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Als er bei Tagesanbruch von Wassertropfen geweckt
wurde, die auf sein Gesicht prasselten, glaubte er zunächst, dass
es regnete, doch es war nur der Tau, der sich über ihm in der Krone
der Buche gesammelt hatte und von den nachgebenden Blättern
herabrieselte. Er hatte sich nachts mit aufgeklappten Verdeck im
Caddy hingelegt. Er kletterte vom Rücksitz, vertrat sich die Beine
und schaute sich um. Verschlafen stand der Wald vor ihm. Mit seinen
gewaltigen Eichen, schwarzen Walnussbäumen und Weißdornsträuchern.
Zwischen den Bäumen waberte gespensterhaft der Nebel und hing in
dichten Schwaden über einem aufgestauten Tümpel.
Er marschierte den
mit Laub bedeckten Pfad zum Ufer hinunter, zwischen Atemknien von
Zypressen und kleinen Palmen hindurch, und beugte sich nach unten,
um sich das Gesicht zu waschen. Er verspürte einen dumpfen
Kopfschmerz, und hinter dem Ohr, wo ihn der Baseballschläger
getroffen hatte, prangte eine Beule. Seine linke Schulter fühlte
sich steif an. Mit der rechten Hand massierte er Muskeln und
Knochen. Dann lief er das ebene Ufer entlang und umkurvte ein
Sumpfloch; das flache Wasser trieb dunkel und träge über den
tanningetränkten Grund. In seinen schlammigen Ausläufern wuchsen
Tupelobäume mitten zwischen Zypressen und Heidesträuchern und an
seinen Rändern helle, lavendelfarbene Orchideen, die die feuchte
Luft gierig aufsogen. Kurz darauf erreichte er einen Steg aus
Planken, der ihn über einen Tümpel zu einer kleinen unbewaldeten
Insel führte, die komplett von Dornen- und Weidensträuchern
überwuchert war. An ihrem von Schilfrohr gesäumten Ufer erstreckte
sich in beide Richtungen ein schmaler Pfad. Er entschied sich für
links. Das Gestrüpp durchnässte seinen Stiefel und die Jeans hoch
bis zu den Oberschenkeln. Schließlich erreichte er eine Stelle, von
der aus er auf eine weite Wasserfläche blickte, silbergrau und
ruhig.
Dam B.
So hatte er es
jedenfalls immer genannt. Laut Straßenschildern und Landkarten hieß
es Steinhagen Reservoir, das war der Name, den die Experten oben in
Austin ihm verpasst hatten, um einen der ihren zu ehren. Die Leute
aus der Gegend verwendeten allerdings die Militärbezeichnung. Dam B
Lake. Eine alte künstliche Stauanlage am Zusammenfluss von Neches
und Angelina River, über gefällten Bäumen in einer mit Laubhölzern
bestandenen Flussniederung errichtet und zwischen Sandhügeln
gelegen, auf denen Terpentinkiefern emporragten. In ihren
schlammigen Untiefen, die mit Grundnesseln und Wasserhyazinthen
übersät waren, scharwenzelten tellergroße Sonnen- und Steinbarsche
herum. Ungefähr vierzig Quadratkilometer Wasserfläche, Tümpel und
Sumpflöcher eingeschlossen, und achtzig Kilometer zerklüftetes
Ufer. Ein großer See, bis sie im Norden das Samy Rayburn Reservoir
errichteten, das zehnmal größer war. Dann folgten im Westen am
Trinity River der Lake Livingston und im Osten am Sabine River das
Toledo Bend Reservoir, das sogar noch größer war. Sie begruben das
fruchtbare Land der Flussniederungen unter ihren aufgestauten
Wassermassen. Niederungen, in denen einst wilde Tiere lebten. Texas
hatte sich in einen mit öffentlichen Geldern subventionierten
Nutzholzbetrieb verwandelt, durchzogen von Staudämmen, die man zu
Erholungsgebieten für Wochenendtouristen deklarierte. Das verstand
man also unter der optimalen Nutzung der Ressourcen. Ein
Ingenieurskorps der US-Armee hatte sich auf Befehl hier ausgetobt,
jeder nicht gestaute Fluss stellte eine Beleidigung dar.
Währenddessen knobelten die Politiker aus, welcher Park nach wem
benannt wurde.
Er blieb dort
stehen, bis die Sonne hinter ihm durch die Bäume brach und eine
warme Brise die Seeoberfläche kräuselte, dann marschierte er auf
dem Pfad wieder Richtung Auto. Als er dort ankam, wartete ein
Wildhüter neben dem Wagen und starrte ins Innere.
»Ist das Ihr
Fahrzeug?«
Ray Bob
nickte.
Der Mann warf einen
Blick auf das Klemmbrett in seiner linken Hand. Ein schlanker Mann
in den Dreißigern mit spitzer Nase und Koteletten. Hinter ihm
parkte ein Pick-up mit einem »Texas Parks & Wildlife«-Aufkleber
an der Tür.
»Ihnen ist schon
klar, dass Sie sich in einem Naturschutzgebiet
befinden?«
Das war eine
Feststellung, keine Frage. Der Wildhüter stand auf der Fahrerseite
des Caddy, und Ray Bob schlenderte zum hinteren rechten Kotflügel
und lehnte sich dagegen. Er nickte erneut. Der Typ sprach wie die
Leute im mittleren Westen, wie jemand aus Michigan vielleicht oder
Illinois.
»Das hier ist auch
kein Campingplatz.«
»Ich hab hier nicht
gecampt.«
Der Hüter trat einen
Schritt vor und legte seine Hand auf die Motorhaube des Caddy, um
zu fühlen, ob sie noch warm war. Nur damit Ray Bob Bescheid
wusste.
»Sir, der
Eintrittspreis für den Park beträgt zwei Dollar, und der fürs
Übernachten neun.« Er hielt das Klemmbrett in die Höhe. »Wie ich
sehe, sind Sie für nichts von beidem eingetragen.«
»Ich bin gestern
erst spätabends hier angekommen.«, sagte Ray Bob. »Und im Häuschen
war keiner, bei dem ich hätte bezahlen können.«
»Es gibt dort ein
Schild, auf dem steht, wie man sich nach Feierabend hier anmeldet.
Man legt das Geld in einen Umschlag und den Umschlag in einen
Kasten. Es gibt dort reichlich Umschläge, Sir.«
Der Typ war
vollkommen geschäftsmäßig und würde keinen Zentimeter nachgeben.
Wie ein Highschool-Lehrer, der einen Schüler vor sich hatte. Ray
Bob musterte ihn, während er spürte, wie in seinem rechten Stiefel
der Lauf der Walther über seinen Knöchel scheuerte.
»Ich hatte kein
Kleingeld, nur einen Zwanziger.«
Der Wildhüter
schüttelte den Kopf, senkte den Blick und stampfte mit einem
Stiefelabsatz auf die Erde. Auf diese Weise gab er ihm zu
verstehen, dass die Erklärung weder Hand noch Fuß und er diesen
Spruch bereits zigmal gehörte hatte. Mit seinem Schweigen wollte er
dem Übeltäter die Möglichkeit geben, über die Konsequenzen
nachzudenken. Wildhüter in Uniform, mit Amtsgewalt ausgestattet. So
was Ähnliches wie ein Cop. Ein wirksames Mittel, jemandem eine
Lektion zu erteilen: abzuwarten, bis der andere es mit der Angst
bekam.
Ray Bob stützte sich
mit dem linken Ellbogen auf dem Kotflügel ab und verharrte dort,
den rechten Daumen in seine Gesäßtasche gehakt. In dieser Position
spürte er ein Ziehen und Pochen in der Schulter, was er jedoch
ignorierte. Denn von dort konnte er sich herunterbeugen, um sich
mit einer ungezwungenen Bewegung am Bein zu kratzen, und mit der
Pistole wieder aufrichten, bevor der Typ überhaupt kapierte, was
los war. Ganz einfach. Sollte allerdings jemand den Schuss hören,
hockte er hier in der Falle, es gab nur eine Straße nach draußen.
Es sei denn, er suchte mit seiner kaputten Schulter schwimmend das
Weite. Oder watete durch den Sumpf und versuchte dabei den
Alligatoren und Wasserschlangen aus dem Weg zu gehen. Dann wäre er
allerdings zu Fuß unterwegs. Wahrscheinlich würde er es über die
Straße probieren. Die Wälder würden den Knall vermutlich sowieso
verschlucken. Obwohl es verdammt still war, jetzt, wo keiner von
ihnen etwas sagte. Es war nichts zu hören außer dem Rauschen der
Bäume, deren Wipfel sich im Wind hin und her wiegten.
Schließlich hob der
Wildhüter den Blick und sah Ray Bob mit unbewegtem Gesicht direkt
in die Augen, als hätte er lange genug über das Problem nachgedacht
und wäre zu einer Entscheidung gekommen. Ray Bob langte nach unten
und kratzte sich beiläufig am Knie. In diesem Moment schlug sich
der Wildhüter plötzlich mit dem Klemmbrett auf den Oberschenkel und
sagte: »Na schön, dieses eine Mal, geschenkt, bezahlen Sie einfach
auf dem Weg nach draußen. Aber nicht vergessen.« Das Klemmbrett hin
und her schwenkend schlenderte er lässig zum Pick-up und stieg ein,
dann setzte er zurück, wendete und brauste auf dem im Schatten der
Bäume gelegenen Weg davon.
Ray Bob schaute ihm
hinterher, schob die Hand unters Hemd und rieb sich den Bauch. Er
hätte den Typen erledigen sollen. Er hätte es verdient gehabt,
dieser eingebildete Scheißkerl. Und dumm war er obendrein. Trug
nicht mal eine Waffe. Er lauschte dem leisen Brummen des
Pick-upmotors, das allmählich zwischen den Bäumen verhallte. Im
Dickicht zwitscherte ein Blauhäher, und ein Fisch klatschte auf die
Oberfläche des Tümpels zurück. Der Bauch unter seiner Hand fing an
zu knurren. Er hatte Hunger.
Als das
Motorengeräusch ganz verstummt war, öffnete er den Kofferraum des
Caddy und nahm einen Stofffetzen zusammen mit einem Ölkännchen
heraus. Dann hockte er sich auf die knorrige Wurzel einer Magnolie,
zog das Magazin aus der Walther, entfernte die Munition und ölte
und säuberte die Pistole. Dabei dachte er an das Frühstück, das
seine Mutter daheim immer zubereitet hatte. Gebutterte Brötchen mit
Zuckerrohrsirup, Maisgrütze mit Soße, Spiegeleier, hausgemachter
Schweineschinken und Räucherwürstchen. Und dazu eine dampfende
Tasse Zichorienkaffee.
Ein Specht sauste
über die Lichtung und landete auf einer Gleditschie, wo er die
Rinde nach Insekten abzuklopfen begann. Abgesehen von seinem
lauten, beharrlichen Pochen herrschte Stille. Ray Bob schloss die
Augen und atmete den süßlichen Duft der feuchten Wälder ein, die
vom lieblichen Aroma der Geißblätter erfüllte Luft. Er hatte sich
noch nie so wohl gefühlt wie hier, umgeben von schwankendem Boden
und den saftigen, rauschenden Wäldern, in der Nähe steigender
Gewässer, die sich in dieser fruchtbaren Gegend sammelten, weitab
von anderen Angehörigen seines Spezies.
Hier war er
sicher.
Unter den Menschen
nicht.
Eine halbe Stunde
später fuhr er unter riesigen Terpentinkiefern und Platanen aus dem
Park; goldbraun erstreckte sich der mit Kiefernnadeln bedeckte
Waldboden zwischen den knorrigen Stämmen der Bäume. Die warme Luft
war vom satten Duft des Kiefernharzes erfüllt. In den Baumwipfeln
und Schlingpflanzen hockten Eichhörnchen, und im Gestrüpp darunter
Singvögel. Tief im Wald krächzte eine Krähe. Schließlich erreichte
er die gepflasterte Abzweigung Richtung Campingplatz, und eine
weitere Richtung Bootsanleger. Ein Hinweisschild warnte davor, die
Alligatoren zu füttern. Er ließ sich Zeit, rollte gemächlich durch
das gesprenkelte Licht der Morgensonne, und als er das Gebäude der
Parkverwaltung und das Kassenhäuschen passierte, fuhr er, ohne sie
eines Blickes zu würdigen, einfach weiter.
Dort, wo der Highway
190 die Straße des Parks kreuzte, schaltete er die Automatik in den
Leerlauf und steckte sich eine Zigarette an. Dann schaute er
rechts, Richtung Westen, die Straße hinauf. Fünfundzwanzig
Kilometer von hier, hinter einem aufgeschütteten Fahrdamm und dem
See lag Woodville; von dort war er letzte Nacht hierhergefahren.
Gegen Mitternacht, als er die alte Brücke mit dem Eisengerüst
überquert hatte, die über das Flussbett in der Mitte des Sees
verlief, hatte er Tyler County verlassen. Und sich seitdem in
Jasper County aufgehalten.
Er blieb noch ein
Weilchen an der Kreuzung stehen und rauchte. Er blickte den
zweispurigen Highway in die andere Richtung hinunter, nach Osten.
Ein Straßenschild verkündete, dass es noch siebzehn Kilometer bis
Jasper waren. Als er zu Ende geraucht hatte, schnippte er die
Zigarette auf den Asphalt, schaltete in den Fahrbetrieb und fuhr
an. Er nahm die Abzweigung nach links.
Richtung
Heimat.