Der lange Weg in die Freiheit

Schon an den vorangegangenen Abenden hatte die beste Ehefrau von allen den Eindruck, daß sich jemand in unserer Wohnung versteckt. Wir dachten zuerst an den Steuerexekutor und wollten ihn nicht provozieren, aber schließlich gingen uns die Geräusche im Vorraum so sehr auf die Nerven, daß ich mich zum Eingreifen entschloß. Ich trat in den Vorraum hinaus und sah einen brillentragenden Mann in einem Lehnstuhl sitzen und vor sich hinschlafen. Nachdem ich ihn geweckt hatte, erhob er sich und stellte sich vor:

»Mein Name ist Blitz.«

»Sehr erfreut.«

Ich wußte sofort, daß ich einem unserer prominentesten Bankräuber gegenüberstand, der erst vor zwei Wochen zu 15 Jahren Kerker verurteilt worden war. Vorsicht schien geboten.

Zunächst plauderten wir ein wenig, und ich erfuhr, daß Blitz das Ergebnis der jüngsten Wahlen nicht guthieß. Er hätte einen Sieg der Liberalen vorgezogen, hauptsächlich wegen jenes Teils ihres Parteiprogramms, der sich für die Freiheit des Individuums einsetzt.

Nach einiger Zeit konnte ich nicht länger an mich halten: »Entschuldigen Sie«, sagte ich. »Wie sind Sie eigentlich aus dem Gefängnis herausgekommen?«

Mein Gast lehnte sich zurück, sichtlich überwältigt von aktuellen Erinnerungen:

»Wir hatten das von langer Hand vorbereitet. Ich hielt mit Farkas von Anfang an Kontakt durch einen speziell ausgearbeiteten Code von Klopfzeichen.«

»Ausgearbeitet? Wie? Wann? Wo?«

»Nun, wir trafen ja täglich im Speisesaal zusammen, wo wir die Sache ausführlich diskutieren konnten. Die Wärter beschwerten sich, daß unser ewiges Klopfen sie verrückt mache. Unser Ansuchen um ein Telefon wurde jedoch abgelehnt. >Ein Gefangenen, sagten sie, >hat kein Recht zu telefonieren.< Sie waren sehr streng in diesem Gefängnis.«

»Es wird auf ihr Haupt zurückfallen.«

»Hoffentlich! Aber es hat doch große Bitterkeit in unseren Herzen erzeugt. Wir arbeiteten also einen detaillierten Fluchtplan aus, Farkas und ich. Als erstes wollten wir einen Tunnel zum Haarschneider des Gefängnisses graben und uns dort rasieren. Dann ging der Weg weiter zur Kanalisationsanlage und in die Wäscherei, wo wir unsere Zivilanzüge bügeln wollten. Von dort in die Küche zu einem kleinen Imbiß, dann ins Büro des Direktors, um uns die nötigen Papiere zu verschaffen, und dann wollten wir uns an einem Strick zum Gefängniskino hinunterlassen und noch einmal einen guten Film sehen. Die eigentliche Flucht sollte erst nach Schluß der Vorstellung erfolgen.«

»Großartig!«

»Warten Sie. Das Ganze war nicht so einfach, wie es klingt. Wir mußten ja einen genauen Plan des Gefängnisgebäudes anlegen, um richtig vorgehen zu können. Dazu brauchten wir Schreibmaterial. Aber das wurde uns von der Gefängnisverwaltung nicht bewilligt. Die mißtrauischen Kerle denken an alles. Ihr Sinnen und Trachten ist nur darauf ausgerichtet, uns das Leben schwerzumachen. So blieb uns nichts übrig, als den Lageplan mit unseren Taschenmessern in die Wand des Baderaums zu ritzen.«

»Welch eine lästige Erschwernis.«

»Eben. Wir litten die ganze Zeit an Materialmangel jeder Art. Als besonders schwierig erwies sich die Herbeischaffung eines Spatens. Kleine nützliche Geräte wie Zangen, Schraubenzieher und elektrische Drillbohrer kann man sich innerhalb der Gefängnismauern verhältnismäßig mühelos besorgen. Aber ein Spaten erregt Aufsehen. Deshalb beschlossen wir, ihn in Eigenproduktion herzustellen und wollten in die Gefängnistischlerei eindringen. Die Türe war versperrt und verriegelt. Wir hätten vor Verzweiflung am liebsten geweint...«

»Kann ich mir vorstellen. Immer wieder diese unvorhergesehenen Schwierigkeiten!«

»Richtig. Das kommt von der strengen Hausordnung in den israelischen Gefängnissen. Sie nötigte uns, das Schloß durchzusägen. Und dazu brauchten wir unbedingt eine Säge. Zum Glück erinnerte ich mich, daß es in Jaffa einen Eisenhändler gab, bei dem solche Sachen erhältlich waren. Ich ersuchte um Ausgang, ging hin und kaufte eine Säge.«

»Woher hatten Sie das Geld?«

»Das war tatsächlich ein Problem. Wir hatten keines, und als wir die Gefängniskassa aufbrachen, fanden wir nur ein paar lächerliche Münzen. Aber ich bekam die Säge auf Kredit.«

»Wie schön, daß ein einfacher Eisenhändler so viel Verständnis für seine Mitmenschen aufbringt!«

»Er wird es nicht zu bereuen haben. Jedenfalls hatten wir jetzt alles Nötige beisammen. Sämtliche Details waren besprochen, die Uhren aufeinander abgestimmt. Pünktlich um 5 am Abend, nach Schluß der Tagarbeit, stiegen wir in den Tunnel ein. Mit dem Rasieren auf der ersten Station klappte es, nur die Rasiercreme war schlecht und Farkas schnitt sich in die Oberlippe. In der Kleideraufbewahrung suchten wir uns wie geplant zwei unauffällige dunkle Anzüge und gestreifte Krawatten aus. Eine Enttäuschung war die Küche. Wir fanden nichts zum Essen, weil der Koch am Vortag geflüchtet war. Was tun? Mit leerem Magen ausbrechen? Unmöglich. Farkas schlich zum Erfrischungskiosk an der nächsten Straßenecke und kam mit ein paar belegten Broten zurück, so daß wir uns stärken konnten. Dann brachen wir ins Büro des Gefängnisdirektors ein -«

»Wie?«

»Ganz einfach. Wir drückten die Klinke nieder und zogen sie heraus. Nachdem wir die nötigen Dokumente an uns genommen hatten, machten wir uns über die vergitterten Fenster her. Drei Stunden lang arbeiteten wir wie verrückt. Von Zeit zu Zeit rief man uns von irgendwo unten zu, dieses entsetzliche Kreischen abzustellen, aber wir antworteten nicht. Als wir fertig waren, ließen wir uns mit dem aus Bettüchern geknüpften Seil vom Fensterbrett hinunter... und dann geschah es...« »Was, um Himmels willen?«

»Wir gerieten in die falsche Richtung. Ursprünglich hatten wir uns zum Kinosaal abseilen wollen. Jetzt fanden wir uns plötzlich auf einer dunklen, völlig verlassenen Straße. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Ringsum herrschte Totenstille. Können Sie sich unsere Situation ausmalen? Drinnen im Kino lief >Mademoiselle Striptease< mit Brigitte Bardot — und wir standen draußen und sahen nichts. Wir trommelten mit den Fäusten ans Gefängnistor. >Aufmachen!< brüllten wir, >aufmachen!< Nichts rührte sich. Alle saßen beim Film. Wir versuchten das Tor aufzubrechen, aber die israelischen Schlosser verstehen ihr Handwerk. Wir mußten unseren Weg ins nächtliche Dunkel antreten... «

Er schwieg erschöpft. Der Kopf sank ihm auf die Brust.

»Und was weiter?« fragte ich.

Blitz zuckte die Achseln.

»Ich weiß es nicht. Es führt kein Weg zurück.«