Kapitel Neununddreißig
Connie lag die ganze Nacht wach und dachte, was für eine Närrin sie doch gewesen war. Wie hatte sie sich nur so in die Falle locken lassen können? Zunächst hatte sie sich noch für schlau gehalten. Als der Anruf kam, war sie natürlich erst mal in Panik geraten. Es war früh am Morgen gewesen, ein Drohanruf, voller Anspielungen und Forderungen. Jemand sprach mit verstellter Stimme, da war sie sich ganz sicher. Nachdem die Geschichte von Elias’ Tod an die Öffentlichkeit gedrungen war, hatte sie auch schon Drohanrufe bekommen. Die waren boshaft und dumm gewesen, aber nicht so wie der hier. Sie hatten ihr keine Angst gemacht. Damals hatte sie auch Briefe bekommen, die sie am Ende aber verbrannte, ohne sie zu lesen. Die Polizei hatte ihr gesagt, sie solle ihr die Briefe geben: Man könne vielleicht Anzeige gegen die Verfasser erstatten. Aber Connie hatte den Gedanken nicht ertragen, dass ein Fremder sie lesen würde. Der hätte den schrecklichen Anschuldigungen vielleicht noch Glauben geschenkt. Doch dieser Anruf jetzt war schlimmer gewesen als die Drohbriefe, und Connie hatte ihn ernst genommen. Sie wusste, dass sie aus Mallow Cottage verschwinden und sich mit Alice aus dem Staub machen musste. Niemand durfte sehen, dass sie mit der Polizei sprach.
Dann war Veronica gekommen. Natürlich konnte Connie ihr nicht die Wahrheit sagen. Das war undenkbar. Sie konnte dieser respekteinflößenden Frau ja wohl kaum sagen, dass sie vor der Polizei davonlief! Also erzählte sie, die Presse sei ihr auf den Fersen und sie müsse für eine Weile von der Bildfläche verschwinden. Sie hätten sie wieder aufgespürt und mit dem Mord an Jenny Lister in Verbindung gebracht. Und Veronica – die sich doch so feindselig verhalten hatte, die die Frauen im Dorf gegen Connie aufgebracht hatte – bot plötzlich ihre Hilfe an. Sie verstand, dass niemand etwas wissen durfte. Die Boulevardpresse sei skrupellos und verlogen, natürlich. Veronica habe sogar mal gelesen, dass Reporter Mülltonnen durchwühlten und fremde Handys abhörten. Dann sagte sie, sie besitze ein Ferienhaus, nicht weit von hier. Dort könnten Connie und Alice eine Weile bleiben, bis die Polizei den wahren Mörder gefunden habe. Es sei sehr einfach und habe über den Winter leer gestanden, doch es werde seinen Zweck schon erfüllen. Es gebe dort einen Gasofen, und sie könnten noch ein paar Vorräte besorgen. Sie selbst habe als Kind oft dort draußen campiert und es herrlich gefunden.
Sie fuhren mit Connies Wagen zum Supermarkt, um ein paar Lebensmittel einzukaufen. Veronicas Auto konnten sie nicht nehmen, denn darin war kein Kindersitz für Alice. Dann fuhren sie über einen grasüberwachsenen Pfad und kamen zum Bootshaus. Alice war entzückt. Das wäre jedes Kind gewesen.
«Du musst gut aufpassen, mein Schatz, so nah am Wasser», sagte Veronica zu dem kleinen Mädchen; sie war in die Hocke gegangen, sodass ihr Gesicht ganz dicht vor dem von Alice schwebte. «Es ist sehr tief hier, auch am Ufer.»
Dann gingen sie ins Haus und rissen die Fenster auf, um frische Luft hereinzulassen, denn da hatte es noch nicht angefangen zu regnen. In einem weiß lackierten Schrank fand Veronica Bettlaken, die sie zum Lüften über die Verandabrüstung hängten.
Drinnen gab es ein großes Zimmer, in dessen Wände zwei Alkoven eingebaut waren. An der fensterlosen Rückwand befand sich eine winzige holzgetäfelte Kabine mit einem Waschbecken und einer Toilette und einer Kerze, die auf einer Untertasse auf dem Regal stand. Veronica zeigte ihnen, wie der Ofen funktionierte, und sie machten sich Würstchen zu Mittag. Es war Veronicas Idee, Joe Ashworth anzurufen, als Connie ihr zeigte, wie oft er versucht hatte, sie zu erreichen.
«Sie wollen doch nicht, dass die denken, Sie hätten etwas zu verbergen! Wirklich, meine Liebe, ich würde ihn anrufen, sonst fahnden sie noch in der ganzen Grafschaft nach Ihnen.»
Dann fuhr sie mit Connies Wagen davon, sie sagte, sie werde das Auto irgendwo abstellen, wo kein Reporter es finden könne, und in zwei Tagen mit frischen Lebensmitteln wiederkommen. Bis dahin sei ja vielleicht auch der Mörder gefasst und Connie könne ohne Bedenken wieder zurück nach Hause.
Nachdem Veronica weg war, machten sie einen Spaziergang durch den Wald, und Alice fand es einfach fabelhaft. Sie balancierte auf herabgefallenen Ästen herum und pflückte Blumen, die sie später in einem angeschlagenen Emaillekrug auf die Fensterbank stellten. Sie kamen an einer Stelle vorbei, wo kleine, weiße Kieselsteine zu einem Hügel aufgeschichtet waren. Es sah aus wie ein Grabmal, auf das jemand liebevoll ein Sträußchen Schlüsselblumen niedergelegt hatte. Abends schlief Alice im unteren Alkoven sofort ein, und Connie las noch etwas beim Licht einer Petroleumlampe, lauschte dem Regen und stellte sich vor, sie wäre zu Hause im Schuppen ihres Vaters.
Am nächsten Tag regnete es, und Alice war schlecht gelaunt und maulte herum. Einen Fernseher, um ihr die Zeit zu vertreiben, gab es nicht. Connie hätte gern Veronica angerufen, doch der Akku ihres Handys war leer. Sie hatte das Ladegerät zwar dabei, aber natürlich gab es in dem Bootshaus keinen Strom. Auf dem Tisch lag eine Schachtel mit Brettspielen, und sie spielten «Mensch ärgere dich nicht» und «Fang den Hut». Der Regen prasselte aufs Dach, und Alice presste sich die Hände auf die Ohren.
«Ich will nach Hause! Es ist schrecklich hier!»
«Morgen», sagte Connie. «Morgen kommt Tante Veronica, und dann können wir wieder nach Hause. Und vielleicht möchtest du danach ja ein paar Tage zu deinem Daddy fahren.»
Im Bootshaus gab es keinen Kühlschrank, und die frischen Sachen hatten sie alle schon aufgegessen. Connie kochte Nudeln und mischte eine Dose Thunfisch unter. Zum Nachtisch ließ sie Alice einen ganzen Riegel Schokolade essen. Als die Kleine schlief, kletterte Connie in ihr eigenes Bett und legte sich flach auf den Rücken; sie lag lange wach. Sie dachte: Genauso muss es sich anfühlen, wenn man im Gefängnis ist. Allerdings, nahm sie an, gäbe es im Gefängnis bestimmt lauter merkwürdige, angsteinflößende Geräusche. Hier dagegen war es vollkommen still. Schließlich schlief sie ein.
Am nächsten Morgen wachte sie schon in der Dämmerung auf, die Augen voller Schlaf und immer noch müde. Die Vorhänge vor den Fenstern waren ganz fadenscheinig, und selbst von ihrem Alkoven aus sah das Licht irgendwie seltsam aus. Es war, wie wenn man aufwachte und draußen lag Schnee: Das Licht war heller, als es eigentlich sein dürfte. Leise stand sie auf, legte sich die Bettdecke um die Schultern und schaute hinaus. Über Nacht war der Pegel des Sees angestiegen, und das ganze Bootshaus war von Wasser umgeben. Kleine Wellen plätscherten sanft gegen die Veranda. Es war ganz still, und am gegenüberliegenden Ufer spiegelten sich die Bäume klar und ruhig im Wasser.
Sie erkannte sofort, dass sie nicht unmittelbar in Gefahr waren, zu ertrinken, dennoch spürte sie, wie Panik sich in ihrem Magen breitmachte und sie fast aufschreien ließ. Sie sah, wie wunderschön das alles war – das sich spiegelnde Licht, das Bild der Bäume und Hügel im Wasser –, aber das konnte ihre Angst nicht mindern. Die Vorstellung, eingesperrt zu sein, war Wirklichkeit geworden. Sie verstand plötzlich, wie Menschen in einem brennenden Gebäude in eine solche Verzweiflung geraten konnten, dass sie in den sicheren Tod sprangen. Es war nicht die Angst vor den Flammen, dachte sie, sondern davor, in der Falle zu sitzen. Sie selbst konnte nur schlecht schwimmen, doch die Versuchung, aus der Tür zu treten und ins Wasser zu gleiten, war beinahe unwiderstehlich.
Sie hörte ein Geräusch hinter sich, und da entfuhr ihr ein angstvolles Wimmern. Vielleicht war das ja eine Ratte. Sie hatte gehört, dass Ratten bei Überschwemmungen aus ihren Nestern getrieben wurden. Konnten Ratten schwimmen? Aber es war nur Alice, die aus ihrem Bett gekrochen war und nun fröstelnd neben ihr stand. Und jetzt musste Connie ein Abenteuer aus ihrer Notlage machen.
«Ist das nicht aufregend! Fast, als wären wir auf einem Schiff. Wohin sollen wir heute Vormittag segeln?»
Doch ihre Stimme klang selbst in ihren eigenen Ohren verzweifelt. Alice kletterte auf ihren Arm und fing an zu weinen.
Sie hatten gerade gefrühstückt, da hörte Connie den Wagen näher kommen. Sie waren so weit von jeglicher Zivilisation entfernt, ganz versteckt hinter den Bäumen, dass das Geräusch weithin zu hören war und ihr sehr laut vorkam. Gestern noch hätte sie sich Sorgen gemacht, das könnte die Polizei sein. Die fette Kommissarin mit den riesigen Händen und schmutzigen Füßen und den ganzen Fragen. Jetzt wäre sie sogar froh gewesen, Vera Stanhope zu sehen. Aber vielleicht war es ja auch Veronica. Immerhin gehörte das Grundstück ihr. Das Bootshaus musste auch früher schon mal unter Wasser gestanden haben. Sie würde wissen, was zu tun sei. Connie lehnte sich aus dem Fenster und erhaschte durch die Äste einen Blick auf das Auto. Ihr Wagen war das nicht. Es hatte die falsche Farbe, und ihr kleiner Nissan würde es auch gar nicht durch das Wasser schaffen. Aber es konnte trotzdem Veronica sein.
Es war immer noch früh im Jahr, und die Sonne stand noch nicht hoch am Himmel. In diesem Licht war die Gestalt am Ufer nicht mehr als eine Silhouette, die plötzlich vor der alten Gartenmauer auftauchte. Vielleicht war das Auto stecken geblieben, vielleicht hatte der Fahrer auch beschlossen, den Rest des Weges zu Fuß zu gehen. Connie musste die Augen zusammenkneifen, um in der Gestalt überhaupt einen Menschen auszumachen. Einen Schemen mit Regenjacke und Gummistiefeln. Mehr erkannte sie nicht.
Ein kleines Boot, das vorher am Ufer gelegen hatte, trieb jetzt an seinem Seil auf dem Wasser. Der Mann zerrte an dem Seil und zog das Boot zu sich heran. Es ist ein Mann, dachte Connie. Die Bewegungen sahen zu kraftvoll und entschlossen aus, als dass ihr Besucher eine Frau sein könnte.
Sie rief Alice zu: «Schau nur, Schätzchen, jetzt werden wir gerettet.» Und sie winkten beide wie verrückt. Der Mann am Ufer hob bloß die Hand zum Gruß.
Nun hatte er das Boot ans Ufer gezogen und ein Paar Ruder hervorgeholt, die unter dem Sitz verstaut gewesen sein mussten. Er schob das Boot zurück ins Wasser und watete bis zu den Knöcheln selbst hinein, dann kletterte er an Bord.
Er ruderte auf sie zu, drehte immer kleinere Kreise um das Bootshaus. Jetzt befand er sich nicht mehr im Gegenlicht, aber als er nah genug gekommen war, saß er mit dem Rücken zu ihnen, und Connie konnte immer noch nicht sehen, wer es war. Selbst als er sie erreicht hatte und das Seil an einem der Pfosten festmachte, aus denen die Verandabrüstung bestand, erkannte sie ihn noch nicht. Dann war ihre Aufmerksamkeit abgelenkt, sie stopfte all ihre Sachen in eine Tasche und vergewisserte sich, dass Alice bei ihr blieb und nicht zu nah ans Wasser ging.
«Warten Sie bitte einen Augenblick!», rief sie, und ein Teil der Panik kehrte zurück. Auch wenn das lächerlich war, denn ihr Retter würde jetzt doch nicht ohne sie ans Land zurückrudern.
Sie hörte, wie er auf die Veranda des Bootshauses kletterte. Die Holzplanken knarzten und das Wasser platschte, als er sein Gewicht aus dem Boot hievte, dann hörte sie Schritte. Er stand in der Tür, und jetzt sah sie ihn zum ersten Mal richtig und erkannte ihn. Dieses Gesicht hatte sie schon einmal gesehen.