11
 
Im Licht der Lampe kauerte Della Street nackt auf der Kante des Sessels. Er hatte ein beigefarbenes Musselinpolster mit aufgedrucktem Blumenmuster in grünen Pastelltönen und gedämpftem Orange. Der Sessel in der Pastelltönen und gedämpftem Orange. Der Sessel in der Zimmerecke war dem Bett zugewandt. Zimmer 1114 im Holiday Inn.
Sie saß vornüber über ihre Knie gebeugt. Ihre Brüste drückten gegen die nackten Schenkel, beide Arme hingen schlaff an den Seiten hinunter. Sie hatte überall Gänsehaut, denn das Zimmer war kalt. Sie blickte aufs Bett.
Mister Traumschiff lag ausgestreckt und mit dem Gesicht nach oben zwischen den zerwühlten Laken. Der mit Perlmutt besetzte Plastikgriff eines Messers ragte aus seinem Brustkorb. Eine glatte unbehaarte Brust mit dunkelbraunen Warzen. Eine hübsche Brust. Jetzt allerdings blutbeschmiert. Genau wie die Laken. Della starrte auf ihre blutroten Hände.
O Mann.
Sie versuchte sich darüber klar zu werden, was sie tun sollte. Davon stand nichts in Redbook. Vielleicht in True Confession. »Was tun, wenn’s mit der Liebe schiefläuft«. Oder »Diese wirklich haarigen Tage«. Oder »Wie ich Mister Traumschiff umbrachte«. Oder … Mannomann. Verdammt verdammt verdammt verdammt verdammt.
Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie wollte weinen und hätte den Kopf beinahe in den Händen vergraben, als ihr gerade noch rechtzeitig das Blut einfiel. Ihre Finger klebten zusammen. Sie bewegte sie so lange hin und her, bis sie sich voneinander lösten. Igitt. Aber sie war sowieso zu verängstigt zum Weinen. Und zu wütend.
Della erhob sich und ging um das untere Ende des Bettes herum zum Badezimmer. Sie drehte den Wasserhahn auf und hielt die Hände darunter. Rubinrot wirbelte das Wasser in den Abfluss und verdünnte sich dabei zu einem zarten Blütenrosa. Das kalte Wasser rauschte, während sie mit nackten Füßen auf den kühlen Keramikfliesen stand. Sie zitterte und schob den Griff der Armatur mit einem Handgelenk in die andere Richtung. Das war viel besser. Sie ließ sich das warme Wasser über beide Hände laufen und starrte in den Spiegel. Großer Gott. Ihre Frisur war ein einziges Chaos. Die Haare hinten waren völlig durcheinander, und ihre Fransen standen in alle Richtungen. Ihr linkes Auge war blau angeschwollen. Sie wirkte wie eine Wahnsinnige.
Bildunterschrift: »Liebe in meinem Herzen und ein Messer in seinem«?
Sie musste kichern. Dann aber stieg ein Schluchzen in ihrer Kehle hoch, und sie versuchte sich zu fangen. Vielleicht wirkte sie nicht bloß wie eine Wahnsinnige. Besser, sie riss sich zusammen. Sie hatte noch einiges vor sich und keine Zeit, durchzudrehen. Später konnte sie immer noch ausflippen.
Obwohl ihr noch das Wasser von den Händen tropfte, steckte sie prüfend den Kopf aus der Badezimmertür. Er lag noch immer da. Kein Zweifel. Genau wie vorher. Mister Traumschiff ging nirgends mehr hin. Seine nächste Verabredung war gecancelt.
Sie schloss die Augen. Verdammt verdammt verdammt. Dabei war sie so sicher gewesen. So absolut sicher. Wie er sie durch das Atrium zum Aufzug begleitet hatte, seine Hand an ihrem Ellbogen. Rauf zum elften Stock, den Flur entlang zu seinem Zimmer, und ständig hatte er sie berührt. Sie sanft geführt. Ohne viel zu sagen, schließlich sprach sein Benehmen für sich. Ein Gentleman. Ein Mann, der Verantwortung übernahm. Mister Top-500, was immer das auch bedeuten mochte.
Dann: gemütliche Beleuchtung, der Radiowecker spielte leise einen Easy-Listening-Sender, Barry Manilow, Geigen, Schmusemusik, eine Szene direkt aus Schatten der Leidenschaft. Er hatte Scotch in zwei Gläser gefüllt, kling kling, hoch die Tassen, Auge in Auge, hin und weg. So einfach. Ein Kuss, ein zweiter Kuss, eine Umarmung, noch ein Drink, noch mehr Küsse, die Kleider aus. So weit war es wirklich nett gewesen. Auf der Couch, auf dem Bett. Zärtlich. Er war gut mit der Zunge. Sehr liebevoll. Ein Lecken hier, ein Lecken da, sie hatte geseufzt und gestöhnt. Die Beine weit offen, nun komm schon rein.
In dem Moment hatte er sich entschuldigt und war ins Bad verschwunden.
Und mit einem breiten Ledergürtel und Handschellen zurückgekehrt.
Sie war wie der Blitz vom Bett aufgesprungen, doch er hatte sie in die Ecke gedrängt.
Da hatte sie ihn in die Eier getreten.
Sein Schlag hatte sie mit der Gürtelschnalle am Auge erwischt. Urplötzlich ein heißer Schmerz. Verdammt, tat das weh.
Keine Zeit, nachzudenken. Noch ein Tritt in die Eier. Ein dankbares Ziel, denn er war ziemlich gut ausgestattet, so viel hatte sie schon feststellen dürfen. Unmöglich, vorbeizuzielen. Und er krümmte sich, hechelnd, ging in die Knie, sackte zusammen und fiel auf die Seite.
Verdammt verdammt verdammt.
Della zog sich ins Bad zurück, um sich weiter die Hände zu waschen. Sie benutzte eines dieser kleinen Hotelseifenstücke. Winzig, erst recht für ein Holiday Inn. Als wäre Seife ein Luxusartikel. Sie wusch und wusch. Dachte nach, versuchte sich zu erinnern. Der Rest war verschwommen. Es war so schnell gegangen nach dem zweiten Tritt, als er schon am Boden gelegen hatte …
Denn in dem Moment hatte sie es geschafft, sich ihr Täschchen vom Nachttisch zu grapschen und das Schnappmesser mit dem Perlmuttgriff herauszuziehen, das Ruby ihr aus Nuevo Laredo mitgebracht hatte. Sie hatte jedem Mädchen im Laden eines geschenkt. Zur Selbstverteidigung. Ihr wisst ja, wie die Männer sind. Dabei hatte sie gekichert, als wäre es ein Scherzartikel. Etwas Niedliches.
Und dann steht sie plötzlich splitternackt neben dem Nachttisch, mit dem Messer in der Hand. Mister Traumschiff kommt langsam zu sich. Sie drückt auf den kleinen Knopf an der Seite. Ping. Die Klinge springt raus. Sie starrt auf die glänzende, nagelneue Klinge, glatt wie Chrom. Lang und schmal. Nicht sehr scharf, aber spitz.
Er rappelt sich auf, gekrümmt, eine Hand zwischen den Beinen. Hockt sich aufs Bett und sagt kein Wort, doch der Ausdruck seiner eisblauen Augen ist mörderisch. Er stiert sie an, dann schwingt er den Ledergürtel langsam im Kreis, bis er sich um seine Faust gerollt hat. Nur die Schnalle hängt lose herab. Er rührt sich nicht, lächelt nur bösartig. Er grinst tatsächlich, dieser Hurensohn. Dann macht er einen Satz übers Bett auf sie zu.
O Gott, er kommt.
Um sich zu schützen, wirft sie einen Arm übers Gesicht, und streckt den anderen mit dem Messer steif nach vorn. Sein ganzes Gewicht prallt darauf und drückt sie sofort nach hinten. Mit dem Rücken zur Wand verliert sie die Balance. Stürzt nach hinten auf den kratzigen Teppich, umklammert aber immer noch das Messer. Der Griff ist klebrig warm vom Blut.
Allerdings ist er nicht tot. Er windet sich auf dem Bett wie eine Schlange, als sei er von einem Dämon besessen, und presst sich die Hände auf den Brustkasten. Schließlich schafft er es auf die Knie und stößt ein tiefes Grunzen aus, ein Knurren. Auch sie ist jetzt auf den Knien, bewegt sich auf ihn zu. Sie treffen sich an der Bettkante, wieder taumelt er vorwärts in die Klinge hinein, doch diesmal hält sie dagegen und stößt ihm das Messer tief in die Brust. Sie muss ihn zwischen zwei Rippen erwischt haben, denn es dringt so leicht ein, als stäche man in eine Melone.
Und er geht zu Boden.
Einfach so.
Mit einem weißen Handtuch bewaffnet steckte Della ihren Kopf ein weiteres Mal aus der Badezimmertür, als wäre sie noch immer nicht restlos überzeugt. Ja, da lag er. Mister Traumschiff. Mausetot.
Verdammt verdammt verdammt verdammt verdammt. Ein Typ wie er, diese ganze Selbstsicherheit, diese Manieren. Wer hätte das gedacht? Sie jedenfalls nicht, auf keinen Fall. Und auch nicht dieser Arsch von Rohrverkäufer. Oder der Barkeeper. Oder andere, die sie gar nicht bemerkt hatte. Der ganze Laden war voller Zeugen gewesen.
Della schlurfte wieder ins Zimmer und setzte sich auf den Rand des Musselinsessels in der Ecke. Sie starrte auf die Leiche am Boden und das Blut überall.
Scheiße, würde ihr denn irgendjemand glauben?
Robbers: Thriller
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