59
 
Als er eine Stunde später sein letztes Set beendet, die Gibson abgewischt und im Koffer verstaut hatte – er hatte ihn in Missouri City zu einem Spottpreis gekauft, ein billiges Ding, aber es erfüllte seinen Zweck – und sich auf dem Weg zum Haus machte, war er immer noch bester Laune. Er wünschte Bubba Bear eine gute Nacht, kassierte seine Gage und stapfte zum Truck hinunter. Eine Minute lang stand er auf dem Parkplatz, beobachtete die Sterne und lauschte den Rufen der Nachtvögel, die vom fernen Sumpf herüberdrangen.
Dann startete er den Pick-up und fuhr Richtung Küsten-Highway. Er kurbelte das Fenster herunter, stützte den Ellbogen darauf und zündete sich eine Zigarette an. Die Nacht war warm, vom Golf wehte eine sanfte Brise herüber. Er fuhr langsam. Er hatte es nicht eilig, denn er war bereits angekommen. Wohin er auch fuhr, er war schon da.
Ein Künstler.
Stell dir vor. Die Worte hallten durch seinen Kopf und erhellten seine Gedanken wie ein Wetterleuchten, breiteten sich aus wie der Rauch eines sommerlichen Waldbrandes. Er lächelte.
Della würde Augen machen.
Er bog vom Highway ab, und als er das Ende der Sandpiste erreichte, wo vor den Dünen das Haus stand, sah er, dass auf dem Asphaltstreifen darunter ein Fahrzeug parkte. Wer das wohl war? Vielleicht die Besitzer, höchstwahrscheinlich, der Typ, der Initialen statt eines Namens hatte, LD, und diese Frau, Dellas Freundin Ruby. Vielleicht hatten sie sich spontan entschieden runterzufahren, um ein paar Tage zu bleiben. Es war ja genug Platz hier, es gab reichlich Betten. Er rollte auf den mit Fingerhirse bewachsenen Hof und bremste; die Scheinwerfer des Silverado erleuchteten das andere Fahrzeug, das rote, neue Modell eines Dodge Pick-up. Und in diesem Moment realisierte er, dass Ray Bob vielleicht ein weiteres Fahrzeug geklaut hatte. Mannomann, das wäre echt ein Ding, seinen alten Kumpel wiederzusehen. Zusammen abzuhängen, bei ein paar Bierchen Neuigkeiten auszutauschen und ihm von seinem Gig zu erzählen.
Bestimmt war er das.
Er ging nach oben, und dort hockte Ray Bob auf der Couch und streichelte einen Welpen, Della saß auf dem Fernsehsessel und hatte die Jungs auf ihrem Schoß, sie waren noch aufgeblieben. Della wirkte irgendwie merkwürdig, vielleicht war sie erschöpft. Er stellte den Gitarrenkoffer ab und nickte erfreut.
»Ray Bob.«
»Du sagst es, Partner.«
»Er hat eine Pistole, Eddie«, sagte Della.
»Klar doch, Liebling, er trägt immer eine.«
Grinsend ging er hinüber und schüttelte Ray Bob die Hand. »Wo zum Teufel hast du gesteckt, Mann?« In diesem Moment bemerkte er auf der Couch die Walther neben seinem rechten Oberschenkel und die kleine Police Positive.22 neben dem linken. Die Pistole aus seinem Seesack. Verwundert starrte er auf die Waffe.
»Sie hat mich damit bedroht«, sagte Ray Bob, »kannst du dir das vorstellen? Ich tauche hier mit einem Welpen für die Kinder auf, und sie richtet dieses Ding auf mich.«
»Er wird uns töten, Eddie«, sagte Della mit zitternder Stimme.
Ray Bob zuckte zurück. »Sie ist ganz verrückt nach irgendwelchen Fernsehfilmen, Partner, weißt du? Diese Spätfilme machen einen ganz blöd im Kopf, völlig paranoid.«
Eddie spähte zu Della hinüber. Ihr Gesicht war blass und angespannt. Auf der einen Seite kauerte Randy, auf der anderen Waylon, beide nuckelten am Daumen und starrten ihn an. Er ging zu ihr hinüber, gab ihr einen Kuss auf die Wange und fuhr den Jungen durchs Haar. »Ist schon in Ordnung, Süße, du hattest nur Angst, so alleine im Haus, Ray Bob hat dich einfach auf dem falschen Fuß erwischt. Hast du wirklich auf ihn gezielt?«
Sie antwortete nicht.
»Ich dachte, sie knallt mich ab, ehrlich«, sagte Ray Bob. »Ich hab mir fast in die Hose gemacht. Ich musste sie ihr abnehmen.«
»Na ja, ihr seid nie besonders gut miteinander ausgekommen«, sagte Eddie. »Willst du ein Bier, Kumpel?« Er trat durch den Durchgang zur Treppe in den Küchenbereich und kehrte mit zwei Bier und einem Stuhl zurück. Er reichte Ray Bob eines der Biere, ließ sich gegenüber der Couch nieder und zupfte an seinem Ohrring. »Hab gesehen, dass du’nen neuen Wagen hast. Wo hast du den Welpen her?«
»Da, wo ich auch den Truck gefunden hab. Oben in den Kiefernwäldern.«
»Ich dachte, du wolltest nach Houston.«
»Ich musste einen Umweg machen.« Er spielte mit den Ohren des Welpen. »Rat mal, wie ich ihn genannt hab.«
»Wie denn?«
»Wade.«
»Ohne Scheiß?«, fragte Eddie. Er sah kurz zu Della hinüber und zuckte mit den Achseln. »Nach meinem Onkel Wade, stimmt’s?«
»Nach deinem Cousin, Kumpel.«
Eddie zuckte erneut mit den Schultern. »Ich hab keinen Cousin, der so heißt.«
»Da hab ich aber was anderes gehört.«
»Wo hast du das denn gehört?«
»Von einem Burschen, den ich zufällig getroffen habe. Er meinte, du heißt entweder Wade oder DeReese.«
»Neulich hat mir ein Typ erzählt, er wäre von Außerirdischen entführt worden«, sagte Eddie. »Sie hätten ihn mit an Bord ihres Raumschiffs genommen. Doch als ich wissen wollte, was dort passiert ist, sagte er, er hätte keine Ahnung, sie hätten seine Erinnerung gelöscht.«
»Er wird uns töten«, wiederholte Della.
Ray Bob verzog das Gesicht. »Jetzt hör dir das an.«
Eddie musterte sie einen Moment, wie sie ihn mit weit aufgerissenen Augen anstarrte, dann schüttelte er lächelnd den Kopf. »Komm schon, Liebling, entspann dich, das ist mein alter Kumpel Ray Bob. Mann, du musst sie ganz schön erschreckt haben«, sagte er, während er sich wieder umdrehte. »Was hast du nur angestellt?«
»Ich bin durch die Tür gekommen.« Ray Bob hob unschuldig die Hände in die Höhe, als wäre das alles. »Sie hat mir erzählt, dass sie einen Typen getötet hat. Wusstest du das? Darum ist sie auf der Flucht. Scheint so, als hättest du dich mit einer Schwarzen Witwe eingelassen.«
»Hör nicht auf ihn, Eddie«, sagte sie, »er lügt.«
Ray Bob leerte sein Bier und zupfte am Ohr des Welpen. »Zieht mich da nicht mit rein, das ist eure Sache. Hast du noch ein kühles Bier?«
»Sicher doch.« Als Eddie mit einem weiteren Bier aus der Küche auftauchte, sagte er: »Ich fänd’s wirklich super, wenn ihr beiden damit aufhört, das geht mir nämlich allmählich auf die Nerven.«
Ray Bob öffnete die Dose. »Hab gehört, du machst jetzt Musik.«
Eddie wackelte mit dem Kopf. »Ja, Mann. Ich spiel vier Abende die Woche, und so langsam komm ich wieder in Schwung. Das ist echt klasse, Ray Bob, ohne Scheiß. Der Typ, der mich engagiert hat, meinte heute Abend, ich wär ein Künstler. Ich hätte einen unverwechselbaren Sound.«
»Ach ja?«
»Ja, er hat mir’nen Vortrag darüber gehalten, dass Musik wie Religion wär, und beides wiederum wie Verbrechen, Mann, ich kann’s dir auch nicht erklären. Aber ich wusste, du würdest es verstehen, wenn ich’s dir erzähle. Echt schwerverdauliches Zeug.«
Ray Bob nickte. »Jeder ist auf seine Weise fromm.«
»Siehst du, was hab ich dir gesagt?«, fragte Eddie.
»Tja, erst meinst du, du wärst mein Kumpel«, sagte Ray Bob nach einem Moment, »und dann ziehst du den Schwanz ein. Bist jetzt jemand anders. Du hast keine Ahnung, was echte Loyalität bedeutet, das ist dein Problem.«
»Mann, jetzt fang nicht damit wieder an. Ich dachte, du würdest dich für mich freuen.«
»Mein Gott, du hast recht, was denk ich mir bloß dabei? Unter welchem Namen bist du jetzt unterwegs, Partner?«
Lächelnd zog Eddie sein Zippo-Feuerzeug hervor. »Mein Künstlername ist Rufus Slim.« Er hockte auf seinem Stuhl und schnippte mit einer Hand die Kappe des Feuerzeugs auf und zu. »Hab ich mir ausgedacht.«
»Und wie ist dein richtiger Name?«
Er steckte sich eine Zigarette an und lehnte sich auf dem Stuhl zurück. »Wade«, erklärte er immer noch lächelnd. »Ich hab versucht dir das zu sagen, aber du hast mir nicht zugehört.«
Ray Bob schüttelte den Kopf. »Ich hab’s aus erster Hand erfahren.«
»Von wem?«
»Einem Ranger.«
»Einem Texas Ranger?«
»Genau. Sah aus wie Porter Wagoner.«
»Das gibt’s nicht«, sagte Eddie überrascht, »der ist mir vor einiger Zeit über den Weg gelaufen.«
»Tja, jetzt ist er tot.«
»Mein Gott, musst du wirklich jeden umbringen?«
Ray Bob grinste. »Ich hab dich gewarnt.«
Für eine Weile sagte keiner etwas. Sie tranken ihr Bier, Eddie zog an seiner Zigarette, und Ray Bob strich dem schlafenden Welpen sanft über die Ohren. Die Kinder waren auf dem Sessel eingenickt. Della hatte ebenfalls die Augen geschlossen.
»Warum tust du das?«, fragte Eddie.
»Sag mir einen Grund, warum nicht«, sagte Ray Bob.
»Weil es falsch ist.«
»Wann hat das je irgendjemanden davon abgehalten?«
Erneut schwiegen sie eine Weile, dann fragte Eddie, wo er von hier aus hinfahren wollte. Ray Bob hob eine Hand und ließ sie durch die Luft sausen. »Immer der Nase nach, wie üblich. Willst du mitkommen?«
»Nee, ich hab hier meine Auftritte. Und die da sind auch noch da.« Er deutete mit dem Kopf in Richtung von Della und den Kindern.
»Wenn du meinst«, sagte Ray Bob. »Du willst jetzt einen auf Familienmensch machen, das ist dein Problem. Wer ist DeReese?«
»Der Typ, der mich verpfiffen hat, wie ich dir gesagt habe.«
»Dein Cousin.«
»Hat dir das auch der Ranger erzählt?«
»Er meinte, du wärst entweder DeReese oder Wade Ledoux. Aber Wade ist tot.«
»Blödsinn.«
»Das hat er gesagt.«
»Woher weiß er das?«
»Hat er nicht gesagt, hab ihn nicht gefragt.«
Eddie runzelte die Stirn. Nach einem Moment ergriff er das Wort:. »Mannomann, ich hab ihm gesagt, dass er meinen Namen nicht benutzen soll.«
Ray Bob zog die Augenbrauen zusammen. »Du bist also wirklich Wade?«
»Das ist’ne lange Geschichte.« Eddie stützte die Ellbogen auf die Knie und rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht. Der Wind draußen hatte inzwischen aufgefrischt, und neben den nächtlichen Geräuschen des Sumpfes hörte er, wie er heulend unter der Regenrinne entlangfegte und wie sich unten am Strand die Wellen brachen. Er dachte über seinen Cousin nach, er fehlte ihm immer noch, und er fragte sich, ob es die Drogen waren, die ihm schließlich den Rest gegeben hatten.
»Wie ist dein Name, Eddie?«
Das kam von Della.
Er blickte zu ihr hinüber. Die Jungen waren wieder wach geworden, und all drei musterten ihn jetzt. Er schnippte sein Zippo mit einer Hand auf und zu. Klick, klack. »Warum bringst du die Kinder nicht ins Bett, Liebling? Es ist schon spät. Und nimm den Welpen mit, dann können sie sich aneinanderkuscheln. Geht das in Ordnung, Ray Bob?«
»Warum nicht?« Er kratzte sich mit dem Daumen seitlich an der Nase und betrachtete Eddie aus seinen undurchdringlichen graugrünen Augen. »Lasst uns endlich Party machen.«
Langsam und ohne ein Wort stand Della auf, brachte die Jungs zum Bett in der anderen Ecken des Zimmers und deckte sie zu, dann kam sie zurück, um den Welpen zu holen. Ohne Ray Bob in die Augen zu blicken, blieb sie in einigem Abstand vor ihm stehen und streckte die Hände nach dem Tier aus. Nachdem sie es ins Bett gebracht hatte, setzte sie sich wieder in den Fernsehsessel und schaute mit vorgebeugtem Oberkörper zu Eddie hinüber.
Er zwinkerte ihr zu. »Wie wär’s mit einem Song, Liebling? Ich spiele auch ganz leise, damit die Kinder nicht aufwachen. Für meinen alten Kumpel, damit er sieht, was für Fortschritte ich mache.«
Sie sagte keinen Ton.
»Wenn’s nach mir geht«, sagte Ray Bob, »spiel was Trauriges. Von einem Typen, der von seiner Frau wegen eines anderen verlassen wurde, so was in der Richtung. Voller Herzschmerz und Verzweiflung.« Er grinste Della an.
Eddie lächelte. »Schätze, das krieg ich hin.«
Er stand auf, legte den Gitarrenkoffer quer über den Stuhl und öffnete ihn. Vorsichtig nahm er die alte Gibson heraus und dreht sie um; er hielt sie mit beiden Händen am oberen Ende des Halses fest. Dann trat er zurück, hob sie auf Brusthöhe und holte plötzlich kräftig aus, wie mit einem Baseballschläger. Der breite Resonanzkörper sauste seitwärts durch die Luft, und das untere Ende traf Ray Bob voll an der Stirn. Die Gitarre zerbrach mit einem splitternden Geräusch, die Seiten vibrierten laut. Ray Bobs Kopf sauste nach hinten und knallte gegen die Wand hinter der Couch. Doch schon im nächsten Moment schnellte er nach vorne, und seine Augen funkelten wild, während er nach der Walther neben seinem Oberschenkel griff.
Della war nach dem.22 Revolver gehechtet und tastete auf beiden Knien nach der Waffe, bis sie den Knauf schließlich zu fassen bekam und einen Finger in den Abzugbügel stecken konnte – gerade als Ray Bob die 9mm hochnahm und auf Eddie richtete, der immer noch die zertrümmerte Gitarre in der Hand hielt, die an ihrem Hals hin und her baumelte. Ohne zu zielen, betätigte sie den Abzug, und die Pistole zuckte zurück. Ray Bob wurde herumgerissen, sein rechter Arm fiel schlaff herab. Fassungslos blickte er auf das kleine Loch, das sich in seine Brust gebohrt hatte, dann legte sich ein Ausdruck verächtlicher Wut über das sommersprossige Gesicht. »Du hast dich nicht an das verdammte Drehbuch gehalten«, sagte er leise, »du hättest zuerst die Schlampe erledigen müssen.« Dann hob er das Kinn und richtete die Walther erneut auf Eddie, und Della feuerte einen weiteren Schuss ab. Sein linker Augapfel zerplatzte, und er plumpste auf die Couch.
Sie starrten ihn an.
Nach einer Weile sagte Della schließlich: »Tja, das war jetzt schon das zweite Mal.«
»Und meine Gitarre ist auch im Arsch«, sagte er.
»Ich hab ihn gewarnt, hab ihn gebeten, uns in Ruhe zu lassen …«, fing sie an. Doch dann hörte sie aus der anderen Ecke des Zimmers die besorgte Stimme eines der Jungen; Randy rieb sich mit der Faust die Augen, während er den Welpen an sich drückte, und sagte: »Was war das für ein Geräusch, Mama? Schau mal, was ich hier habe.«
Robbers: Thriller
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