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Im Licht der Lampe kauerte Della Street nackt auf der
Kante des Sessels. Er hatte ein beigefarbenes Musselinpolster mit
aufgedrucktem Blumenmuster in grünen Pastelltönen und gedämpftem
Orange. Der Sessel in der Pastelltönen und gedämpftem Orange. Der
Sessel in der Zimmerecke war dem Bett zugewandt. Zimmer 1114 im
Holiday Inn.
Sie saß vornüber
über ihre Knie gebeugt. Ihre Brüste drückten gegen die nackten
Schenkel, beide Arme hingen schlaff an den Seiten hinunter. Sie
hatte überall Gänsehaut, denn das Zimmer war kalt. Sie blickte aufs
Bett.
Mister Traumschiff
lag ausgestreckt und mit dem Gesicht nach oben zwischen den
zerwühlten Laken. Der mit Perlmutt besetzte Plastikgriff eines
Messers ragte aus seinem Brustkorb. Eine glatte unbehaarte Brust
mit dunkelbraunen Warzen. Eine hübsche Brust. Jetzt allerdings
blutbeschmiert. Genau wie die Laken. Della starrte auf ihre
blutroten Hände.
O Mann.
Sie versuchte sich
darüber klar zu werden, was sie tun sollte. Davon stand nichts in
Redbook. Vielleicht in True Confession. »Was tun, wenn’s mit der Liebe
schiefläuft«. Oder »Diese wirklich
haarigen Tage«. Oder »Wie ich Mister Traumschiff umbrachte«. Oder …
Mannomann. Verdammt verdammt verdammt verdammt
verdammt.
Tränen stiegen ihr
in die Augen. Sie wollte weinen und hätte den Kopf beinahe in den
Händen vergraben, als ihr gerade noch rechtzeitig das Blut einfiel.
Ihre Finger klebten zusammen. Sie bewegte sie so lange hin und her,
bis sie sich voneinander lösten. Igitt. Aber sie war sowieso zu
verängstigt zum Weinen. Und zu wütend.
Della erhob sich und
ging um das untere Ende des Bettes herum zum Badezimmer. Sie drehte
den Wasserhahn auf und hielt die Hände darunter. Rubinrot wirbelte
das Wasser in den Abfluss und verdünnte sich dabei zu einem zarten
Blütenrosa. Das kalte Wasser rauschte, während sie mit nackten
Füßen auf den kühlen Keramikfliesen stand. Sie zitterte und schob
den Griff der Armatur mit einem Handgelenk in die andere Richtung.
Das war viel besser. Sie ließ sich das warme Wasser über beide
Hände laufen und starrte in den Spiegel. Großer Gott. Ihre Frisur
war ein einziges Chaos. Die Haare hinten waren völlig
durcheinander, und ihre Fransen standen in alle Richtungen. Ihr
linkes Auge war blau angeschwollen. Sie wirkte wie eine
Wahnsinnige.
Bildunterschrift:
»Liebe in meinem Herzen und ein Messer in seinem«?
Sie musste kichern.
Dann aber stieg ein Schluchzen in ihrer Kehle hoch, und sie
versuchte sich zu fangen. Vielleicht wirkte sie nicht bloß wie eine
Wahnsinnige. Besser, sie riss sich zusammen. Sie hatte noch einiges
vor sich und keine Zeit, durchzudrehen. Später konnte sie immer
noch ausflippen.
Obwohl ihr noch das
Wasser von den Händen tropfte, steckte sie prüfend den Kopf aus der
Badezimmertür. Er lag noch immer da. Kein Zweifel. Genau wie
vorher. Mister Traumschiff ging nirgends mehr hin. Seine nächste
Verabredung war gecancelt.
Sie schloss die
Augen. Verdammt verdammt verdammt. Dabei war sie so sicher gewesen.
So absolut sicher. Wie er sie durch das Atrium zum Aufzug begleitet
hatte, seine Hand an ihrem Ellbogen. Rauf zum elften Stock, den
Flur entlang zu seinem Zimmer, und ständig hatte er sie berührt.
Sie sanft geführt. Ohne viel zu sagen, schließlich sprach sein
Benehmen für sich. Ein Gentleman. Ein Mann, der Verantwortung
übernahm. Mister Top-500, was immer das auch bedeuten
mochte.
Dann: gemütliche
Beleuchtung, der Radiowecker spielte leise einen
Easy-Listening-Sender, Barry Manilow, Geigen, Schmusemusik, eine
Szene direkt aus Schatten der
Leidenschaft. Er hatte Scotch in zwei Gläser gefüllt, kling
kling, hoch die Tassen, Auge in Auge, hin und weg. So einfach. Ein
Kuss, ein zweiter Kuss, eine Umarmung, noch ein Drink, noch mehr
Küsse, die Kleider aus. So weit war es wirklich nett gewesen. Auf
der Couch, auf dem Bett. Zärtlich. Er war gut mit der Zunge. Sehr
liebevoll. Ein Lecken hier, ein Lecken da, sie hatte geseufzt und
gestöhnt. Die Beine weit offen, nun komm schon rein.
In dem Moment hatte
er sich entschuldigt und war ins Bad verschwunden.
Und mit einem
breiten Ledergürtel und Handschellen zurückgekehrt.
Sie war wie der
Blitz vom Bett aufgesprungen, doch er hatte sie in die Ecke
gedrängt.
Da hatte sie ihn in
die Eier getreten.
Sein Schlag hatte
sie mit der Gürtelschnalle am Auge erwischt. Urplötzlich ein heißer
Schmerz. Verdammt, tat das weh.
Keine Zeit,
nachzudenken. Noch ein Tritt in die Eier. Ein dankbares Ziel, denn
er war ziemlich gut ausgestattet, so viel hatte sie schon
feststellen dürfen. Unmöglich, vorbeizuzielen. Und er krümmte sich,
hechelnd, ging in die Knie, sackte zusammen und fiel auf die
Seite.
Verdammt verdammt
verdammt.
Della zog sich ins
Bad zurück, um sich weiter die Hände zu waschen. Sie benutzte eines
dieser kleinen Hotelseifenstücke. Winzig, erst recht für ein
Holiday Inn. Als wäre Seife ein Luxusartikel. Sie wusch und wusch.
Dachte nach, versuchte sich zu erinnern. Der Rest war verschwommen.
Es war so schnell gegangen nach dem zweiten Tritt, als er schon am
Boden gelegen hatte …
Denn in dem Moment
hatte sie es geschafft, sich ihr Täschchen vom Nachttisch zu
grapschen und das Schnappmesser mit dem Perlmuttgriff
herauszuziehen, das Ruby ihr aus Nuevo Laredo mitgebracht hatte.
Sie hatte jedem Mädchen im Laden eines geschenkt. Zur
Selbstverteidigung. Ihr wisst ja, wie die Männer sind. Dabei hatte
sie gekichert, als wäre es ein Scherzartikel. Etwas
Niedliches.
Und dann steht sie
plötzlich splitternackt neben dem Nachttisch, mit dem Messer in der
Hand. Mister Traumschiff kommt langsam zu sich. Sie drückt auf den
kleinen Knopf an der Seite. Ping. Die
Klinge springt raus. Sie starrt auf die glänzende, nagelneue
Klinge, glatt wie Chrom. Lang und schmal. Nicht sehr scharf, aber
spitz.
Er rappelt sich auf,
gekrümmt, eine Hand zwischen den Beinen. Hockt sich aufs Bett und
sagt kein Wort, doch der Ausdruck seiner eisblauen Augen ist
mörderisch. Er stiert sie an, dann schwingt er den Ledergürtel
langsam im Kreis, bis er sich um seine Faust gerollt hat. Nur die
Schnalle hängt lose herab. Er rührt sich nicht, lächelt nur
bösartig. Er grinst tatsächlich, dieser Hurensohn. Dann macht er
einen Satz übers Bett auf sie zu.
O Gott, er
kommt.
Um sich zu schützen,
wirft sie einen Arm übers Gesicht, und streckt den anderen mit dem
Messer steif nach vorn. Sein ganzes Gewicht prallt darauf und
drückt sie sofort nach hinten. Mit dem Rücken zur Wand verliert sie
die Balance. Stürzt nach hinten auf den kratzigen Teppich,
umklammert aber immer noch das Messer. Der Griff ist klebrig warm
vom Blut.
Allerdings ist er
nicht tot. Er windet sich auf dem Bett wie eine Schlange, als sei
er von einem Dämon besessen, und presst sich die Hände auf den
Brustkasten. Schließlich schafft er es auf die Knie und stößt ein
tiefes Grunzen aus, ein Knurren. Auch sie ist jetzt auf den Knien,
bewegt sich auf ihn zu. Sie treffen sich an der Bettkante, wieder
taumelt er vorwärts in die Klinge hinein, doch diesmal hält sie
dagegen und stößt ihm das Messer tief in die Brust. Sie muss ihn
zwischen zwei Rippen erwischt haben, denn es dringt so leicht ein,
als stäche man in eine Melone.
Und er geht zu
Boden.
Einfach
so.
Mit einem weißen
Handtuch bewaffnet steckte Della ihren Kopf ein weiteres Mal aus
der Badezimmertür, als wäre sie noch immer nicht restlos überzeugt.
Ja, da lag er. Mister Traumschiff. Mausetot.
Verdammt verdammt
verdammt verdammt verdammt. Ein Typ wie er, diese ganze
Selbstsicherheit, diese Manieren. Wer hätte das gedacht? Sie
jedenfalls nicht, auf keinen Fall. Und auch nicht dieser Arsch von
Rohrverkäufer. Oder der Barkeeper. Oder andere, die sie gar nicht
bemerkt hatte. Der ganze Laden war voller Zeugen
gewesen.
Della schlurfte
wieder ins Zimmer und setzte sich auf den Rand des Musselinsessels
in der Ecke. Sie starrte auf die Leiche am Boden und das Blut
überall.
Scheiße, würde ihr
denn irgendjemand glauben?