31
Das Shipwreck lag ein Stückchen abseits der
Strandpromenade in einem überwucherten baumlosen Feld. Ein
rustikaler niedriger Betonklotz ohne Fenster, dessen weißer
Anstrich stellenweise abblätterte. Ansonsten besaß es keine
charakteristischen Merkmale. Sein einziger praktischer Zweck schien
darin zu bestehen, Wände und ein Dach zu bieten und das Geschäft,
das sich drinnen abspielte, vor Sonne, Wind und Regen zu schützen.
Das Geschäft selbst war denkbar einfach: Bargeld im Tausch gegen
Hilfsmittel zum Vergessen oder Träumen, zum Erinnern daran, wie es
einmal gewesen war oder wie es hätte sein können, wenn nicht Pech,
Fehleinschätzungen oder die böswillige Einmischung anderer
dazwischengekommen wären. In dieser seiner existenziellen
Aufgabenstellung leistete das Shipwreck ganze Arbeit, andere Zwecke
erfüllte es nicht. Es war eben eine Bierkneipe.
»Das ist der Sinn
der Sache«, erklärte Ray Bob beinahe brüllend. »Kaltes Bier und
Spaß. Sie haben das verdammt kälteste Bier hier am Strand. Es wird
dir an den Zähnen wehtun!«
»Na, wenn das keine
Empfehlung ist«, stellte Della auf dem Rücksitz fest.
»Wer hat dich
gefragt?«
Sie gab keine
Antwort. Sie war sich nicht sicher, warum sie sich überhaupt
eingemischt hatte. Noch lag ihr Eddies Bemerkung auf der Seele, der
sie eine Schwindlerin genannt hatte, eine Lügnerin. Da öffnete man
sich einem anderen, und was hat man davon? Er riss einem die
Eingeweide heraus. Schlug einem Wunden. Seine Worte hatten sie
verletzt. Ein tiefer Schmerz, mitten im Herz, in seiner
empfindlichsten Ecke. Ehrlich gesagt, wusste sie noch nicht, ob sie
sich davon erholen würde. So was brachte einen auf Abstand und
machte das Vertrauen kaputt. Seitdem hatte sie kaum ein Wort mit
ihm gewechselt und ihm die kalte Schulter gezeigt.
Wie Ruby immer
sagte, wenn LD auf ihren Gefühlen herumtrampelte: Lass den
Scheißkerl in der Hölle schmoren.
Im Augenblick saß
Eddie auf dem Vordersitz und quatschte mit Ray Bob. Sie waren zu
dieser Kneipe unterwegs, die Ray Bob aufgetan hatte. Della wäre
überhaupt nicht mitgekommen, wenn sie sich nicht so gelangweilt
hätte. Jedenfalls hatte sie Eddie spüren lassen, dass sie nicht
seinetwegen mitfuhr.
»Du hast doch
gesagt, man soll die Dinge nicht unter dem Deckel halten, oder? Du
hast gesagt, ich soll sie ansprechen, Schätzchen, ich soll sagen,
was ich fühle. Das bewahrt einen davor, durchzudrehen, hast du das
nicht gesagt?«
Als ob das eine
Entschuldigung dafür wäre, andere Leute zu verletzen.
Jetzt drehte er sich
um und schaute sie an. Sie wandte den Kopf zur Seite und ignorierte
ihn demonstrativ. Er zuckte mit den Schultern, wandte sich wieder
nach vorn, zündete eine Zigarette an und riss Witze mit Ray Bob.
Kalter Scheißkerl. Aber trotzdem irgendwie süß.
Nach seiner blöden
Entschuldigung hatte sie ihre Schweigeregel kurz gebrochen, eine
Ausnahme gemacht, denn schließlich musste sie sich verteidigen. Sie
hatte ihm erklärt, dass die Notwendigkeit zu reden nicht gleich
bedeutete, dass man alles aussprechen
musste. »Kannst du dir den Ärger vorstellen, wenn jeder alles sagen
würde, was er fühlt? Da ist Fingerspitzengefühl
gefragt.«
Er hatte
geantwortet, genau so würde er es ja normalerweise halten. Und es
hätte ja auch prima funktioniert, bis er ihren Rat befolgt
hatte.
Also hatte sie
noch eine Ausnahme machen müssen, um
ihm von der kleinen schwarzen Kiste zu erzählen. Darin lässt man
schlimme Gefühle und Gedanken verschwinden, hatte sie ihm erklärt.
»Du öffnest einfach den Deckel und schiebst ein Gefühl rein oder
einen bösen Gedanken, den du besser nicht laut aussprichst. Dann
schließt du den Deckel, und es ist weg, einfach verschwunden. Dann
kannst du dich weiter um deine Angelegenheiten kümmern, ohne
jemanden zu verletzen.«
»Und wo bewahrst du
diese Kiste auf?«, hatte er wissen wollen.
Meine Güte, was für
eine Frage. Sie hatte ihm erläutert, dass die Kiste nicht in der
Realität, sondern nur in der Fantasie existierte.
Er hatte gegrunzt,
so als hätte ihn die Erklärung nicht befriedigt. »Hast du das auch
aus Redbook?«
Was spielte das nun
für eine Rolle? »Nein, aus Family
Circle.«
»Und, hat der
Artikel dir auch gesagt, wann du reden und wann du die kleine Kiste
benutzen sollst? Denn das ist doch wohl der Witz an der Sache. Wie
soll man das unterscheiden?«
Sie hatte ihm
erklärt – ganz geduldig, so wie man mit einem Schwachsinnigen redet
– sie hatte ihm erklärt, dass es von den Umständen abhing, dass es
keine starren Regeln gab. Genau das meinte sie ja, wenn sie von dem
Fingerspitzengefühl sprach, das ihm
offenbar fehlte.
Darauf hatte er
nicht geantwortet. Er hatte einfach die Stirn gerunzelt und war
gegangen. Und das war gut so, denn sie wollte nicht noch mehr
Ausnahmen von dem Schweigen machen, mit dem sie ihn
bestrafte.
Nicht, dass es ihn
sonderlich zu stören schien. Jetzt hockte er da vorne und lachte
über etwas, das Ray Bob gesagt hatte. Als ob sie überhaupt nicht da
wäre, als ob sie nicht zutiefst verletzt auf dem Rücksitz säße. Sie
beobachtete ihn, wie er lachte. Wenn er dabei den Kopf zurückwarf,
erinnerte er sie irgendwie an diesen wirklich niedlichen Typen von
Aerosmith, den Sänger, Steven Tyler. Nur dass Steven vollere Lippen
hatte, so wie Mick. Eddie hatte nicht ganz so volle Lippen, aber
sonst – klasse! Außerdem war er ziemlich gut im Bett.
Vielleicht würde sie
ihn vom Haken lassen, ehe sie ins Bett gingen.
Ray Bob verließ die
dunkle Strandstraße, lenkte den Caddy auf einen mit Austernschalen
bedeckten Parkplatz und bremste zwischen zwei Pick-ups. Zwielicht
hatte sich über die Halbinsel gelegt, und eine frische ablandige
Brise schob eine Flotte schnell ziehender Wolken vor die ersten
Sterne. Es war immer noch sehr warm, und die Geräusche der Insekten
erfüllten die schwere Luft. Wahrscheinlich würde es später regnen.
Eddie stieg aus und schob für Della den Sitz nach
vorne.
»Das Shipwreck«,
sagte er. »Gibt’s da auch Musik?«
Ray Bob erwiderte.
»Es ist’ne Kneipe, oder?«
»Ich meine
Livemusik.«
»Verdammt, ich sag
doch, es ist’ne Kneipe. Es gibt’ne Musikbox.«
Eddie winkte ab und
stopfte das T-Shirt in seine Jeans, während sich Della die Haare
bürstete. Ray Bob marschierte durch die Vordertür hinein. Eddie
schaute Della zu, die ihre Stirnfransen vor dem Außenspiegel eines
Pick-ups ordnete. Dann fiel ein Mückenschwarm über ihn her, und er
wedelte hektisch mit den Armen.
»Komm, Della, diese
Mücken sind ziemlich aggressiv.«
»Einen Moment.« Sie
strich ihre Baumwollbluse glatt und richtete den Kragen. »Bloß weil
es ein Dreckloch ist, muss ich nicht gleich wie eine
Landstreicherin aussehen. Weißt du, es gibt wirklich ein paar nette
Lokale hier am Strand.«
Im selben Moment
dachte sie: Sieht aus, als ob ich doch mit ihm reden würde. Aber
wenn er das für selbstverständlich nimmt, kriegt er bald seine
nächste Lektion verpasst.
»Wo zum Beispiel?
Für mich waren die alle gleich.«
Della schob die
Unterlippe vor. »Na ja, jedenfalls netter als das hier. Es macht
einen ziemlich ungepflegten Eindruck.«
Drinnen hing Ray Bob
schon mit einem Bier an der Theke. Links und rechts von ihm standen
Garnelenund Krabbenfänger, junge und alte Männer in weißen
kniehohen Gummistiefeln, schmutzigen Jeans, sonnengebleichten
Hemden und Baseballkappen mit Reklameaufdrucken. Ihre Haut hatte
einen glänzend dunkelbraunen Ton. Als Della und Eddie durch die Tür
traten, drehten sich alle nach ihnen um.
»O Gott!«, seufzte
Della. »Suchen wir uns einen Tisch.«
Sie ließen mehrere
leere Tische links liegen und entschieden sich schließlich für
einen weit weg von der Bar am anderen Ende des Raumes, gleich neben
der Musikbox. Eddie erklärte, es gebe keine Kellnerin, dann fragte
er Della, was sie zu trinken wollte.
»Einen Tom
Collins.«
Eddie zögerte.
»Könnte sein, dass sie so was nicht haben.«
»Aber du kannst
wenigstens fragen.«
»Gut.«
Während er zur Bar
ging, zündete sie sich eine Zigarette an und musterte die
Einrichtung. Eine Betonplatte als Fußboden, wacklige Tische mit
Plastikstühlen, Neon-Bierreklamen und Fundstücke vom Strand als
Wandschmuck: Treibholz, Ankertaue, Teile von Fischernetzen,
ausgediente Bojen. Ein knapp zwei Meter langer Hammerhai hing
gleich über der Bar. Ein noch größeres Exemplar zierte die Wand
neben den Billardtischen in der hinteren Ecke. Und zu alldem passte
die Kundschaft. Wirklich ein tolles Lokal, vorausgesetzt, man stand
auf Proleten, die nach Fischresten rochen.
Eddie kehrte mit
zwei kalten Bierdosen zurück und entschuldigte sich, sie hätten
nichts anderes gehabt. Della rollte mit den Augen. »Hast du jemals
im Leben so viel weißen Abschaum auf einem Haufen gesehen?«, fragte
sie.
Er öffnete die
Dosen. »Nicht seit meinem letzten Familientreffen. Bitte schön!« Er
schob ihr ein Bier über den Tisch.
»Das heißt aber
nicht, dass du nicht davon loskommen kannst. Von deiner Familie,
meine ich. Es gibt immerhin die Möglichkeit, sich hochzuarbeiten.
Haben die keine Gläser hier?«
»Weiß nicht,
vielleicht.« Er besorgte ihr ein Glas und stellte es vor ihr auf
den Tisch. Dann trat er hinüber zur Musikbox. »Welche Art Musik
magst du?«
»Gibt’s Mariah
Carey?«
Eddie las die Liste
durch und trommelte währenddessen mit beiden Händen gegen die
Seiten der Musikbox. »Nee, aber sie haben ein paar gute andere
Sachen.« Er warf ein paar Vierteldollars ein und drückte Knöpfe.
Dann ertönte Johnny Copeland, der »Down on Bendings Knees« sang.
Über einer stöhnenden Litanei von Saxofonphrasen richtete sich
seine Bluesstimme in bettelndem Ton an sein Baby. Eddie lächelte
versonnen und meinte, er könne kaum glauben, wie viele R&B- und
Soulnummern es in dieser Musikbox gab, vor allem, wo doch kein
einziger Schwarzer im ganzen Laden wäre. Sie lauschten T-Bone
Walker, Percy Mayfield und Junior Wells. Und zu jedem Song erklärte
Eddie den jeweiligen Hintergrund.
»Das ist nicht
gerade meine Lieblingsmusik«, sagte Della und nippte an ihrem Bier.
»Aber irgendwie klingt’s ehrlich. Ich kenne die alle überhaupt
nicht.«
Eddie grinste. »Was
du gerade hörst, ist die Vorgeschichte des Rock’n’Roll. Die meisten
Weißen wissen nichts davon, weil sie Ignoranten sind und alles
runtermachen müssen. Auf die Art haben schon viele Schlägereien
angefangen. Pass mal auf!«
Er spähte durch den
schwach beleuchteten Raum und entdeckte Ray Bob, der an der Bar
lehnte und zu ihnen herüberblickte. Eddie krümmte den Daumen und
erschoss ihn mit dem Zeigefinger. Ray Bob schüttelte den Kopf und
trank sein Bier aus. Dann wandte er sich wieder zur Bar. Einer von
den Garnelenfischern, ein kräftiger junger Mann mit Bart, der die
Ärmel seines Arbeitshemds aus Jeansstoff bis über die Ellbogen
aufgerollt hatte, lehnte sich zu ihm hinüber und sagte etwas. Ray
Bob zuckte die Schultern.
Eddie sagte zu
Della, sie solle den Garnelenfischer gleich neben Ray Bob im Auge
behalten. »Warte nur, ich wette, der legt gleich los.«
Dann kam Percy
Sledge mit »When a Man Loves a Woman«. Eddie bewegte den Mund dazu
und schlug den Rhythmus mit den Fingern auf der Tischkante. Della
erklärte, das hätte sie natürlich schon mal gehört, jeder würde es
kennen, aber sie hätte ihre Zweifel, ob irgendein Mann wirklich so
stark lieben könnte. »Ich glaube, was er wirklich liebt, ist seine
Vorstellung von ihr, vor allem jetzt, wo sie ihn verlassen hat.
Denn jetzt ist er einsam. Aber wenn sie zurückkommt, wird er sie
garantiert genau so schlecht behandeln wie vorher.
Eddie hob die
Augenbrauen. »Meinst du wirklich?«
»O ja«, sagte Della.
»Nur deswegen vermisst er sie. Trotzdem ist es ein schönes Lied,
richtig traurig, auch wenn er gar nicht mehr aufhören
kann.«
Er wollte gerade
fragen, ob sie den alten Percy jemals »Cover Me« singen gehört
hätte, als das Lied endete und jemand in die Stille hineinbrüllte:
»Wer spielt denn hier diese Niggermusik?« Eddie blickte zur Bar
hinüber, wo der kräftige Garnelenfischer mit glasigen Augen den
Raum absuchte.
Noch einmal schrie
der Kerl, diesmal lauter und mit streitlustig vorgeschobenem Kinn.
»Ich hab gefragt, wer diese Niggermusik spielt!«
»Na, hab ich richtig
gelegen?«, murmelte Eddie.
In diesem Moment
setzte die Musikbox mit »Harlem Shuffle« von den Boogie Kings ein.
Eddie wandte sich wieder an Della. »Hör nur, wie diese Typen
singen. Das Zeug kommt direkt aus den Sümpfen.« Er erklärte gerade,
dass er als Kind zwei Mitglieder der Band gekannt hatte, als Della
offensichtlich abgelenkt wurde. Sie äugte über seine Schulter. Als
Eddie sich umwandte, stand der Garnelenfischer schon dicht hinter
seinem Stuhl. Gleich daneben stand Ray Bob.
»Der Typ hier will
wissen, ob du diese Songs ausgesucht
hast. Ich hab’s ihm gesagt, aber er wollte es von dir persönlich
hören.« Ray Bob grinste bösartig.
Der Fischer nickte
und warf den Kopf zurück, um einen tiefen Schluck aus der Bierdose
zu nehmen, die seine gewaltige Faust umklammerte. »Ganz genau. Ich
kann nämlich nicht glauben, dass ein weißer Junge Geld für diese
Scheiße ausgibt.«
Eddie musterte den
Typen genauer. Sein Bauch hing über dem Gürtel. Aber sein
Übergewicht wurde durch den kräftigen Körperbau ausgeglichen, und
die Muskeln unter dem Fett waren beachtlich. Seine Beine wuchsen
wie dicke Baumstämme aus den weißen Gummistiefeln, sein
sonnengebräunter Bizeps drohte das Jeanshemd zu sprengen. Die
schwarze Kappe, die Reklame für die Bolivar Barge Company machte,
saß über einer breiten Stirn und Augen, die an braune Glaskugeln
erinnerten. Er wirkte riesig. Und er genoss es. Er war hundert
Pfund schwerer als Eddie.
»Waren das deine
Vierteldollars?«, fragte der Kerl.
Eddie beugte sich
vor, stützte einen Ellbogen auf den Tisch und ließ den Deckel
seines Zippo-Feuerzeugs in der Hand auf- und zuklappen. Schnipp,
schnapp. »Du meinst diesen Song hier?«
Der Kerl nickte.
»Genau. Diesen Mist.«
»Das sind die Boogie
Kings«, erklärte Eddie. »Das sind weiße Jungs.«
Verwirrung breitete
sich auf dem Gesicht des Fischers aus.
»Ja, die meisten von
ihnen stammen aus Louisiana«, fuhr Eddie fort. »Aus den Sümpfen
drüben. Jedenfalls kommen sie da ursprünglich her. Ein paar sind
auch aus Port Arthur, gleich hier um die Ecke.«
Der Kerl runzelte
die Stirn. »Willst du behaupten, das ist keine
Niggermusik?«
»Nein. Ich sag nur,
das sind keine Nigger. Sie sind weiß.«
Einen Moment lang
wirkte der Mann, als hätte man ihm die Luft abgelassen. Dann
verengten sich die Augen in seinem breiten, sonnengebräunten
Gesicht zu Schlitzen. »Und du behauptest«, bellte er, »dass das
ganze Zeug, was du ausgesucht hast, von Weißen gespielt
wurde?«
»Nee«, sagte Eddie.
»Nur dieses eine Stück.«
Der Deckel seines
Feuerzeugs machte klick, klick. »Die anderen waren wirklich
Nigger.«
Ray Bob stieß den
Fischer mit dem Ellbogen an. »Siehst du? Was hab ich dir
gesagt?«
Wieder wirkte der
bärtige Mann verwirrt. Dann hob er die Hand mit der Dose und
zerdrückte sie. Sein Gesicht war weiß vor Zorn, und seine
angespannte Stimme hob sich um eine Oktave. »Wisst ihr, was ich
denke? Ich denke, ihr Jungs wollt mich verarschen. Und es wär
besser für euch, wenn ich keine Niggermusik mehr
höre.«
»Tut mir leid, dass
ich dich enttäuschen muss«, sagte Eddie. »Aber ich glaube, es kommt
noch was. Nach dem hier hatte ich nämlich noch einen
Albert-Collins-Titel gedrückt.«
»Also, mir scheint,
du bist nicht wegen der multikulturellen Erfahrung hier«, mischte
Della sich ein.
Die anderen, alle
drei, starrten sie überrascht an.
Sie saß sehr
aufrecht und hatte die Hände im Schoß gefaltet.
»Nun, wenn du ab und
zu Oprah schauen würdest«, erklärte sie
dem Fischer zugewandt, »dann wüsstest du, warum es wichtig ist,
sich anderen Subkulturen zu öffnen. Das gehört einfach dazu, wenn
man die Vielfalt des amerikanischen Lebens verstehen und schätzen
lernen möchte.«
Der Fischer zuckte
zusammen. Er blickte erst zu Eddie, dann zu Ray Bob. »Wovon zum
Teufel redet sie?«
Eddie hob die
Schultern, Ray Bob grinste. Della fuhr fort. »Vielleicht bist du
aber auch nur wegen dem kalten Bier hier. Tut es an den Zähnen
weh?«
Der Mann hob die
Arme und wich einen Schritt zurück. Sein verschwommener Blick war
auf einen Punkt irgendwo in Dellas Nähe gerichtet. »Ich hab keine
Ahnung, wo ihr drei herkommt, aber es wär besser, wenn ihr euch
wieder dahin verzieht.«
Er drehte sich um
und ging leicht schwankend zur Bar zurück.
Ray Bob setzte sich
grinsend an den Tisch. »Das war ziemlich gut.«
Della zupfte an
ihren Strähnen. »Ich bin doch nicht von gestern. So ein
Angeber!«
»Du weißt, dass die
Sache damit nicht zu Ende ist.« Ray Bob grinste noch
immer.
»Nein, sie ist nicht
zu Ende«, stimmte Eddie ihm zu.
»Ich hab den
Eindruck, ihr beide legt es auf eine ordentliche Abreibung an«,
erklärte Della.
Als sie eine Stunde
später das Lokal verließen, wartete der Fischer mit zweien seiner
Freunde auf dem Parkplatz. Der Himmel wurde inzwischen von großen
schwarzen Wolkenflecken verdunkelt. Sie dämpften das Licht des
Mondes und der Sterne. Doch unter dem wässrigen elektrischen Licht,
das auf einem Pfahl vor dem Shipwreck angebracht war, ließen sich
die Umrisse der drei Gestalten leicht ausmachen. Als Ray Bob, Eddie
und Della den Caddy erreichten, näherten sie sich in einem engen
Halbkreis. Alle drei trugen Kappen, schmutzige Jeans und
Gummistiefel. Einer hätte der Zwillingsbruder des Mannes aus der
Bar sein können, ein massiger bärtiger Grizzly mit wütenden Augen.
Der dritte Mann war klein, schlank und langhaarig und hatte Muskeln
wie Taue. Als er seine hinter dem Rücken versteckte Hand
hervorholte, glänzte die lange dünne Klinge eines Filettiermessers
im schwachen Licht.
Mit schnellen
Bewegungen half Eddie Della in den Wagen, dann drehte er sich zu
den drei Männern um. Er hob die Arme und sagte, er habe keine große
Lust, sich zu schlagen, aber danke für das Angebot.
»Wozu du Lust hast,
ist uns scheißegal«, erklärte der erste Fischer. »Wir machen dich
sowieso fertig.«
Noch einmal betonte
Eddie, dass er kein Interesse daran habe.
Der Fischer grinste
in seinen Bart.
Ray Bob meinte: »Für
mich klingt es gut. Ich bin in der richtigen
Stimmung.«
Der schlanke Mann
mit dem Messer vollführte eine Bewegung mit seinem Arm. »Dann komm
doch!«
In den folgenden
Minuten wich Ray Bob, der mit jeder Hand eine Rolle Vierteldollars
umklammerte, zunächst dem Angriff des Messers aus. Dann setzte er
den muskulösen Kerl mit einem gemeinen Schlag an die Seite des
Kopfes außer Gefecht. Anschließend nahm er sich den ersten bärtigen
Fischer vor, schlug ihm zweimal ins Genick, rammte ihm mehrmals
sein Knie in den Unterleib und verpasste ihm schließlich einen
Aufwärtshaken an den Kiefer. Der dritte Mann hatte sich gerade
gebückt, um eine Pistole aus seinem Gummistiefel zu ziehen, als Ray
Bob kräftig zutrat. Es gab ein hässliches knackendes Geräusch, als
sein Lederstiefel die Nase des Mannes irgendwo zwischen seine
Augenbrauen beförderte. Schließlich lagen alle drei zwischen den
Austernschalen auf dem Parkplatz. Aus dem Ohr des Schlanken
sickerte ein Faden dunkelroter Flüssigkeit, und aus dem entstellten
Gesicht des dritten Mannes spritzte eine Blutfontäne. Ray Bob
schnappte sich das Filettiermesser, hockte sich neben den Kerl aus
der Bar und machte sich an dessen Ohr zu schaffen. Kurz darauf
erhob er sich und warf das Messer und etwas, das wie ein kleiner
Fleischbrocken aussah, ins Unkraut. Dann zog er die Autoschlüssel
aus der Tasche, musterte noch einmal die auf dem Boden liegenden
Männer, setzte sich ans Steuer und ließ den Motor an.
Wenige Augenblicke
später waren sie wieder auf der Küstenstraße, und die ersten
Regentropfen fielen. Ray Bob schaute in den Rückspiegel und
beobachtete Eddie und Della, die beide auf dem Rücksitz saßen.
Während Eddie heftig an seinem Ohrring zog, hatte Della das Gesicht
in seinen Schoß gelegt, und ihre Schultern zitterten. »Na,
Partner«, rief Ray Bob grinsend. »Hab ich nicht gesagt, dass die
Kneipe richtig prima ist?«