45
 
Als er bei Tagesanbruch von Wassertropfen geweckt wurde, die auf sein Gesicht prasselten, glaubte er zunächst, dass es regnete, doch es war nur der Tau, der sich über ihm in der Krone der Buche gesammelt hatte und von den nachgebenden Blättern herabrieselte. Er hatte sich nachts mit aufgeklappten Verdeck im Caddy hingelegt. Er kletterte vom Rücksitz, vertrat sich die Beine und schaute sich um. Verschlafen stand der Wald vor ihm. Mit seinen gewaltigen Eichen, schwarzen Walnussbäumen und Weißdornsträuchern. Zwischen den Bäumen waberte gespensterhaft der Nebel und hing in dichten Schwaden über einem aufgestauten Tümpel.
Er marschierte den mit Laub bedeckten Pfad zum Ufer hinunter, zwischen Atemknien von Zypressen und kleinen Palmen hindurch, und beugte sich nach unten, um sich das Gesicht zu waschen. Er verspürte einen dumpfen Kopfschmerz, und hinter dem Ohr, wo ihn der Baseballschläger getroffen hatte, prangte eine Beule. Seine linke Schulter fühlte sich steif an. Mit der rechten Hand massierte er Muskeln und Knochen. Dann lief er das ebene Ufer entlang und umkurvte ein Sumpfloch; das flache Wasser trieb dunkel und träge über den tanningetränkten Grund. In seinen schlammigen Ausläufern wuchsen Tupelobäume mitten zwischen Zypressen und Heidesträuchern und an seinen Rändern helle, lavendelfarbene Orchideen, die die feuchte Luft gierig aufsogen. Kurz darauf erreichte er einen Steg aus Planken, der ihn über einen Tümpel zu einer kleinen unbewaldeten Insel führte, die komplett von Dornen- und Weidensträuchern überwuchert war. An ihrem von Schilfrohr gesäumten Ufer erstreckte sich in beide Richtungen ein schmaler Pfad. Er entschied sich für links. Das Gestrüpp durchnässte seinen Stiefel und die Jeans hoch bis zu den Oberschenkeln. Schließlich erreichte er eine Stelle, von der aus er auf eine weite Wasserfläche blickte, silbergrau und ruhig.
Dam B.
So hatte er es jedenfalls immer genannt. Laut Straßenschildern und Landkarten hieß es Steinhagen Reservoir, das war der Name, den die Experten oben in Austin ihm verpasst hatten, um einen der ihren zu ehren. Die Leute aus der Gegend verwendeten allerdings die Militärbezeichnung. Dam B Lake. Eine alte künstliche Stauanlage am Zusammenfluss von Neches und Angelina River, über gefällten Bäumen in einer mit Laubhölzern bestandenen Flussniederung errichtet und zwischen Sandhügeln gelegen, auf denen Terpentinkiefern emporragten. In ihren schlammigen Untiefen, die mit Grundnesseln und Wasserhyazinthen übersät waren, scharwenzelten tellergroße Sonnen- und Steinbarsche herum. Ungefähr vierzig Quadratkilometer Wasserfläche, Tümpel und Sumpflöcher eingeschlossen, und achtzig Kilometer zerklüftetes Ufer. Ein großer See, bis sie im Norden das Samy Rayburn Reservoir errichteten, das zehnmal größer war. Dann folgten im Westen am Trinity River der Lake Livingston und im Osten am Sabine River das Toledo Bend Reservoir, das sogar noch größer war. Sie begruben das fruchtbare Land der Flussniederungen unter ihren aufgestauten Wassermassen. Niederungen, in denen einst wilde Tiere lebten. Texas hatte sich in einen mit öffentlichen Geldern subventionierten Nutzholzbetrieb verwandelt, durchzogen von Staudämmen, die man zu Erholungsgebieten für Wochenendtouristen deklarierte. Das verstand man also unter der optimalen Nutzung der Ressourcen. Ein Ingenieurskorps der US-Armee hatte sich auf Befehl hier ausgetobt, jeder nicht gestaute Fluss stellte eine Beleidigung dar. Währenddessen knobelten die Politiker aus, welcher Park nach wem benannt wurde.
Er blieb dort stehen, bis die Sonne hinter ihm durch die Bäume brach und eine warme Brise die Seeoberfläche kräuselte, dann marschierte er auf dem Pfad wieder Richtung Auto. Als er dort ankam, wartete ein Wildhüter neben dem Wagen und starrte ins Innere.
»Ist das Ihr Fahrzeug?«
Ray Bob nickte.
Der Mann warf einen Blick auf das Klemmbrett in seiner linken Hand. Ein schlanker Mann in den Dreißigern mit spitzer Nase und Koteletten. Hinter ihm parkte ein Pick-up mit einem »Texas Parks & Wildlife«-Aufkleber an der Tür.
»Ihnen ist schon klar, dass Sie sich in einem Naturschutzgebiet befinden?«
Das war eine Feststellung, keine Frage. Der Wildhüter stand auf der Fahrerseite des Caddy, und Ray Bob schlenderte zum hinteren rechten Kotflügel und lehnte sich dagegen. Er nickte erneut. Der Typ sprach wie die Leute im mittleren Westen, wie jemand aus Michigan vielleicht oder Illinois.
»Das hier ist auch kein Campingplatz.«
»Ich hab hier nicht gecampt.«
Der Hüter trat einen Schritt vor und legte seine Hand auf die Motorhaube des Caddy, um zu fühlen, ob sie noch warm war. Nur damit Ray Bob Bescheid wusste.
»Sir, der Eintrittspreis für den Park beträgt zwei Dollar, und der fürs Übernachten neun.« Er hielt das Klemmbrett in die Höhe. »Wie ich sehe, sind Sie für nichts von beidem eingetragen.«
»Ich bin gestern erst spätabends hier angekommen.«, sagte Ray Bob. »Und im Häuschen war keiner, bei dem ich hätte bezahlen können.«
»Es gibt dort ein Schild, auf dem steht, wie man sich nach Feierabend hier anmeldet. Man legt das Geld in einen Umschlag und den Umschlag in einen Kasten. Es gibt dort reichlich Umschläge, Sir.«
Der Typ war vollkommen geschäftsmäßig und würde keinen Zentimeter nachgeben. Wie ein Highschool-Lehrer, der einen Schüler vor sich hatte. Ray Bob musterte ihn, während er spürte, wie in seinem rechten Stiefel der Lauf der Walther über seinen Knöchel scheuerte.
»Ich hatte kein Kleingeld, nur einen Zwanziger.«
Der Wildhüter schüttelte den Kopf, senkte den Blick und stampfte mit einem Stiefelabsatz auf die Erde. Auf diese Weise gab er ihm zu verstehen, dass die Erklärung weder Hand noch Fuß und er diesen Spruch bereits zigmal gehörte hatte. Mit seinem Schweigen wollte er dem Übeltäter die Möglichkeit geben, über die Konsequenzen nachzudenken. Wildhüter in Uniform, mit Amtsgewalt ausgestattet. So was Ähnliches wie ein Cop. Ein wirksames Mittel, jemandem eine Lektion zu erteilen: abzuwarten, bis der andere es mit der Angst bekam.
Ray Bob stützte sich mit dem linken Ellbogen auf dem Kotflügel ab und verharrte dort, den rechten Daumen in seine Gesäßtasche gehakt. In dieser Position spürte er ein Ziehen und Pochen in der Schulter, was er jedoch ignorierte. Denn von dort konnte er sich herunterbeugen, um sich mit einer ungezwungenen Bewegung am Bein zu kratzen, und mit der Pistole wieder aufrichten, bevor der Typ überhaupt kapierte, was los war. Ganz einfach. Sollte allerdings jemand den Schuss hören, hockte er hier in der Falle, es gab nur eine Straße nach draußen. Es sei denn, er suchte mit seiner kaputten Schulter schwimmend das Weite. Oder watete durch den Sumpf und versuchte dabei den Alligatoren und Wasserschlangen aus dem Weg zu gehen. Dann wäre er allerdings zu Fuß unterwegs. Wahrscheinlich würde er es über die Straße probieren. Die Wälder würden den Knall vermutlich sowieso verschlucken. Obwohl es verdammt still war, jetzt, wo keiner von ihnen etwas sagte. Es war nichts zu hören außer dem Rauschen der Bäume, deren Wipfel sich im Wind hin und her wiegten.
Schließlich hob der Wildhüter den Blick und sah Ray Bob mit unbewegtem Gesicht direkt in die Augen, als hätte er lange genug über das Problem nachgedacht und wäre zu einer Entscheidung gekommen. Ray Bob langte nach unten und kratzte sich beiläufig am Knie. In diesem Moment schlug sich der Wildhüter plötzlich mit dem Klemmbrett auf den Oberschenkel und sagte: »Na schön, dieses eine Mal, geschenkt, bezahlen Sie einfach auf dem Weg nach draußen. Aber nicht vergessen.« Das Klemmbrett hin und her schwenkend schlenderte er lässig zum Pick-up und stieg ein, dann setzte er zurück, wendete und brauste auf dem im Schatten der Bäume gelegenen Weg davon.
Ray Bob schaute ihm hinterher, schob die Hand unters Hemd und rieb sich den Bauch. Er hätte den Typen erledigen sollen. Er hätte es verdient gehabt, dieser eingebildete Scheißkerl. Und dumm war er obendrein. Trug nicht mal eine Waffe. Er lauschte dem leisen Brummen des Pick-upmotors, das allmählich zwischen den Bäumen verhallte. Im Dickicht zwitscherte ein Blauhäher, und ein Fisch klatschte auf die Oberfläche des Tümpels zurück. Der Bauch unter seiner Hand fing an zu knurren. Er hatte Hunger.
Als das Motorengeräusch ganz verstummt war, öffnete er den Kofferraum des Caddy und nahm einen Stofffetzen zusammen mit einem Ölkännchen heraus. Dann hockte er sich auf die knorrige Wurzel einer Magnolie, zog das Magazin aus der Walther, entfernte die Munition und ölte und säuberte die Pistole. Dabei dachte er an das Frühstück, das seine Mutter daheim immer zubereitet hatte. Gebutterte Brötchen mit Zuckerrohrsirup, Maisgrütze mit Soße, Spiegeleier, hausgemachter Schweineschinken und Räucherwürstchen. Und dazu eine dampfende Tasse Zichorienkaffee.
Ein Specht sauste über die Lichtung und landete auf einer Gleditschie, wo er die Rinde nach Insekten abzuklopfen begann. Abgesehen von seinem lauten, beharrlichen Pochen herrschte Stille. Ray Bob schloss die Augen und atmete den süßlichen Duft der feuchten Wälder ein, die vom lieblichen Aroma der Geißblätter erfüllte Luft. Er hatte sich noch nie so wohl gefühlt wie hier, umgeben von schwankendem Boden und den saftigen, rauschenden Wäldern, in der Nähe steigender Gewässer, die sich in dieser fruchtbaren Gegend sammelten, weitab von anderen Angehörigen seines Spezies.
Hier war er sicher.
Unter den Menschen nicht.
Eine halbe Stunde später fuhr er unter riesigen Terpentinkiefern und Platanen aus dem Park; goldbraun erstreckte sich der mit Kiefernnadeln bedeckte Waldboden zwischen den knorrigen Stämmen der Bäume. Die warme Luft war vom satten Duft des Kiefernharzes erfüllt. In den Baumwipfeln und Schlingpflanzen hockten Eichhörnchen, und im Gestrüpp darunter Singvögel. Tief im Wald krächzte eine Krähe. Schließlich erreichte er die gepflasterte Abzweigung Richtung Campingplatz, und eine weitere Richtung Bootsanleger. Ein Hinweisschild warnte davor, die Alligatoren zu füttern. Er ließ sich Zeit, rollte gemächlich durch das gesprenkelte Licht der Morgensonne, und als er das Gebäude der Parkverwaltung und das Kassenhäuschen passierte, fuhr er, ohne sie eines Blickes zu würdigen, einfach weiter.
Dort, wo der Highway 190 die Straße des Parks kreuzte, schaltete er die Automatik in den Leerlauf und steckte sich eine Zigarette an. Dann schaute er rechts, Richtung Westen, die Straße hinauf. Fünfundzwanzig Kilometer von hier, hinter einem aufgeschütteten Fahrdamm und dem See lag Woodville; von dort war er letzte Nacht hierhergefahren. Gegen Mitternacht, als er die alte Brücke mit dem Eisengerüst überquert hatte, die über das Flussbett in der Mitte des Sees verlief, hatte er Tyler County verlassen. Und sich seitdem in Jasper County aufgehalten.
Er blieb noch ein Weilchen an der Kreuzung stehen und rauchte. Er blickte den zweispurigen Highway in die andere Richtung hinunter, nach Osten. Ein Straßenschild verkündete, dass es noch siebzehn Kilometer bis Jasper waren. Als er zu Ende geraucht hatte, schnippte er die Zigarette auf den Asphalt, schaltete in den Fahrbetrieb und fuhr an. Er nahm die Abzweigung nach links.
Richtung Heimat.
Robbers: Thriller
titlepage.xhtml
dummy_split_000.html
dummy_split_001.html
dummy_split_002.html
dummy_split_003.html
dummy_split_004.html
dummy_split_005.html
dummy_split_006.html
dummy_split_007.html
dummy_split_008.html
dummy_split_009.html
dummy_split_010.html
dummy_split_011.html
dummy_split_012.html
dummy_split_013.html
dummy_split_014.html
dummy_split_015.html
dummy_split_016.html
dummy_split_017.html
dummy_split_018.html
dummy_split_019.html
dummy_split_020.html
dummy_split_021.html
dummy_split_022.html
dummy_split_023.html
dummy_split_024.html
dummy_split_025.html
dummy_split_026.html
dummy_split_027.html
dummy_split_028.html
dummy_split_029.html
dummy_split_030.html
dummy_split_031.html
dummy_split_032.html
dummy_split_033.html
dummy_split_034.html
dummy_split_035.html
dummy_split_036.html
dummy_split_037.html
dummy_split_038.html
dummy_split_039.html
dummy_split_040.html
dummy_split_041.html
dummy_split_042.html
dummy_split_043.html
dummy_split_044.html
dummy_split_045.html
dummy_split_046.html
dummy_split_047.html
dummy_split_048.html
dummy_split_049.html
dummy_split_050.html
dummy_split_051.html
dummy_split_052.html
dummy_split_053.html
dummy_split_054.html
dummy_split_055.html
dummy_split_056.html
dummy_split_057.html
dummy_split_058.html
dummy_split_059.html
dummy_split_060.html
dummy_split_061.html
dummy_split_062.html
dummy_split_063.html
dummy_split_064.html
dummy_split_065.html
dummy_split_066.html
dummy_split_067.html
dummy_split_068.html
dummy_split_069.html
dummy_split_070.html
dummy_split_071.html
dummy_split_072.html