4
 
Bernie Rose rief seine Frau Beth vom Polizeirevier in der Innenstadt, Abteilung Mordkommission, an und schlug vor, sich zum Abendessen im Jalisco zu treffen. Als sie nach dem Anlass fragte, meinte er, nichts Besonderes, er habe nur Lust auf ein Tex-Mex-Essen. Er wolle einfach mal nobel ausgehen und ein bisschen vornehm tun. »Mit einer Extraportion Soße auf meinem Taco und in der Gesellschaft meiner Herzensdame«, sagte er, »nenn es meinetwegen eine Caprice.«
Bernie genoss es, so mit ihr zu reden. Jetzt wo die Kinder erwachsen und aus dem Haus waren, sollten sie öfter essen gehen. Beth fragte jedes Mal nach dem Anlass, sie tat sich schwer, umzuschalten. Leeres-Nest-Syndrom. Erschöpfung von der Arbeit als Lehrerin. Eine altersgemäße Übergangsphase – eine Krise, die selten irgendwo erwähnt wurde. Aber das würde vorübergehen, hoffte er.
»Hast du etwa andere Pläne, Süße?«, fragte er.
»Ich hatte daran gedacht, mich mit einem bestimmten Mann zu treffen«, sagte sie leise. »Ich hatte mich schon darauf gefreut.«
»Wie sieht er aus?«
»Ein attraktiver Kerl, auf die raue Art.«
»Weltgewandt? Wie ich?«
»Ein echter Charmeur.«
»Versuchst du, mich eifersüchtig zu machen?«
»Funktioniert es denn?«
»Das kannst du wohl glauben. Ich nehme mal an, er hat dich zum Essen eingeladen.«
»Ganz genau«, antwortete Beth.
»Verdammt. Und er ist attraktiv? Lass mich raten. Sein Name ist Bernie.«
»Wie hast du das nun wieder erraten?«
Bernie Rose grinste. »Vielleicht siehst du nicht mehr gut, Schätzchen, aber du weißt noch immer, wie man mit einem Mann redet.«
»Das ist nicht alles, was ich noch weiß.«
Wow, dachte Bernie, Beth läuft sich warm, ein gutes Zeichen. Sie machte ihn an, ließ ihn das guuute alte Kribbeln spüren. Dreifacher Alarm. Unwillkürlich stieß er einen anerkennenden Schrei aus, und die anderen Jungs im Büro starrten zu ihm herüber. Er wandte ihnen den Rücken zu und sprach leiser. Mit gedämpfter Stimme erklärte er Beth, zu diesem Teil würden sie später kommen, sie könnten ja mit dem Abendessen anfangen und sich dann langsam vorarbeiten. Am besten in einer Atmosphäre, wie sie südlich der Grenze herrschte, er sah schon die Chips mit scharfer Soße vor sich, ein kühles dunkles Modelo und dazu saftige gegrillte Fajitas, Fett hin oder her. Außerdem war heute Mariachi-Abend. Cha-cha-cha. Vielleicht würde er sie zu einem Tanz auffordern. Was sie dankend ablehnen würde. Gott sei Dank, wo er doch dreißig Pfund Übergewicht mit sich herumschleppte.
»Also gut«, sagte Beth. »Im Jalisco. Um wie viel Uhr?«
»Ich treff dich dort in einer halben Stunde.«
»Ich liebe dich.«
»Mi tambien.«
Er legte den Hörer auf und blickte hinunter auf den Fleck auf seiner Hose. Herr im Himmel, das würde Ärger geben. Zum Glück hatte Beth gute Laune. Wie sie mit ihm geturtelt und seinen Motor auf Touren gebracht hatte. Zoooom. Ein sehr gutes Zeichen. Noch ein Blick auf seine Hose. Wenigstens war es im Jalisco relativ dunkel, mit etwas Glück würde sie es also vielleicht erst später bemerken.
Er erledigte seinen Papierkram, schwatzte ein bisschen mit Blaine, schaute kurz bei Garcia vorbei, um sein Spanisch aufzufrischen und meldete sich schließlich ab. Er steuerte den Dienstwagen über die Abbiegespur der Sixth Street auf die I-35 und fuhr Richtung Süden über den Colorado, der hier Town Lake hieß, weil er dank des Longhorn-Damms an dieser Stelle so breit war. Der schmale Grüngürtel am städtischen Ufer huschte im Zwielicht vorbei, dann breitete sich die riesige Wasserfläche schwarz und ruhig zwischen den im Schatten liegenden Ufern vor ihm aus. Der sichelförmige Mond hing in östlicher Richtung über dem Fluss, ein blasses Stückchen Platin, das zwischen den ersten Sternen dahintrieb.
Am anderen Ufer bog er in die Riverside und fuhr weiter westlich durch tief im Schatten liegende Kurven. Das war seine liebste Tageszeit, wenn die Arbeit erledigt war und der Abend noch vor ihm lag. Eine Zeit der Stille und Besinnung. Sein Leben befand sich irgendwie in der gleichen Phase. Vielleicht würde er schon bald in den Ruhestand gehen, mal sehen, wie es dann weiterlaufen würde. Beth wäre sicher einverstanden, sie hatte genug von unwilligen Schülern, zumal die öffentlichen Schulen inzwischen ein Kriegsschauplatz waren. Er fuhr langsam, hatte die Scheiben heruntergekurbelt und lauschte dem vertrauten Summen der Heuschrecken im Gras und der Zikaden auf den Bäumen. Ein süßes, elementares Geräusch. Für ihn war es das Geräusch des Schöpfers, der es sich mit einem eiskalten Glas Bier im Liegestuhl gemütlich machte.
Während seiner friedlichen Fahrt ging ihm dieses Bild nicht aus dem Kopf. Und plötzlich klingelte das Autotelefon. Es war Rule Hooks, der aus dem staatlichen Labor anrief.
»Mi amigo«, sagte Bernie. »Que pasa?«
»Was für ein Akzent«, entgegnete Rule.
»Na ja, ich arbeite dran. Vielleicht sag ich schon bald Auf Wiedersehen, kaufe mir ein Haus unten in Cancun, Playa del Carmen, und schau mir diese Siesta-Geschichte mal aus der Nähe an. Ich hab da diese Kassette, zehn einfache Lektionen. Como esta? Quiero uno cerveza frio. In der Art.«
»Du bist zu alt, Rosie. Das Ohr macht als Erstes schlapp.«
»Wer sagt das?«
»Katie. Sie lernt Spanisch an der Universität und behauptet, sie wäre zu alt. Dabei ist sie erst neunzehn.«
»Wie geht es ihr?«
»Ganz gut, denke ich. Ich seh sie nicht oft. Keine Zeit für den alten Herrn.«
»So ist es eben mit den Kindern. Alles nur Phasen. Das wird schon wieder.«
»Vielleicht, ich bin bloß nicht sicher, dass es am Alter liegt. Vielleicht ist sie genauso ein einsamer Wolf wie ich.«
»Sogar Einzelgänger fühlen sich manchmal einsam.«
»Wahrscheinlich.«
»Und Gott gab Adam Eva«, sagte Bernie. »Hast du jemals daran gedacht, wieder zu heiraten?«
Rule machte eine Pause. Dann räusperte er sich. »Wir kommen vom Thema ab, Rosie. Hör zu. Moline hier im Labor sagt, dass ihm einer der Kerle auf dem Video bekannt vorkommt. Ich dachte, das solltest du wissen.«
Der Detective klemmte sich das Telefon ans andere Ohr. »Im Ernst? Weiß er, wie er heißt?«
»Noch nicht. Aber er denkt darüber nach. Moline hat ein fotografisches Gedächtnis. Es arbeitet nur etwas langsam.«
Bernie nickte und rückte seinen Hintern im Sitz zurecht. Vielleicht sollte er wirklich ein bisschen abnehmen. Es war Zeit für eine Diät. Er könnte bei einem Buchladen stoppen und nach der neuesten schmerzlosen Masche suchen. Das Buch kaufen und sich gleich ein bisschen besser fühlen. Und danach damit anfangen. Nach den Fajitas. Manana. »Ich nehme an, ihr habt die Aufnahmen vom Video gescannt?«
»Und sie durchs System laufen lassen, Partner. Aber ich setze mein Geld lieber auf Moline.« Rule grunzte. »Wenn die schlimmen Jungs erst mal spitzkriegen, wie lausig diese verdammten Computer in Wahrheit funktionieren, geht der Ärger so richtig los.«
»Was ist mit den Fingerabdrücken?«
»Wie gesagt, wir haben eine Menge. Wahrscheinlich hundert verschiedene Abdrücke und Teilabdrücke. Willst du die Liste durcharbeiten?«
»Verdammt«, meinte Bernie.
»So sieht’s aus«, sagte Rule. »Läuft es bei euch Jungs besser?«
»Nein.«
»Hab ich mir gedacht. Wir bleiben in Verbindung.« Er legte auf.
Bernie hängte ein und überfuhr eine gelbe Ampel an der South Congress. An der Kreuzung mit der Barton Springs Road konnte er schon das Jalisco erkennen, ein großes weißes Gebäude mit Stuck und einer roten Zierleiste. Die Vorstellung eines Gringos von mexikanischer Architektur. Es sah aus wie das Alamo nach einer halbherzigen Schönheitsoperation. Links blinkten die Lichter des Threadgill; es gehörte einem ortsansässigen Gastronomen, der sich auf Hausmannskost zu Innenstadtpreisen spezialisiert hatte. Jim Hightower, populistischer Agitator und politischer Querulant, sendete sein an mehrere Kanäle verkauftes Radioprogramm Chat & Chew direkt von dort. Es war Bernies zweitliebstes Esslokal. Als er vorbeifuhr, kletterten auf dem beleuchteten Parkplatz gerade zwei Männer aus einem alten Eldorado-Cabrio. Er fuhr langsamer, um den Caddy zu bewundern, ein echter Klassiker; automatisch musterte er auch gründlich die beiden Männer, die den Parkplatz überquerten. Beide trugen Jeans und T-Shirts, der eine war schlank und trug einen Pferdeschwanz, der andere wirkte klein und stämmig. Allerdings war es zu dunkel, um Genaueres sagen zu können. Jeder zweite junge Typ in Austin trug einen Pferdeschwanz.
Aus einem Impuls heraus lenkte Bernie den Ford nach links, überquerte die Straße und fuhr die Einfahrt zum Threadgill hinauf. Er hielt direkt neben dem Seiteneingang, den Fuß auf der Bremse. Die beiden jungen Männer näherten sich vom Parkplatz her und wichen aus, um hinter dem Ford vorbeizugehen. Bernie lehnte sich aus dem Fenster.
»Hey, Jungs!«
Sie blieben stehen und schauten ihn an.
»Kann man hier gut essen?«, fragte Bernie.
Der Stämmige trat neben den Wagen und schaute durchs Fenster auf der Fahrerseite hinein, beide Daumen in die Taschen seiner Jeans gehakt. »Das sollten Sie besser wissen«, sagte er. »Sie sind doch Bulle, oder?«
Bernie lächelte. »Von außerhalb.«
Der Dünne trat ebenfalls zum Fenster. »Wir sind auch nicht von hier.« Im linken Ohr trug er einen goldenen Ring.
»Tatsächlich? Von wo kommt ihr?«
Der Pferdeschwanz schaute kurz weg, dann wieder zu Bernie. »El Paso.«
»Und jetzt wollen Sie sicher irgendeinen Ausweis sehen«, meinte der andere. Er trug das rote Haar kurz, zwei goldene Nuggets als Ohrstecker, und hatte Sommersprossen.
Bernie lächelte wieder. Lässig, beinahe freundlich. »Das ist vielleicht keine schlechte Idee.«
Der Rothaarige zuckte mit den Schultern. »In Ordnung, meine Brieftasche steckt im Stiefel.« Er hob das Bein an und griff in seinen Stiefel, ehe Bernie reagieren konnte. Er zog eine Pistole heraus und hielt sie durchs offene Fenster in Bernies Gesicht. Den Lauf drückte er gleich neben der Nase fest gegen seine Wange.
Bernie hatte noch beide Hände am Steuer und kaum Zeit, das Fabrikat der Waffe zu registrieren, eine 9mm Walther, als der Rothaarige den Abzug betätigte. Der scharfe Knall wurde durch die Berührung des Laufs mit der Haut gedämpft. Es klang wie eine Schreckschusswaffe. Bernie zuckte und sackte im Sitz zusammen. Sein Fuß rutschte von der Bremse, und der Wagen begann vorwärtszurollen. Der Rothaarige schlenderte neben ihm her, presste die Waffe gegen die Schläfe des Detectives und feuerte ein weiteres Mal. Dann steckte er die Walther wieder in seinen Stiefel und beobachtete, wie der Wagen langsam zum hinteren Ende des Parkplatzes rollte.
»Leck mich«, sagte Eddie. »Du hast es tatsächlich getan.«
»Klar hab ich das.« Ray Bob sammelte die ausgeworfenen Patronenhülsen vom Boden auf, betrachtete die gewellte Ziegel- und Metallwand des Restaurants und ergänzte: »Ich hab mir tatsächlich mein Abendessen versaut.«
»Gott im Himmel«, sagte Eddie. »Das meine ich doch nicht.«
»Aber ich«, sagte Ray Bob. Er griff unter sein Shirt und kratzte sich am Bauch. Wieder starrte er auf das Gebäude. »Und dabei kann ich das frittierte Steak schon riechen. Sie machen es richtig gut.«
»Das muss jetzt eben warten.« Eddie tänzelte nervös umher und drehte hektisch den Kopf, um zu prüfen, ob jemand in der Nähe war. »Gottverdammt.«
»Scheißbulle«, murmelte Ray Bob.
»Mann, wir sehen besser zu, dass wir hier wegkommen.« Eddie war schon auf dem Rückzug. Ray Bob, der sich immer noch am Bauch kratzte, bewegte sich nicht vom Fleck.
In diesem Moment trat ein Mann mittleren Alters aus dem Nebeneingang des Restaurants, blieb auf dem Bürgersteig unter der Markise stehen und zündete sich eine Zigarette an. Er trug einen dunklen Anzug im Westernstil und Cowboystiefel. Ray Bob ging langsam zwischen den geparkten Autos hindurch, und sie verschwanden auf dem rückwärtigen Teil des Parkplatzes, wo sie sich gebückt zwischen den Reihen hindurch zu ihrem Caddy bewegten. »Was glaubst du, warum er uns angehalten hat?«, fragte Eddie.
»Hat sich nach dem Essen erkundigt.«
»Scheiße, deshalb hat er uns sicher nicht angehalten.«
»Wenn du so genau Bescheid weißt, dann frag doch nicht!«
Als sie den Caddy erreichten, hörten sie einen dumpfen metallischen Aufprall und ein Knirschen von der anderen Seite des Parkplatzes. Dann eine Hupe, die nicht mehr aufhörte. Der Mann, der vor der Tür rauchte, wandte sich um. Nach kurzem Zögern schlenderte er in die Richtung, aus der der Lärm kam. Ray Bob wartete, bis der Mann den Ford beinahe erreicht hatte, dann ließ er den Motor an und fuhr auf den Riverside Drive Richtung Freeway. Er lenkte mit den Ellbogen, während er sich eine Zigarette anzündete.
»Wie war das?«, sagte er. »Jetzt haben wir Gleichstand.«
»Wir haben nicht Gleichstand«, sagte Eddie. Er spielte mit seinem Ohrring, zog daran und ließ ihn los, sodass er nach oben hüpfte, wieder und wieder. Er spähte über die Schulter zurück und blinzelte. »Das war ein verdammter Bulle, Mann. Du liegst weit vorne.«
Ray Bob grinste und meinte, da müsse er ihm recht geben. »Du hast ja keine Ahnung, wie weit ich vorne liege, Kumpel.« Nach einer Weile fügte er hinzu: »Ich wusste gar nicht, dass du aus El Paso kommst.«
»Tu ich auch nicht.«
»Dann hast du gelogen wie ein Weltmeister.«
Eddie zuckte die Schultern. »Wahrscheinlich findest du, ich hätte besser Dallas gesagt.« Dallas, wo sich ihre Wege in einer Bar im Süden der Stadt gekreuzt hatten. Sie hatten sich sofort zusammengetan. Ray Bob frisch aus dem Knast, unruhig und rastlos. Scharf darauf, endlich aufzubrechen und unterwegs zu sein. Eddie, der sich treiben ließ, ziellos, mitgerissen vom Schwung des anderen. So schnell, so leicht waren sie Kumpels geworden und hatten kaum einmal darüber gesprochen, wie sie sich das Leben unterwegs vorstellten.
»Scheiß-Dallas«, sagte Ray Bob. »Nichts als Rotary-Club-Nazis in Nadelstreifenanzügen in der ganzn Stadt. Und da kommst du her?«
»Nein, aus Louisiana. Unten aus den Sümpfen und Bayous. Und du?«
»Ich komm von nirgendwo.«
»Na ja, da bin ich auch schon gewesen«, sagte Eddie. »Da kannst du drauf wetten. Überall und nirgendwo.«
Ray Bob trommelte auf den Lenker. »Tja. Dann weißt du ja Bescheid.«
Sie rollten durch die dunklen, von Bäumen bedrängten Kurven auf der Riverside. Dann wichen die Bäume zurück, und die Straße stieg an zur Kreuzung mit dem Interstate Highway, auf den Ray Bob mit hoher Geschwindigkeit auffuhr, um dann in den Verkehr einzutauchen, der sich Richtung Süden von der Stadt entfernte.
»Ich sag dir, worüber ich Bescheid weiß«, sagte Eddie. Er sackte in den Sitz zurück und lockerte mit einer Bewegung des Kopfs seinen Nacken. »Ich kann es kaum glauben, aber ich hab immer noch Hunger. Darüber weiß ich Bescheid.«
»Weil du so was einfach magst«, sagte Ray Bob. »Nichts macht einen Mann hungriger als ein guter Arbeitstag. Na dann, da vorn ist ein Denny’s, bei der nächsten Ausfahrt.«
»Ich ess nicht bei Denny’s. So hungrig bin ich auch wieder nicht.«
»Irgendwas müssen sie wohl richtig machen«, sagte Ray Bob. »Die sind inzwischen überall.«
»Wie ein Virus. Wohin fahren wir eigentlich?«
»Wohin willst du?«
»Keine Ahnung. Am besten weit weg von Dodge. Jedenfalls, wenn du einen McDonald’s siehst, dann halt an. Ich hol mir schnell’nen Burger.« Eddie beugte sich in den Windschatten der Frontscheibe und zündete sich eine Camel an. »Glaubst du wirklich, dass es Musik in dem Laden gab?«
»Wahrscheinlich. Jedenfalls klang es so.«
»Scheiße.«
Er schaltete das Radio ein und drehte an dem Knopf. Bei einem Prediger, der rhythmisch brüllend vor dem neuen Millennium warnte, hielt er kurz inne. Der Teufel ruht nicht aus, und die Zeiten werden schlimmer. Sie sind schon da, also passt bloß auf. Eine Hure, die auf einem siebenköpfigen Tier reitet, splitternackt. Hört, wie sie schreit, hört, wie sie lacht. Das Tier dampft aus dem Mund. Das Land ist voller Plagen und schrecklichem Leid. Menschen fallen tot um wie die Fliegen. Blut über Babylon.
»Hörst du das?«, fragte Eddie. »Das sind echt schlechte Nachrichten.«
Er drehte ein Stück weiter. Er wünschte, sie bekämen UKW rein, da es offenbar praktisch unmöglich war, über Mittelwelle einen Rhythm-and-Blues-Sender zu finden. Entweder gab es pausenloses Gequassel oder Country & Western. Er entschied sich schließlich für einen Countrysender, drehte die Bässe herunter und die Lautstärke auf. George Strait sang gerade über Texas und dass all seine Exfrauen dort lebten. Eigentlich klang er gar nicht so traurig, beinahe sogar fröhlich, als käme ihm das alles mehr oder weniger gelegen.
Unter dem Sternenhimmel des frühen Abends rasten sie mit geöffnetem Verdeck über den Highway. Dunkle Bürogebäude huschten auf der Böschung der I-35 vorbei. Motelreklameschilder priesen günstige Zimmer an. Ein Truck mit achtzehn Rädern parkte mit blinkenden Lichtern am Straßenrand. Auf einer Brücke kontrollierte ein Wagen der städtischen Polizei die Geschwindigkeit. Die silberne Mondsichel schwebte hoch über ihnen.
Nach einer Weile sagte Eddie: »Wo wir gerade vom Ende der Zeiten reden, ich hab gehört, dass mehr als zweihundert Millionen Menschen im letzten Jahrhundert in Kriegen und Konzentrationslagern umgebracht wurden.«
»Ehrlich?«, sagte Ray Bob. »Sind die Frauen und Kinder da mitgezählt?«
»Keine Ahnung. Das ist bloß’ne Zahl, die mir untergekommen ist.« Eddie strich seinen Pferdeschwanz glatt. »Aber ich sag dir, was ich noch gehört hab. Eine Menge Uhren sind beim Jahr 2000 einfach stehen geblieben. Gleich beim ersten Schlag. Mitternacht.«
Ray Bob nickte. Als ob er auch davon gehört hätte. »Warum denn zum Teufel?«, fragte er dann.
»Weiß nicht. Irgendwas mit Nullen. Hat auch’nen ganzen Haufen Computer geschrottet.«
»Tatsächlich?«
»Hab ich gehört. Sind einfach stehen geblieben. Alles, was drinnen war, ist verloren gegangen, weg für immer.«
»Auch Polizeicomputer?«
Eddie nickte. »Ich glaub, die stecken mitten im Chaos.«
»Scheiße, na hoffentlich«, meinte Ray Bob. »Hoffentlich ist meine Akte auch verschwunden.«
»Mann, daran hab ich noch gar nicht gedacht.« Eddie spielte mit seinem Ohrring. »Stell dir das vor, Kumpel,’ne weiße Weste. Wow. Dann kauf ich mir’ne Gitarre und mach wieder Musik. Was würdest du tun?«
»Ich?« Ray Bob grinste. »Einen 7-Eleven überfallen und wieder von vorne anfangen. Genau wie du, Kumpel.«
Er boxte Eddie gegen die Schulter.
»Genau wie du.«
Robbers: Thriller
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