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Die Reifen des Caddy rumpelten über das
Verbindungsstück zwischen Rampe und Straße. Sie verließen die Fähre
und nahmen die mit Schlaglöchern gespickte zweispurige Straße
Richtung Nordosten, die sich längs über den flachen Finger der
Bolivar-Halbinsel erstreckte. Zu beiden Seiten zogen sich
Grasflächen hin. Schlickgras, Fingerhirse und andere Gräser. Auf
der zur Bucht gelegenen Seite schlossen sich Salzmarschen an.
Austernbänke und das Watt lagen im flachen bewegten Wasser. Auf der
Golfseite begannen hinter einem Streifen mit Disteln überwucherter
Felder die flachen runden Dünen und der schmale, von den Gezeiten
abhängige Strand. Bucht und Golf, beide bedrängten diesen dünnen
Streifen Land. Auf ihrer ganzen Länge und Ausdehnung wirkte die
Halbinsel wie ein brüchiger Kompromiss, über den Hurrikans und
Stürme sich in ihrem plötzlichen Wüten von Zeit zu Zeit
hinwegsetzten.
Während ihrer Fahrt
nach Crystal Beach sagte Della immer wieder: »Es ist’ne Art Stadt.
Wir müssen ans andere Ende des Ortes.«
Ansonsten fuhren sie
schweigend unter dem immensen Blau des Himmels mit seinen
knochenfarbenen Wolken, die massiv wie Berge und trotzdem
schwerelos über ihnen schwebten. Sie wurden begleitet von der
spätnachmittäglichen Sonne, die sich im Westen bereits dem Horizont
näherte. Ein riesiger zitronengelber Ball, ohne Umrisse und
erbarmungslos in seiner Hitze. Von all dem überwältigt, näherten
sie sich ihrem Ziel.
Die Vögel waren das
einzig Lebendige in dieser umfassenden Leere. Amseln auf den
Stromleitungen, Amseln auf den Masten. Eisvögel und Tauben, die
paarweise auf den durchhängenden Kabelbögen hockten und sich, von
der Hitze benommen, dort ausruhten. Habichte, die über Grasflächen
glitten, und Reiher über den Feldern, deren krumme Hälse weiß
glänzten.
Nachdem sie eine
Weile schweigend die Landschaft betrachtet hatten, erreichten sie
ein Strandhaus und sandige Straßen, die links und rechts
einmündeten und ihrerseits von Strandhäusern gesäumt wurden. Dann
passierten sie einzelne flache, ramponierte Gebäude, die
unmittelbar an der Straße standen und verschiedene Geschäfte
beherbergten. Überall die gleichen mit Austernschalen bedeckten
Parkplätze voll wild wucherndem Unkraut, überall der
salzig-süßliche Geruch des Verfalls. Als begänne auf diesem mit
Meerwasser getränkten Boden, auf dem Fruchtbarkeit und Tod Hand in
Hand gingen, schon mit dem Aufbau eines Gebäudes gleichzeitig
dessen Niedergang; als müsste dieser Niedergang schon in der
Konstruktion des Hauses seinen Ausdruck finden.
Die sogenannte Stadt
zog sich kilometerweit an der Straße entlang, eine formlose
Ansammlung verwahrloster Geschäfte und Kneipen, die planlos im
Marschland errichtet worden waren. Als hätten sich die Bewohner nie
darauf einigen können, wo ihre Stadt nun eigentlich stehen sollte.
Also stand sie nirgendwo und überall und existierte in Wahrheit
überhaupt nicht, auch wenn sie aus Bequemlichkeit einen Namen
bekommen hatte. Sie kamen an einer Tankstelle vorbei und gelangten
abermals in eine menschenleere Gegend, in der nur einige strandnahe
Holzhäuser aufragten, die auf Pfählen standen, um sie vor der Flut
zu schützen.
»Ich glaube, wir
sind schon zu weit«, sagte Della. »Aber ich war erst einmal
hier.«
»Bist du
sicher?«
»Nein.«
Sie fuhren weiter,
erreichten einen Ort namens Gilchrist und überquerten den
Rollover-Pass, wo das Wasser des Golfs einen Durchbruch geschaffen
hatte, durch den es in die östliche Bucht drang. Die Ufer waren an
dieser Stelle mit Stahlplatten gesichert, um eine weitere Erosion
zu verhindern. Als sie den Graben auf einer flachen Betonbrücke
überquert hatten, kehrten sie um. Ray Bob parkte schließlich vor
einem Köderladen. »Wir sollten mal nach dem Weg
fragen.«
»Ich weiß jetzt, wo
wir sind«, erklärte Della. »Wir müssen bloß auf demselben Weg
zurück.«
»Scheiß drauf, ich
brauch ein Bier.« Er stieg aus.
»Mach keinen Mist,
Partner«, sagte Eddie. »Das ist nicht der richtige Ort
hier.«
»Seh ich so dämlich
aus?«
Eddie kniff ein Auge
zu und kratzte sich am Kinn.
»Mach dir nichts
draus, Arschgesicht.«
Ray Bob schlenderte
auf die Eingangstür zu. Der Köderladen bestand aus einer
fensterlosen Sperrholzhütte, an deren einer Seite geräuschvoll eine
Klimaanlage arbeitete. An die vordere Wand waren metallene
Reklameschilder für Bier und ein mit unbeholfenen Buchstaben
bemaltes Holzschild genagelt, das den Namen des Besitzers verriet:
MOODYS. Weitere bemalte Holzschilder versprachen Snacks, Wasser und
lebende Schlamm-Elritzen. Ray Bob trat ein und schlug die
Fliegengittertür hinter sich zu.
Sie
warteten.
Della nahm einen
kleinen Spiegel aus ihrer Tasche und überprüfte ihr Aussehen. »Du
solltest ihn nicht so reden lassen.«
Sie drehte den Kopf
hin und her. »Mein Gott, ich bekomme schon einen
Sonnenbrand.«
»Wie reden?«, fragte
Eddie.
»Dieses
Wort.«
»Welches
Wort?«
»Meine Güte, Eddie,
wie er dich eben genannt hat. Hast du nicht zugehört?«
»Meinst du
Arschgesicht?« Eddie lächelte. »So reden wir eben. Das hat nichts
zu bedeuten.«
»Da, wo ich
herkomme, schon.« Della kramte in ihrer Tasche nach der
Sonnenmilch. »Wo ich herkomme, ist dieses Wort ein Anlass für
Schlägereien.«
»Hängt immer davon
ab, wer es sagt.« Eddie zündete sich eine Zigarette an. »Und davon,
wie man es sagt. Was man die
Nuh-angsen nennt.«
»Na ja, da hast du
scheinbar genauer hingehört als ich«, sagte Della. »Alles, was ich
gehört habe, war dieses Schimpfwort, mit dem er dich angesprochen
hat. Meiner Meinung nach war das nicht besonders nett. Aber das ist
eine Sache zwischen euch, also lass mich da raus.«
»Das versuch ich
ja«, sagte Eddie. Er zog einen Kamm aus der Gesäßtasche, lockerte
seinen Pferdeschwanz und kämmte sich die Haare. Dann legte er das
Gummiband wieder an. »So redet man eben unter Kumpeln, das sag ich
doch. Du warst vielleicht nie dabei, wenn Typen sich unterhalten,
ohne dass Frauen dabei sind.«
»Das wär ja auch
kaum möglich. Wenn ich dabei bin.«
»Sag ich
doch.«
Sie legte den
Spiegel weg und ließ ihre Tasche zuschnappen. »Na ja, ich werde
mich jedenfalls deswegen nicht streiten.«
»Ich auch nicht«,
sagte Eddie. »Ich mag keine Streits.«
»Hätte ja auch sein
können, dass du mich an der Nase herumführst.«
»Tu ich aber nicht.
Das kann ich sowieso nicht gut.«
»Vielleicht stimmt
das«, entgegnete sie. »Vielleicht aber auch nicht.« Sie kreuzte die
Arme und schaute von ihm weg zum Rollover-Pass. Zwei schwarze
Männer mit Angelruten standen hinter den hüfthohen Stahlplatten,
die den Kanal begrenzten. Sie lachten, schlugen sich auf die
Schenkel und tanzten auf der Stelle, als hätte gerade jemand einen
guten Witz erzählt.
»Schau dir an, wie
sie lachen«, sagte Eddie.
Della gab ein leise
Räuspern von sich.
»So hab ich früher
auch gelacht«, fuhr Eddie fort. »Wahrscheinlich haben sie sich
einen Witz erzählt.«
Della bückte sich,
um einen Käfer von ihrem Schuh zu schnippen. »Vielleicht den Witz
über das Krokodil und die Prostituierte. Den du nicht erzählen
willst, wenn ich dabei bin.«
»Ehrlich, Della. Ich
kann es nicht gut vertragen, wenn du so drauf bist.«
»Wie
denn?«
»Nichts. Vergiss
einfach, dass ich überhaupt was gesagt hab.«
»Gut«, antwortete
sie. »Wenn ich es schaffe.«
»Herzlichsten
Dank.«
»Gern
geschehen.«
Nach kurzer Pause
fügte sie hinzu: »Ich will mich sowieso nicht mit jemandem
streiten, den ich gerade erst kennengelernt hab.«
»Ich sag dir was«,
murmelte Eddie. »Mir kommt es so vor, als ob ich dich schon
ewig kenne.«
Della antwortete
nicht. Sie kreuzte wieder die Arme und beobachtete die lachenden
Schwarzen. Irgendwie stimmte, was er gerade gesagt hatte. War das
nicht komisch? Dennoch erklärte sie: »Das tust du aber
nicht.«
Eddie zupfte an
seinem Ohrring und wartete darauf, dass Ray Bob zurückkam. Es war
ihm egal, wie lange es dauerte. In diesem Moment flog die
Fliegengittertür auf, und Ray Bob trat mit einem Sixpack Coors
heraus. Aus einer Dose trank er schon, die anderen warf er Eddie
zu.
»Dieser alte Moody
ist ein komischer Kauz. Du wirst es nicht glauben, aber er hat
tatsächlich nur ein Bein und ist auf einem Auge blind. Er
behauptet, ein Hai hätte sich das Bein geholt. Ein verdammter
Hammerhai. Gleich hier draußen.« Ray Bob zeigte mit der Hand an dem
Köderladen vorbei auf die sandige Landzunge.
»Diese Hammerhaie
sind echt bösartig«, sagte Eddie. »Gar keine Frage. Die sind
richtig übel veranlagt. Und außerdem hartnäckig.«
Ray Bob nahm hinter
dem Lenkrad Platz und zerdrückte die leere Bierdose in der Hand.
»Woher zum Teufel willst du das wissen?«
»Mann, fang bloß
keinen Streit an.«
Ray Bob setzte
zurück und schlug den Weg über die Brücke Richtung Süden ein. Dabei
erzählte er von Moody und seinem Papagei Jim. Er klang richtig
aufgeregt.
»Der Papagei ist
nach irgendeinem Jungen in einem Piratenbuch benannt, sagt Moody,
irgendwas über einen vergrabenen Schatz. Er sagt, hier in der Nähe
gibt es auch einen vergrabenen Schatz von einem französischen
Piraten mit Namen Feet. John the Feet. Verdammt merkwürdiger Name.
Moody hätte den Schatz beinahe gefunden, aber stattdessen war es
ein toter Mann in einem Sarg. Der Kerl war ein Jahr vorher vom
Friedhof in Galveston verschwunden. Kannst du dir das
vorstellen?«
»Ich kann mir fast
alles vorstellen«, sagte Eddie. »Wenn du mich fragst, besteht das
Leben fast nur aus Überraschungen. Überraschungen und verdammten
Nieten,’ne echte Achterbahnfahrt.«
Ray Bob schaute ihm
ins Gesicht. »Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen,
Kumpel?«
Eddie winkte ab.
»Ist nur die Hitze, schätz ich.« Er betrachtete den flachen Sand,
der rechts von ihnen vorbeihuschte, die hellbraune Zone, die in vom
Wind bewegte Grasbüschel überging. Und die Sanddünen zur Linken
zwischen Straße und Strand. Mannomann. Sand, wohin er auch schaute.
Er konnte es kaum erwarten.
Wenige Minuten
später beugte Della sich nach vorn und zeigte auf ein Schild, das
für das »Stingaree Marina & Restaurant« an der Bucht
warb.
»Da!«, sagte sie.
»Aber nach links, Richtung Strand!« Sie bogen in eine schmale,
sandige Gasse ein und kamen an mehreren Häusern mit abblätternder
Farbe und Fenstern mit verschlossenen Läden vorbei. Bald danach
führte die Straße über eine Lagune mit stehendem Wasser hinweg, an
deren Ufern Rohrkolben und Schilf wuchsen. Della zeigte auf das
letzte Haus und erklärte, das gehöre LD. Auf hohen, mit Teer
zugekleisterten Pfeilern erhob es sich über den grobkörnigen
Sandboden. Es stand für sich allein, ein weitläufiges
blassrosafarbenes Haus mit einer Veranda, die sich um drei Seiten
zog. Ray Bob manövrierte den Wagen zwischen den Pfeilern hindurch
auf ein rissiges Stück Beton unter dem Haus.
Er schob den Hebel
auf Parken, ließ den Wagen im Leerlauf und trank, am Steuer
sitzend, aus einer Dose Coors. Dann steckte er sich eine Zigarette
an. Die beiden anderen warteten und beobachteten ihn.
»Was ist los?«,
fragte Eddie.
Ray Bob lehnte den
Kopf auf die rechte Seite und warf ihm einen schiefen Blick zu.
»Eins ist klar, Partner, lange bleib ich hier nicht.«
»Wie lang ist
lange?«
»Weiß nicht.« Er
schaltete den Motor aus. »Aber ich sag dir Bescheid, wenn’s so weit
ist.«
»Ihr Kerle«, warf
Della ein. »Ich glaub einfach nicht, dass ihr übers Abhauen redet,
wo wir gerade erst angekommen sind.«
Ihre Stimme klang
erregt. Sie kletterte aus dem Wagen, griff nach ihrer Nylontasche,
öffnete Eddies Tür und packte seinen Arm.
»Jetzt kommt rein,
alle beide! Es wird euch gefallen.«