergegerbt wie sonnenverbranntes
Pergamentpapier. Rule betrachtete eine Weile die Hunde. Beide
hatten einen breiten Brustkorb und große Lungen, außerdem waren sie
stämmig und muskulös. Die braunen Punkte über den Augen des
Bluetick hatten dieselbe Farbe wie die helleren Stellen des Black
and Tan, der am Hals zwar ein paar Hautfalten zu viel besaß, dafür
aber über kräftige Pfoten mit hohen Knöcheln verfügte. Rule schaute
die Straße hinauf.
»Hübsche Hunde«,
sagte er. »Für die Waschbärjagd, nehm ich an.«
Darauf blickte der
Mann erst zur einen, dann zur anderen Seite, als wäre er überrascht
über den Anblick, der sich ihm bot. Dann hob er den Kopf, um Rule
zu mustern. Seine schmale Hakennase saß zwischen weit
auseinanderstehenden, blassgelben Augen, die hellgrün gesprenkelt
waren. Die Augen eines Panthers. Obwohl sich ihre Form nicht
veränderte, merkte Rule, dass der Mann seine Aufmerksamkeit
verlagert hatte.
»Hab mich gefragt,
wie alt der Hund wohl ist«, sagte er.
Seine Stimme war
weich wie Wasser, das einen Stein umspült, sie hatte den typischen
Südstaaten-Singsang aus den Flussniederungen des tiefsten East
Texas. Die Sprache, die die Leute gesprochen haben, als sie vor
fast zwei Jahrhunderten mit Ochsenkarren und hinter Maultiere
gespannten Planwagen aus Georgia und Alabama, aus North und South
Carolina hier ankamen, und davor aus dem schottisch-irischen
Grenzgebiet: die Umgangssprache der Freisassen, die auf der Suche
nach Land die Tradition des mühelosen Lebenserwerbs, der
uneingeschränkten Jagd und des kostenlosen Weidelands sowie der
pachtfreien Bewirtschaftung fruchtbarer Ackerböden und Wälder
völlig in Verruf gebracht hatten. Denn das, was ihnen gehörte,
hatten sie bereits ausgebeutet, darum wollten sie mehr, und das
fanden sie hier in East Texas, bis auch hier nichts mehr zu holen
war.
Rule drehte den Kopf
herum; Lefty schaute zum Fenster des Führerhauses heraus und
musterte die anderen Hunde. »Er ist fast drei«, sagte
Rule.
Erneut hatte es den
Anschein, als würde der Mann nicken, so als hätte Rule ihm
bestätigt, was er ohnehin schon wusste. »Guter Hund, sehr
ausdauernd«, sagte er nach einer Weile, »folgt hartnäckig der
Fährte.«
»Ein braves Tier,
hört aufs Wort.«
»Der Beute immer
dicht auf den Fersen, nehm ich an.«
»Nein, er bleibt auf
Abstand«, sagte Rule. »Aber er hält sie in Schach und gibt deutlich
Laut. Sein Vater stammt aus einer Zuchtlinie unten in Brazoria
County.«
Der Mann erwiderte
darauf nichts. Sein Gesichtsausdruck wirkte immer noch so
rätselhaft wie eine Wand voller Hieroglyphen. Möglich, dass er
Brazoria County und jedes einzelne seiner winzigen Seitenflüsschen
und bewaldeten Hügelchen kannte, oder aber er hatte noch nie davon
gehört. Er spuckte erneut aus, diesmal streifte der Klumpen den
breiten Schädel des Black and Tan. Sein Blick schien jetzt wieder
auf Rule gerichtet zu sein, und diesem wurde augenblicklich klar,
dass das Hundethema durch war, Unterhaltung beendet.
Während er beide
Daumen in die Gesäßtaschen hakte, merkte er, dass der Wind
aufgefrischt hatte. Der Regen, den er ankündigte, schmeckte schal
und metallisch wie Geschützbronze.
»Ich heiße Hooks«,
sagte er. »Ich komme aus Tyler County und lebe jetzt in Austin. Ich
bin hinter einem Mann her, einem bösen Mann. Ich weiß von fünf
Leuten, die er getötet hat, vielleicht sind es auch mehr. Sollte er
sich hier in der Gegend aufhalten, müsste ihn jemand in den letzten
Tagen gesehen haben.«
Rule beobachtete den
alten Mann und suchte nach einem Hinweis darauf, dass ihm jemand
aufgefallen war. Ein sinnloses Unterfangen. Er kannte solche Männer
aus seiner Kindheit, Hinterwäldler, die sich durch die Zeit
bewegten und kaum in Erscheinung traten, wenn sie das nicht für
nötig hielten, sich allerdings stets nahmen, was sie brauchten,
ohne Rücksicht auf die Folgen. Entweder wusste der Mann etwas oder
nicht, entweder sagte er es oder nicht, unabhängig von Rules
Interessen.
Nachdem ein paar
Minuten verstrichen waren, tippte Rule sich erneut gegen seinen Hut
und sagte: »Na schön.« Dann wandte er sich zum Gehen.
Da ergriff der alte
Mann das Wort, seine Stimme war durch den auffrischenden Wind kaum
zu verstehen. »Fünf Menschen.«
Rule blieb stehen.
»Vier Männer und eine Frau. Einen alten Mann und einen jungen
Burschen, einen Polizeibeamten sowie einen schwarzen
Collegestudenten.«
»Drei Männer«, sagte
der Mann, »eine Frau und einen Nigger.«
»Schätze, ich hab
keine Ahnung, wie er sie zählt«, erwiderte Rule mit ruhiger Stimme,
»ich weiß nur, dass sie tot sind. Und es werden nicht die Letzten
sein. Er ist ein böser Junge.«
»Sie werden ihn
töten.«
»Nur wenn ich
muss.«
Der alte Mann
blickte zur Seite, die Landstraße hinunter, dorthin, wo sie kurz
vor dem zweispurigen Highway in den dunklen Wald abknickte. Nach
einer Weile fing er an zu sprechen, mit einer Stimme sanft wie ein
Rehfell. Rule beugte sich vor, um ihn zu verstehen.
»Hab gestern
Nacht’ne Bobtail-Katze gejagt. Runter zum Fluss, wo die Grovers
wohnen. Hab ihr heut Morgen das Fell abgezogen. Keine Ahnung, wann
ich zuletzt eine gesehen hab. Schätze, war die Letzte ihrer Art.
Sind wohl ausgestorben. Früher gab’s da auch Bären, sind ebenfalls
ausgestorben. Und die Wölfe hat’s auch dahingerafft. Hab da unten’n
Licht gesehen. Und’nen Wagen.«
Der Mann verstummte;
das Schweigen, das auf seinen kurzen Monolog folgte, schien das
Ergebnis einer tiefgreifenden Erschöpfung zu sein, die seine Rede
bei ihm ausgelöst hatte, all die Wörter auf einmal, ein reißender
Strom überflüssigen Lärms, das war zu viel.
»Wo liegt das Haus
der Grovers?«
»Die letzte Straße
vorm Highway.«
Mit diesen Worten
drehte der Mann sich um und entschwand in den Wald, als wäre er
durch einen Schleier getreten, fort, bevor Rule es überhaupt
mitbekam. Eine Geistererscheinung, von einem Augenblick auf den
anderen verschwunden. Und mit ihm die zwei Hunde; der nahegelegene
Rand des Dickichts war jetzt wieder bloß ein wirrer Wall aus grünen
und ockerfarbenen Blättern und Ästen. Rule lauschte, ob irgendwo
ein Zweig knackte oder das vertrocknete Laub unter seinen Füßen
knisterte, aber es war nichts zu hören.
Fort.
Er stieg ins
Führerhaus und fuhr zur letzten Schotterpiste vor dem Highway, die
hinunter zum Fluss führte. Dort bremste er und überlegte, das Büro
des Sheriffs anzurufen, um Wright und die Deputys aufzuscheuchen.
Doch er entschied sich dagegen. Wenn ein Geist erscheint und einem
den Weg weist, ist das ein gutes Omen. Genug gewartet. Er würde
alleine in den Wald fahren.
Und den Rothaarigen
zur Strecke bringen.