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Bernie Rose rief seine Frau Beth vom Polizeirevier in
der Innenstadt, Abteilung Mordkommission, an und schlug vor, sich
zum Abendessen im Jalisco zu treffen. Als sie nach dem Anlass
fragte, meinte er, nichts Besonderes, er habe nur Lust auf ein
Tex-Mex-Essen. Er wolle einfach mal nobel ausgehen und ein bisschen
vornehm tun. »Mit einer Extraportion Soße auf meinem Taco und in
der Gesellschaft meiner Herzensdame«, sagte er, »nenn es
meinetwegen eine Caprice.«
Bernie genoss es, so
mit ihr zu reden. Jetzt wo die Kinder erwachsen und aus dem Haus
waren, sollten sie öfter essen gehen. Beth fragte jedes Mal nach
dem Anlass, sie tat sich schwer, umzuschalten. Leeres-Nest-Syndrom.
Erschöpfung von der Arbeit als Lehrerin. Eine altersgemäße
Übergangsphase – eine Krise, die selten irgendwo erwähnt wurde.
Aber das würde vorübergehen, hoffte er.
»Hast du etwa andere
Pläne, Süße?«, fragte er.
»Ich hatte daran
gedacht, mich mit einem bestimmten Mann zu treffen«, sagte sie
leise. »Ich hatte mich schon darauf gefreut.«
»Wie sieht er
aus?«
»Ein attraktiver
Kerl, auf die raue Art.«
»Weltgewandt? Wie
ich?«
»Ein echter
Charmeur.«
»Versuchst du, mich
eifersüchtig zu machen?«
»Funktioniert es
denn?«
»Das kannst du wohl
glauben. Ich nehme mal an, er hat dich zum Essen
eingeladen.«
»Ganz genau«,
antwortete Beth.
»Verdammt. Und er
ist attraktiv? Lass mich raten. Sein Name ist Bernie.«
»Wie hast du das nun
wieder erraten?«
Bernie Rose grinste.
»Vielleicht siehst du nicht mehr gut, Schätzchen, aber du weißt
noch immer, wie man mit einem Mann redet.«
»Das ist nicht
alles, was ich noch weiß.«
Wow, dachte Bernie,
Beth läuft sich warm, ein gutes Zeichen. Sie machte ihn an, ließ
ihn das guuute alte Kribbeln spüren.
Dreifacher Alarm. Unwillkürlich stieß er einen anerkennenden Schrei
aus, und die anderen Jungs im Büro starrten zu ihm herüber. Er
wandte ihnen den Rücken zu und sprach leiser. Mit gedämpfter Stimme
erklärte er Beth, zu diesem Teil würden sie später kommen, sie
könnten ja mit dem Abendessen anfangen und sich dann langsam
vorarbeiten. Am besten in einer Atmosphäre, wie sie südlich der
Grenze herrschte, er sah schon die Chips mit scharfer Soße vor
sich, ein kühles dunkles Modelo und dazu saftige gegrillte Fajitas,
Fett hin oder her. Außerdem war heute Mariachi-Abend. Cha-cha-cha.
Vielleicht würde er sie zu einem Tanz auffordern. Was sie dankend
ablehnen würde. Gott sei Dank, wo er doch dreißig Pfund Übergewicht
mit sich herumschleppte.
»Also gut«, sagte
Beth. »Im Jalisco. Um wie viel Uhr?«
»Ich treff dich dort
in einer halben Stunde.«
»Ich liebe
dich.«
»Mi tambien.«
Er legte den Hörer
auf und blickte hinunter auf den Fleck auf seiner Hose. Herr im
Himmel, das würde Ärger geben. Zum Glück hatte Beth gute Laune. Wie
sie mit ihm geturtelt und seinen Motor auf Touren gebracht hatte.
Zoooom. Ein sehr gutes Zeichen. Noch ein Blick auf seine Hose.
Wenigstens war es im Jalisco relativ dunkel, mit etwas Glück würde
sie es also vielleicht erst später bemerken.
Er erledigte seinen
Papierkram, schwatzte ein bisschen mit Blaine, schaute kurz bei
Garcia vorbei, um sein Spanisch aufzufrischen und meldete sich
schließlich ab. Er steuerte den Dienstwagen über die Abbiegespur
der Sixth Street auf die I-35 und fuhr Richtung Süden über den
Colorado, der hier Town Lake hieß, weil er dank des Longhorn-Damms
an dieser Stelle so breit war. Der schmale Grüngürtel am
städtischen Ufer huschte im Zwielicht vorbei, dann breitete sich
die riesige Wasserfläche schwarz und ruhig zwischen den im Schatten
liegenden Ufern vor ihm aus. Der sichelförmige Mond hing in
östlicher Richtung über dem Fluss, ein blasses Stückchen Platin,
das zwischen den ersten Sternen dahintrieb.
Am anderen Ufer bog
er in die Riverside und fuhr weiter westlich durch tief im Schatten
liegende Kurven. Das war seine liebste Tageszeit, wenn die Arbeit
erledigt war und der Abend noch vor ihm lag. Eine Zeit der Stille
und Besinnung. Sein Leben befand sich irgendwie in der gleichen
Phase. Vielleicht würde er schon bald in den Ruhestand gehen, mal
sehen, wie es dann weiterlaufen würde. Beth wäre sicher
einverstanden, sie hatte genug von unwilligen Schülern, zumal die
öffentlichen Schulen inzwischen ein Kriegsschauplatz waren. Er fuhr
langsam, hatte die Scheiben heruntergekurbelt und lauschte dem
vertrauten Summen der Heuschrecken im Gras und der Zikaden auf den
Bäumen. Ein süßes, elementares Geräusch. Für ihn war es das
Geräusch des Schöpfers, der es sich mit einem eiskalten Glas Bier
im Liegestuhl gemütlich machte.
Während seiner
friedlichen Fahrt ging ihm dieses Bild nicht aus dem Kopf. Und
plötzlich klingelte das Autotelefon. Es war Rule Hooks, der aus dem
staatlichen Labor anrief.
»Mi amigo«, sagte Bernie. »Que
pasa?«
»Was für ein
Akzent«, entgegnete Rule.
»Na ja, ich arbeite
dran. Vielleicht sag ich schon bald Auf Wiedersehen, kaufe mir ein
Haus unten in Cancun, Playa del Carmen, und schau mir diese
Siesta-Geschichte mal aus der Nähe an. Ich hab da diese Kassette,
zehn einfache Lektionen. Como esta? Quiero uno
cerveza frio. In der Art.«
»Du bist zu alt,
Rosie. Das Ohr macht als Erstes schlapp.«
»Wer sagt
das?«
»Katie. Sie lernt
Spanisch an der Universität und behauptet, sie wäre zu alt. Dabei
ist sie erst neunzehn.«
»Wie geht es
ihr?«
»Ganz gut, denke
ich. Ich seh sie nicht oft. Keine Zeit für den alten
Herrn.«
»So ist es eben mit
den Kindern. Alles nur Phasen. Das wird schon wieder.«
»Vielleicht, ich bin
bloß nicht sicher, dass es am Alter liegt. Vielleicht ist sie
genauso ein einsamer Wolf wie ich.«
»Sogar Einzelgänger
fühlen sich manchmal einsam.«
»Wahrscheinlich.«
»Und Gott gab Adam
Eva«, sagte Bernie. »Hast du jemals daran gedacht, wieder zu
heiraten?«
Rule machte eine
Pause. Dann räusperte er sich. »Wir kommen vom Thema ab, Rosie. Hör
zu. Moline hier im Labor sagt, dass ihm einer der Kerle auf dem
Video bekannt vorkommt. Ich dachte, das solltest du
wissen.«
Der Detective
klemmte sich das Telefon ans andere Ohr. »Im Ernst? Weiß er, wie er
heißt?«
»Noch nicht. Aber er
denkt darüber nach. Moline hat ein fotografisches Gedächtnis. Es
arbeitet nur etwas langsam.«
Bernie nickte und
rückte seinen Hintern im Sitz zurecht. Vielleicht sollte er
wirklich ein bisschen abnehmen. Es war Zeit für eine Diät. Er
könnte bei einem Buchladen stoppen und nach der neuesten
schmerzlosen Masche suchen. Das Buch kaufen und sich gleich ein
bisschen besser fühlen. Und danach damit anfangen. Nach den
Fajitas. Manana. »Ich nehme an, ihr
habt die Aufnahmen vom Video gescannt?«
»Und sie durchs
System laufen lassen, Partner. Aber ich setze mein Geld lieber auf
Moline.« Rule grunzte. »Wenn die schlimmen Jungs erst mal
spitzkriegen, wie lausig diese verdammten Computer in Wahrheit
funktionieren, geht der Ärger so richtig los.«
»Was ist mit den
Fingerabdrücken?«
»Wie gesagt, wir
haben eine Menge. Wahrscheinlich hundert verschiedene Abdrücke und
Teilabdrücke. Willst du die Liste durcharbeiten?«
»Verdammt«, meinte
Bernie.
»So sieht’s aus«,
sagte Rule. »Läuft es bei euch Jungs besser?«
»Nein.«
»Hab ich mir
gedacht. Wir bleiben in Verbindung.« Er legte auf.
Bernie hängte ein
und überfuhr eine gelbe Ampel an der South Congress. An der
Kreuzung mit der Barton Springs Road konnte er schon das Jalisco
erkennen, ein großes weißes Gebäude mit Stuck und einer roten
Zierleiste. Die Vorstellung eines Gringos von mexikanischer
Architektur. Es sah aus wie das Alamo nach einer halbherzigen
Schönheitsoperation. Links blinkten die Lichter des Threadgill; es
gehörte einem ortsansässigen Gastronomen, der sich auf
Hausmannskost zu Innenstadtpreisen spezialisiert hatte. Jim
Hightower, populistischer Agitator und politischer Querulant,
sendete sein an mehrere Kanäle verkauftes Radioprogramm
Chat & Chew direkt von dort. Es war
Bernies zweitliebstes Esslokal. Als er vorbeifuhr, kletterten auf
dem beleuchteten Parkplatz gerade zwei Männer aus einem alten
Eldorado-Cabrio. Er fuhr langsamer, um den Caddy zu bewundern, ein
echter Klassiker; automatisch musterte er auch gründlich die beiden
Männer, die den Parkplatz überquerten. Beide trugen Jeans und
T-Shirts, der eine war schlank und trug einen Pferdeschwanz, der
andere wirkte klein und stämmig. Allerdings war es zu dunkel, um
Genaueres sagen zu können. Jeder zweite junge Typ in Austin trug
einen Pferdeschwanz.
Aus einem Impuls
heraus lenkte Bernie den Ford nach links, überquerte die Straße und
fuhr die Einfahrt zum Threadgill hinauf. Er hielt direkt neben dem
Seiteneingang, den Fuß auf der Bremse. Die beiden jungen Männer
näherten sich vom Parkplatz her und wichen aus, um hinter dem Ford
vorbeizugehen. Bernie lehnte sich aus dem Fenster.
»Hey,
Jungs!«
Sie blieben stehen
und schauten ihn an.
»Kann man hier gut
essen?«, fragte Bernie.
Der Stämmige trat
neben den Wagen und schaute durchs Fenster auf der Fahrerseite
hinein, beide Daumen in die Taschen seiner Jeans gehakt. »Das
sollten Sie besser wissen«, sagte er. »Sie sind doch Bulle,
oder?«
Bernie lächelte.
»Von außerhalb.«
Der Dünne trat
ebenfalls zum Fenster. »Wir sind auch nicht von hier.« Im linken
Ohr trug er einen goldenen Ring.
»Tatsächlich? Von wo
kommt ihr?«
Der Pferdeschwanz
schaute kurz weg, dann wieder zu Bernie. »El Paso.«
»Und jetzt wollen
Sie sicher irgendeinen Ausweis sehen«, meinte der andere. Er trug
das rote Haar kurz, zwei goldene Nuggets als Ohrstecker, und hatte
Sommersprossen.
Bernie lächelte
wieder. Lässig, beinahe freundlich. »Das ist vielleicht keine
schlechte Idee.«
Der Rothaarige
zuckte mit den Schultern. »In Ordnung, meine Brieftasche steckt im
Stiefel.« Er hob das Bein an und griff in seinen Stiefel, ehe
Bernie reagieren konnte. Er zog eine Pistole heraus und hielt sie
durchs offene Fenster in Bernies Gesicht. Den Lauf drückte er
gleich neben der Nase fest gegen seine Wange.
Bernie hatte noch
beide Hände am Steuer und kaum Zeit, das Fabrikat der Waffe zu
registrieren, eine 9mm Walther, als der Rothaarige den Abzug
betätigte. Der scharfe Knall wurde durch die Berührung des Laufs
mit der Haut gedämpft. Es klang wie eine Schreckschusswaffe. Bernie
zuckte und sackte im Sitz zusammen. Sein Fuß rutschte von der
Bremse, und der Wagen begann vorwärtszurollen. Der Rothaarige
schlenderte neben ihm her, presste die Waffe gegen die Schläfe des
Detectives und feuerte ein weiteres Mal. Dann steckte er die
Walther wieder in seinen Stiefel und beobachtete, wie der Wagen
langsam zum hinteren Ende des Parkplatzes rollte.
»Leck mich«, sagte
Eddie. »Du hast es tatsächlich getan.«
»Klar hab ich das.«
Ray Bob sammelte die ausgeworfenen Patronenhülsen vom Boden auf,
betrachtete die gewellte Ziegel- und Metallwand des Restaurants und
ergänzte: »Ich hab mir tatsächlich mein Abendessen
versaut.«
»Gott im Himmel«,
sagte Eddie. »Das meine ich doch nicht.«
»Aber ich«, sagte
Ray Bob. Er griff unter sein Shirt und kratzte sich am Bauch.
Wieder starrte er auf das Gebäude. »Und dabei kann ich das
frittierte Steak schon riechen. Sie machen es richtig
gut.«
»Das muss jetzt eben
warten.« Eddie tänzelte nervös umher und drehte hektisch den Kopf,
um zu prüfen, ob jemand in der Nähe war.
»Gottverdammt.«
»Scheißbulle«,
murmelte Ray Bob.
»Mann, wir sehen
besser zu, dass wir hier wegkommen.« Eddie war schon auf dem
Rückzug. Ray Bob, der sich immer noch am Bauch kratzte, bewegte
sich nicht vom Fleck.
In diesem Moment
trat ein Mann mittleren Alters aus dem Nebeneingang des
Restaurants, blieb auf dem Bürgersteig unter der Markise stehen und
zündete sich eine Zigarette an. Er trug einen dunklen Anzug im
Westernstil und Cowboystiefel. Ray Bob ging langsam zwischen den
geparkten Autos hindurch, und sie verschwanden auf dem rückwärtigen
Teil des Parkplatzes, wo sie sich gebückt zwischen den Reihen
hindurch zu ihrem Caddy bewegten. »Was glaubst du, warum er uns
angehalten hat?«, fragte Eddie.
»Hat sich nach dem
Essen erkundigt.«
»Scheiße, deshalb
hat er uns sicher nicht angehalten.«
»Wenn du so genau
Bescheid weißt, dann frag doch nicht!«
Als sie den Caddy
erreichten, hörten sie einen dumpfen metallischen Aufprall und ein
Knirschen von der anderen Seite des Parkplatzes. Dann eine Hupe,
die nicht mehr aufhörte. Der Mann, der vor der Tür rauchte, wandte
sich um. Nach kurzem Zögern schlenderte er in die Richtung, aus der
der Lärm kam. Ray Bob wartete, bis der Mann den Ford beinahe
erreicht hatte, dann ließ er den Motor an und fuhr auf den
Riverside Drive Richtung Freeway. Er lenkte mit den Ellbogen,
während er sich eine Zigarette anzündete.
»Wie war das?«,
sagte er. »Jetzt haben wir Gleichstand.«
»Wir haben nicht
Gleichstand«, sagte Eddie. Er spielte mit seinem Ohrring, zog daran
und ließ ihn los, sodass er nach oben hüpfte, wieder und wieder. Er
spähte über die Schulter zurück und blinzelte. »Das war ein
verdammter Bulle, Mann. Du liegst weit vorne.«
Ray Bob grinste und
meinte, da müsse er ihm recht geben. »Du hast ja keine Ahnung, wie
weit ich vorne liege, Kumpel.« Nach einer Weile fügte er hinzu:
»Ich wusste gar nicht, dass du aus El Paso kommst.«
»Tu ich auch
nicht.«
»Dann hast du
gelogen wie ein Weltmeister.«
Eddie zuckte die
Schultern. »Wahrscheinlich findest du, ich hätte besser Dallas
gesagt.« Dallas, wo sich ihre Wege in einer Bar im Süden der Stadt
gekreuzt hatten. Sie hatten sich sofort zusammengetan. Ray Bob
frisch aus dem Knast, unruhig und rastlos. Scharf darauf, endlich
aufzubrechen und unterwegs zu sein.
Eddie, der sich treiben ließ, ziellos, mitgerissen vom Schwung des
anderen. So schnell, so leicht waren sie Kumpels geworden und
hatten kaum einmal darüber gesprochen, wie sie sich das Leben
unterwegs vorstellten.
»Scheiß-Dallas«,
sagte Ray Bob. »Nichts als Rotary-Club-Nazis in
Nadelstreifenanzügen in der ganzn Stadt. Und da kommst du
her?«
»Nein, aus
Louisiana. Unten aus den Sümpfen und Bayous. Und du?«
»Ich komm von
nirgendwo.«
»Na ja, da bin ich
auch schon gewesen«, sagte Eddie. »Da kannst du drauf wetten.
Überall und nirgendwo.«
Ray Bob trommelte
auf den Lenker. »Tja. Dann weißt du ja Bescheid.«
Sie rollten durch
die dunklen, von Bäumen bedrängten Kurven auf der Riverside. Dann
wichen die Bäume zurück, und die Straße stieg an zur Kreuzung mit
dem Interstate Highway, auf den Ray Bob mit hoher Geschwindigkeit
auffuhr, um dann in den Verkehr einzutauchen, der sich Richtung
Süden von der Stadt entfernte.
»Ich sag dir,
worüber ich Bescheid weiß«, sagte Eddie. Er sackte in den Sitz
zurück und lockerte mit einer Bewegung des Kopfs seinen Nacken.
»Ich kann es kaum glauben, aber ich hab immer noch Hunger. Darüber
weiß ich Bescheid.«
»Weil du so was
einfach magst«, sagte Ray Bob. »Nichts macht einen Mann hungriger
als ein guter Arbeitstag. Na dann, da vorn ist ein Denny’s, bei der
nächsten Ausfahrt.«
»Ich ess nicht bei
Denny’s. So hungrig bin ich auch wieder nicht.«
»Irgendwas müssen
sie wohl richtig machen«, sagte Ray Bob. »Die sind inzwischen
überall.«
»Wie ein Virus.
Wohin fahren wir eigentlich?«
»Wohin willst
du?«
»Keine Ahnung. Am
besten weit weg von Dodge. Jedenfalls, wenn du einen McDonald’s
siehst, dann halt an. Ich hol mir schnell’nen Burger.« Eddie beugte
sich in den Windschatten der Frontscheibe und zündete sich eine
Camel an. »Glaubst du wirklich, dass es Musik in dem Laden
gab?«
»Wahrscheinlich.
Jedenfalls klang es so.«
»Scheiße.«
Er schaltete das
Radio ein und drehte an dem Knopf. Bei einem Prediger, der
rhythmisch brüllend vor dem neuen Millennium warnte, hielt er kurz
inne. Der Teufel ruht nicht aus, und die Zeiten werden schlimmer.
Sie sind schon da, also passt bloß auf. Eine Hure, die auf einem
siebenköpfigen Tier reitet, splitternackt. Hört, wie sie schreit,
hört, wie sie lacht. Das Tier dampft aus dem Mund. Das Land ist
voller Plagen und schrecklichem Leid. Menschen fallen tot um wie
die Fliegen. Blut über Babylon.
»Hörst du das?«,
fragte Eddie. »Das sind echt schlechte Nachrichten.«
Er drehte ein Stück
weiter. Er wünschte, sie bekämen UKW rein, da es offenbar praktisch
unmöglich war, über Mittelwelle einen Rhythm-and-Blues-Sender zu
finden. Entweder gab es pausenloses Gequassel oder Country &
Western. Er entschied sich schließlich für einen Countrysender,
drehte die Bässe herunter und die Lautstärke auf. George Strait
sang gerade über Texas und dass all seine Exfrauen dort lebten.
Eigentlich klang er gar nicht so traurig, beinahe sogar fröhlich,
als käme ihm das alles mehr oder weniger gelegen.
Unter dem
Sternenhimmel des frühen Abends rasten sie mit geöffnetem Verdeck
über den Highway. Dunkle Bürogebäude huschten auf der Böschung der
I-35 vorbei. Motelreklameschilder priesen günstige Zimmer an. Ein
Truck mit achtzehn Rädern parkte mit blinkenden Lichtern am
Straßenrand. Auf einer Brücke kontrollierte ein Wagen der
städtischen Polizei die Geschwindigkeit. Die silberne Mondsichel
schwebte hoch über ihnen.
Nach einer Weile
sagte Eddie: »Wo wir gerade vom Ende der Zeiten reden, ich hab
gehört, dass mehr als zweihundert Millionen Menschen im letzten
Jahrhundert in Kriegen und Konzentrationslagern umgebracht
wurden.«
»Ehrlich?«, sagte
Ray Bob. »Sind die Frauen und Kinder da mitgezählt?«
»Keine Ahnung. Das
ist bloß’ne Zahl, die mir untergekommen ist.« Eddie strich seinen
Pferdeschwanz glatt. »Aber ich sag dir, was ich noch gehört hab.
Eine Menge Uhren sind beim Jahr 2000 einfach stehen geblieben.
Gleich beim ersten Schlag. Mitternacht.«
Ray Bob nickte. Als
ob er auch davon gehört hätte. »Warum denn zum Teufel?«, fragte er
dann.
»Weiß nicht.
Irgendwas mit Nullen. Hat auch’nen ganzen Haufen Computer
geschrottet.«
»Tatsächlich?«
»Hab ich gehört.
Sind einfach stehen geblieben. Alles, was drinnen war, ist verloren
gegangen, weg für immer.«
»Auch
Polizeicomputer?«
Eddie nickte. »Ich
glaub, die stecken mitten im Chaos.«
»Scheiße, na
hoffentlich«, meinte Ray Bob. »Hoffentlich ist meine Akte auch
verschwunden.«
»Mann, daran hab ich
noch gar nicht gedacht.« Eddie spielte mit seinem Ohrring. »Stell
dir das vor, Kumpel,’ne weiße Weste. Wow. Dann kauf ich mir’ne
Gitarre und mach wieder Musik. Was würdest du tun?«
»Ich?« Ray Bob
grinste. »Einen 7-Eleven überfallen und wieder von vorne anfangen.
Genau wie du, Kumpel.«
Er boxte Eddie gegen
die Schulter.
»Genau wie
du.«