23
 
Die Reifen des Caddy rumpelten über das Verbindungsstück zwischen Rampe und Straße. Sie verließen die Fähre und nahmen die mit Schlaglöchern gespickte zweispurige Straße Richtung Nordosten, die sich längs über den flachen Finger der Bolivar-Halbinsel erstreckte. Zu beiden Seiten zogen sich Grasflächen hin. Schlickgras, Fingerhirse und andere Gräser. Auf der zur Bucht gelegenen Seite schlossen sich Salzmarschen an. Austernbänke und das Watt lagen im flachen bewegten Wasser. Auf der Golfseite begannen hinter einem Streifen mit Disteln überwucherter Felder die flachen runden Dünen und der schmale, von den Gezeiten abhängige Strand. Bucht und Golf, beide bedrängten diesen dünnen Streifen Land. Auf ihrer ganzen Länge und Ausdehnung wirkte die Halbinsel wie ein brüchiger Kompromiss, über den Hurrikans und Stürme sich in ihrem plötzlichen Wüten von Zeit zu Zeit hinwegsetzten.
Während ihrer Fahrt nach Crystal Beach sagte Della immer wieder: »Es ist’ne Art Stadt. Wir müssen ans andere Ende des Ortes.«
Ansonsten fuhren sie schweigend unter dem immensen Blau des Himmels mit seinen knochenfarbenen Wolken, die massiv wie Berge und trotzdem schwerelos über ihnen schwebten. Sie wurden begleitet von der spätnachmittäglichen Sonne, die sich im Westen bereits dem Horizont näherte. Ein riesiger zitronengelber Ball, ohne Umrisse und erbarmungslos in seiner Hitze. Von all dem überwältigt, näherten sie sich ihrem Ziel.
Die Vögel waren das einzig Lebendige in dieser umfassenden Leere. Amseln auf den Stromleitungen, Amseln auf den Masten. Eisvögel und Tauben, die paarweise auf den durchhängenden Kabelbögen hockten und sich, von der Hitze benommen, dort ausruhten. Habichte, die über Grasflächen glitten, und Reiher über den Feldern, deren krumme Hälse weiß glänzten.
Nachdem sie eine Weile schweigend die Landschaft betrachtet hatten, erreichten sie ein Strandhaus und sandige Straßen, die links und rechts einmündeten und ihrerseits von Strandhäusern gesäumt wurden. Dann passierten sie einzelne flache, ramponierte Gebäude, die unmittelbar an der Straße standen und verschiedene Geschäfte beherbergten. Überall die gleichen mit Austernschalen bedeckten Parkplätze voll wild wucherndem Unkraut, überall der salzig-süßliche Geruch des Verfalls. Als begänne auf diesem mit Meerwasser getränkten Boden, auf dem Fruchtbarkeit und Tod Hand in Hand gingen, schon mit dem Aufbau eines Gebäudes gleichzeitig dessen Niedergang; als müsste dieser Niedergang schon in der Konstruktion des Hauses seinen Ausdruck finden.
Die sogenannte Stadt zog sich kilometerweit an der Straße entlang, eine formlose Ansammlung verwahrloster Geschäfte und Kneipen, die planlos im Marschland errichtet worden waren. Als hätten sich die Bewohner nie darauf einigen können, wo ihre Stadt nun eigentlich stehen sollte. Also stand sie nirgendwo und überall und existierte in Wahrheit überhaupt nicht, auch wenn sie aus Bequemlichkeit einen Namen bekommen hatte. Sie kamen an einer Tankstelle vorbei und gelangten abermals in eine menschenleere Gegend, in der nur einige strandnahe Holzhäuser aufragten, die auf Pfählen standen, um sie vor der Flut zu schützen.
»Ich glaube, wir sind schon zu weit«, sagte Della. »Aber ich war erst einmal hier.«
»Bist du sicher?«
»Nein.«
Sie fuhren weiter, erreichten einen Ort namens Gilchrist und überquerten den Rollover-Pass, wo das Wasser des Golfs einen Durchbruch geschaffen hatte, durch den es in die östliche Bucht drang. Die Ufer waren an dieser Stelle mit Stahlplatten gesichert, um eine weitere Erosion zu verhindern. Als sie den Graben auf einer flachen Betonbrücke überquert hatten, kehrten sie um. Ray Bob parkte schließlich vor einem Köderladen. »Wir sollten mal nach dem Weg fragen.«
»Ich weiß jetzt, wo wir sind«, erklärte Della. »Wir müssen bloß auf demselben Weg zurück.«
»Scheiß drauf, ich brauch ein Bier.« Er stieg aus.
»Mach keinen Mist, Partner«, sagte Eddie. »Das ist nicht der richtige Ort hier.«
»Seh ich so dämlich aus?«
Eddie kniff ein Auge zu und kratzte sich am Kinn.
»Mach dir nichts draus, Arschgesicht.«
Ray Bob schlenderte auf die Eingangstür zu. Der Köderladen bestand aus einer fensterlosen Sperrholzhütte, an deren einer Seite geräuschvoll eine Klimaanlage arbeitete. An die vordere Wand waren metallene Reklameschilder für Bier und ein mit unbeholfenen Buchstaben bemaltes Holzschild genagelt, das den Namen des Besitzers verriet: MOODYS. Weitere bemalte Holzschilder versprachen Snacks, Wasser und lebende Schlamm-Elritzen. Ray Bob trat ein und schlug die Fliegengittertür hinter sich zu.
Sie warteten.
Della nahm einen kleinen Spiegel aus ihrer Tasche und überprüfte ihr Aussehen. »Du solltest ihn nicht so reden lassen.«
Sie drehte den Kopf hin und her. »Mein Gott, ich bekomme schon einen Sonnenbrand.«
»Wie reden?«, fragte Eddie.
»Dieses Wort.«
»Welches Wort?«
»Meine Güte, Eddie, wie er dich eben genannt hat. Hast du nicht zugehört?«
»Meinst du Arschgesicht?« Eddie lächelte. »So reden wir eben. Das hat nichts zu bedeuten.«
»Da, wo ich herkomme, schon.« Della kramte in ihrer Tasche nach der Sonnenmilch. »Wo ich herkomme, ist dieses Wort ein Anlass für Schlägereien.«
»Hängt immer davon ab, wer es sagt.« Eddie zündete sich eine Zigarette an. »Und davon, wie man es sagt. Was man die Nuh-angsen nennt.«
»Na ja, da hast du scheinbar genauer hingehört als ich«, sagte Della. »Alles, was ich gehört habe, war dieses Schimpfwort, mit dem er dich angesprochen hat. Meiner Meinung nach war das nicht besonders nett. Aber das ist eine Sache zwischen euch, also lass mich da raus.«
»Das versuch ich ja«, sagte Eddie. Er zog einen Kamm aus der Gesäßtasche, lockerte seinen Pferdeschwanz und kämmte sich die Haare. Dann legte er das Gummiband wieder an. »So redet man eben unter Kumpeln, das sag ich doch. Du warst vielleicht nie dabei, wenn Typen sich unterhalten, ohne dass Frauen dabei sind.«
»Das wär ja auch kaum möglich. Wenn ich dabei bin.«
»Sag ich doch.«
Sie legte den Spiegel weg und ließ ihre Tasche zuschnappen. »Na ja, ich werde mich jedenfalls deswegen nicht streiten.«
»Ich auch nicht«, sagte Eddie. »Ich mag keine Streits.«
»Hätte ja auch sein können, dass du mich an der Nase herumführst.«
»Tu ich aber nicht. Das kann ich sowieso nicht gut.«
»Vielleicht stimmt das«, entgegnete sie. »Vielleicht aber auch nicht.« Sie kreuzte die Arme und schaute von ihm weg zum Rollover-Pass. Zwei schwarze Männer mit Angelruten standen hinter den hüfthohen Stahlplatten, die den Kanal begrenzten. Sie lachten, schlugen sich auf die Schenkel und tanzten auf der Stelle, als hätte gerade jemand einen guten Witz erzählt.
»Schau dir an, wie sie lachen«, sagte Eddie.
Della gab ein leise Räuspern von sich.
»So hab ich früher auch gelacht«, fuhr Eddie fort. »Wahrscheinlich haben sie sich einen Witz erzählt.«
Della bückte sich, um einen Käfer von ihrem Schuh zu schnippen. »Vielleicht den Witz über das Krokodil und die Prostituierte. Den du nicht erzählen willst, wenn ich dabei bin.«
»Ehrlich, Della. Ich kann es nicht gut vertragen, wenn du so drauf bist.«
»Wie denn?«
»Nichts. Vergiss einfach, dass ich überhaupt was gesagt hab.«
»Gut«, antwortete sie. »Wenn ich es schaffe.«
»Herzlichsten Dank.«
»Gern geschehen.«
Nach kurzer Pause fügte sie hinzu: »Ich will mich sowieso nicht mit jemandem streiten, den ich gerade erst kennengelernt hab.«
»Ich sag dir was«, murmelte Eddie. »Mir kommt es so vor, als ob ich dich schon ewig kenne.«
Della antwortete nicht. Sie kreuzte wieder die Arme und beobachtete die lachenden Schwarzen. Irgendwie stimmte, was er gerade gesagt hatte. War das nicht komisch? Dennoch erklärte sie: »Das tust du aber nicht.«
Eddie zupfte an seinem Ohrring und wartete darauf, dass Ray Bob zurückkam. Es war ihm egal, wie lange es dauerte. In diesem Moment flog die Fliegengittertür auf, und Ray Bob trat mit einem Sixpack Coors heraus. Aus einer Dose trank er schon, die anderen warf er Eddie zu.
»Dieser alte Moody ist ein komischer Kauz. Du wirst es nicht glauben, aber er hat tatsächlich nur ein Bein und ist auf einem Auge blind. Er behauptet, ein Hai hätte sich das Bein geholt. Ein verdammter Hammerhai. Gleich hier draußen.« Ray Bob zeigte mit der Hand an dem Köderladen vorbei auf die sandige Landzunge.
»Diese Hammerhaie sind echt bösartig«, sagte Eddie. »Gar keine Frage. Die sind richtig übel veranlagt. Und außerdem hartnäckig.«
Ray Bob nahm hinter dem Lenkrad Platz und zerdrückte die leere Bierdose in der Hand. »Woher zum Teufel willst du das wissen?«
»Mann, fang bloß keinen Streit an.«
Ray Bob setzte zurück und schlug den Weg über die Brücke Richtung Süden ein. Dabei erzählte er von Moody und seinem Papagei Jim. Er klang richtig aufgeregt.
»Der Papagei ist nach irgendeinem Jungen in einem Piratenbuch benannt, sagt Moody, irgendwas über einen vergrabenen Schatz. Er sagt, hier in der Nähe gibt es auch einen vergrabenen Schatz von einem französischen Piraten mit Namen Feet. John the Feet. Verdammt merkwürdiger Name. Moody hätte den Schatz beinahe gefunden, aber stattdessen war es ein toter Mann in einem Sarg. Der Kerl war ein Jahr vorher vom Friedhof in Galveston verschwunden. Kannst du dir das vorstellen?«
»Ich kann mir fast alles vorstellen«, sagte Eddie. »Wenn du mich fragst, besteht das Leben fast nur aus Überraschungen. Überraschungen und verdammten Nieten,’ne echte Achterbahnfahrt.«
Ray Bob schaute ihm ins Gesicht. »Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen, Kumpel?«
Eddie winkte ab. »Ist nur die Hitze, schätz ich.« Er betrachtete den flachen Sand, der rechts von ihnen vorbeihuschte, die hellbraune Zone, die in vom Wind bewegte Grasbüschel überging. Und die Sanddünen zur Linken zwischen Straße und Strand. Mannomann. Sand, wohin er auch schaute. Er konnte es kaum erwarten.
Wenige Minuten später beugte Della sich nach vorn und zeigte auf ein Schild, das für das »Stingaree Marina & Restaurant« an der Bucht warb.
»Da!«, sagte sie. »Aber nach links, Richtung Strand!« Sie bogen in eine schmale, sandige Gasse ein und kamen an mehreren Häusern mit abblätternder Farbe und Fenstern mit verschlossenen Läden vorbei. Bald danach führte die Straße über eine Lagune mit stehendem Wasser hinweg, an deren Ufern Rohrkolben und Schilf wuchsen. Della zeigte auf das letzte Haus und erklärte, das gehöre LD. Auf hohen, mit Teer zugekleisterten Pfeilern erhob es sich über den grobkörnigen Sandboden. Es stand für sich allein, ein weitläufiges blassrosafarbenes Haus mit einer Veranda, die sich um drei Seiten zog. Ray Bob manövrierte den Wagen zwischen den Pfeilern hindurch auf ein rissiges Stück Beton unter dem Haus.
Er schob den Hebel auf Parken, ließ den Wagen im Leerlauf und trank, am Steuer sitzend, aus einer Dose Coors. Dann steckte er sich eine Zigarette an. Die beiden anderen warteten und beobachteten ihn.
»Was ist los?«, fragte Eddie.
Ray Bob lehnte den Kopf auf die rechte Seite und warf ihm einen schiefen Blick zu. »Eins ist klar, Partner, lange bleib ich hier nicht.«
»Wie lang ist lange?«
»Weiß nicht.« Er schaltete den Motor aus. »Aber ich sag dir Bescheid, wenn’s so weit ist.«
»Ihr Kerle«, warf Della ein. »Ich glaub einfach nicht, dass ihr übers Abhauen redet, wo wir gerade erst angekommen sind.«
Ihre Stimme klang erregt. Sie kletterte aus dem Wagen, griff nach ihrer Nylontasche, öffnete Eddies Tür und packte seinen Arm.
»Jetzt kommt rein, alle beide! Es wird euch gefallen.«
Robbers: Thriller
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