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Im Cajun-Restaurant an der South Main in der Nähe des
Astrodome gab es fettiges Gumbo und »dreckigen Reis«, der hier
besonders dreckig wirkte. Rule nippte an seinem Bier und meinte, er
habe keinen Hunger. Er schon, sagte Eastland. Mit einem Stück
Baguette wischte er seine Schüssel aus und langte dann nach Rules
Teller. Das Fett, erklärte er, schmiere die
Herzklappen.
Während er Eastlands
Schmatzen lauschte, beobachtete Rule den vorüberziehenden Verkehr;
in Chrom und Glas spiegelte sich die Mittagssonne. Bei der Leiche
musste es sich um DeReese handeln, es deutete einfach zu vieles
darauf hin. Doch irgendetwas schien nicht ins Bild zu passen. Er
wusste nicht genau, was. Es war nur so ein Gefühl, das er nicht
näher erklären konnte. Er drehte sich wieder um und betrachtete
seinen Freund. Eastland sah schlimm aus, doch das machte ihm
offensichtlich nichts aus. Er hatte den »dreckigen Reis« ins Gumbo
geschüttet und bestreute ihn mit Salz.
»Zufällig habe ich
zu Hause eine Flasche Old Crow«, sagte Rule. »Wette
angenommen.«
»Ich halte dagegen«,
antworte Eastland. Er wischte sich mit der Serviette über sein
knallrotes Gesicht und steckte sich eine Zigarette an. »Die Leute
unterschätzen den Einfluss der Gene.«
»Werden die Leute
bei euch in der Familie eigentlich alt?«
»Nein, bei uns
fallen alle mit sechzig tot um.« Er zog an seiner Zigarette und
bestellte ein weiteres Bier.
»Dann ist es nur
eine Frage der Zeit, Partner.«
»Ich weiß.« Eastland
zuckte mit den Schultern.
Wohl kaum, dachte
Rule. Er glaubte, dass der Tod unser ständiger Begleiter ist und
dass wir ihn bloß nicht beachten. Bis er eines Tages bei uns
anklopft, um uns zu holen.
Nach dem Mittagessen
setzte er Eastland vor dem Polizeipräsidium ab und erklärte, dass
er in der Nähe bleibe und auf den Bericht des Gerichtsmediziners
warte. Eastland sagte, er melde sich, sobald er etwas wisse. Das
könne nicht lange dauern. Dann knallte er die Tür des Trucks zu und
trottete über den Gehweg ins Gebäude.
Tatsächlich dauerte
es bis zum späten Nachmittag, bevor Rule etwas hörte. Voller Unruhe
schlug er die Zeit tot. Er rief Katie an, sprach ihr auf den
Anrufbeantworter: »Hey, hier ist dein alter Herr, ich bin wieder
auf Achse. Wegen neulich tut es mir leid. Ich wollte dich nicht
unter Druck setzen. Ich schätze, wir haben noch einiges zu bereden.
Ruf an, wenn du irgendwas brauchst.« Er zögerte kurz. »Ich würde
dir gerne von diesem Traum erzählen, den ich hatte. Ich hab dich
lieb.«
Dann legte er auf
und fragte sich, ob sie sich von diesem Telefonanruf bedrängt
fühlen würde. Wahrscheinlich schon. Doch zu spät. Er konnte ihn
nicht wieder rückgängig machen. Passiert ist passiert. Die Zeit
fließt lediglich in eine Richtung. Auch wenn sie nur so
vorüberrast.
Er fuhr die Main
Street hinunter und stoppte an einem 7-Eleven, kaufte eine Dose
Hundefutter und steuerte dann den Hermann Park an. Dort gab er
Lefty zu fressen und zu trinken und hockte sich in den Schatten,
immer noch kribbelig. Ob es sich nun um DeReese handelte oder
nicht, er musste nach East Texas hochfahren, um den Rothaarigen
abzufangen. Der Bursche machte jetzt vor nichts mehr Halt. Und es
konnte nur noch schlimmer werden. Dazu musste man kein Hellseher
sein.
Er verfrachtete
Lefty in den Truck und fuhr die Westheimer wieder hinaus, wo er
einen Buchladen fand, der auf Mystery- und Kriminalromane
spezialisiert war. Er stöberte die Regale durch und kaufte
schließlich zwei Taschenbücher, eines von James Lee Burke und eines
von Walter Mosley. Beide Autoren hatten den Dreh raus, wussten, wie
man die Handlung vorantrieb. Als er bezahlte, empfahl ihm der
Angestellte irgendwas von Elmore Leonard. Der habe ein gutes Gefühl
für Dialoge, sagte er.
»Gewinnt am Schluss
der Gute?«
Der Angestellte
runzelte die Stirn. »Na ja, bei Leonard lassen sich Gut und Böse
kaum auseinanderhalten.«
»Soll vorkommen«,
sagte Rule. »Suchen Sie mir zwei Bücher von ihm raus.«
Anschließend betrat
er einen Musikdiscounter im Nebengebäude und kaufte eine »Best
of«-Kassette von Porter Wagoner. Er saß gerade im Truck und kämpfte
mit der Plastikhülle, als das Telefon klingelte.
»Hey,
Schatz.«
»Dana«, sagte
er.
»Was treibst du
so?«
»Ich packe gerade
eine ›Best of‹ von Porter Wagoner aus.«
»Das alte
Zeug?«
Er konnte hören, wie
sie die Nase rümpfte. »Warum versuchst du’s nicht mal mit Vince
Gill? Der hat gerade ein neues Album rausgebracht. Wo steckst du
überhaupt?«
»In
Houston.«
»Und wann kommst du
wieder nach Hause?«
»Kann ich momentan
nicht sagen«, erwiderte er. »Ich bin gerade an jemandem
dran.«
»Wie ein alter Hund.
Warum schnüffelst du nicht einfach ein bisschen an mir
herum?«
»Weil mich das
vielleicht verwirrt, all diese komischen Gerüche.«
»Soso«, schnaubte
sie, »was willst du denn damit sagen?«
»Das ist, als würde
ich an einem Hydranten schnuppern.«
»Hör auf damit, du
Mistkerl.« Nach einer kurzen Pause schnurrte sie: »Rule, mein
Schatz, rate mal, was ich gerade anhab.«
Er schwieg. Als sie
fragte, ob er noch dran sei, meinte er: »Du machst mich echt
fertig.«
Sie kicherte. »Tja,
schön wär’s. Ich liege splitternackt im Bett und hab mir gerade die
Zehennägel lackiert. Hellrosa. Gefällt dir die Farbe? Außerdem sind
meine kleinen Titten ganz prall. Sie brauchen eine kleine
Mundmassage.«
Rule stöhnte
auf.
»Ich liege hier mit
gespreizten Beinen. Und denke nur an dich. Hör mal.«
Er hörte nichts.
Dann war sie wieder am Apparat. »Na, was war das?«
»Keine Ahnung«,
sagte er.
»Ich habe mich
gerade mit dem Hörer zwischen den Beinen gerieben.« Sie senkte ihre
Stimme zu einem Flüstern. »Ich bin klitschnass.«
Er beobachtete die
Leute, die beim Musikdiscounter aus- und eingingen. Und dachte,
mein Gott, sie kommt gleich. Entfesselte Lust, einfach schamlos. Er
konnte ihr das abgewöhnen, aber zu welchem Preis. Sie war gut, so
viel stand fest. Und sie wusste, was sie tat. Er hatte einen
Steifen, der nicht mehr nachließ.
»Natürlich könnte
ich mich anziehen«, sagte sie nüchtern, »und nach Houston
runterkommen. Aber vorher rasier ich mich noch. Du weißt schon … da
unten.«
Rule sagte: »Ich bin
hier völlig eingespannt.« Seine Stimme überschlug
sich.
»Na ja, vielleicht
hatte ich genau das vor, dich irgendwo einzuspannen«, sagte sie.
Erneut gab sie ein Schnurren von sich. »Oder du fesselst mich. Was
dich eben anmacht, Schatz, du kennst mich.«
»Sicher«, sagte er,
»aber ich muss jetzt los. Ich meld mich später.« Er legte auf und
rieb sich das Kinn. Mein Gott. Was er auch unternahm, sie ließ
nicht locker. Sie war hartnäckig wie Unkraut. Und Unkraut ließ sich
nur mitsamt der Wurzel vollständig beseitigen. Er griff nach unten
und streichelte durch die Hose hindurch seinen Schwanz. Er war groß
und hart wie ein Schienennagel. Einen Moment später klingelte
erneut das Telefon. Er ging sofort dran. »Verdammt noch mal, warum
schaltest du nicht mal einen Gang runter?«
»Mein Gott, was hab
ich denn getan? Hier ist Eastland.«
Rule räusperte sich.
»Tut mir leid, Clint. Hast du was für mich?«
»Ja. Das ist nicht
dein Junge.«
»Verdammt.« Rule
verzog das Gesicht.
»Aber das hier wird
dich interessieren«, sagte Eastland, »die beiden sind miteinander
verwandt. Der Typ ist hundertprozentig ein Ledoux. Aber Wade
Ledoux.«
»Ich fass es nicht«,
sagte Rule.
»O ja, und wenn dir
das gefällt, wirst du das hier lieben. Wie sich herausstellt, hat
er einen Cousin namens DeReese. Ich habe mit einem Kontaktmann
drüben in Lafayette telefoniert, der Gemeinde, wo Wade herkommt. Er
hatte ein paar zusätzliche Informationen. Er sagt, dass die beiden
Burschen einiges auf dem Kerbholz haben, hauptsächlich
Einbruchdelikte, Autodiebstahl und so weiter. Zuletzt haben sie auf
Bestellung Luxusautos geklaut. Diese teuren Geländewagen, weißt du?
Irgendwelche Itaker ausLAund im Osten wollten sie für ihre Kids.
Die Geschäfte liefen gut. Doch irgendwann wurden unsere beiden
Jungs hochgenommen, und Wade lieferte seinen Cousin ans Messer.
DeReese wandert in den Bau, Wade lassen sie laufen. Der Typ ist ein
Junkie und weiß, dass er es drinnen nicht schaffen wird. Komisch
ist nur, dass DeReese ihm deswegen nicht mal böse ist. Ich hab
gehört, dass sie wie Brüder waren.«
»Sehen aus wie
Zwillinge«, sagte Rule.
»Genau«, sagte
Eastland, »und noch was ist interessant daran. Man hat mir gesagt,
das ist durchaus möglich.«
»Du verarschst
mich.«
»Nee, mein Mann in
Lafayette meint, dass sie am selben Tag im selben Krankenhaus
geboren wurden. Nur dass sie in verschiedenen Familien aufgewachsen
sind. Sie haben ihre Kindheit als Cousins an einem Nebenlauf in den
Sümpfen verbracht. Man munkelt, dass womöglich der Großvater ihr
richtiger Vater ist. Das ist doch alles eine große Cajun-Sippe. Die
Leute aus dem Sumpf sind auch nicht besser als irgendwelche weißen
Hinterwäldler.«
»Das wirft auf jeden
Fall alles über den Haufen«, bemerkte Rule. »Weiß dein Mann, wo
DeReese sich gerade aufhält?«
»Keine Ahnung. Er
meinte, dass die beiden Jungs den Staat verlassen haben, nachdem
DeReese auf Bewährung entlassen wurde. Möglicherweise benutzen sie
denselben Namen. Oder sie haben ihn getauscht. Früher hat sich
immer mal wieder einer für den anderen ausgegeben. Was natürlich
eine Frage aufwirft.«
»Und die wäre?«,
sagte Rule.
»Woher weißt du,
dass DeReese der Mann ist, den du suchst?«
Rule sagte kein
Wort, ging noch einmal alles durch. Keine Fingerabdrücke bei der
Schießerei mit Abe Krishna oder bei einer der anderen. Nur ein
Video. Und DeReese’ Identifikation durch Moline. Das war alles.
Mein Gott.
»Ich fass es nicht«,
sagte Rule. »Ich schätze, ich hab keine Ahnung.«
Eastland kicherte.
»Es geht doch nichts über ein anständiges Rätsel, Partner. Darum
verdienen wir auch so einen Haufen Kohle. Hör zu, ich muss los. Die
kopflose Leiche im Leichenschauhaus wartet immer noch auf einen
Namen. Von ihr weiß ich bloß, dass es sich nicht um einen Ledoux
handelt.«
»Woher?«
»Er ist Vietnamese.«
Eastland lachte. »Wir bleiben in Kontakt, okay?« Hustend legte er
auf.
Rule saß im
Führerhaus und trommelte auf das Lenkrad. Eine Minute später wählte
er Molines Labornummer. »Du kannst wohl Gedanken lesen«, sagte
Moline, »ich wollte dich gerade in diesem Augenblick anrufen.« In
seiner Stimme lag ein stolzer Unterton. »Ich habe die Leiche
identifiziert.«
»Es ist nicht
DeReese«, sagte Rule.
»Ja, stimmt.« Sofort
klang Moline eingeschnappt.
»Aber das ist nur
die halbe Geschichte«, sagte Rule. Und erzählte ihm den Rest. Dann
warf er die Frage auf, die Eastland gestellt hatte. »Bei einer
Identifikation aufgrund eines Überwachungsvideos kann man immer
danebenliegen«, erklärte Moline mürrisch, und Rule meinte: »So ein
Fehler kann passieren. Vielleicht war es DeReese, vielleicht auch
nicht. Mich interessiert allerdings, Partner, wieso wir es auf
einmal auch noch mit Wade Ledoux zu tun kriegen. Wir wussten nicht
mal, dass er überhaupt existiert. Wie konnte das
passieren?«
»Tja, Scheiße«,
erwiderte Moline. Dann begann er sich zu rechtfertigen und faselte
etwas von Computersystemen, NICI, Triple-I, Netzwerken, offiziellen
Kanälen, informellen Kontakten und den richtigen Anfragen, um an
Informationen und Antworten zu kommen, davon, wie das alles
ablief.
»Was du damit sagst,
ist, dass du Unterlagen rausgeschickt und in Empfang genommen
hast«, entgegnete Rule. »Dass du Antworten auf Fragen gekriegt
hast. Das Problem ist nur, dass du die falschen Fragen gestellt
hast. Stimmt’s?«
Moline sagte
nichts.
»Hab ich mir
gedacht«, sagte Rule.
Erneutes Schweigen,
an beiden Enden.
Als Moline
schließlich das Wort ergriff, tat er das so leise und mit so
entrückter Stimme, als wäre er völlig in sich versunken. »Du nimmst
mich ganz schön hart ran, Rule. Darum sag ich’s dir geradeheraus.
Dana hat sich mit einem Anwalt getroffen. Ich schätze, sie wird
jetzt offiziell die Scheidung einreichen. Ich bin jetzt schon mit
den Nerven runter, also hör auf, mich unter Druck zu
setzen.«
Rule hatte ein
Einsehen. »Okay, Moline. Und was wirst du jetzt tun?«
»Ich hab eine
Pistole. Wenn ich’s nicht mehr aushalte, mach ich dem ganzen Elend
einfach ein Ende.«
»Deinem oder
ihrem?«, erkundigte sich Rule in einem ruhigen
Tonfall.
»Das ist eigentlich
egal«, sagte Moline. »Hab mich noch nicht
entschieden.«
»Na schön.« Rule
legte eine Pause ein. »Es ist dein Leben, Partner. Du bist selbst
dafür verantwortlich. Solange du dich allerdings nicht entschieden
hast, vergiss nicht, was ich dir gesagt habe.«
»Was
denn?«
»Willige in die
Scheidung ein. Sie taugt nichts.«
Er hörte Moline
atmen. Dann: »Wie kommt es, dass du so viel über sie weißt,
Rule?«
»Ich kenne diese
Sorte Frau«, antwortete er. »Mehr muss ich nicht
wissen.«
»Und was ist sie für
eine?«
»Eine
Herzensbrecherin.«
»Ist mir
egal.«
»Schön, dass du’s
zugibst«, sagte Rule. »Etwas Wahreres hast du den ganzen Tag nicht
gesagt. Ich habe genug gehört, Partner, ich muss
weiter.«
»Also gut«,
erwiderte Moline scharf, »du willst es also nicht mehr hören. Nicht
dein Problem, schön. Wo fährst du jetzt hin?«
»Nach Beaumont und
dann East Texas. Ich mach einen kleinen Umweg, runter über
Galveston und die Bolivar-Halbinsel.«
»Du folgst dem
Hinweis auf DeReese.«
»Nenn es eine
Ahnung«, erwiderte Rule. »Man kann nie wissen. Ich fahr da durch
und schau mich mal um.«
»Und was soll ich
inzwischen tun? Ich hab überprüft, ob auf den Matthews-Jungen ein
Wagen zugelassen ist. Absolute Fehlanzeige.«
»Sammle alles über
Wade Ledoux, was du kriegen kannst. Sämtliche Bilder, die es gibt.
Vergleich sie mit den Aufnahmen von DeReese. Und schau dir noch mal
diese Videos an, ob du darauf was entdecken kannst.«
»Ist das
alles?«
»Nein. Lass die
Finger von der Flasche oder werd deine Knarre los. Oder
beides.«
Moline blieb stumm.
Dann sagte er: »Ich glaub nicht, dass ich das tue, Rule;
wahrscheinlich brauch ich sie noch.«
»Vielleicht brauchst
du einfach zu viel.«
»Bist du
fertig?«
»Lass sie
gehen.«
Doch er hatte
bereits aufgelegt.