41
 
Im Cajun-Restaurant an der South Main in der Nähe des Astrodome gab es fettiges Gumbo und »dreckigen Reis«, der hier besonders dreckig wirkte. Rule nippte an seinem Bier und meinte, er habe keinen Hunger. Er schon, sagte Eastland. Mit einem Stück Baguette wischte er seine Schüssel aus und langte dann nach Rules Teller. Das Fett, erklärte er, schmiere die Herzklappen.
Während er Eastlands Schmatzen lauschte, beobachtete Rule den vorüberziehenden Verkehr; in Chrom und Glas spiegelte sich die Mittagssonne. Bei der Leiche musste es sich um DeReese handeln, es deutete einfach zu vieles darauf hin. Doch irgendetwas schien nicht ins Bild zu passen. Er wusste nicht genau, was. Es war nur so ein Gefühl, das er nicht näher erklären konnte. Er drehte sich wieder um und betrachtete seinen Freund. Eastland sah schlimm aus, doch das machte ihm offensichtlich nichts aus. Er hatte den »dreckigen Reis« ins Gumbo geschüttet und bestreute ihn mit Salz.
»Zufällig habe ich zu Hause eine Flasche Old Crow«, sagte Rule. »Wette angenommen.«
»Ich halte dagegen«, antworte Eastland. Er wischte sich mit der Serviette über sein knallrotes Gesicht und steckte sich eine Zigarette an. »Die Leute unterschätzen den Einfluss der Gene.«
»Werden die Leute bei euch in der Familie eigentlich alt?«
»Nein, bei uns fallen alle mit sechzig tot um.« Er zog an seiner Zigarette und bestellte ein weiteres Bier.
»Dann ist es nur eine Frage der Zeit, Partner.«
»Ich weiß.« Eastland zuckte mit den Schultern.
Wohl kaum, dachte Rule. Er glaubte, dass der Tod unser ständiger Begleiter ist und dass wir ihn bloß nicht beachten. Bis er eines Tages bei uns anklopft, um uns zu holen.
Nach dem Mittagessen setzte er Eastland vor dem Polizeipräsidium ab und erklärte, dass er in der Nähe bleibe und auf den Bericht des Gerichtsmediziners warte. Eastland sagte, er melde sich, sobald er etwas wisse. Das könne nicht lange dauern. Dann knallte er die Tür des Trucks zu und trottete über den Gehweg ins Gebäude.
Tatsächlich dauerte es bis zum späten Nachmittag, bevor Rule etwas hörte. Voller Unruhe schlug er die Zeit tot. Er rief Katie an, sprach ihr auf den Anrufbeantworter: »Hey, hier ist dein alter Herr, ich bin wieder auf Achse. Wegen neulich tut es mir leid. Ich wollte dich nicht unter Druck setzen. Ich schätze, wir haben noch einiges zu bereden. Ruf an, wenn du irgendwas brauchst.« Er zögerte kurz. »Ich würde dir gerne von diesem Traum erzählen, den ich hatte. Ich hab dich lieb.«
Dann legte er auf und fragte sich, ob sie sich von diesem Telefonanruf bedrängt fühlen würde. Wahrscheinlich schon. Doch zu spät. Er konnte ihn nicht wieder rückgängig machen. Passiert ist passiert. Die Zeit fließt lediglich in eine Richtung. Auch wenn sie nur so vorüberrast.
Er fuhr die Main Street hinunter und stoppte an einem 7-Eleven, kaufte eine Dose Hundefutter und steuerte dann den Hermann Park an. Dort gab er Lefty zu fressen und zu trinken und hockte sich in den Schatten, immer noch kribbelig. Ob es sich nun um DeReese handelte oder nicht, er musste nach East Texas hochfahren, um den Rothaarigen abzufangen. Der Bursche machte jetzt vor nichts mehr Halt. Und es konnte nur noch schlimmer werden. Dazu musste man kein Hellseher sein.
Er verfrachtete Lefty in den Truck und fuhr die Westheimer wieder hinaus, wo er einen Buchladen fand, der auf Mystery- und Kriminalromane spezialisiert war. Er stöberte die Regale durch und kaufte schließlich zwei Taschenbücher, eines von James Lee Burke und eines von Walter Mosley. Beide Autoren hatten den Dreh raus, wussten, wie man die Handlung vorantrieb. Als er bezahlte, empfahl ihm der Angestellte irgendwas von Elmore Leonard. Der habe ein gutes Gefühl für Dialoge, sagte er.
»Gewinnt am Schluss der Gute?«
Der Angestellte runzelte die Stirn. »Na ja, bei Leonard lassen sich Gut und Böse kaum auseinanderhalten.«
»Soll vorkommen«, sagte Rule. »Suchen Sie mir zwei Bücher von ihm raus.«
Anschließend betrat er einen Musikdiscounter im Nebengebäude und kaufte eine »Best of«-Kassette von Porter Wagoner. Er saß gerade im Truck und kämpfte mit der Plastikhülle, als das Telefon klingelte.
»Hey, Schatz.«
»Dana«, sagte er.
»Was treibst du so?«
»Ich packe gerade eine ›Best of‹ von Porter Wagoner aus.«
»Das alte Zeug?«
Er konnte hören, wie sie die Nase rümpfte. »Warum versuchst du’s nicht mal mit Vince Gill? Der hat gerade ein neues Album rausgebracht. Wo steckst du überhaupt?«
»In Houston.«
»Und wann kommst du wieder nach Hause?«
»Kann ich momentan nicht sagen«, erwiderte er. »Ich bin gerade an jemandem dran.«
»Wie ein alter Hund. Warum schnüffelst du nicht einfach ein bisschen an mir herum?«
»Weil mich das vielleicht verwirrt, all diese komischen Gerüche.«
»Soso«, schnaubte sie, »was willst du denn damit sagen?«
»Das ist, als würde ich an einem Hydranten schnuppern.«
»Hör auf damit, du Mistkerl.« Nach einer kurzen Pause schnurrte sie: »Rule, mein Schatz, rate mal, was ich gerade anhab.«
Er schwieg. Als sie fragte, ob er noch dran sei, meinte er: »Du machst mich echt fertig.«
Sie kicherte. »Tja, schön wär’s. Ich liege splitternackt im Bett und hab mir gerade die Zehennägel lackiert. Hellrosa. Gefällt dir die Farbe? Außerdem sind meine kleinen Titten ganz prall. Sie brauchen eine kleine Mundmassage.«
Rule stöhnte auf.
»Ich liege hier mit gespreizten Beinen. Und denke nur an dich. Hör mal.«
Er hörte nichts. Dann war sie wieder am Apparat. »Na, was war das?«
»Keine Ahnung«, sagte er.
»Ich habe mich gerade mit dem Hörer zwischen den Beinen gerieben.« Sie senkte ihre Stimme zu einem Flüstern. »Ich bin klitschnass.«
Er beobachtete die Leute, die beim Musikdiscounter aus- und eingingen. Und dachte, mein Gott, sie kommt gleich. Entfesselte Lust, einfach schamlos. Er konnte ihr das abgewöhnen, aber zu welchem Preis. Sie war gut, so viel stand fest. Und sie wusste, was sie tat. Er hatte einen Steifen, der nicht mehr nachließ.
»Natürlich könnte ich mich anziehen«, sagte sie nüchtern, »und nach Houston runterkommen. Aber vorher rasier ich mich noch. Du weißt schon … da unten.«
Rule sagte: »Ich bin hier völlig eingespannt.« Seine Stimme überschlug sich.
»Na ja, vielleicht hatte ich genau das vor, dich irgendwo einzuspannen«, sagte sie. Erneut gab sie ein Schnurren von sich. »Oder du fesselst mich. Was dich eben anmacht, Schatz, du kennst mich.«
»Sicher«, sagte er, »aber ich muss jetzt los. Ich meld mich später.« Er legte auf und rieb sich das Kinn. Mein Gott. Was er auch unternahm, sie ließ nicht locker. Sie war hartnäckig wie Unkraut. Und Unkraut ließ sich nur mitsamt der Wurzel vollständig beseitigen. Er griff nach unten und streichelte durch die Hose hindurch seinen Schwanz. Er war groß und hart wie ein Schienennagel. Einen Moment später klingelte erneut das Telefon. Er ging sofort dran. »Verdammt noch mal, warum schaltest du nicht mal einen Gang runter?«
»Mein Gott, was hab ich denn getan? Hier ist Eastland.«
Rule räusperte sich. »Tut mir leid, Clint. Hast du was für mich?«
»Ja. Das ist nicht dein Junge.«
»Verdammt.« Rule verzog das Gesicht.
»Aber das hier wird dich interessieren«, sagte Eastland, »die beiden sind miteinander verwandt. Der Typ ist hundertprozentig ein Ledoux. Aber Wade Ledoux.«
»Ich fass es nicht«, sagte Rule.
»O ja, und wenn dir das gefällt, wirst du das hier lieben. Wie sich herausstellt, hat er einen Cousin namens DeReese. Ich habe mit einem Kontaktmann drüben in Lafayette telefoniert, der Gemeinde, wo Wade herkommt. Er hatte ein paar zusätzliche Informationen. Er sagt, dass die beiden Burschen einiges auf dem Kerbholz haben, hauptsächlich Einbruchdelikte, Autodiebstahl und so weiter. Zuletzt haben sie auf Bestellung Luxusautos geklaut. Diese teuren Geländewagen, weißt du? Irgendwelche Itaker ausLAund im Osten wollten sie für ihre Kids. Die Geschäfte liefen gut. Doch irgendwann wurden unsere beiden Jungs hochgenommen, und Wade lieferte seinen Cousin ans Messer. DeReese wandert in den Bau, Wade lassen sie laufen. Der Typ ist ein Junkie und weiß, dass er es drinnen nicht schaffen wird. Komisch ist nur, dass DeReese ihm deswegen nicht mal böse ist. Ich hab gehört, dass sie wie Brüder waren.«
»Sehen aus wie Zwillinge«, sagte Rule.
»Genau«, sagte Eastland, »und noch was ist interessant daran. Man hat mir gesagt, das ist durchaus möglich.«
»Du verarschst mich.«
»Nee, mein Mann in Lafayette meint, dass sie am selben Tag im selben Krankenhaus geboren wurden. Nur dass sie in verschiedenen Familien aufgewachsen sind. Sie haben ihre Kindheit als Cousins an einem Nebenlauf in den Sümpfen verbracht. Man munkelt, dass womöglich der Großvater ihr richtiger Vater ist. Das ist doch alles eine große Cajun-Sippe. Die Leute aus dem Sumpf sind auch nicht besser als irgendwelche weißen Hinterwäldler.«
»Das wirft auf jeden Fall alles über den Haufen«, bemerkte Rule. »Weiß dein Mann, wo DeReese sich gerade aufhält?«
»Keine Ahnung. Er meinte, dass die beiden Jungs den Staat verlassen haben, nachdem DeReese auf Bewährung entlassen wurde. Möglicherweise benutzen sie denselben Namen. Oder sie haben ihn getauscht. Früher hat sich immer mal wieder einer für den anderen ausgegeben. Was natürlich eine Frage aufwirft.«
»Und die wäre?«, sagte Rule.
»Woher weißt du, dass DeReese der Mann ist, den du suchst?«
Rule sagte kein Wort, ging noch einmal alles durch. Keine Fingerabdrücke bei der Schießerei mit Abe Krishna oder bei einer der anderen. Nur ein Video. Und DeReese’ Identifikation durch Moline. Das war alles. Mein Gott.
»Ich fass es nicht«, sagte Rule. »Ich schätze, ich hab keine Ahnung.«
Eastland kicherte. »Es geht doch nichts über ein anständiges Rätsel, Partner. Darum verdienen wir auch so einen Haufen Kohle. Hör zu, ich muss los. Die kopflose Leiche im Leichenschauhaus wartet immer noch auf einen Namen. Von ihr weiß ich bloß, dass es sich nicht um einen Ledoux handelt.«
»Woher?«
»Er ist Vietnamese.« Eastland lachte. »Wir bleiben in Kontakt, okay?« Hustend legte er auf.
Rule saß im Führerhaus und trommelte auf das Lenkrad. Eine Minute später wählte er Molines Labornummer. »Du kannst wohl Gedanken lesen«, sagte Moline, »ich wollte dich gerade in diesem Augenblick anrufen.« In seiner Stimme lag ein stolzer Unterton. »Ich habe die Leiche identifiziert.«
»Es ist nicht DeReese«, sagte Rule.
»Ja, stimmt.« Sofort klang Moline eingeschnappt.
»Aber das ist nur die halbe Geschichte«, sagte Rule. Und erzählte ihm den Rest. Dann warf er die Frage auf, die Eastland gestellt hatte. »Bei einer Identifikation aufgrund eines Überwachungsvideos kann man immer danebenliegen«, erklärte Moline mürrisch, und Rule meinte: »So ein Fehler kann passieren. Vielleicht war es DeReese, vielleicht auch nicht. Mich interessiert allerdings, Partner, wieso wir es auf einmal auch noch mit Wade Ledoux zu tun kriegen. Wir wussten nicht mal, dass er überhaupt existiert. Wie konnte das passieren?«
»Tja, Scheiße«, erwiderte Moline. Dann begann er sich zu rechtfertigen und faselte etwas von Computersystemen, NICI, Triple-I, Netzwerken, offiziellen Kanälen, informellen Kontakten und den richtigen Anfragen, um an Informationen und Antworten zu kommen, davon, wie das alles ablief.
»Was du damit sagst, ist, dass du Unterlagen rausgeschickt und in Empfang genommen hast«, entgegnete Rule. »Dass du Antworten auf Fragen gekriegt hast. Das Problem ist nur, dass du die falschen Fragen gestellt hast. Stimmt’s?«
Moline sagte nichts.
»Hab ich mir gedacht«, sagte Rule.
Erneutes Schweigen, an beiden Enden.
Als Moline schließlich das Wort ergriff, tat er das so leise und mit so entrückter Stimme, als wäre er völlig in sich versunken. »Du nimmst mich ganz schön hart ran, Rule. Darum sag ich’s dir geradeheraus. Dana hat sich mit einem Anwalt getroffen. Ich schätze, sie wird jetzt offiziell die Scheidung einreichen. Ich bin jetzt schon mit den Nerven runter, also hör auf, mich unter Druck zu setzen.«
Rule hatte ein Einsehen. »Okay, Moline. Und was wirst du jetzt tun?«
»Ich hab eine Pistole. Wenn ich’s nicht mehr aushalte, mach ich dem ganzen Elend einfach ein Ende.«
»Deinem oder ihrem?«, erkundigte sich Rule in einem ruhigen Tonfall.
»Das ist eigentlich egal«, sagte Moline. »Hab mich noch nicht entschieden.«
»Na schön.« Rule legte eine Pause ein. »Es ist dein Leben, Partner. Du bist selbst dafür verantwortlich. Solange du dich allerdings nicht entschieden hast, vergiss nicht, was ich dir gesagt habe.«
»Was denn?«
»Willige in die Scheidung ein. Sie taugt nichts.«
Er hörte Moline atmen. Dann: »Wie kommt es, dass du so viel über sie weißt, Rule?«
»Ich kenne diese Sorte Frau«, antwortete er. »Mehr muss ich nicht wissen.«
»Und was ist sie für eine?«
»Eine Herzensbrecherin.«
»Ist mir egal.«
»Schön, dass du’s zugibst«, sagte Rule. »Etwas Wahreres hast du den ganzen Tag nicht gesagt. Ich habe genug gehört, Partner, ich muss weiter.«
»Also gut«, erwiderte Moline scharf, »du willst es also nicht mehr hören. Nicht dein Problem, schön. Wo fährst du jetzt hin?«
»Nach Beaumont und dann East Texas. Ich mach einen kleinen Umweg, runter über Galveston und die Bolivar-Halbinsel.«
»Du folgst dem Hinweis auf DeReese.«
»Nenn es eine Ahnung«, erwiderte Rule. »Man kann nie wissen. Ich fahr da durch und schau mich mal um.«
»Und was soll ich inzwischen tun? Ich hab überprüft, ob auf den Matthews-Jungen ein Wagen zugelassen ist. Absolute Fehlanzeige.«
»Sammle alles über Wade Ledoux, was du kriegen kannst. Sämtliche Bilder, die es gibt. Vergleich sie mit den Aufnahmen von DeReese. Und schau dir noch mal diese Videos an, ob du darauf was entdecken kannst.«
»Ist das alles?«
»Nein. Lass die Finger von der Flasche oder werd deine Knarre los. Oder beides.«
Moline blieb stumm. Dann sagte er: »Ich glaub nicht, dass ich das tue, Rule; wahrscheinlich brauch ich sie noch.«
»Vielleicht brauchst du einfach zu viel.«
»Bist du fertig?«
»Lass sie gehen.«
Doch er hatte bereits aufgelegt.
Robbers: Thriller
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