Kapitel Zweiunddreißig
Vera wollte mit Michael Morgan sprechen. Joe Ashworth gegenüber hätte sie es nie zugegeben, doch das letzte Gespräch mit Morgan, als sie einfach so bei ihm hereingeplatzt waren, hatte sie gründlich versaut. Irgendwas an diesem Mann – sein lässiges Körpergefühl, seine vermeintliche Überlegenheit – hatte sie aus der Ruhe gebracht, und dann hatte sie sich verheddert. Morgan liebte solche psychologischen Spielchen. Immerhin verdiente er damit seinen Lebensunterhalt. Er war auf die Leichtgläubigkeit seiner Kunden angewiesen. Aber diesmal würde sie ruhig bleiben. Sie würde ihn mit den Tatsachen konfrontieren und in die Enge treiben.
Sie hatte sich mit Joe in dem Café in Tynemouth verabredet, in das sie mit Freya gegangen waren. Er wartete dort schon auf sie, kritzelte Notizen in sein Filofax und runzelte dabei die Stirn wie ein Schuljunge, der an seinen Hausarbeiten zu knabbern hat. Vera bestellte sich Kaffee und ein gewaltiges Stück Schokoladenkuchen. Sie kam fast um vor Hunger.
«Was haben Sie aus den Shaws herausbekommen?»
«Danny war tatsächlich im Willows an dem Morgen, an dem Jenny Lister ums Leben gekommen ist.»
«So, so, war er das?» Vera wusste nicht recht, ob das eine gute Nachricht war oder ob es alles nur noch komplizierter machte. «Dann hat er vielleicht gesehen, was passiert ist, selbst wenn er nicht mitgemacht hat.»
«Ich habe Shaw nach Greenhough gefragt.»
«Und?» Vera blickte abrupt von ihrem Kuchen auf. Irgendwas an diesem Ort ließ sie einfach nicht los.
«Christopher Eliot stand wohl kurz davor, es als Baugrund zu verkaufen, aber der Handel ist dann doch nicht zustande gekommen. Ich hatte den Eindruck, dass Veronica ihr Veto eingelegt hat.»
«Ich frage mich, wieso sie so daran hängt. An einem verwilderten Garten und ein paar Statuen. Einem Bootshaus. Wenn Patrick dort ums Leben gekommen wäre und nicht in Barnard Bridge, könnte man es ja verstehen.» Vera merkte, dass sie zu sich selbst sprach, und wandte sich wieder an Ashworth. «Noch nichts Neues von Connie?» Sie wusste, dass er unablässig an das Verschwinden der jungen Frau dachte.
«Ich habe das Auto zur Fahndung ausgeschrieben. Wenn sie bis heute Abend nicht wieder zu Hause ist, sollten wir an die Öffentlichkeit gehen, finde ich, und die Presse einschalten. Wenn sie bloß etwas Freiraum gebraucht hätte, hätte sie uns doch gesagt, wo sie hinfährt. Sie ist doch nicht dumm.»
«Ihnen ist schon klar», sagte Vera, «dass es Leute gibt, die ihr Verschwinden als Beweis dafür ansehen werden, dass sie schuldig ist. Wenn Sie sich an die Medien wenden, machen die ein Ungeheuer aus ihr, das den Tod von Elias Jones auf dem Gewissen hat, und eine mehrfache Mörderin. Ihr Bild wird in allen Zeitungen sein und im Fernsehen. Genau was sie sich wünscht, bevor ihre Kleine in die Schule kommt. Niemals.»
«Halten Sie sie denn für eine Mörderin?»
«Nein.» Vera hatte sich gerade das letzte bisschen Kuchen in den Mund gestopft, und als sie sprach, sprühten die Krümel in alle Richtungen. «Ich glaube, sie hat Angst. Und zwar nicht nur vor der Presse. Irgendjemand hat ihr gesagt, sie sollte besser von der Bildfläche verschwinden.»
«Es könnte aber auch was Schlimmeres dahinterstecken.»
«Glauben Sie, jemand hat sie umgebracht, um sie zum Schweigen zu bringen?» Vera leckte sich die Finger an, um die Krümel von ihrem Teller und vom Tisch aufzupicken. «Möglich wär’s. Aber wenn sie tot ist, können wir auch nichts mehr für sie tun, und die Presse wäre da alles andere als hilfreich.» Sie hielt inne. «Was weiß sie, dass sie auf keinen Fall mit uns reden darf?»
«Sie könnte den Kerl wiedererkennen, der am Tag von Jenny Listers Tod bei ihr am Cottage aufgetaucht ist. Schließlich wollten wir ihr heute Vormittag Fotos von allen männlichen Verdächtigen zeigen.»
«Aye», sagte Vera. «Kann sein. Aber wenn der Kerl nicht gewollt hat, dass jemand weiß, dass er die Eliots besucht, hätte er sich doch nicht bei einer Fremden nach dem Weg erkundigt. Und das gilt auch, wenn er derjenige war, der Jennys Tasche weggeschmissen hat.» Sie nahm an, dass der Kerl ein Vertreter gewesen war. Wenn Morgan bei ihrem Cottage aufgetaucht wäre, hätte Connie ihn doch sicherlich erkannt. Unter keinen Umständen hätte sie ihn auf einen Tee eingeladen. Aber andererseits hätte selbst Vera ihn mit seinem neuen Haarschnitt nicht wiedererkannt.
«Sie meinen also, irgendwas in Zusammenhang mit dem Elias-Jones-Fall hat ihr solche Angst gemacht, dass sie abgehauen ist?» Es war klar, dass Joe nicht lockerlassen würde.
«Was uns wieder zu Michael Morgan bringt, finden Sie nicht? Wenn wir Connie mal aus dem Spiel lassen, ist er von allen, die mit dem Tod von Elias Jones zu tun hatten, der Einzige, der unser Mörder sein könnte. Mattie Jones war im Krankenhaus. Für den Augenblick sollten wir uns also auf ihn konzentrieren. Danach fahren wir wieder nach Barnard Bridge. Dann ist Schlafenszeit für die Kleine. Wenn sie dann noch nicht zurück sind, können wir anfangen, uns Sorgen zu machen.»
Sie blickte Ashworth an und merkte, dass sie womöglich herzlos geklungen hatte. Er konnte ziemlich sentimental werden, vor allem, wenn es um Frauen und Kinder ging. Aber er nickte, um zu zeigen, dass er einverstanden war.
«Also», sagte sie. «Morgan. Ich habe mich gefragt, ob wir ihn besser mit aufs Revier nehmen sollten.»
«Liegt denn genug gegen ihn vor, dass wir das können?»
«Ich rede ja nicht davon, ihn zu verhaften», grinste sie. «Wir laden ihn ein, das ist alles. Er ist doch ein rechtschaffenes Mitglied der Gesellschaft. Ich bin mir sicher, dass es ihm eine Freude sein wird, uns zu helfen. Und auf unserem Hoheitsgebiet wird er sich nicht so wohlfühlen. Was meinen Sie?» In der Regel waren solche Fragen rein rhetorisch, aber diesmal wollte Vera wirklich wissen, was Ashworth davon hielt.
«Ich weiß nicht so recht.»
«Na los, Joey. Spucken Sie’s aus! Sie dürfen auch anderer Meinung sein. Wenigstens ab und zu mal.»
«Er ist ziemlich gut in diesen Spielchen, oder? Nachdem der Junge ums Leben gekommen ist, wurde er auch befragt. Ein Verhör auf dem Revier ist nichts Neues für ihn. Wahrscheinlich schüchtert es ihn nicht mal sonderlich ein. Er wird dafür sorgen, dass sein Anwalt dabei ist.»
«Und was schlagen Sie stattdessen vor?» Sie hörte selbst, wie gereizt sie klang. Es mag ja einfach sein, meine Ideen in der Luft zu zerpflücken. Aber ein eigener Vorschlag wäre dann schon ganz nett.
«Was halten Sie davon, wenn wir mit ihm in sein Büro im Willows fahren? Das wird ihm lästig sein, er muss noch mal raus, obwohl er doch gerade seinen Tee trinken will. Wenn wir ihn abholen, können wir uns in der Wohnung noch kurz umsehen, ob da was auf Connie oder die Kleine hindeutet. Sein Büro ist ein neutraler Ort, aber ihn wird es verunsichern. Ich weiß, dass er dort keine Akten aufbewahrt, aber wir könnten ja andeuten, dass es einen bestimmten Grund gibt, weshalb wir es uns mal ansehen wollen. Dann schicken wir ihn mit dem Taxi nach Hause und sind …»
«… fast schon in Barnard Bridge, um vor Feierabend noch mal bei Connies Cottage vorbeizuschauen.» Vera grinste. «Wissen Sie was, alter Knabe, ich scheine Ihnen ja doch schon ein paar Dinge beigebracht zu haben!»
Sie beschloss, Morgan vorher anzurufen, um ihm zu sagen, dass sie ihn abholen würden. Das wäre offizieller, als wenn sie einfach vor seiner Tür auftauchten. Und wenn Vera unten bei ihm auf der Straße stand und von ihrem Handy aus anrief, würde sie sehen, wenn er oder Freya plötzlich mit Connie und deren Tochter aus dem Haus käme. Obwohl sie sich das nicht vorstellen konnte. Morgan mochte ja ein mieser Gauner sein, aber um die beiden bei sich zu Hause zu verstecken, war er zu schlau.
Es brachte ihn ziemlich durcheinander, dass sie darauf bestand, ins Willows zu fahren. «Ist das denn wirklich nötig, Inspector? Da gibt es rein gar nichts zu sehen.»
«Wir können natürlich jederzeit einen Durchsuchungsbeschluss erwirken, Mr Morgan, wenn Ihnen das lieber ist. Das könnte allerdings ein paar Stunden dauern, und ich will Sie doch nicht mitten in der Nacht aus dem Bett scheuchen.»
Er war allein in der Wohnung. Freya war nicht da. Als Ashworth nach ihr fragte, sagte Morgan, sie sei mit ein paar Freunden ins Kino gegangen. Er versuchte, so zu tun, als würde er sich für sie freuen, aber für Vera klang es, als wäre er eingeschnappt. Sie fragte, ob sie das Bad benutzen dürfe, und sah sich im Rest der Wohnung flüchtig um. Ihr Blick fiel noch einmal auf den Futon. Als würde man auf einer Hartfaserplatte schlafen, dachte Vera. Alles war sehr sauber und ordentlich, nicht mal eine Maus hätte sich irgendwo verstecken können. Die Handtücher im Badezimmer waren akkurat zusammengelegt, der Spiegel glänzte. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Morgan seinen Teil zum Putzen beitrug, und fragte sich, ob Freya das machte oder ob sie eine Putzfrau hatten. Wenn es Freya war, würde die sicher bald fahnenflüchtig werden, ohne dass sich noch jemand von außen einmischen musste.
Auf der Fahrt zum Willows herrschte eisernes Schweigen. Das war Veras Idee gewesen. Morgan redete gern. Es gab ihm das Gefühl, die Kontrolle zu haben. Einmal, als sie gerade auf die A69 fuhren, versuchte er, ein Gespräch in Gang zu bringen. «Gibt es irgendwelche Fortschritte, Inspector?»
Aber Vera drehte sich zu ihm um und unterbrach ihn, noch bevor er den Satz beendet hatte. «Damit warten wir besser, bis wir uns richtig unterhalten können, ja?»
Sie spürte, wie der Mann, der hinter ihr saß, immer angespannter wurde. Beim Willows sorgten sie dafür, dass er zwischen ihnen ging, nicht, weil sie glaubten, er würde versuchen abzuhauen, sondern um ihm das Gefühl zu geben, er sei ein Verdächtiger. Er benutzte seine Chipkarte, um in den nicht-öffentlichen Bereich zu gelangen, und dann noch einmal, um das kleine Zimmer aufzusperren, in dem er seine Patienten empfing.
«Nennen Sie sie so?», fragte Vera. Sie saßen einander an einem kleinen Couchtisch gegenüber. An einer Wand stand eine hohe Liege, aber das Gespräch über die Krankengeschichten fand vermutlich stets in diesen Sesseln statt. Vera hatte sich den Sessel ausgesucht, von dem sie annahm, dass er sonst da saß. «Patienten? Haben Sie denn eine medizinische Ausbildung?»
«Die Ausbildung zum Akupunkteur ist langwierig und hart.» Er war fest entschlossen, sich nicht provozieren zu lassen, doch es fiel ihm schwer, den lockeren, belustigten Ton beizubehalten, den er Vera gegenüber beim letzten Mal angeschlagen hatte. Es war ein Anflug von Missmut zu erkennen, über den sie am liebsten gejubelt hätte.
«Ein Arzt sind Sie aber nicht?»
«Die westliche Medizin kennt nicht alle Antworten, Inspector.»
«Sie haben doch bestimmt gehört, was mit Danny Shaw passiert ist.» Sie wechselte das Thema so unvermittelt, dass Morgan blinzelte. Für Ashworth gab es keinen Sessel mehr, deshalb lehnte er sich gegen die Tür und blockierte den Fluchtweg. «Sicher haben Sie das. Ich weiß, Sie haben keinen Fernseher, aber es hat doch bestimmt in dieser Schlaumeierzeitung gestanden, die Sie lesen. Ganz sicher. Ein zweiter Mord in Verbindung mit dem Willows. Auf so was stürzt sich die Presse.»
«Das ist eine traurige Geschichte», sagte Morgan, «aber ich kann nicht erkennen, weshalb Sie glauben, dass es etwas mit mir zu tun haben könnte.»
«Sie waren eng mit Danny befreundet», giftete Vera ihn an. «Das sagt zumindest seine Mutter …»
«Das ist doch ein wenig übertrieben.»
«Er hat Sie bewundert», fuhr Vera fort, als hätte er sie gar nicht unterbrochen. «Hat Ihren Elan bewundert und die Art, wie Sie die Dinge anpacken, die Sie durchsetzen wollen. Muss schmeichelhaft für Sie gewesen sein, dass ein so aufgeweckter Kerl wie Danny Ihnen an den Lippen hängt.»
Und ganz gegen seinen Willen entschlüpfte Morgan ein kleines Lächeln. Selbst hier, unter Beobachtung der beiden Kriminaler, konnte er seine Selbstzufriedenheit nicht verbergen. «Wir hatten ein paar interessante Gespräche. Wie Sie schon sagten, er war sehr aufgeweckt. Wenn man an einem Ort wie dem hier arbeitet, sehnt man sich schon mal nach intelligenten Gesprächspartnern.»
«Aber sicher», sagte Vera. Sie musste sich auf die Zunge beißen, um nicht zu fragen, ob er deshalb was mit Mattie und Freya angefangen hatte. Wegen der tiefgründigen Gespräche. «Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?»
«Nachmittags, an dem Tag, bevor er ums Leben gekommen ist», sagte Morgan. «Da muss es gewesen sein.»
«Erzählen Sie mir davon.» Dieser Sessel war sehr bequem, bequemer als alles, was in Morgans Wohnung so herumstand. Vera musste sich zwingen, konzentriert zu bleiben. Auf einmal dachte sie, wie leicht es wäre, hier einzunicken.
«Wir haben uns zum Kaffeetrinken in der Lounge getroffen. Das haben wir an den meisten Tagen getan, an denen unsere Arbeitszeiten zusammengefallen sind.»
«Wie hat Danny auf Sie gewirkt?» Sie rutschte auf dem Sessel ein bisschen nach vorn und saß jetzt aufrechter.
Morgan nahm sich Zeit für die Antwort, und das ließ Vera plötzlich hellwach werden. Dachte er sich etwa gerade eine Geschichte aus? Das würde bedeuten, dass er etwas zu verbergen hatte.
«Er kam mir irgendwie unruhig vor», sagte Morgan schließlich.
«Auf welche Weise unruhig?» Sie beugte sich nach vorn, die Ellbogen auf den Knien, und sah ihm direkt ins Gesicht.
«Sie wissen schon, angespannt, aufgedreht. Vielleicht hatte er auch nur zu viel Kaffee getrunken. Gut möglich, dass weiter nichts dahintersteckte.»
«Mr Morgan, Sie sind es gewohnt, die körperlichen Signale Ihrer Mitmenschen zu deuten. So verdienen Sie Ihren Lebensunterhalt, so bringen Sie unglückliche Menschen dazu, Ihnen zu vertrauen. Menschen wie Lisa, die hier arbeitet. Menschen, die sich Ihre Honorare nicht wirklich leisten können. Und dann bringen Sie Ihre Patienten dazu, Ihnen alles zu erzählen. Ich will ganz genau wissen, welchen Eindruck Sie an jenem Nachmittag von Danny hatten. Und was er gesagt hat, jedes Wort.»
Morgans Büro war sehr klein, und es gab kein Fenster. Ein schwach würziger Duft lag in dem Raum, Räucherstäbchen vielleicht oder Duftkerzen. Doch jetzt konnte Vera riechen, dass der Mann, der so dicht vor ihr saß, Angst hatte.
«Wie ich schon sagte, er war aufgedreht», sagte Morgan. Er wich ihrem Blick aus. «Überdreht. Zuerst habe ich an Drogen gedacht, aber ich glaube, es war bloß Adrenalin.»
«Und was hat er gesagt?»
«Nichts Besonderes. Wirklich. Nichts, was Ihnen helfen könnte, seinen Mörder zu finden.»
«Ich glaube wirklich nicht, dass Sie dazu befähigt sind, das zu beurteilen.» Veras Stimme wurde immer lauter, bis sie das Zimmer ausfüllte.
«Er hat Fragen gestellt», sagte Morgan. «Über Jenny Lister und die Rolle, die sie im Elias-Jones-Fall gespielt hat. ‹Du hast sie doch gekannt. Wie war sie so? War sie wirklich so etepetete und selbstgerecht, wie es in den Zeitungen hieß?› Genaugenommen war es ziemlich geschmacklos. Ich hätte nicht gedacht, dass Danny auf solchen Klatsch was geben würde.»
«Hat Danny Ihnen erzählt, dass er Jenny einmal begegnet ist? Dass Jennys Tochter seine große Liebe war? Dass er Jenny die Schuld daran gegeben hat, dass Hannah sich von ihm getrennt hat?» Vera hatte diesen Gedanken vorher noch nicht in Worte gefasst, aber sie war sich sicher, dass er stimmte. Und das gab Danny ein Mordmotiv.
«Nein», sagte Morgan. «Davon hat er mir rein gar nichts erzählt.» Seine Stimme war ruhig und beherrscht.
«Aber Sie sind nicht überrascht.»
«Nein, das überrascht mich nicht. Sein Interesse an dem Mord an Jenny Lister klang nach mehr als der bloßen Lüsternheit eines Voyeurs. Ich hatte den Eindruck, dass es um was Persönliches ging.»
«Glauben Sie, dass er sie umgebracht hat?»
Es herrschte Schweigen. Morgan sah sie an, sagte aber nichts.
«Das muss Ihnen doch durch den Kopf gegangen sein. Bei all den Fragen.» Wieder wartete Vera darauf, dass er antwortete. Schließlich hob Morgan zu sprechen an.
«Er könnte es schon getan haben. Ja, er war so außer sich, dass er es getan haben könnte.»
Das musstest du jetzt ja sagen, dachte Vera. Was solltest du sonst sagen, wenn du sie umgebracht hast?
Morgan sah sich im Raum um, wie ein Schauspieler, dachte Vera, der nach einem besonders dramatischen Augenblick auf Applaus wartete. Nun, diese Befriedigung würde sie ihm nicht verschaffen. In unverändertem Ton fuhr sie mit der Befragung fort. «Erinnern Sie sich an weitere Einzelheiten aus dem Gespräch mit Danny an dem Tag, bevor er ums Leben gekommen ist?»
Morgan runzelte die Stirn. «Er hat dann angefangen, über Freundschaft zu reden. Darüber, wie viel ihm unsere Freundschaft bedeutet. Er meinte, er hätte in Bristol eine Menge Leute kennengelernt, aber keinen, bei dem er sich so geben könnte, wie er ist. An der Uni würden die Leute ein solches Getue machen. Ich hätte mich wohl geschmeichelt fühlen sollen, aber ich wollte bloß noch nach Hause und habe gar nicht mehr richtig hingehört. Ich fürchte, ich habe ihm das Wort abgeschnitten und gesagt, ich müsse los. Jetzt komme ich mir deswegen ganz schön mies vor. Hätte ich ihm besser zugehört und wäre ihm ein echter Freund gewesen, dann hätte sein Tod vielleicht verhindert werden können.»
Vera gestattete es ihm, einen Moment in selbstgefälligem Gram zurückzublicken, ehe sie weitersprach. «Sie haben uns nicht gesagt, dass Sie und Freya im Hotel waren an dem Vormittag, an dem Jenny Lister erdrosselt worden ist.»
Das war das Letzte, was er erwartet hätte, und als sie seinen Gesichtsausdruck sah, hätte sie am liebsten gesungen.
Sie fuhr fort: «Ich weiß ja, dass Sie keine besonders hohe Meinung von der Polizei haben, Mr Morgan, aber es muss Ihnen doch klar gewesen sein, dass wir das rausfinden.»
«Freya hat an einem Gymnastikkurs für schwangere Frauen teilgenommen.»
«Wie nett.» Sie blickte ihn an, wartete darauf, dass er weiterredete, und verlor schließlich die Geduld. «Und Sie, Mr Morgan? Was haben Sie so gemacht?»
«Ich war hier», sagte er. «In diesem Zimmer hier. Habe Papierkram erledigt.»
«Warum haben Sie uns das nicht schon früher erzählt?»
«Weil Sie nicht danach gefragt haben, Inspector.»
Als sie zurück zum Auto gingen, wollte Vera mit Joe über das Gespräch reden. Sie fand, dass sie es nahezu perfekt hinbekommen und sich bemerkenswert gut zurückgehalten hatte, und das wollte sie gewürdigt wissen. Aber er hatte schon sein Handy eingeschaltet und hielt es sich ans Ohr, um die entgangenen Anrufe abzuhören.
«Und?», fragte sie, als er das Handy schließlich wieder in die Tasche steckte.
«Ein Anruf von der Spurensicherung. In dem Feuer im Garten der Shaws haben sie noch ein paar Fetzen Papier gefunden, die nicht verbrannt sind. Haben sich gedacht, dass uns das interessieren könnte. Sie meinen, es ist Jenny Listers Handschrift.»
«Ihr Notizbuch», sagte Vera, während ihre Gedanken in alle Richtungen gleichzeitig schossen. «Vielleicht das Konzept von dem Zeugs, das sie über Mattie Jones schreiben wollte.»
«Sie haben es abgetippt und schicken es uns per Mail.»
«Und sonst?» Denn Ashworth sah angespannt und besorgt aus und gar nicht begeistert, wie er es nach der Nachricht der Spurensicherung doch hätte sein müssen.
«Ein Anruf von Connie Masters. Sie sagt, es geht ihr gut und sie ist nur für ein paar Tage weggefahren.»
«Na dann», sagte Vera. «Das ist doch gut, oder? Saudumm, dass wir ihr die Fotos nicht zeigen können, aber wenigstens wissen wir jetzt, dass sie in Sicherheit ist.»
«Ich weiß nicht so recht.» Er blieb am Auto stehen und blickte zurück zum Hotel. Es dämmerte bereits, und alle Lichter waren eingeschaltet. «Sie klingt so komisch. Ich möchte, dass Sie sich das mal anhören.»