Kapitel Elf

Ashworth saß in Connie Masters’ Cottage. Es war düster und trostlos, vollgestellt mit gebrauchten Möbeln. Obwohl schon später Vormittag war, brannte in der Ecke noch die Stehlampe. Und der Teppich hätte eine gründliche Reinigung vertragen können. Joe und seine Frau richteten ihr Haus mit Möbeln von IKEA oder, wenn sie es sich mal leisten konnten, Habitat ein, mit hellem Holz und viel Licht und vereinzelten Farbtupfern.

Ihm ging noch immer die morgendliche Besprechung durch den Kopf. Nachdem sie den Fall Elias Jones diskutiert hatten, waren sie den Bericht des Gerichtsmediziners durchgegangen und hatten eine Liste der möglichen Verdächtigen im Willows erstellt. Vera fand es interessant, auf welche Weise Jenny stranguliert worden war. «Eine dünne Schnur. Clever. In Badehosen oder einem Badeanzug ist nicht viel Platz, um eine Mordwaffe zu verstecken, aber die Schnur kann man in einer Faust zusammenrollen, und kein Mensch bemerkt etwas. Das macht es zu einem vorsätzlichen Mord, nicht wahr? Und der Mörder muss gewusst haben, dass Jenny nach dem Schwimmen immer ins Dampfbad geht. Vielleicht war er schon drin und hat auf sie gewartet.» Dann hielt sie inne und schlug sich mit der Hand gegen die Stirn, eine ihrer theatralischen Gesten, die Joe vermuten ließ, dass sie das, was jetzt kam, von Anfang an in Betracht gezogen hatte. «Was ist mit den Nylonschnüren, die die Angestellten um den Hals tragen, für die Namensschilder? Könnte Jenny mit so was ermordet worden sein? Können wir da ein Muster kriegen, zum Vergleichen?» Aber jetzt, in dem düsteren Cottage, versuchte Joe, die Besprechung in den Hintergrund zu drängen und sich auf die Situation selbst zu konzentrieren.

Er hatte Connie allein zu Hause angetroffen; ihre Tochter war offenbar in der Spielgruppe im Gemeindesaal. «Ich habe nur eine halbe Stunde Zeit», sagte sie, kaum dass er sich vorgestellt hatte. «Dann muss ich los und Alice abholen.» Abwehrend, nicht wirklich willens, ihn hereinzulassen.

Aber dann hatte sie ihn doch hereingebeten, und jetzt saßen sie zusammen und tranken Kaffee. Sie sah müde aus, grau. Ashworth hatte ein paar leere Weinflaschen auf der Küchenbank erspäht und fragte sich, ob sie wohl trank.

«Wollen Sie mir etwa erzählen, dass es ein bloßer Zufall ist?», fragte er. «Dass Sie rein zufällig hier eingezogen sind, gleich um die Ecke von Mrs Lister?»

Normalerweise vermied er es, bei Befragungen allzu aggressiv vorzugehen. Das war nicht seine Art, und außerdem meinte er, bessere Ergebnisse zu erzielen, wenn er es ruhig und verständnisvoll anging. Aber in dem Fall hier verlor er immer wieder die Geduld, erst mit Danny, dem Studenten, der beim Putzen aushalf, und jetzt mit dieser Frau. Wenn er sie ansah, fiel es ihm schwer, die Bilder von der Leiche des ertränkten Elias Jones aus dem Kopf zu verbannen. Sie hatte den Mord nicht begangen, aber sie hatte zugelassen, dass er geschah.

Sie blickte zu ihm hoch, sein Tonfall kränkte sie. «Jawohl, genau das will ich. Ich habe nicht einmal gewusst, dass sie hier im Dorf wohnt.»

«Sie haben sechs Jahre lang mit der Frau zusammengearbeitet und nicht gewusst, wo sie wohnt?» Er versuchte gar nicht erst, das ungläubige Erstaunen in seiner Stimme zu unterdrücken, und die Frage kam schroff heraus, barsch.

«Schauen Sie, ich komme aus der Stadt.» Connie blickte ihn über den Rand ihrer Kaffeetasse hinweg an und stellte sie dann vor sich auf den Tisch, ehe sie fortfuhr. «Ich bin in London aufgewachsen und zum Studium nach Newcastle gegangen. Ich habe erst in einer Wohnung in Heaton gewohnt, und als wir dann geheiratet haben, sind wir in ein kleines Haus in West Jesmond gezogen. Ich habe nur gewusst, dass Jenny irgendwo in Northumberland in der Pampa wohnt. Bei den seltenen Gelegenheiten, wenn wir was zusammen unternommen haben – wenn das Team abends mal zusammen weggegangen ist, so was in der Art –, dann war das in der Stadt. Woher sollte ich wissen, dass sie in Barnard Bridge wohnt? Wissen Sie etwa, wo Ihre Chefin wohnt?»

Das war eine rhetorische Frage, doch Ashworth beantwortete sie im Stillen. Aber hallo, und ob! So oft, wie ich ihren Hintern da schon abgesetzt habe, weil sie zu betrunken zum Fahren war? Und immerhin bestellt sie mich jederzeit zu sich, um über einen Fall zu sprechen.

«Sie glauben doch nicht etwa, ich hätte sie umgebracht?»

Ashworth hatte den Eindruck, dass Connie das tatsächlich erst jetzt in den Sinn gekommen war. Der Gedanke verjagte ihre Niedergeschlagenheit und den Kater. Nun starrte sie ihn an, hellwach und entsetzt.

«Es gibt Leute, die könnten denken, dass Sie ein Motiv haben. Wenn Jenny nicht gewesen wäre, hätten Sie noch einen Job. Sie würden nicht hier festsitzen und von der Fürsorge leben und sich von allen beschimpfen lassen müssen.»

«O nein!» Connie stand auf, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. «Das habe ich mir schon selbst zuzuschreiben. Wenn ich meinen Job gut gemacht hätte, wenn ich Elias’ Lehrerin nur einmal angerufen oder mir die Mühe gemacht hätte, abends dort vorbeizuschauen, um ihn zu sehen, dann hätte ich meine Arbeit noch und mein Bild wäre nicht in allen Zeitungen gewesen. Ich habe Elias nicht umgebracht. Das war seine Mutter. Und Jenny Lister ist nicht schuld an meinem Rausschmiss. Meine berufliche Zukunft habe ich mir schon ganz allein versaut.»

«Sie hätte Ihnen aber doch ein bisschen mehr Rückendeckung geben können, die Geschichte etwas drehen, um Sie aus der Schusslinie zu bekommen.»

Connie lächelte, und zum ersten Mal fiel ihm auf, dass sie eine attraktive Frau war. «Nein», sagte sie, «das hätte sie nicht. Das war nicht Jennys Art.»

«Wo waren Sie gestern Morgen?» Ihre Geschichte überzeugte ihn allmählich, aber das würde er ihr nicht zeigen.

«Um wie viel Uhr?»

«Etwa zwischen acht und halb zwölf.»

«Bis um neun war ich hier, dann habe ich Alice zur Spielgruppe gebracht. Die fängt um Viertel nach neun an. Ich habe sie zum Gemeindesaal gefahren und dort abgesetzt, dann bin ich eine Stunde nach Hexham gefahren. Ich wollte mir was Gutes tun, habe einen Schaufensterbummel gemacht und einen schönen Kaffee getrunken. Ist nicht ganz dasselbe wie ein Ausflug nach Newcastle, aber mehr habe ich in der Zeit nicht geschafft. Es war ein schöner Tag, deshalb bin ich mit dem Auto hierher zurückgekommen und zu Fuß ins Dorf gegangen, um Alice abzuholen.»

Ashworth schaute hinaus und sah, dass der Regen aufgehört hatte. Der Himmel – jedenfalls das, was man durch die tropfenden Bäume davon erkennen konnte – hellte sich auf. «Wo haben Sie in Hexham geparkt?»

«Neben dem großen Supermarkt, gleich hinter dem Bahnhof.»

«Ich nehme mal nicht an, dass Sie den Parkschein aufgehoben haben?»

«Ich habe überhaupt keinen Parkschein gezogen!» Jetzt wurde sie langsam sauer, und so gefiel sie ihm besser: angriffslustig, bereit, für sich zu kämpfen, und nicht mehr so teilnahmslos. «Da kann man kostenlos parken, auch wenn man ein Stück in die Stadt laufen muss. Ich spare mir den Parkschein und leiste mir stattdessen einen Kaffee. So muss ich jetzt eben rechnen, wo ich von der Fürsorge und dem kläglichen Unterhalt lebe, den mein Mann für seine Tochter zahlt.»

«Haben Sie jemanden getroffen, den Sie kennen?»

«Ich kenne niemanden hier draußen.»

«Sehen Sie», fuhr Ashworth seelenruhig und überlegt fort, «Jenny Listers Leiche wurde im Fitness-Club des Willows gefunden. Das liegt etwa auf halber Strecke zwischen hier und Hexham. Gar nicht weit weg. Wenn Sie in die Stadt gefahren sind, sind Sie daran vorbeigekommen. Ist das wieder nur ein Zufall?»

«Ja, Sergeant», sagte sie. «Das ist wieder nur ein Zufall.» Sie schwieg kurz. «Ich bin ein paar Mal im Willows gewesen. Wenn man da im Restaurant isst, kann man das Schwimmbad benutzen. Das war zu den alten Zeiten, als ich noch verheiratet war, bevor wir Alice bekamen, als eine Fahrt aufs Land an einem Sommerabend eine schöne Abwechslung war.» Sie stand auf, und Ashworth dachte, sie wollte die Befragung damit beenden, doch sie ging nur in die Küche und holte die Kaffeekanne. Ohne zu fragen, füllte sie seinen Becher nach und schenkte sich selbst noch mal ein. Er hätte gern Milch und Zucker gehabt, aber das hatte sie ihm nicht angeboten, und er fragte nicht danach.

«Erzählen Sie mir von Jenny», sagte er. «Was für eine Frau war sie?»

«Tüchtig», sagte sie. «Rechtschaffen. In sich gekehrt.»

«Haben Sie sie gemocht?»

Darüber dachte Connie nach. «Ich habe sie bewundert», sagte sie. «Man wusste nie, ob man sie mag oder nicht, denn sie hat nie jemanden nah genug an sich herangelassen. Zumindest niemanden von der Arbeit. Das war wohl ihre Überlebenstechnik. Es gibt Leute bei der Sozialarbeit, die machen es genau andersherum: Alle ihre Freunde haben den gleichen Beruf und können den Stress und die Frustration nachempfinden. Jenny hat immer gesagt, sie will die Arbeit an der Bürotür zurücklassen. Vielleicht hat sie ja deshalb so weit weg vom Büro gewohnt.» Sie machte eine kleine Pause, bevor sie fortfuhr. «Jenny war immer überzeugt, dass sie recht hatte. Immer. Sie hat sich die Argumente der anderen zwar angehört, aber sobald sie sich einmal ihre Meinung gebildet hatte, war sie nicht mehr umzustimmen.»

Das erinnerte Ashworth an einige seiner Kollegen. Und auch bei der Polizei gab es genug Leute, die den Beruf und das Privatleben nicht miteinander vermischen wollten. Die meisten seiner Freunde waren Polizisten, und das machte es einfacher, weil sie die Witze verstanden und die Anspannung mit einem teilten, aber es gab Beamte, die nichts mehr von der Arbeit wissen wollten, sobald die Schicht vorbei war. Das isolierte sie ein wenig, machte sie zu Außenseitern im Team. War Jenny auch so gewesen: distanziert und von oben herab?

«Hat sie je von ihrer Familie gesprochen?»

«Ich habe gewusst, dass sie eine Tochter hat, aber nur, weil Jenny ein Bild von dem Mädchen auf ihrem Schreibtisch stehen hatte und ich sie danach gefragt habe. Und als mich mein Mann verlassen hat, hat Jenny gesagt, ihr wäre das Gleiche passiert, als ihre Tochter noch ganz klein war. Aber das war alles.»

«Sie können sich also nicht vorstellen, wer sie hätte ermorden wollen?»

«Oh, ich bin mir sicher, dass sie Drohungen bekommen hat», sagte Connie leichthin, «im Laufe der Jahre. Die haben wir alle bekommen.»

«Was wollen Sie damit sagen?»

Sie sah ihn an, als wäre er begriffsstutzig. «Es war Teil unserer Arbeit, Kinder aus ihren Familien zu nehmen, in der Regel gegen deren Willen. Natürlich gab es Leute, die uns hassten. Wir haben ihre Fähigkeiten als Eltern in Frage gestellt, sind in ihre Wohnungen eingedrungen und haben sie vor den Nachbarn unfähig oder grausam aussehen lassen. Was glauben Sie denn, wie die darauf reagiert haben? Oft sind sie gewalttätig oder ausfällig geworden.» Sie hielt einen Augenblick inne. «Aber ob ich glaube, dass einer von Jennys Schützlingen sie umgebracht hat? Ganz sicher nicht. Die meisten von denen kriegen ihr Leben nicht in den Griff, weswegen ihre Kinder ja auch in Gefahr sind. Einen solchen Mord könnten die gar nicht planen. Die kämen nicht mal bis zum Willows, geschweige denn, dass sie sich irgendwie in den Fitness-Club einschmuggeln könnten. Ich habe keine Ahnung, wer Jenny Lister umgebracht hat, aber es würde mich schon sehr überraschen, wenn es irgendwas damit zu tun hätte, dass sie Sozialarbeiterin war.»

Sie räumte die Kaffeebecher zusammen und brachte sie in die Küche, dann kam sie zurück in das kleine Wohnzimmer und zog sich Straßenschuhe an. Ashworth folgte ihr nach draußen. Er war sich nicht sicher, ob es gesund war, auf diesem feuchten Grundstück so nah am Wasser zu wohnen. Der Garten war völlig überwuchert. In einer Ecke schoss der Rhabarber aus dem Boden, und inmitten des Rasens wuchs Schöllkraut. «Glauben Sie, dass Sie hier länger wohnen bleiben?» Das konnte er sich nicht vorstellen. Wie sie schon gesagt hatte, sie war eher ein Stadtmensch.

«Du lieber Himmel, nein!» Sie schnitt eine Grimasse. «Ich musste nur unbedingt den Zeitungsleuten entkommen, und Frank, mein Ex, kennt die Eigentümer. Aber ich glaube nicht, dass ich den nächsten Winter hier überstehen würde.»

An dem kleinen Tor, das ganz grün und moosig war, blieb sie kurz stehen.

«Da war ein Fremder im Dorf», sagte sie. «Gestern Nachmittag. Gleich nach dem Mittagessen. Das ist wahrscheinlich nicht wichtig. Er wollte nicht zu Jenny.»

«Warum erzählen Sie es mir nicht trotzdem?»

Sie sah auf ihre Uhr, um sich zu vergewissern, dass sie noch ein paar Minuten Zeit hatte.

«Es war irgendwie komisch. Nach dem Essen sind wir nach draußen gegangen – zum ersten Mal war es so richtig schön –, und da war er. Alice hat ihn auf der Brücke entdeckt. Er hat gesagt, er wäre mit dem Bus da. Er wollte zu Veronica Eliot. Sie wohnt in dem großen weißen Haus gleich da vorn an der Kreuzung. Ich habe ihm gesagt, dass sie, als ich daran vorbeigegangen bin, nicht da war. Dann habe ich ihm vorgeschlagen, hier zu warten, und ihm einen Tee angeboten.»

«Warum haben Sie das gemacht?» Ashworth hielt auch im günstigsten Fall nichts davon, Risiken einzugehen. Und bei einer allein lebenden Frau war es doch reiner Wahnsinn, einen Fremden ins Haus zu bitten.

«Ich weiß auch nicht. Ich war einsam. Seit die Leute das mit Elias herausgefunden haben, behandeln sie mich hier wie eine Aussätzige. Ich wollte mit einem Erwachsenen reden, und er schien in Ordnung zu sein. Aber Alice wollte ich auch nicht mit ihm allein lassen, deshalb habe ich sie mit ins Haus genommen, um den Tee zu machen. Und als wir dann zurückgekommen sind, war er verschwunden. Wie ich schon sagte: Komisch. Aber vielleicht hat er ja gesehen, wie Veronica in ihre Auffahrt biegt. Oder vielleicht hat er es sich einfach anders überlegt und wollte nicht mit einer verrückten, verzweifelten Hausfrau und ihrem Kind rumsitzen.»

Connie lächelte kurz und traurig und eilte dann auf dem schlammigen Pfad davon.