Allzu sauber ist ungesund
In einem nicht sehr weit zurückliegenden Kapitel nannte ich als Beispiele latenter Gegnerschaft die Paarungen Hund und Katze, Kritiker und Autor, Verkehrspolizist und Fahrer. Es gibt noch zwei andere Erzfeinde: Bademeister und Badegast.
Zu dieser essentiellen Erkenntnis kam ich zwangsläufig, als ich mich vorige Woche entschloß, das in unserer Nachbarschaft neu errichtete Schwimmbad aufzusuchen. Man hatte mir Märchen aus Tausendundeiner Nacht davon erzählt: Es sei klein aber rein, werde unablässig gepflegt, den sonst üblichen Lärm gebe es dort nicht, im Gegenteil herrsche Ruhe und Ordnung, Disziplin und Hygiene, Höflichkeit und Entgegenkommen, Wasser und Luft, Sonne und Schatten. Und das wollte ich nachprüfen.
Schon beim Eintritt konnte ich feststellen, daß die märchenhaften Schilderungen der Wirklichkeit entsprachen. Das Wasser war klar wie eine Steuerhinterziehung, man sah bis auf den Grund und auf diesem auch nicht den kleinsten Fremdkörper, nirgends ein weggeworfenes Papier oder sonstige Abfälle, überall Sauberkeit und Zivilisation.
Auf Zehenspitzen näherte ich mich der Kasse:
»Bitte um eine Eintrittskarte.«
»Schalom, mein Herr«, sagte der Kassier. »Wir grüßen hier mit Schalom.«
»Schalom«, sagte ich und wurde rot vor Scham, während ich ihm das Geld für die in geschmackvollen Farbtönen gehaltene Eintrittskarte überreichte.
Auf dem Weg zur Kabine wurde ich durch ein ohrenbetäubendes Pfeifsignal aufgehalten. Das »Huiii-huiii« schnitt so scharf in meine Membranen, daß ich zusammenfuhr und stehenblieb.
Es kam aus der doppelläufigen Alarmpfeife des Bademeisters.
»Den Schwimmanzug in der Kabine anzulegen«, rief er.
»Selbstverständlich«, antwortete ich. »Ich bin ja gerade auf dem Weg dorthin.«
»Dann bitte etwas schneller, mein Herr, um Mißverständnissen vorzubeugen.«
Damit wandte er sich ab und ließ von der Höhe seines Wachtturms die Blicke wieder über das Schwimmbecken wandern, einem Scheinwerfer vergleichbar, dem nichts verborgen bleibt.
In der Kabine entledigte ich mich meiner Kleider, hängte sie auf die nagelneuen Plastikbügel und übergab sie dem jungen, adrett gewandeten Kabinenwärter, der sich mit ausgesuchter Höflichkeit an mich wandte:
»Wollen Sie nicht lieber Ihr Hemd zuknöpfen, mein Herr? Es könnte sonst vom Träger fallen, und das wäre doch schade, nicht?«
Dankbar befolgte ich seine Anweisung und nahm aus seiner Hand eine runde Nummernscheibe entgegen, die er mir mit den besten Wünschen für einen schönen Aufenthalt und gute Gesundheit übergab.
Kaum hatte ich den Kabinenraum verlassen, überfiel mich abermals das schneidende »Huiii-huiii« des Bademeisters. Es sei, so ließ er mich wissen, aus hygienischen Gründen verboten, den Raum um das Schwimmbecken in Sandalen zu betreten; sommerliche Fußpilzerkrankungen, fügte er erläuternd hinzu, hätten diese Maßnahme im Interesse der Badegäste notwendig gemacht.
Widerspruchslos schlüpfte ich aus meinen Sandalen und trug sie in der Hand weiter.
Wenn ich geglaubt hatte, daß damit alles in Ordnung sei, belehrte mich ein scharfer Doppelpfiff sogleich eines anderen:
»Fußbekleidungen, welcher Art immer, dürfen nicht zum Schwimmbecken mitgenommen werden, auch nicht von Hand«, instruierte mich das hochschwebende Aufsichtsorgan.
Es blieb mir nichts übrig, als meine Sandalen zurückzutragen und sie der Obhut des adretten Jünglings zu übergeben.
Auf dem Rückweg zum Schwimmbecken erreichten mich abermals Pfiff und Mahnung des Bademeisters:
»Wünschen Sie nicht vielleicht, eine Dusche zu nehmen, mein Herr?«
Seine taktvolle Frage bedeutete nichts anderes, als daß die Benützung des Schwimmbeckens ohne vorherige Säuberung verboten war.
Noch während ich unter der Dusche stand, ertönte das »Huiii-huiii« aufs neue; diesmal kam sein Erreger sogar eigens herabgestiegen und auf mich zu:
»Entschuldigen Sie, mein Herr, aber Ihre Schwimmhose macht einen übermäßig lockeren Eindruck. Bitte wählen Sie eine andere, die nicht herunterrutschen kann. Und wählen Sie bitte rasch.«
Ich riskierte die Frage, wie er denn gemerkt haben könne, daß der Gummizug meiner Schwimmhose nicht mehr ganz vorschriftsmäßig saß. Höflich erteilte mir der kundige Experte die Auskunft, daß er bereits seit fünfzehn Jahren in seinem Beruf tätig sei und einen sechsten Sinn für ausgeleierte Gummibänder entwickelt habe. Ich nickte respektvoll, begab mich zur Verleihstelle für Schwimmanzüge, sagte Schalom, bat um ein Paar Schwimmhosen mit straffem Gummizug, legte sie an, trat hervor, schlug den Weg zum Schwimmbecken ein und hörte einen schrillen, pfeifenden Ton, der wie »Huiii-huiii« klang. Es dauerte nicht lange, bis ich entdeckte, daß es der Bademeister war. Er unterrichtete mich, daß man beim Verlassen des Schwimmbecken-Areals in den Status eines Neuankömmlings versetzt werde und gut daran täte, eine Dusche zu nehmen. Ich nahm eine zweite Dusche und wollte mich nach all den Anstrengungen auf einem der ums Bassin angeordneten Liegestühle ausruhen - aber »Huiii-huiii«: es war verboten, die Liegestühle in nassem Schwimmanzug zu benützen.
Einigermaßen gedrückt schlich ich zum Büfett und erwarb ein Sandwich, mit dem ich mich in nunmehr getrocknetem Zustand auf meinem Liegestuhl stärken wollte. Auch daraus wurde nichts. Das vertraute »Huiii-huiii« brachte mir zur Kenntnis, daß jegliche Nahrungsaufnahme nur unmittelbar am Büfett gestattet war. Ein Sklave des Bademeisters scheuchte mich weg und sprühte ein Desinfektionsmittel über den von mir mißbrauchten Platz.
Um diese Zeit traten bei mir die ersten Anzeichen von Verfolgungswahn auf. Ich kroch auf allen vieren zur Schmalseite des Bassins und machte zwischen Umrandung und Wasserspiegel eine Stelle ausfindig, wo ich mich hinter einer dicken Betonsäule dergestalt verbergen konnte, daß ich nur den Himmel sah und niemand auf Erden mich. Dort fühlte ich mich verhältnismäßig sicher und schlief ein.
Es überraschte mich nicht im geringsten, durch ein schrilles »Huiii-huiii« geweckt zu werden. Die Überraschung bestand lediglich darin, daß es aus nächster Nähe an mein Ohr drang.
Er selbst stand vor mir und rüttelte mich sanft an der Schulter:
»Hier dürfen Sie nicht schlafen, mein Herr. Sie setzen sich ja der Gefahr eines Sonnenstichs aus. Gehen Sie doch ins Wasser!«
Meine Absicht, diese Aufforderung prompt zu befolgen, wurde von einem »Huiii-huiii« in meinem Rücken jäh gebremst:
»Zuerst auf die Toilette!«
»Aber ich muß ja nicht...«
»Doch, Sie müssen!«
Ich ging, blieb drei Minuten, kam heraus und wollte mich mit Anlauf ins Wasser stürzen, um einem neuerlichen »Huiii-huiii« zu entgehen - aber da hatte es mich schon erwischt. Der Bademeister winkte mich zu sich und untersuchte mich von allen Seiten, ob ich mir in der Zwischenzeit nicht vielleicht eine ansteckende Krankheit zugezogen hätte, Lepra oder dergleichen. Obwohl er nichts finden konnte, schickte er mich aufs neue unter die Dusche. Während die sanften Strahlen auf mich herniederrieselten, durchzuckte mich der Verdacht, daß ich in die Hölle geraten sei und es nicht gemerkt hatte, weil sie hygienisch getarnt war.
Langsam, um nur ja kein Eingreifen höherer Mächte zu provozieren, schritt ich auf das Schwimmbecken zu und schickte mich zu einem Kopfsprung an.
»Huiii-huiii!« erklang es. »Gesprungen wird nur vom Trampolin. Überall anderswo ist es verboten.«
Jetzt riß mir die Geduld:
»Zum Teufel!« brüllte ich. »Was ist hier eigentlich erlaubt?«
»Huiii-huiii«, antwortete der Bademeister. »Kein Lärmen und Schreien im Umkreis des Schwimmbeckens.«
Ich senkte schuldbewußt den Kopf, verzog mich in die entgegengesetzte Richtung, glitt unauffällig ins Wasser und tauchte unter, in der Hoffnung, daß er mich nicht sehen würde.
Die vorbildliche Sauberkeit des Wassers machte mir einen Strich durch die Rechnung. Kaum war ich aufgetaucht, pfiff er mich aufs neue an:
»Huiii-huiii, Sie dürfen nicht mit offenen Augen schwimmen. Das Wasser ist chlorhaltig.«
Ich schwamm mit geschlossenen Augen weiter.
»Huiii-huiii, spritzen Sie nicht!«
»Ohne Spritzen kann ich nicht schwimmen.«
»Dann schwimmen Sie nicht.«
Ich hörte auf zu schwimmen und ertrank.