Kapitel Dreizehn
Vor Connie Masters’ Cottage blieb Ashworth noch einen Moment stehen, um sich ihr Auto anzusehen; es war auf dem Seitenstreifen abgestellt und hatte den Bärenklau und das hohe Gras plattgedrückt. Ein alter silberner Micra mit einer unübersehbaren Beule im Kotflügel auf der Fahrerseite. Er notierte sich das Kennzeichen. Wenn es auf dem Parkplatz in Hexham, wo sie den Wagen gestern abgestellt haben wollte, Überwachungskameras gab, konnte man sie unter Umständen ganz aus dem Kreis der Verdächtigen ausschließen.
Dann hörte er sein Handy ab. Vera hatte eine Nachricht hinterlassen, in der sie ihm mitteilte, dass sie sich mit Jenny Listers Chef zum Mittagessen treffe. Keinerlei Befehle oder Anordnungen. Womöglich wurde sie mit dem Alter ja umgänglicher. Er rief auf dem Revier an und bat, jemand möge ihm die Bänder der Überwachungskameras auf dem Parkplatz in Hexham besorgen. Er gab seine eigenen Befehle. Du lieber Himmel, verwandle ich mich etwa in Vera Stanhope? Der Gedanke brachte ihn zum Lächeln. Niemand auf der ganzen Welt kam auch nur annähernd an Vera heran.
Vor dem Willows stieß er auf Charlie, der gerade gehen wollte. Er sah ihn schon von weitem, wie er aus dem Hotel kam, mit krummem Rücken, die Hände in die Jackentaschen vergraben. Bei der Haltung, dachte Ashworth, würde er mit sechzig an chronischen Rückenschmerzen leiden.
Als sie dann neben Charlies Wagen standen und sich unterhielten, wurde Ashworth bewusst, dass man sie von den der Allgemeinheit zugänglichen Bereichen des Hotels aus sah. Obwohl niemand hören konnte, was sie sagten, fühlte er sich unbehaglich: so als stünde er auf einer Bühne und würde von einem feindlich gesinnten Publikum angestarrt; also sorgte er dafür, dass die Unterredung kurz blieb.
«Erfolg gehabt?»
Charlie zuckte die Achseln. «Ich habe den Angestellten, die heute Morgen zum Dienst gekommen sind, Listers Foto gezeigt. Ein paar von ihnen glauben, sie wiederzuerkennen, haben gesagt, dass sie immer schwimmen gewesen ist, mehr aber auch nicht. Man sollte meinen, irgendjemand hätte sie mal angesprochen und sich ein bisschen mit ihr unterhalten. Aus den Protokollen geht immerhin hervor, dass sie mindestens einmal die Woche zum Schwimmen hier war.»
«Ich weiß nicht. Diese Fitness-Clubs sind doch immer sehr unpersönlich.» Joe Ashworth hatte selbst im Vorjahr einen solchen Club besucht, allerdings im Sportzentrum der Gemeinde, wo er wohnte, nicht so was Schickes wie im Willows. Er hatte immer eine gute Stunde trainiert, dabei aber die Kopfhörer seines Walkman aufgehabt und kaum ein Wort mit jemandem gesprochen. Unwillkürlich strich er sich mit der Hand über den Bauch. Er setzte definitiv Speck an. Seit das zweite Kind da war, hatte er kaum mehr Zeit, Sport zu treiben.
«Meiner Ansicht nach muss sie schon über eine Stunde tot gewesen sein, als man sie fand», sagte Charlie. «Nach halb zehn, außerhalb der Hauptzeiten, gibt es Sondertarife für Mitglieder, und dann kommen die ganzen Senioren. Davor sind die echten Sportler da. Ziehen vor der Arbeit ihre Bahnen. Hochkonzentriert. Man hat den Eindruck, dass sie überhaupt nicht mitbekommen, was außerhalb des Wassers vor sich geht, und für die Sauna oder das Dampfbad haben sie in der Regel keine Zeit.»
«Und vor halb zehn ist auch noch nicht so viel Aufsichtspersonal da.» Ashworth erinnerte sich an sein Gespräch mit Lisa.
Charlie stieg in seinen Wagen und kurbelte das Fenster herunter, um vor dem Losfahren noch eine Kippe zu rauchen.
Im Hotel ging Ashworth geradewegs zu Ryan Taylors Büro. Sowohl das Hotel als auch der Fitness-Club hatten nun wieder geöffnet, aber es war weniger los, als Ashworth erwartet hätte. Vielleicht war Mord ja doch nicht so gut fürs Geschäft. Im Foyer saugte eine junge Frau den Teppich. Danny war nirgends zu sehen, aber dessen Schicht fing ja auch erst am Nachmittag an. Ashworth fragte sich, wie der Student wohl seine Vormittage verbrachte. War er zu Hause und lernte für die Uni, oder war er unterwegs mit seinen Freunden?
Wieder dachte er, wie eiskalt der Mörder doch gewesen sein musste, Jenny umzubringen, während so viele andere Menschen in der Nähe waren, selbst wenn sie gerade den Pool durchpflügten. Oder hatte jemand einfach nur die Gelegenheit ergriffen, einen Menschen umzubringen? Ein Geisteskranker, der nur den Rausch verspüren wollte, ein Leben zu nehmen?
Taylor telefonierte gerade, seine Bürotür war angelehnt, und Ashworth wartete, bis er aufgelegt hatte, bevor er an das Glas klopfte und eintrat. Der Geschäftsführer runzelte die Stirn.
«Schon wieder eine Stornierung», sagte er. «Eine Konferenz, die für nächste Woche gebucht war. Sie sagen, sie könnten das Risiko nicht eingehen, ihre Kunden hierher einzuladen. Was haben die bloß alle? Glauben die denn, der Mörder ist noch hier, schleicht durch die Flure und wartet nur darauf, sie in die Finger zu kriegen?»
«Das vielleicht nicht.» Ashworth setzte sich. «Aber Ihre potenziellen Gäste sollten darüber informiert werden, dass Sie hier einen Kleinkriminellen haben, der Ihnen Probleme bereitet. Warum haben Sie mir nichts von den Diebstählen erzählt?»
«Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass das was mit dem Mord zu tun haben könnte?» Taylor nestelte an seinem Krawattenknoten herum und schaute aus dem Fenster, um Ashworth nicht in die Augen sehen zu müssen.
«Die Frage sollten Sie wohl anderen überlassen. Ich muss wissen, was hier vorgefallen ist.»
«Es sind ein paar Sachen verschwunden.» Von Taylors jugendlichem Elan war heute nichts mehr zu spüren. Er sah müde und erledigt aus. Hatten ihn die Sorgen eines Geschäftsführers schließlich eingeholt? «In der Hauptsache aus dem Pausenraum für die Angestellten. So was passiert. Das habe ich im Griff.»
«Und was unternehmen Sie, damit es aufhört?» Taylor antwortete nicht, und Ashworth fuhr fort: «Sie haben also gehofft, dass sich das Problem von selbst erledigt?»
«Schauen Sie, in ein paar Tagen ist Louise, unsere Geschäftsführerin, aus dem Urlaub zurück. Sie wird dafür bezahlt, dass sie sich mit den Angestellten herumschlägt. Soll sie das doch in Ordnung bringen. Ich habe gar nicht die Befugnis, Leute einzustellen oder zu entlassen.»
«Das stimmt jetzt aber nicht so ganz, oder?» Ashworth versuchte, verständnisvoll zu klingen. «Sie haben immerhin Danny Shaw eingestellt, und damit haben die Diebstähle angefangen. Da sind Sie wohl in eine ziemliche Zwickmühle geraten.»
«Das war eine befristete Einstellung in einer Notlage.» Langsam geriet Taylor aus dem Konzept – nicht wegen der Fragerei, dachte Ashworth, sondern weil er wusste, dass er sich vor seiner Chefin würde rechtfertigen müssen. «Danny geht nächste Woche schon zurück an sein Studium.»
«Und Sie wollen keinen Ärger mit seiner Mutter», sagte Ashworth. «Die ist ganz schön resolut, hatte ich den Eindruck. Mit der würde ich mich auch nicht anlegen wollen.» Und das war die reine Wahrheit, stellte er fest, als er sich an die dunkelhaarige Karen mit ihrer Schlagfertigkeit und dem zornfunkelnden Blick erinnerte.
Einen Augenblick lang saßen sie schweigend da.
«Sie verstehen aber schon, wie wichtig das sein könnte?», fragte Ashworth schließlich. «Wenn Jenny jemanden beim Stehlen erwischt hat, könnte der sie umgebracht haben, um sie zum Schweigen zu bringen.»
«Aber wegen so einer Bagatelle bringt man doch niemanden um.» Taylor war jetzt kleinlaut geworden, ganz rot im Gesicht, wie ein Schuljunge, der wegen einer Dummheit zurechtgewiesen wurde und nicht die Größe besaß, einfach dazusitzen und es über sich ergehen zu lassen.
«Glauben Sie mir», sagte Ashworth, «so was passiert immer wieder.» Und ihm schossen Bilder der erbärmlichsten Gewalttaten durch den Kopf: ein mit einer Glasscherbe bis auf den Knochen aufgeschlitztes Gesicht, weil jemand sich eingebildet hatte, er wäre beleidigt worden; eine zu Tode geprügelte Frau, die die Bügelwäsche nicht zur Zufriedenheit erledigt hatte; ein kleiner Junge, der in der Badewanne ertränkt worden war, weil seine Mutter geglaubt hatte, sie wäre verliebt. «Ich muss also ganz genau wissen, was hier vorgefallen ist: was gestohlen wurde und wann. Und ich muss wissen, wer Ihrer Meinung nach dahintersteckt.»
Am Ende erwies Taylor sich doch als hilfreicher, als Ashworth erwartet hatte. Wenigstens hatte er jeden Vorfall protokolliert, jede Beschwerde, die man ihm vorgebracht hatte, in einen stetig längerwerdenden Bericht in seinem Computer eingegeben.
«Wer ist also unser Missetäter?», fragte Ashworth, nachdem er den Ausdruck gelesen und die Liste mit den gestohlenen Geldsummen, den Uhren, Ohrringen und Perlen durchgesehen hatte. Es war nichts dabei, was für sich gesehen besonders wertvoll war, aber es läpperte sich. «Sie müssen doch einen Verdacht haben. Glauben Sie, dass Danny dahintersteckt?»
«Das kann ich mir nicht vorstellen. Er ist ein ziemlicher Draufgänger und putzt nicht gerade überragend, aber dumm ist er nicht. Warum sollte er so was riskieren, für die paar Pfund, die ihm das bisschen Tand einbringt. Nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass er klaut.»
«Wer dann?»
Taylor sah verlegen drein. «Die anderen Angestellten glauben, dass Lisa es war.»
«Weil sie im Westend wohnt und ihr Vater vorbestraft ist.» Ashworth hoffte, dass Lisa sich nicht in den Raum für die Angestellten geschlichen und ihre Hand in die Jacken und Handtaschen gesteckt hatte. Sie war ihm sympathisch gewesen, und er meinte, dass er einiges an Menschenkenntnis besaß. Vera lachte immer darüber und nannte ihn naiv. Wir sind alle zu Gewalttaten fähig, Joey, wenn man uns dazu treibt. Sogar Sie.
«Nicht nur deswegen», sagte Taylor. «Sie bleibt immer für sich. Ist ein bisschen spröde. Die anderen treffen sich auch nach der Arbeit mal, trinken was zusammen und feiern. Lisa nie. Sie wollen ihr nur zu gern die Schuld an den Diebstählen geben. Dann kann es wenigstens keiner von ihren Kumpels gewesen sein.» Er hielt inne. «Ich habe mich schon gefragt …»
«Ja?»
«Ob es nicht ein abgekartetes Spiel ist, um sie loszuwerden. Es ist verrückt, wie sie sich manchmal gegen jemanden einschwören. Sie machen ihr das Leben echt zur Hölle. Sticheln herum. Beleidigen sie. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, was Lisa getan haben könnte, um sie so gegen sich aufzubringen. Die Leute brauchen wohl einfach jemanden, auf dem sie herumhacken können. Die Frauen sind am schlimmsten. Wie sie Lisa für alles, was hier so schiefläuft, die Schuld geben. Als würde es Lisa nichts ausmachen. Ich finde es bewundernswert, dass sie durchhält.»
«Haben Sie mir deshalb gestern nichts davon erzählt? Weil Sie glauben, dass es die Angestellten sind, die Lisa in Schwierigkeiten bringen wollen? Dass es bloß ein böser Streich ist, damit sie gefeuert wird?» Ashworth fragte sich, ob Taylor womöglich in die junge Frau verliebt war, ob sie den Beschützer in ihm auf den Plan rief. Oder schämte er sich für die kleinkarierten Gemeinheiten seiner Mitarbeiter?
«Das Ganze ist einfach scheußlich. Ich glaube nicht mal, dass es einen Anführer gibt. Da ist keiner, der die anderen aufhetzt; es ist eher eine merkwürdige Art Herdentrieb. Ich habe deswegen schon nächtelang wachgelegen. Louise, meine Chefin, will nichts dagegen unternehmen. Sie will ja selbst dazugehören. Wie erbärmlich! Ich hatte gehofft, die Sache in den Griff zu kriegen, solange sie im Urlaub ist, aber anscheinend habe ich alles nur noch schlimmer gemacht.» Er blickte zu Ashworth hoch und wirkte nun doch erleichtert, dass er das Problem, das ihm offensichtlich arg auf der Seele gelegen hatte, jemandem anvertrauen konnte. «Ich war richtig froh, als gestern diese Frau da umgebracht worden ist. Ist das nicht furchtbar? Aber ich dachte, jetzt hätten sie alle was Neues, worüber sie sich das Maul zerreißen können. Und Lisa wäre für eine Weile aus der Schusslinie.»
«Wann haben diese ganzen Gemeinheiten gegen Lisa angefangen? Als Danny seinen Job hier angetreten hat?»
«Liebe Güte, nein! Schon viel früher. An ihrem ersten Arbeitstag. Irgendwas, was sie gesagt hat, oder irgendwas an ihrem Auftreten ist den anderen aufgestoßen.»
«Und Sie glauben wirklich, dass die Diebstähle vorgetäuscht worden sind, um Lisa wegzumobben?» Das kam Ashworth lachhaft und weit hergeholt vor. Aber wenn man eine Gruppe Menschen an einem Ort wie diesem zusammenpferchte, wenn die Arbeit ihnen auf die Nerven ging und sie sich untereinander auch, würden sie vielleicht wirklich etwas Dramatisches inszenieren, nur um ihren Alltag ein wenig zu beleben. Eine Verschwörung, die ihnen das Gefühl gab, zusammenzugehören.
Taylor zuckte die Achseln. «Oder um mich loszuwerden. Ich bin auch nicht gerade beliebt.»
«Warum sind Sie so an Lisa interessiert?», fragte Ashworth. «Läuft da was zwischen Ihnen beiden?» Er fragte sich immer noch, ob der Mann das Problem nicht übertrieb, ob sein Urteil nicht von romantischen Gefühlen getrübt wurde.
Taylor lachte, froh, seiner Spannung Luft machen zu können. «Wohl kaum! Ich bin schon versprochen. Mein Partner heißt Paul und wir wohnen zusammen in Jesmond. Ich bin nicht in Lisa verliebt, aber ich mag sie. Sie leistet verdammt gute Arbeit. Und sie ist tapfer. Sie braucht jemanden, der zu ihr hält.»