Der Schnappschütze

Der Leser wird gebeten, sich die Situation vorzustellen: einen heißen Sommertag, eine öffentliche Badeanstalt und mich, der ich mich an der Sonne und an den knapp geschneiderten Bikinis ringsum freue.

Plötzlich steht ein vollständig angekleideter Mensch vor mir, bringt eine Kamera in Anschlag und fragt:

»Aufnahme?«

Im allgemeinen komme ich den Angehörigen freier und insbesondere künstlerischer Berufe freundlich entgegen, nicht nur, weil sie ihr Brot durch harte Arbeit verdienen, sondern weil sie sehr leicht ausfällig werden, wenn man ihre Bestrebungen nicht unterstützt.

Deshalb sagte ich mit aller mir zu Gebote stehenden Milde:

»Nein, danke.«

»Drei Postkarten 10 Shekel«, antwortete der Photograph und ging in Schnappschußposition. »Legen Sie den Arm um Ihre Frau, und Sie bekommen das schönste Familienporträt.«

Durch unmißverständliche Zeichen forderte er die neben mir sitzende Dame auf, ein frohes Lächeln zur Umarmung beizusteuern.

»Einen Augenblick!« rief ich. »Erstens habe ich Ihnen gesagt, daß ich keine Aufnahme haben will, und zweitens ist diese Dame nicht meine Frau. Ich kenne sie gar nicht.«

Die Unbekannte, die mich bereits heftig umschlungen hielt und ebenso heftig in die Kamera grinste, ließ sichtlich gekränkt von mir ab. Nicht so der Photograph:

»Zwei Bilder matt sechs mal neun kosten nur 7,50, wenn Ihnen das lieber ist. Vielleicht wollen Sie einen Handstand machen?«

»Nein. Und lassen Sie mich endlich in Ruhe.«

»Warum?«

»Was heißt warum? Weil ich nicht photographiert werden will!«

»Ein Erinnerungsbild zum Einkleben ins Album um lumpige 4,70. Auf Glanzpapier. Acht mal vierzehn. Sie können's auch einrahmen lassen.«

»Ich will nichts einrahmen und ich will nichts einkleben. Ich will, daß Sie mich in Ruhe lassen.«

»Die Badesaison geht zu Ende. Drei Abzüge matt vier mal acht um 4,50.«

»Nein!! Wenn ich mich sehen will, schaue ich in den Spiegel.«

»Sie schauen in den Spiegel. Können Sie bei einem Kopfsprung in den Spiegel schauen? Also. Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Herr. Sie brauchen jetzt nichts zu zahlen. Sie zahlen erst, wenn die Bilder fertig sind. Zwei matt elf mal fünf.«

»Nein, zum Teufel! Schauen Sie, daß Sie weiterkommen.«

»Schon gut. schon gut. Warum sagen Sie nicht gleich, daß Sie nicht geknipst werden wollen? Ich habe keine Zeit, mit Ihnen zu debattieren.«

Er entfernte sich ungehalten. Ich mietete einen Liegestuhl, streckte mich aus und schloß die Augen. Nach einer kleinen Weile überkam mich jenes unangenehm kribbelnde Gefühl, das sich immer einstellt, wenn man mit geschlossenen Augen in einem Liegestuhl liegt und photographiert werden soll. Infolgedessen öffnete ich die Augen und sah den Photographen dicht vor mir, Kamera in Stellung, Finger am Abzug.

»Schon wieder?! Verstehen Sie denn kein - k'k - Hebräisch?«

Das »k'k« rührte nicht etwa von einem plötzlichen Schluckauf her, sondern vom meuchlings betätigten Auslöser der Kamera.

Ich erhob mich und trat auf den Heckenschützen zu:

»Sie wußten doch, daß ich nicht photographiert werden will. Warum haben Sie es trotzdem getan?«

»Aus künstlerischen Gründen«, antwortete mein Widersacher, während er sein Gerät versorgte. »Es war eine so schöne Abendbeleuchtung und ein so interessanter Schatten auf Ihrem Gesicht.« »Ist Ihnen klar, daß ich das Bild nicht kaufen werde?«

»Habe ich Sie gebeten, es zu kaufen?« ,

»Ohne meine Zustimmung hätten Sie mich gar nicht aufnehmen dürfen. Auch aus künstlerischen Gründen nicht.«

»Das können Sie mir nicht verbieten. Künstler dürfen sich in diesem Land frei betätigen. Wir leben in einer Demokratie.«

»Möglich. Aber ich bin kein Modell.«

»Sind Sie Rumäne?«

»Nein.«

»Dann bestellen Sie drei Abzüge, sieben mal dreiundzwanzig, Glanzpapier, 12 Shekel.«

»Nein! Verschonen Sie mich!«

»Dreizehn mal sechs?«

Er zielte - ich ließ mich zu Boden fallen - k'k - der Schnappschuß verfehlte mich - ich sah seine blutunterlaufenen Augen und faßte Mut - rannte zum Bassin - er hinter mir her - ich springe ins Wasser - k'k - er mir nach - ich tauche - er versucht eine Unterwasseraufnahme - ich entwische ihm - tauche auf - klettere an Land - sause zu meinem Lehnstuhl und bedecke mein Gesicht mit einem Badetuch.

Es ist still.

Aber ich fühle, daß der schnappschußfreudige Gangster wieder vor mir steht.

Unendlich langsam kriecht die Zeit dahin.

Eines ist klar: Wenn das Badetuch verrutscht und auch nur einen Zentimeter meines Gesichts freigibt, schießt er. Ich beginne zu schnarchen. Vielleicht täuscht ihn das.

Plötzlich fühle ich, daß jemand an meinem Badetuch zieht. Ohne im Schnarchen innezuhalten, wende ich blitzschnell den Kopf und beiße in die fremde Hand.

»Auweh!« Eine dicke Dame schreit vor Schmerz laut auf. »Ich hab geglaubt, Sie sind mein Sami.«

Und noch dazu ein abermaliges K'k.

Ich springe auf und zerschmettere ihm die Kamera. Das heißt: Ich will sie zerschmettern. Aber er muß etwas geahnt haben. Und jetzt bin's ich, der ihn verfolgt.

»Drei... neun mal zehn... 3,50...« ruft er mir über die Schulter zu.

»Nicht einmal... wenn Sie ... bezahlen...«

»2 Shekel... matt...«, röchelt er im Rennen und streut dabei kleine weiße Kärtchen um sich. »Die Adresse... meines Ateliers... täglich geöffnet... Kinder die Hälfte... auch in Farbe... sechzehn mal einundzwanzig... «

Der verzweifelte Sprung, mit dem ich ihn knapp vor dem Ausgang abzufangen versuchte, kommt zu spät. Er ist draußen. Und ich kann ihm nicht folgen, ohne öffentliches Ärgernis zu erregen.

Gestern ging ich ins Atelier. Warum auch nicht. Ich meine: Warum soll ich nicht ein paar von den Bildern kaufen, vielleicht sind sie ganz gut geworden. Man sagt mir, daß ich sehr photogen bin, und die beste Ehefrau von allen wird sich bestimmt freuen, wenn sie mich in einer ungezwungenen Pose zu sehen bekommt. Der Photograph begrüßte mich wie einen alten Freund, aber er hatte leider kein einziges Photo von mir. Es sei, so erklärte er verlegen, professionelle Gepflogenheit, die ersten Schnappschüsse immer mit einer leeren Kamera zu machen. Der Film wird erst eingelegt, wenn die Kundschaft weichgeklopft und zur Aufnahme bereit ist...

Ich bedauerte seine vergebliche Mühe, er bedauerte meine Enttäuschung. Ich würde eine kleine Geschichte darüber schreiben, tröstete ich ihn zum Abschied. »Wie klein?« fragte er. »Fünf mal acht«, sagte ich. »Matt.«