Kapitel Neunzehn

Hannah war gerade mit Geschirrspülen fertig, als die Polizeipsychologin im Haus der Listers eintraf. Vera hatte halbherzig angeboten, den Aufwasch zu erledigen, aber das wollte Hannah nicht. Sie mussten ihr das Gefühl geben, dachte Vera, dass das hier immer noch ihr Haus war. Dass es nicht den fremden Leuten von der Polizei gehörte.

«Was haben Sie jetzt vor, Herzchen? Wollen Sie weiter hier wohnen bleiben?»

Hannah wandte sich von der Spüle ab und schaute verwirrt drein, als würde die Frage keinen Sinn für sie ergeben. Dann klingelte es an der Tür, und da stand die Polizeipsychologin, und obwohl Hannah erkennbar enttäuscht war, dass es nicht Simon war, sah es doch so aus, als wäre sie erleichtert über die Unterbrechung.

Draußen auf dem Bürgersteig holte Vera tief Luft; sie fühlte sich wie eine Entkommene, geradezu als wäre sie aus dem Gefängnis in Durham geflohen. Sie rief Ashworth an. «Wo stecken Sie?»

«Ich gehe noch mal von Haus zu Haus.» Er dämpfte die Stimme. «Die Holzköpfe, die gestern unterwegs waren, haben ein paar Dinge übersehen.»

«Ist was Nützliches dabei?»

«Ich kann jetzt nicht ins Detail gehen.» Vera stellte sich vor, wie er in einem der Häuser hier in der Straße stand. Bestimmt hatte er sich entschuldigt und war aus dem Wohnzimmer getreten, um den Anruf entgegenzunehmen, und jetzt drückte er sich in einen engen Flur, während die Hausbewohner auf der anderen Seite der Tür die Ohren spitzten, um jedes Wort mitzubekommen.

«Geben Sie mir noch eine halbe Stunde», sagte sie. «Ich möchte kurz mit der ehemaligen Sozialarbeiterin reden, die Sie so ins Herz geschlossen haben. Dann will ich Michael Morgan einen Besuch abstatten, und ich will, dass Sie dabei sind. Charlie kann hier weitermachen. Holly habe ich losgeschickt, um mit Lawrence May zu sprechen, dem Kerl, mit dem Jenny zusammen war.»

Auf dem Weg zu Connies Cottage fuhr sie am Haus der Eliots vorbei. Auf der Auffahrt stand ein neuer Wagen, irgendwas Niedriges, Sportliches. Der Herr des Hauses war zurückgekehrt, und das feierte die Familie jetzt mit einem Festessen, während Hannah um ihre Mutter trauerte.

Vera war in den Bergen aufgewachsen, und diese baumbestandenen Dörfer in der Ebene waren ihr nicht geheuer. Sie selbst würde nie so nah am Fluss wohnen wollen; sie dachte an Überschwemmungen, Stechmücken, Krankheiten. Selbst die Lämmer sahen überfüttert und fett aus.

 

Als sie Ashworth dann traf, nach ihrem Gespräch mit Connie, sagte der, er wolle mit seinem eigenen Wagen nach Tynemouth fahren, jenem Städtchen, in dem Morgan wohnte und praktizierte. Es lag meilenweit von Barnard Bridge entfernt, direkt an der Küste. Von dort, meinte er, könne er doch gleich weiter nach Hause fahren. Er habe oft genug bis spät in die Nacht gearbeitet. Seine Frau bringe ihn sonst um. Aber Vera bestand darauf, dass er bei ihr mitfuhr. «Wir können da nicht völlig unvorbereitet hin. Mensch, das hier ist vielleicht unsere heiße Spur. Wir müssen es wenigstens kurz mal durchsprechen.»

«Kann das denn nicht bis morgen früh warten? Dann hätten wir die Möglichkeit, uns richtig auf die Befragung vorzubereiten.»

Aber wie sie da so in der milden Frühlingssonne vor einem Geschäft standen, spürte Vera genau, dass sie nicht noch eine Nacht warten konnte, bis sie sich Morgan vorknöpfte. Das würde sie nicht überleben. Hin und wieder überkam sie ein Hang zur Unbesonnenheit, zum spontanen Handeln. Natürlich wäre es vernünftig, zu warten, die Sache von allen Seiten zu beleuchten, doch sie konnte es einfach nicht.

«Wenn es spät wird, bringe ich Sie nach Hause», sagte sie. «Und morgen früh hole ich Sie wieder ab. Es bricht ja nicht gleich die Welt zusammen, nur weil Sie Ihr Auto über Nacht hier stehen lassen müssen.»

Und dagegen konnte er nichts mehr sagen. Er stieg neben ihr in den Wagen. Sie war sich sicher, dass er genau wie sie darauf brannte, mit Morgan zu sprechen. Er musste nur immer erst die Form wahren und seiner Familie den Vorrang geben.

«Was haben Sie denn nun herausgefunden bei Ihrer Tour von Tür zu Tür?» Vera fand, dass sie eine gute Fahrerin war. Es lag ihr im Blut. Diese kleinen Straßen konnten ganz schön haarig sein, wenn man sie nicht kannte, aber sie konnte sich kein Herumtrödeln leisten. Dann merkte sie, wie Ashworth neben ihr verkrampfte, und nahm den Fuß vom Gaspedal. Es war wichtig, dass er sich konzentrierte. Sie lauschte seinem Bericht über die Unterhaltung mit Jennys Nachbarin.

«Sie glaubt also, Lister hat sich in einen ihrer Schützlinge verknallt?»

«Da war sie sich nicht ganz sicher», sagte Ashworth. «Sie wusste nur, dass es jemand ganz und gar Unpassendes war.»

«Aber sie wird sich das mit dem Schützling doch nicht aus den Fingern gesogen haben!» Vera war jetzt ganz aufgeregt. «Vielleicht hat Jenny ja was gesagt, eine Bemerkung fallen lassen, die Hilda auf den Gedanken gebracht hat. Und das hat sie behalten, auch wenn sie sich an den eigentlichen Wortlaut nicht mehr erinnern kann.»

«Schon möglich.» Vera sah, dass Ashworth dachte, sie würde mal wieder aus einer Mücke einen Elefanten machen. Oft genug war er es, der sie bremste – fast als wäre er ihr Gewissen.

«Connie hat gesagt, dass Jenny sich mit Michael Morgan getroffen hat», sagte Vera. Ihre Stimme blieb ganz ruhig. Sie wollte nicht, dass Ashworth es für eine Überreaktion hielt. «Anscheinend wollte sie den Mann selbst mal in Augenschein nehmen.»

«Sie glauben, dass Lister eine Affäre mit Morgan hatte?» Er klang überrascht und ungläubig.

«Ich bin für jeden Gedanken offen», sagte sie. «Aber wenn der Kerl sie umgebracht hat, dann kriege ich ihn.»

 

Tynemouth war eine hübsche kleine Stadt mit einer breiten Hauptstraße und prächtigen Häusern im georgianischen Stil. Es gab ein Schloss und ein Kloster, beides Ruinen. Man sah Teashops und Läden mit Abendkleidern, und an einer Ecke stand eine umgebaute Kirche, die The Land of Green Ginger hieß und in der es Antiquitäten, Bücher und ausgefallene Kinderkleidung zu kaufen gab. Abends zogen die Bars und Restaurants viele junge Leute an, doch um diese Tageszeit, so früh im Jahr, waren hier vor allem ältere Damen unterwegs und Pärchen in mittlerem Alter, die Hand in Hand einen Schaufensterbummel machten. Die gleiche Klientel, dachte Vera, wie im Willows-Fitness-Club.

Sie fanden Morgans Haus in einer schmalen Straße mit Reihenhäusern, gleich gegenüber der Strandpromenade. Auf einem edlen Messingschild neben der frischgestrichenen Tür stand in dezenten Buchstaben Tynemouth Akupunktur. Offenbar lebte er in der Wohnung im ersten Stock. Das Fenster stand offen, und Musik klang heraus. Wenn man das denn Musik nennen konnte. Irgendwas monoton Elektronisches. Die Praxis war geschlossen.

Vera klingelte, und schließlich hörten sie leichte Schritte auf nacktem Boden. Sie hatte Morgan erwartet, aber die Tür wurde von einer jungen Frau aufgemacht, die fast noch ein Mädchen war. Lange, glatte, dunkle Haare, ein winziges, bedrucktes Kleidchen über Leggins, flache Ballettschuhe. Das Kleidchen war weit und fiel locker, gut möglich, dass es eine frühe Schwangerschaft verdeckte.

«Können wir mit Michael Morgan sprechen?»

Das Mädchen lächelte. «Tut mir leid, er ist gerade beschäftigt, aber ich könnte einen Termin für Sie ausmachen.» Sie sprach, als wäre es eine große Gnade, den Mann sehen zu dürfen. Besser gebildet und nicht so labil wie Mattie, aber ein ähnlicher Typ, urteilte Vera. Zerbrechlich und unbedarft.

«Dann ist er also zu Hause?»

«Michael meditiert gerade», sagte das Mädchen. «Wenn er meditiert, darf er nicht gestört werden.»

«So ein Quatsch.» Vera strahlte sie an. «Wir sind von der Polizei, Herzchen, und ich weiß, dass es ihm ein Vergnügen wäre, uns bei unseren Ermittlungen behilflich zu sein.» Sie bedeutete Ashworth mit einem Nicken, an ihr vorbei die Treppe hochzugehen. «Wie heißen Sie denn eigentlich?»

«Freya.» Jetzt wirkte sie wie ein Schulmädchen. «Freya Adams.»

«Mit Ihnen müssen wir nachher auch noch sprechen. Aber jetzt seien Sie doch ein gutes Kind und verschwinden Sie für ein halbes Stündchen. Kaufen Sie sich eine Limo und eine Tüte Chips, und wir treffen Sie dann wieder hier.» Vera machte die Tür zu und ließ das Mädchen auf dem Bürgersteig stehen. Vielleicht, dachte sie, hätte sie etwas taktvoller sein können. Manchmal verleitete das Adrenalin sie dazu, sich verschmitzter und gewitzter zu geben, als es gut war.

Offenbar hatte man in der Wohnung die Wand zwischen zwei Zimmern eingerissen und so einen langen, schmalen Raum mit Fenstern zu beiden Seiten geschaffen. Das obere Treppenende führte Vera direkt ins Zimmer. Die Böden waren abgeschliffen und versiegelt worden und glänzten honigfarben. Vor den Fenstern hingen dünne Musselinvorhänge und an den Wänden Teppiche in Gold und Safrangelb, die einzigen Möbel waren ein Futon und ein niedriges Tischchen, und eine Wand wurde ganz von Bücherregalen verdeckt. Die Musik kam aus einer Anlage auf einem der Regale. «Kann man das ausschalten?» Es schadete nie, sofort deutlich zu machen, wer hier das Sagen hatte, und dieses permanente Geheule weckte in ihr den Wunsch loszuschreien. Dann war es still.

Morgan und Ashworth standen in ein Gespräch vertieft vor einem Fenster, das auf einen kleinen Garten an der Rückseite des Hauses hinausging. Vera hatte einen feindseligen Empfang erwartet: Sie selbst hätte es tierisch genervt, wenn zwei Fremde einfach so in ihr Haus spaziert wären und sich derart aufgeplustert hätten. Morgan aber wirkte bloß belustigt. In Fleisch und Blut sah er besser aus, als die Fotos sie hatten vermuten lassen: sehr blaue Augen in einem bemerkenswerten Gesicht. Sie hatte die Bilder von ihm in den alten Zeitungen herausgesucht, aber auf der Straße hätte sie ihn doch nicht wiedererkannt; irgendwann nach dem Prozess hatte er sich eine Glatze rasiert und sah jetzt aus wie ein fernöstlicher Mönch – genau der Eindruck, nahm sie an, den er erzeugen wollte. Er kam auf sie zu, streckte ihr die Hand entgegen. «Und Sie sind?»

«Vera Stanhope. Detective Inspector.»

Er trug weite Stoffhosen und ein kragenloses Hemd aus Baumwolle. Die Art Klamotten, auf die ihre Hippie-Nachbarn abfahren würden. Es schoss ihr durch den Kopf, dass dieser Mann durchaus schon einmal auf deren Partys aufgetaucht sein könnte.

«Ich habe Mr Morgan gerade erklärt, wie leid es uns tut, ihn zu stören», sagte Ashworth.

«Und ich habe gesagt, dass ich mit Freuden bereit bin, der Polizei zu helfen, wo immer ich kann.» Morgan lud sie mit einem Nicken ein, sich zu setzen. Der Futon war genauso unbequem, wie Vera geargwöhnt hatte. Er ächzte. Für jemanden von ihrem Gewicht war er ganz bestimmt nicht gemacht, und sie zweifelte daran, dass sie am Ende des Gesprächs ohne Hilfe wieder auf die Füße kommen würde.

«Möchten Sie einen Tee?» Der Mann lächelte sie an. «Ich habe Kamillentee da, Pfefferminz …»

«Wir haben nur ein paar Fragen», sagte Vera. «Wir werden Sie nicht allzu lang aufhalten.»

Wieder lächelte er und setzte sich dann ihnen gegenüber auf den Fußboden. Er bewegte sich fließend, sehr graziös, und ganz gegen ihren Willen kam Vera der Gedanke, dass er beim Sex ziemlich gut sein musste. Der körperliche Aspekt. Machte das einen Teil seiner Anziehungskraft aus? Sie verspürte einen Anflug von Panik, den alten Schmerz, dass die Zeit verflog. Und dann fast schon eine Art Lust.

Alle schwiegen. Ashworth und Morgan warteten darauf, dass sie etwas sagte. Morgan sah sie an, als würde er verstehen, wie unwohl ihr zumute war. Seine blauen Augen waren voller Mitgefühl und schlugen sie in den Bann. Zum Teufel mit ihm! Habe ich sein Mitleid etwa nötig? Kann ja sein, dass ich seinen Körper will, aber das ist was ganz anderes.

«Stimmt es, dass Sie Ihre kleine Freundin geschwängert haben?»

Die Worte waren kaum heraus, da spürte sie, wie Ashworth sich entspannte. Das war genau, was er erwartet hatte, ein Frontalangriff.

«Ich glaube, daran waren wir beide beteiligt. Aber ja, Freya erwartet ein Kind. Wir freuen uns sehr.» Er lächelte breit, und obwohl Vera seine ganze Art zum Kotzen fand, konnte sie den Blick noch immer nicht von seinem Gesicht abwenden.

«Mattie freut sich darüber aber nicht, oder?»

«Was gibt es, Inspector? Weshalb sind Sie hier?» Er klang immer noch locker.

Vera ignorierte die Frage. «Ich verstehe nicht, Mr Morgan, was Sie in Mattie gesehen haben. Ich meine, sie ist ein hübsches Ding, aber intellektuell kann sie Ihnen ja wohl nicht das Wasser reichen. Oder hat Sie gerade das so angezogen? Dass sie Ihnen nie widersprechen würde?»

Morgan runzelte die Stirn. «Sie haben natürlich recht. Es war ein Fehler, dass ich mich mit Mattie eingelassen habe. Das werde ich immer bereuen. Sie war mir verfallen, von mir besessen. Darin habe ich sie wirklich nie bestärkt. Und ich bevorzuge es, wenn meine Freundinnen für sich selbst denken können.» Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, fast, als wollte er Vera herausfordern: Ich bevorzuge jemanden wie Sie. Aber das war natürlich Unsinn. Niemand würde je sie bevorzugen. Morgan wandte sich ab und sagte mit sanfter Stimme: «Ich werde mich an Elias’ Tod immer schuldig fühlen, werde immer denken, dass ich es hätte vorhersehen, dass ich es irgendwie hätte verhindern müssen.»

«Wie sind Sie und Mattie eigentlich zusammengekommen?» Das war Ashworth, weniger angriffslustig als Vera. Er fragte, wie ein Mann einen anderen eben so fragt.

«Ich glaube, am Anfang hat sie mir einfach leidgetan.» Morgan beugte sich vor, die Ellbogen auf den Knien, und demonstrierte erneut, wie biegsam sein Körper war. Vera bemerkte die breiten Schultern unter dem dünnen Baumwollhemd. «Und es ist immer schmeichelhaft, wenn man gebraucht wird. Ich dachte, ich könnte ihr Leben verändern. Das war schrecklich arrogant, das weiß ich jetzt.»

«Wo sind Sie sich das erste Mal begegnet?»

«Das war ganz zufällig. In einem Café in Newcastle. Sie hat nicht genug Geld gehabt, um ihren Kaffee zu bezahlen, und ich habe ihr ein paar Pence gegeben. Sie war wahnsinnig dankbar. Ich hätte sie vor der Peinlichkeit bewahrt, die Zeche prellen zu müssen.» Er blickte mit ernstem Gesicht zu Vera und Joe hoch, wollte, dass sie es verstanden. «Sie besaß eine Schlichtheit, die mir den Atem raubte. Echte innere Schönheit.»

«Aber eine Leuchte war sie ja nicht gerade, oder?», unterbrach ihn Vera. «Ich meine, worüber haben Sie sich denn so unterhalten, an diesen endlosen, langweiligen Abenden in ihrer Wohnung?»

Er schüttelte den Kopf. Ihr Mangel an Feingefühl ließ ihn verzweifeln. «Sie wollte unbedingt was lernen», sagte er. «Ich habe mich schon immer für einen guten Lehrer gehalten – natürlich nicht im herkömmlichen Sinne –, und wenn ich mit ihr über meinen Glauben und meine Ideale gesprochen habe, sind sie auch für mich klarer geworden.»

Egozentrischer Schwachkopf. Vera war froh festzustellen, dass sie sich nicht mehr von ihm angezogen fühlte. Sie sah die braunen Flecken auf seinen Zähnen und ein Haar, das aus einem Muttermal an seinem Nacken wuchs.

«Dabei haben Sie Matties Leben aber ganz schön umgekrempelt, was? Sie haben ihr alles weggenommen, was wichtig für sie war: die Glotze, ihre Freundinnen auf der Straße, den Spaß, wenn sie mit ihrem Kleinen gespielt hat. Sollte sie immer bloß Ihr Versuchskaninchen bleiben? Bei Ihnen einziehen, so wie Ihre kostbare neue Freundin, das hätte sie nie gedurft, nicht wahr? Im Grunde genommen war sie nichts weiter als Ihr Betthäschen.»

Vera begriff jetzt, dass Morgan froh gewesen war, einen Grund dafür zu haben, Mattie zu verlassen und nach Tynemouth zurückzuziehen. Nach Connies Besuch und den Bedenken, die sie zur Sprache gebracht hatte, musste er im Stillen gejubelt haben. Das bot ihm einen Ausweg und ließ seine Fahnenflucht aussehen, als brächte er ein Opfer: Ich gehe deinem Sohn zuliebe.

Mattie hätte besser ihn ertränken sollen anstelle des Jungen, dachte Vera.

Morgan fuhr im gleichen ungerührten Ton fort wie zuvor. «Ich habe nicht begriffen, wie verstört sie war. Nie hätte ich gedacht, dass sie Elias umbringen würde in der Hoffnung, mich wiederzukriegen.»

«Wann ist Jenny Lister bei Ihnen gewesen?», fragte Vera. Freya würde bald zurück sein, und sie wollte sich das Mädchen schnappen, bevor es Gelegenheit hatte, mit Morgan zu reden. Es wurde Zeit, dass sie vorankamen.

Zum ersten Mal hatte er nicht sofort eine Antwort parat.

«Sie ist aber doch bei Ihnen gewesen?»

«Sie ist ein paar Mal hierhergekommen», sagte er. «Ich habe davon gehört, dass sie umgebracht worden ist. Es tut mir sehr leid, dass sie tot ist.»

«Ziemlicher Zufall», sagte Vera. «Der Tod folgt Ihnen auf Schritt und Tritt. Was hat sie von Ihnen gewollt?»

«Sie wollte sich ein Urteil über mich bilden.» Er lächelte dünn. «Hat sie wenigstens gesagt.»

«War das, bevor Sie was mit Freya angefangen hatten, oder danach?» Von irgendwoher spürte Vera einen mächtigen Zorn in sich aufsteigen. Um ein Haar hätte er mich eingewickelt. Das ist ein verdammt schlauer Hundesohn.

«Das erste Mal war noch, bevor Elias ums Leben gekommen ist. Ich denke, sie wollte sichergehen, dass ich keinen Einfluss mehr auf die beiden habe. Was das betraf, konnte ich sie beruhigen.»

«Jenny ist also Ihrem Charme erlegen, hm?»

«Sie hat mir geglaubt. Mein Charme hatte damit gar nichts zu tun.»

«Wann haben Sie sie das letzte Mal gesehen?»

Er schwieg kurz. Unten auf der Straße lachten und johlten ein paar junge Leute und lenkten Veras Aufmerksamkeit einen Augenblick lang von dem Geschehen im Zimmer ab. In der Ferne sah sie Freya kommen.

«Nun? Das war erst vor kurzem, oder? In den letzten zwei Wochen. Mattie Jones hat ihr erzählt, dass Ihre kleine Freundin ein Kind erwartet. Und Jenny wollte Sie warnen, mit ihr nicht die gleichen Spielchen zu spielen wie mit Mattie.»

«Ich spiele keine Spielchen, Inspector.»

«Wann haben Sie sie das letzte Mal gesehen?», rief Vera, und ihre Stimme schien in dem spärlich möblierten Raum widerzuhallen.

Er nickte leicht. «Sie haben ganz recht. Das war vor zehn Tagen, genau eine Woche, bevor Jenny umgebracht worden ist.»

«Und was hat sie von Ihnen gewollt?»

«Sie hat mit Freya gesprochen, die ihr bestätigt hat, dass sie aus freien Stücken hier ist und dass wir uns lieben. Aber ich glaube nicht, dass Sie von der Liebe etwas verstehen, Inspector.»

«Mr Morgan, hatten Sie eine Affäre mit Jenny Lister?»

Er warf den Kopf in den Nacken und lachte.

Vera stand unvermittelt auf, die Wut hatte ihr die Kraft verliehen, von dem Futon hochzukommen.

«Ich will eine Antwort!»

«Natürlich hatten wir keine Affäre, Inspector. Mrs Lister war eine recht hübsche Frau. Aber nicht mein Typ.»

Vera stampfte aus dem Zimmer und überließ es Ashworth, ihr hinterherzukommen oder nicht.