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Als er eine Stunde später sein letztes Set beendet,
die Gibson abgewischt und im Koffer verstaut hatte – er hatte ihn
in Missouri City zu einem Spottpreis gekauft, ein billiges Ding,
aber es erfüllte seinen Zweck – und sich auf dem Weg zum Haus
machte, war er immer noch bester Laune. Er wünschte Bubba Bear eine
gute Nacht, kassierte seine Gage und stapfte zum Truck hinunter.
Eine Minute lang stand er auf dem Parkplatz, beobachtete die Sterne
und lauschte den Rufen der Nachtvögel, die vom fernen Sumpf
herüberdrangen.
Dann startete er den
Pick-up und fuhr Richtung Küsten-Highway. Er kurbelte das Fenster
herunter, stützte den Ellbogen darauf und zündete sich eine
Zigarette an. Die Nacht war warm, vom Golf wehte eine sanfte Brise
herüber. Er fuhr langsam. Er hatte es nicht eilig, denn er war
bereits angekommen. Wohin er auch fuhr, er war schon
da.
Ein
Künstler.
Stell dir vor. Die
Worte hallten durch seinen Kopf und erhellten seine Gedanken wie
ein Wetterleuchten, breiteten sich aus wie der Rauch eines
sommerlichen Waldbrandes. Er lächelte.
Della würde Augen
machen.
Er bog vom Highway
ab, und als er das Ende der Sandpiste erreichte, wo vor den Dünen
das Haus stand, sah er, dass auf dem Asphaltstreifen darunter ein
Fahrzeug parkte. Wer das wohl war? Vielleicht die Besitzer,
höchstwahrscheinlich, der Typ, der Initialen statt eines Namens
hatte, LD, und diese Frau, Dellas Freundin Ruby. Vielleicht hatten
sie sich spontan entschieden runterzufahren, um ein paar Tage zu
bleiben. Es war ja genug Platz hier, es gab reichlich Betten. Er
rollte auf den mit Fingerhirse bewachsenen Hof und bremste; die
Scheinwerfer des Silverado erleuchteten das andere Fahrzeug, das
rote, neue Modell eines Dodge Pick-up. Und in diesem Moment
realisierte er, dass Ray Bob vielleicht ein weiteres Fahrzeug
geklaut hatte. Mannomann, das wäre echt ein Ding, seinen alten
Kumpel wiederzusehen. Zusammen abzuhängen, bei ein paar Bierchen
Neuigkeiten auszutauschen und ihm von seinem Gig zu
erzählen.
Bestimmt war er
das.
Er ging nach oben,
und dort hockte Ray Bob auf der Couch und streichelte einen Welpen,
Della saß auf dem Fernsehsessel und hatte die Jungs auf ihrem
Schoß, sie waren noch aufgeblieben. Della wirkte irgendwie
merkwürdig, vielleicht war sie erschöpft. Er stellte den
Gitarrenkoffer ab und nickte erfreut.
»Ray
Bob.«
»Du sagst es,
Partner.«
»Er hat eine
Pistole, Eddie«, sagte Della.
»Klar doch,
Liebling, er trägt immer eine.«
Grinsend ging er
hinüber und schüttelte Ray Bob die Hand. »Wo zum Teufel hast du
gesteckt, Mann?« In diesem Moment bemerkte er auf der Couch die
Walther neben seinem rechten Oberschenkel und die kleine Police
Positive.22 neben dem linken. Die Pistole aus seinem Seesack.
Verwundert starrte er auf die Waffe.
»Sie hat mich damit
bedroht«, sagte Ray Bob, »kannst du dir das vorstellen? Ich tauche
hier mit einem Welpen für die Kinder auf, und sie richtet dieses
Ding auf mich.«
»Er wird uns töten,
Eddie«, sagte Della mit zitternder Stimme.
Ray Bob zuckte
zurück. »Sie ist ganz verrückt nach irgendwelchen Fernsehfilmen,
Partner, weißt du? Diese Spätfilme machen einen ganz blöd im Kopf,
völlig paranoid.«
Eddie spähte zu
Della hinüber. Ihr Gesicht war blass und angespannt. Auf der einen
Seite kauerte Randy, auf der anderen Waylon, beide nuckelten am
Daumen und starrten ihn an. Er ging zu ihr hinüber, gab ihr einen
Kuss auf die Wange und fuhr den Jungen durchs Haar. »Ist schon in
Ordnung, Süße, du hattest nur Angst, so alleine im Haus, Ray Bob
hat dich einfach auf dem falschen Fuß erwischt. Hast du wirklich
auf ihn gezielt?«
Sie antwortete
nicht.
»Ich dachte, sie
knallt mich ab, ehrlich«, sagte Ray Bob. »Ich hab mir fast in die
Hose gemacht. Ich musste sie ihr abnehmen.«
»Na ja, ihr seid nie
besonders gut miteinander ausgekommen«, sagte Eddie. »Willst du ein
Bier, Kumpel?« Er trat durch den Durchgang zur Treppe in den
Küchenbereich und kehrte mit zwei Bier und einem Stuhl zurück. Er
reichte Ray Bob eines der Biere, ließ sich gegenüber der Couch
nieder und zupfte an seinem Ohrring. »Hab gesehen, dass du’nen
neuen Wagen hast. Wo hast du den Welpen her?«
»Da, wo ich auch den
Truck gefunden hab. Oben in den Kiefernwäldern.«
»Ich dachte, du
wolltest nach Houston.«
»Ich musste einen
Umweg machen.« Er spielte mit den Ohren des Welpen. »Rat mal, wie
ich ihn genannt hab.«
»Wie
denn?«
»Wade.«
»Ohne Scheiß?«,
fragte Eddie. Er sah kurz zu Della hinüber und zuckte mit den
Achseln. »Nach meinem Onkel Wade, stimmt’s?«
»Nach deinem Cousin,
Kumpel.«
Eddie zuckte erneut
mit den Schultern. »Ich hab keinen Cousin, der so
heißt.«
»Da hab ich aber was
anderes gehört.«
»Wo hast du das denn
gehört?«
»Von einem Burschen,
den ich zufällig getroffen habe. Er meinte, du heißt entweder Wade
oder DeReese.«
»Neulich hat mir ein
Typ erzählt, er wäre von Außerirdischen entführt worden«, sagte
Eddie. »Sie hätten ihn mit an Bord ihres Raumschiffs genommen. Doch
als ich wissen wollte, was dort passiert ist, sagte er, er hätte
keine Ahnung, sie hätten seine Erinnerung gelöscht.«
»Er wird uns töten«,
wiederholte Della.
Ray Bob verzog das
Gesicht. »Jetzt hör dir das an.«
Eddie musterte sie
einen Moment, wie sie ihn mit weit aufgerissenen Augen anstarrte,
dann schüttelte er lächelnd den Kopf. »Komm schon, Liebling,
entspann dich, das ist mein alter Kumpel Ray Bob. Mann, du musst
sie ganz schön erschreckt haben«, sagte er, während er sich wieder
umdrehte. »Was hast du nur angestellt?«
»Ich bin durch die
Tür gekommen.« Ray Bob hob unschuldig die Hände in die Höhe, als
wäre das alles. »Sie hat mir erzählt, dass sie einen Typen getötet
hat. Wusstest du das? Darum ist sie auf der Flucht. Scheint so, als
hättest du dich mit einer Schwarzen Witwe
eingelassen.«
»Hör nicht auf ihn,
Eddie«, sagte sie, »er lügt.«
Ray Bob leerte sein
Bier und zupfte am Ohr des Welpen. »Zieht mich da nicht mit rein,
das ist eure Sache. Hast du noch ein kühles Bier?«
»Sicher doch.« Als
Eddie mit einem weiteren Bier aus der Küche auftauchte, sagte er:
»Ich fänd’s wirklich super, wenn ihr beiden damit aufhört, das geht
mir nämlich allmählich auf die Nerven.«
Ray Bob öffnete die
Dose. »Hab gehört, du machst jetzt Musik.«
Eddie wackelte mit
dem Kopf. »Ja, Mann. Ich spiel vier Abende die Woche, und so
langsam komm ich wieder in Schwung. Das ist echt klasse, Ray Bob,
ohne Scheiß. Der Typ, der mich engagiert hat, meinte heute Abend,
ich wär ein Künstler. Ich hätte einen unverwechselbaren
Sound.«
»Ach
ja?«
»Ja, er hat mir’nen
Vortrag darüber gehalten, dass Musik wie Religion wär, und beides
wiederum wie Verbrechen, Mann, ich kann’s dir auch nicht erklären.
Aber ich wusste, du würdest es verstehen, wenn ich’s dir erzähle.
Echt schwerverdauliches Zeug.«
Ray Bob nickte.
»Jeder ist auf seine Weise fromm.«
»Siehst du, was hab
ich dir gesagt?«, fragte Eddie.
»Tja, erst meinst
du, du wärst mein Kumpel«, sagte Ray Bob nach einem Moment, »und
dann ziehst du den Schwanz ein. Bist jetzt jemand anders. Du hast
keine Ahnung, was echte Loyalität bedeutet, das ist dein
Problem.«
»Mann, jetzt fang
nicht damit wieder an. Ich dachte, du würdest dich für mich
freuen.«
»Mein Gott, du hast
recht, was denk ich mir bloß dabei? Unter welchem Namen bist du
jetzt unterwegs, Partner?«
Lächelnd zog Eddie
sein Zippo-Feuerzeug hervor. »Mein Künstlername ist Rufus Slim.« Er
hockte auf seinem Stuhl und schnippte mit einer Hand die Kappe des
Feuerzeugs auf und zu. »Hab ich mir ausgedacht.«
»Und wie ist dein
richtiger Name?«
Er steckte sich eine
Zigarette an und lehnte sich auf dem Stuhl zurück. »Wade«, erklärte
er immer noch lächelnd. »Ich hab versucht dir das zu sagen, aber du
hast mir nicht zugehört.«
Ray Bob schüttelte
den Kopf. »Ich hab’s aus erster Hand erfahren.«
»Von
wem?«
»Einem
Ranger.«
»Einem Texas
Ranger?«
»Genau. Sah aus wie
Porter Wagoner.«
»Das gibt’s nicht«,
sagte Eddie überrascht, »der ist mir vor einiger Zeit über den Weg
gelaufen.«
»Tja, jetzt ist er
tot.«
»Mein Gott, musst du
wirklich jeden umbringen?«
Ray Bob grinste.
»Ich hab dich gewarnt.«
Für eine Weile sagte
keiner etwas. Sie tranken ihr Bier, Eddie zog an seiner Zigarette,
und Ray Bob strich dem schlafenden Welpen sanft über die Ohren. Die
Kinder waren auf dem Sessel eingenickt. Della hatte ebenfalls die
Augen geschlossen.
»Warum tust du
das?«, fragte Eddie.
»Sag mir einen
Grund, warum nicht«, sagte Ray Bob.
»Weil es falsch
ist.«
»Wann hat das je
irgendjemanden davon abgehalten?«
Erneut schwiegen sie
eine Weile, dann fragte Eddie, wo er von hier aus hinfahren wollte.
Ray Bob hob eine Hand und ließ sie durch die Luft sausen. »Immer
der Nase nach, wie üblich. Willst du mitkommen?«
»Nee, ich hab hier
meine Auftritte. Und die da sind auch noch da.« Er deutete mit dem
Kopf in Richtung von Della und den Kindern.
»Wenn du meinst«,
sagte Ray Bob. »Du willst jetzt einen auf Familienmensch machen,
das ist dein Problem. Wer ist DeReese?«
»Der Typ, der mich
verpfiffen hat, wie ich dir gesagt habe.«
»Dein
Cousin.«
»Hat dir das auch
der Ranger erzählt?«
»Er meinte, du wärst
entweder DeReese oder Wade Ledoux. Aber Wade ist tot.«
»Blödsinn.«
»Das hat er
gesagt.«
»Woher weiß er
das?«
»Hat er nicht
gesagt, hab ihn nicht gefragt.«
Eddie runzelte die
Stirn. Nach einem Moment ergriff er das Wort:. »Mannomann, ich hab
ihm gesagt, dass er meinen Namen nicht benutzen soll.«
Ray Bob zog die
Augenbrauen zusammen. »Du bist also wirklich Wade?«
»Das ist’ne lange
Geschichte.« Eddie stützte die Ellbogen auf die Knie und rieb sich
mit beiden Händen übers Gesicht. Der Wind draußen hatte inzwischen
aufgefrischt, und neben den nächtlichen Geräuschen des Sumpfes
hörte er, wie er heulend unter der Regenrinne entlangfegte und wie
sich unten am Strand die Wellen brachen. Er dachte über seinen
Cousin nach, er fehlte ihm immer noch, und er fragte sich, ob es
die Drogen waren, die ihm schließlich den Rest gegeben
hatten.
»Wie ist dein Name,
Eddie?«
Das kam von
Della.
Er blickte zu ihr
hinüber. Die Jungen waren wieder wach geworden, und all drei
musterten ihn jetzt. Er schnippte sein Zippo mit einer Hand auf und
zu. Klick, klack. »Warum bringst du die Kinder nicht ins Bett,
Liebling? Es ist schon spät. Und nimm den Welpen mit, dann können
sie sich aneinanderkuscheln. Geht das in Ordnung, Ray
Bob?«
»Warum nicht?« Er
kratzte sich mit dem Daumen seitlich an der Nase und betrachtete
Eddie aus seinen undurchdringlichen graugrünen Augen. »Lasst uns
endlich Party machen.«
Langsam und ohne ein
Wort stand Della auf, brachte die Jungs zum Bett in der anderen
Ecken des Zimmers und deckte sie zu, dann kam sie zurück, um den
Welpen zu holen. Ohne Ray Bob in die Augen zu blicken, blieb sie in
einigem Abstand vor ihm stehen und streckte die Hände nach dem Tier
aus. Nachdem sie es ins Bett gebracht hatte, setzte sie sich wieder
in den Fernsehsessel und schaute mit vorgebeugtem Oberkörper zu
Eddie hinüber.
Er zwinkerte ihr zu.
»Wie wär’s mit einem Song, Liebling? Ich spiele auch ganz leise,
damit die Kinder nicht aufwachen. Für meinen alten Kumpel, damit er
sieht, was für Fortschritte ich mache.«
Sie sagte keinen
Ton.
»Wenn’s nach mir
geht«, sagte Ray Bob, »spiel was Trauriges. Von einem Typen, der
von seiner Frau wegen eines anderen verlassen wurde, so was in der
Richtung. Voller Herzschmerz und Verzweiflung.« Er grinste Della
an.
Eddie lächelte.
»Schätze, das krieg ich hin.«
Er stand auf, legte
den Gitarrenkoffer quer über den Stuhl und öffnete ihn. Vorsichtig
nahm er die alte Gibson heraus und dreht sie um; er hielt sie mit
beiden Händen am oberen Ende des Halses fest. Dann trat er zurück,
hob sie auf Brusthöhe und holte plötzlich kräftig aus, wie mit
einem Baseballschläger. Der breite Resonanzkörper sauste seitwärts
durch die Luft, und das untere Ende traf Ray Bob voll an der Stirn.
Die Gitarre zerbrach mit einem splitternden Geräusch, die Seiten
vibrierten laut. Ray Bobs Kopf sauste nach hinten und knallte gegen
die Wand hinter der Couch. Doch schon im nächsten Moment schnellte
er nach vorne, und seine Augen funkelten wild, während er nach der
Walther neben seinem Oberschenkel griff.
Della war nach
dem.22 Revolver gehechtet und tastete auf beiden Knien nach der
Waffe, bis sie den Knauf schließlich zu fassen bekam und einen
Finger in den Abzugbügel stecken konnte – gerade als Ray Bob die
9mm hochnahm und auf Eddie richtete, der immer noch die
zertrümmerte Gitarre in der Hand hielt, die an ihrem Hals hin und
her baumelte. Ohne zu zielen, betätigte sie den Abzug, und die
Pistole zuckte zurück. Ray Bob wurde herumgerissen, sein rechter
Arm fiel schlaff herab. Fassungslos blickte er auf das kleine Loch,
das sich in seine Brust gebohrt hatte, dann legte sich ein Ausdruck
verächtlicher Wut über das sommersprossige Gesicht. »Du hast dich
nicht an das verdammte Drehbuch gehalten«, sagte er leise, »du
hättest zuerst die Schlampe erledigen müssen.« Dann hob er das Kinn
und richtete die Walther erneut auf Eddie, und Della feuerte einen
weiteren Schuss ab. Sein linker Augapfel zerplatzte, und er
plumpste auf die Couch.
Sie starrten ihn
an.
Nach einer Weile
sagte Della schließlich: »Tja, das war jetzt schon das zweite
Mal.«
»Und meine Gitarre
ist auch im Arsch«, sagte er.
»Ich hab ihn
gewarnt, hab ihn gebeten, uns in Ruhe zu lassen …«, fing sie an.
Doch dann hörte sie aus der anderen Ecke des Zimmers die besorgte
Stimme eines der Jungen; Randy rieb sich mit der Faust die Augen,
während er den Welpen an sich drückte, und sagte: »Was war das für
ein Geräusch, Mama? Schau mal, was ich hier habe.«