Kapitel Fünfundzwanzig

Vera trommelte das ganze Team in der Einsatzzentrale zusammen, um sie über den Mord an Danny Shaw zu informieren. Joe Ashworth verstand nicht, was in sie gefahren war. Eine Wut hatte sie gepackt, die in Wellen durch ihren Körper lief. Es war, als würde sie glauben, der Junge sei erdrosselt worden, bloß um sie zu verhöhnen. Ashworth kam sie an diesem Nachmittag noch durchgedrehter vor als sonst. Sie war vor allen anderen da und tigerte am Kopfende des Raums auf und ab. Er hütete sich davor, sie anzusprechen. Schweigend wartete er, bis das Team vollzählig war.

Als Erstes kam Charlie. Die Augen blutunterlaufen, in einer Hand einen Pappbecher mit Kaffee, in der anderen ein Gebäckstück, das in Butterbrotpapier eingewickelt war. Charlie befand sich dauerhaft am Rande einer Krise, einer schweren Depression oder eines Zusammenbruchs. Als seine Frau ihn verlassen hatte, fürchteten sie ein paar Monate lang, dass er jetzt endgültig in der Gosse landen würde. Sie hatte sich immer um die praktischen Dinge gekümmert – seine Sachen gewaschen und gebügelt, ihm Essen gekocht und hinter ihm hergeräumt, als wäre sie seine Mutter. Sie sahen nicht, wie er ohne sie zurechtkommen sollte. Aber er hatte sich durchgekämpft und war noch am Leben, und jeden Tag vollbrachte er erneut das kleine Wunder, bei der Arbeit aufzutauchen. Er hatte sogar herausbekommen, wie man die Waschmaschine bediente, und neuerdings schaffte er es auch, sich zu rasieren, bevor er aus dem Haus ging.

Beharrlich. So hatte Vera Charlie gegenüber Joe Ashworth beschrieben. «Aus eigenem Antrieb macht er nicht viel, aber wenn man ihm klare Anweisungen gibt, braucht man ihn bloß noch aufzuziehen und dann läuft er los.»

Holly kam zuletzt, und die Art, wie sie sich aufführte, wie sie um sich blickte, ihr selbstzufriedenes Lächeln, mit dem sie Vera um Entschuldigung bat, dass sie sie hatte warten lassen, all das signalisierte Ashworth, dass sie etwas Wichtiges mitzuteilen hatte. Sie würde bis zum Schluss warten und dann ihre Neuigkeit verkünden. Wie ein verdammter Zauberkünstler, der ein Kaninchen aus dem Hut zieht.

Vera funkelte sie alle finster an. Sie schrieb Dannys Namen auf die weiße Kunststofftafel, hämmerte die Buchstaben mit dem Filzstift auf die Tafel.

«Unser zweites Opfer. Danny Shaw. Mutter Karen, arbeitet im Fitness-Club vom Willows am Empfang. Vater Derek, Bauunternehmer, steckt in finanziellen Schwierigkeiten. Danny war ihr einziges Kind. Sie haben ihn völlig verhätschelt, und mit achtzehn ist er dann von zu Hause ausgezogen, um zu studieren, und hat seine Launen an ihnen ausgelassen. Hat nicht mehr richtig mit ihnen geredet. Er wollte Anwalt werden und hatte womöglich ein Motiv für den Mord an Jenny Lister. Wenn Jenny Lister ihn tatsächlich dabei erwischt hat, wie er seine Kollegen beklaut.»

«Glauben Sie, dass er aus Rache umgebracht worden ist?», fragte Charlie. «Weil er die Frau erdrosselt hat?»

Vera hielt inne, wie erstarrt, den Arm noch immer zur Tafel hin ausgestreckt. Ashworth dachte: Jetzt geht sie gleich auf Charlie los, staucht ihn zusammen, wie er sich so was Dämliches ausdenken kann. Auch eine Art, den aufgestauten Druck abzulassen. Doch stattdessen nickte sie. «Daran hatte ich zwar nicht gedacht, aber es lohnt sich, die Idee mal durchzuspielen. Wem hat so viel an Lister gelegen, dass er deshalb morden würde?»

«Ihrer Tochter», rief Holly aus der hinteren Reihe.

«Oder dem Freund ihrer Tochter», sagte Vera. «Einfach nur, weil er in das Mädchen verliebt ist. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass er einen Mord begeht, wenn sie ihn darum bittet. Ihn dürfen wir nicht vergessen.»

«Woher sollte Hannah Shaw denn kennen?» Ashworth hielt ja viel vom Brainstorming, aber das hier war verrückt, die reinste Märchenstunde.

«Sind die zwei denn nicht auf die gleiche Schule gegangen? Sie sind bloß ein Jahr auseinander. Wir wissen, dass Simon auf so eine piekfeine Schule in der Stadt gegangen ist, aber Danny und Hannah haben beide die High School in Hexham besucht. Wir sollten bei den Lehrern nachfragen, und bei den anderen Schülern. Noch eine Verbindung zwischen den Shaws und den Listers. Holly, da kümmern Sie sich drum, so was können Sie gut, und von uns allen hier sind Sie den Kids vom Alter her noch am nächsten.»

Vera hielt inne, um nach Luft zu schnappen, atmete tief ein. «Noch was Neues. Den Anruf habe ich bekommen, als wir gerade bei den Shaws waren. Jenny Listers Handtasche ist gefunden worden. Es gibt allerdings noch keine Neuigkeiten, was das Notizbuch betrifft. Da warten wir noch auf Nachricht. Und ratet mal, wo die Tasche gefunden wurde! In Barnard Bridge. Beim Mallow Cottage, da, wo Connie Masters wohnt, gleich auf der anderen Seite des Bachs.» Sie blickte im Zimmer umher. «Möchte jemand was dazu sagen?»

Schweigen. In einem anderen Büro brach jemand in Gelächter aus. Das Geräusch zerrte offensichtlich an Veras Nerven, und Ashworth erwartete, dass sie sie anschreien würde, wie blöd sie doch alle seien und was für hundsmiserable Ermittler sie abgäben, aber sie riss sich zusammen. Stattdessen nickte sie Charlie zu.

«Was haben Sie über Morgan rausgefunden? Shaws Mutter zufolge waren er und Danny befreundet. Zumindest scheint Morgan einen gewissen Einfluss auf den Jungen gehabt zu haben.» Sie hatte Charlie losgeschickt, um alle, die an Jenny Listers Todestag im Fitness-Club gearbeitet oder Sport getrieben hatten, noch einmal zu befragen. Hatte irgendjemand Michael Morgan an dem Vormittag gesehen? Es war zwar nicht der Tag, an dem er dort Sprechstunde abhielt, aber war er im Fitnessraum gewesen oder im Pool? Ashworth stellte sich vor, wie Charlie den Tag damit verbracht hatte, in den verschiedensten Wohnzimmern im Tyne Valley Tee zu trinken und die tattrigen Leutchen aus dem Aqua-Aerobic-Kurs zu befragen. Solche Aufgaben liebte er.

Charlie ließ sich auf einen Stuhl weiter vorn fallen, leckte sich die Finger ab und zerknüllte geräuschvoll das Butterbrotpapier in seiner Hand.

«An besagtem Tag sind ein paar junge Männer gesichtet worden, die möglicherweise Morgan hätten sein können, aber was Genaues oder Belastbares habe ich nicht rausgekriegt. Die wollen einem so unbedingt helfen, dass man das Gefühl hat, sie würden alles sagen, bloß um einen glücklich zu machen.»

«So jung ist Morgan jetzt auch wieder nicht.»

Charlie brachte ein kleines Lächeln zustande. Er macht sich, dachte Ashworth. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann Charlies Miene das letzte Mal aufgetaut war. «Glauben Sie mir, für die meisten von denen ist jeder unter fünfzig jung. Ich bin jung.»

Vera schaute zu Holly hinüber. «Und? Was haben wir über die süße kleine Freya rausbekommen? Jeder Hinweis darauf, dass Freya Danny Shaw gekannt hat, wäre hilfreich.»

Holly setzte sich kerzengerade auf und wartete, bis auch Charlie sie ansah. Großer Gott, dachte Ashworth, sie muss immer ein solches Theater machen. Wie eine Achtjährige im Tutu, die unbedingt einen neuen Tanz vorführen will.

«Ja?» Jetzt war Vera wirklich kurz davor auszuflippen. Ashworth konnte es kaum erwarten, dass das Unwetter losbrach.

«Dazu habe ich nichts, fürchte ich.» Holly ließ eines ihrer Das-glaubt-ihr-nie,-bin-ich-nicht-megaschlau?-Lächeln sehen. «Aber dafür habe ich herausgefunden, dass Freya im Willows war, und zwar an dem Vormittag, an dem Jenny Lister umgebracht worden ist.»

«Warum haben Sie mir das nicht sofort gesagt?», wollte Vera wissen.

Wenigstens, dachte Ashworth, tat sie Holly nicht den Gefallen, in Begeisterungsstürme auszubrechen.

«Ich habe es selbst gerade erst bestätigt bekommen.»

Das ignorierte Vera. «Was hat sie da gemacht?»

«Es gibt einen Kurs für werdende Mütter. Irgendwas zwischen Pilates und Yoga. Sie kennen so was ja. Sie war das erste Mal da. Wir haben ja schon überprüft, dass Freya nicht Mitglied im Fitness-Club ist, aber diese Sonderkurse können auch von Nicht-Mitgliedern besucht werden. Man bezahlt pro Stunde.»

«Wie hast du das rausbekommen?» Das war Joe gegen seinen Willen entschlüpft. «Hat einer von den Angestellten sie da gesehen?»

«Nicht doch. Ich habe einen Aushang für den Kurs gesehen und mir gedacht, so was ist doch genau Freyas Ding. Erst vor einer Viertelstunde habe ich es geschafft, Natalie ausfindig zu machen, die Kursleiterin. Deswegen bin ich auch etwas zu spät gekommen.» Holly wollte gerade zu einer detaillierten Schilderung darüber anheben, wie schlau sie es angestellt hatte, die Frau aufzutreiben, doch Vera unterbrach sie.

«Morgen früh fahren Sie als Erstes wieder ins Hotel. Prüfen Sie nach, um wie viel Uhr die Kleine den Fitness-Club an jenem Vormittag verlassen hat. Das muss gewesen sein, bevor ich die Leiche gefunden habe, denn unter den anderen Zeugen wäre sie uns aufgefallen. Ist sie selbst hingefahren, oder hat jemand sie mitgenommen? Und wir müssen hundertprozentige Sicherheit darüber haben, ob Danny Shaw da war oder nicht. Wir wissen, dass seine Schicht erst später begonnen hat, er also noch nicht bei der Arbeit war, aber vielleicht hatte er ja einen anderen Grund, im Hotel zu sein. Wenn er gesehen hat, wie Freya den Mord an Jenny begeht, hätten wir auch ein Motiv für den Mord an ihm.»

Ashworth spürte, wie die Ideen durch Veras Kopf sprudelten. Sie konnte gar nicht mehr aufhören zu reden, genau wie seine Kinder, wenn sie zu viel Süßigkeiten mit künstlichen Inhaltsstoffen gegessen hatten. «Wenn Sie das alles rausgefunden haben, rufen Sie mich an, dann fahren wir nach Tynemouth und reden mit Freya. Oder wir fangen sie an der Uni ab, falls das neue Semester schon begonnen hat. Besser, wenn wir sie ohne Morgan erwischen. Mir gibt es hier einfach zu viele verdammte Zufälle.»

«Sie halten Freya doch nicht im Ernst für verdächtig?», unterbrach Ashworth sie. «Wieso hätte sie Jenny Lister umbringen sollen?»

Vera spie ihm die Worte förmlich entgegen. «Weil Morgan es ihr gesagt hat. Weil er wehrlose junge Frauen dazu bringt, das zu tun, was er will. Du lieber Himmel, er hat Mattie Jones dazu gebracht, ihren eigenen Sohn umzubringen!»

Joe wollte sagen, dass sie dafür keinerlei Beweise hätten: Vera solle besser vorsichtig sein. Aber er wusste genau, dass sie nicht in der Stimmung war, auf ihn zu hören.