Quiz

Der Postverkehr hat in der Geschichte des Volkes Israel seit jeher eine bedeutende Rolle gespielt. Denn das Volk Israel lebte die längste Zeit in der Diaspora, und für die zerstreuten Stämme war es lebenswichtig, untereinander Kontakt zu halten. Kein Wunder, daß eine Welle der Begeisterung durch die israelische Öffentlichkeit ging, als das Postministerium in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Kultur und Unterricht einen Nationalen Telefon-Quiz ankündigte.

Im ganzen Land wurden Ausscheidungskämpfe abgehalten, aus denen schließlich vier Finalisten hervorgingen. Sie versammelten sich für den Endkampf in der Großen Volkshalle zu Jerusalem. Der Rundfunk hatte seine besten Sprecher aufgeboten, um über den Verlauf des Abends zu berichten, und die Bevölkerung, soweit sie nicht an Ort und Stelle dabei sein konnte, versammelte sich in ihren Häusern vor den Empfangsapparaten, die Telefonbücher griffbereit zur Hand.

Auf der Bühne saßen die vier Kandidaten und boten sich den bewundernden Blicken des Publikums dar. Jedermann im Zuschauerraum wußte, welches ungeheure Ausmaß von Wissen, Intelligenz und Orientierungsvermögen diese vier so weit gebracht hatte, jedermann kannte ihre Namen. Da war Towah, Telefonistin in der Fernamtzentrale und Liebling des Publikums, Ing. Glanz, der Computer-Fachmann, Prof. Dr. Birnbaum von der Forschungsstelle für Elektronengehirne und der Dichter Tola'at-Shani, Abkömmling einer langen Reihe von Schachspielern.

Auch ich befand mich in der Menge, um einen Blick auf die Helden der Nation zu werfen. Es herrschte ebenso festliche wie gespannte Stimmung, selbst einige Mitglieder des diplomatischen Corps konnten ihre fieberhafte Erwartung nicht verbergen. Der Minister für Post- und Verkehrswesen eröffnete den Abend mit einer kurzen Ansprache von hohem Niveau:

»Zum ersten Mal seit zweitausend Jahren halten freie Juden

einen Telefonquiz in ihrer eigenen Volkshalle ab«, begann er und kam sodann auf den historischen Hintergrund des Ereignisses zu sprechen, schilderte die Anfänge des Postwesens von der Taube Noahs und den Engeln Abrahams bis hin zu der erregenden Überlegung, was mit den persischen Juden geschehen wäre, wenn der böse Haman, Gott behüte, für seine Anordnungen zur Vernichtung der Kinder Israels das Telefon zur Verfügung gehabt hätte statt langsamer Boten zu Pferd oder Kamel...

Im vergangenen Jahr hatte der Quiz auf internationaler Basis und in Anwesenheit zahlreicher Auslandskorrespondenten stattgefunden, weshalb sich die Jury gezwungen sah, auch Fragen von minderer Wichtigkeit zuzulassen: Wer das Telefon erfunden hatte, wie eine Schaltstelle funktioniert, wo das erste transatlantische Kabel gelegt wurde und dergleichen Unerheblichkeiten mehr. Demgegenüber war die heutige Konkurrenz streng regionalen Problemen gewidmet und konzentrierte sich auf wirklich Wesentliches, nämlich auf heimische Telefonnummern.

Der Rektor der Universität Jerusalem stellte in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Jury den Kandidaten die tiefschürfenden Fragen, die von einem eigens zu diesem Zweck einberufenen Komitee von Fachgelehrten in mehr als halbjähriger Arbeit zusammengestellt worden waren.

Die erste Frage, die durch die atemlose Stille des Auditoriums klang, lautete:

»Was ist die erste Nummer auf Seite 478, Haifa?«

Ing. Glanz, ein überlegenes Lächeln auf den Lippen, antwortete unverzüglich:

»Weinstock, Mosche, Tel-Chai-Straße 12, Nummer 40-572.«

Stürmisches Geraschel der Telefonbücher im Zuschauerraum, stürmischer Beifall, als sich die Richtigkeit der Antwort erwies. Im übrigen dienten die ersten Fragen lediglich dem Aufwärmen der Konkurrenten und wurden von den vier lebenden Nummernverzeichnissen mit der größten Leichtigkeit beantwortet. Nur als Towah auf die Frage des Rektors, wie viele Goldenblums im Telefonbuch von Tel Aviv enthalten wären, die Ziffer 6 angab, schien sich eine Sensation anzubahnen:

»Es tut mir leid«, sagte der Rektor, »ich sehe nur fünf.«

»Der sechste«, belehrte ihn Towah, »steht im Anhang. Goldenblum, Ephraim, Levi-Jitzchak-Straße 22, Nummer 27-916.«

Der Rektor griff nach dem Anhang, blätterte darin, legte ihn weg und ließ ein anerkennendes »Stimmt!« hören.

Meine Bewunderung wuchs von Minute zu Minute. Noch nie hatte ich so viel profundes Wissen auf so engem Raum versammelt gesehen. Da fiel es kaum ins Gewicht, daß Prof. Dr. Birnbaum die nächste Frage nicht beantworten konnte und daß der Dichter Tola'at-Shani erst im allerletzten Augenblick die richtige Antwort fand; die Frage hatte gelautet:

»Welche Nummer auf der Gordonstraße in Tel Aviv hat drei Nullen?«

Die Adern auf Tola'at-Shanis Stirn schwollen an und drohten zu platzen:

»Ich hab's!« rief er endlich. »Wechsler, Viola, Gesangslehrerin, 2-07-00!«

Zwar versagte Tola'at-Shanis Gedächtnis, als er nach Violas Hausnummer gefragt wurde, aber die Spielregeln sahen vor, daß Adressen in bestimmten Fällen nicht angegeben werden mußten. Tola'at-Shani bekam zwei Punkte und begeisterten Applaus.

Dann demonstrierte Towah ihre enorme Sachkenntnis in Fragen der Telefonbuch-Prosa.

»Merkspruch auf Seite 52, Jerusalem?«

»Richtig wählen erleichtert die Verbindung«, antwortete Towah mit unüberbietbarer Nonchalance.

Hingegen zeigte sich Ing. Glanz zur allgemeinen Überraschung außerstande, den Inserenten auf Seite 356, Tel Aviv, zu nennen. Jeder bessere Telefonbuch-Amateur hätte gewußt, daß es sich um die Papierhandlung Pfeffermann handelte.

Mit der Zeit machten sich bei allen vier Kandidaten leichte Abnützungserscheinungen bemerkbar. Prof. Dr. Birnbaums Zeitlimit lief ab, ehe ihm einfiel, welche Telefonnummer in der Mitte eine Ziffer hatte, die der Differenz zwischen den beiden ersten und den beiden letzten Ziffern entsprach. Er mußte ausscheiden. Seine Frage wurde nicht ohne Mühe von Ing. Glanz beantwortet:

»Gardosch, Schoschana, Tel Aviv, Seite 180, zweite Spalte, 29. Nummer von oben, 2-3-1-6-7.«

Das Publikum bereitete ihm eine donnernde Ovation. Auch ich klatschte mit, obwohl mich um diese Zeit ein erster skeptischer Gedanke beschlich:

»Bitte«, wandte ich mich an meinen Nebenmann, »wozu soll das eigentlich gut sein, jede Nummer im Telefonbuch auswendig zu wissen?«

Der Angesprochene schien peinlich berührt:

»Was meinen Sie - wozu das gut sein soll?«

»Mißverstehen Sie mich nicht, mein Herr, das Telefonbuch ist ein unentbehrliches Nachschlagewerk, das weiß ich sehr wohl. Ohne Telefonbuch können wir keinen einzigen Tag leben. Ich wäre der letzte, die Wichtigkeit dieses Buchs zu bestreiten. Aber wozu soll man es auswendig lernen, wenn man alles, was man wissen will, nachschlagen kann?«

»Und was, wenn Sie eines Tages in der Wüste sind und kein Telefonbuch haben?«

»Dann hätte ich ja auch kein Telefon.«

»Nehmen wir an, Sie hätten eines.«

»Dann würde ich die Auskunft anrufen.« »Pst! Ruhe!« klang es von mehreren Seiten. Andere Stimmen mischten sich ins Gespräch und bezeichneten meine Haltung als grundfalsch, respektlos und dumm. Ich mußte mir sagen lassen, daß die vier Geistesgiganten oben auf der Bühne hoch über der gewöhnlichen Masse stünden, daß sie schon in frühestem Kindesalter, echt jüdischem Brauchtum folgend, sich dem Studium eines jeden Buchstabens, einer jeden Ziffer, eines jeden Druckfehlers gewidmet hatten, bis sie zu jenen geistigen Höhen emporgestiegen waren, denen sie jetzt den Beifall und die Bewunderung aller Anwesenden verdankten.

Auf der Bühne hatte die Endrunde begonnen. Soeben machte sich Ing. Glanz an die Lösung eines scheinbar übermenschlichen Problems:

»Wenn man eine Nadel durch die dritte Ziffer der vierten Zeile der zweiten Spalte auf Seite 421 steckt, welche Ziffern würde sie auf den folgenden Seiten durchdringen?«

Ing. Glanz kam bis Petach-Tikwah, Seite 505. Dort war die Nadel zu Ende.

Das Publikum hielt den Atem an. Als die letzte richtige Ziffer durchkam, brach ein Sturm von Bravo- und Hochrufen aus. Mein Nachbar flüsterte: »Gepriesen sei der Ewige!« Einige Zuschauer weinten.

Der Rektor bat um Ruhe. Bevor er die Namen der Sieger bekanntgebe, wolle er noch eine vom Ministerpräsidenten eingesandte Frage stellen. Sie lautete:

»Wie macht man einen Telefonanruf?«

Die vier Champions verfielen in betretenes Schweigen. Towah murmelte etwas von Löchern und Steckkontakten, aber es war klar, daß keiner der vier die richtige Antwort wußte. Nach einigem Getuschel erhob sich der Dichter Tola'at-Shani und gab im eigenen sowie im Namen seiner Mitspieler bekannt, daß die Frage über den Rahmen der hier veranstalteten Konkurrenz hinausginge, da sie nicht in Ziffern zu beantworten war. Die Unruhe, die sich des Publikums zu bemächtigen drohte, wurde vom Vorsitzenden der Jury geschickt abgefangen, indem er Ing. Glanz zum »Telefonbuch-Meister des Jahres« proklamierte und Towah mit dem zweiten Preis auszeichnete. In einem wilden Ausbruch von Begeisterung stürmte die Menge das Podium und trug ihre Idole auf den Schultern hinaus.

Ich wollte zu Hause anrufen, um der besten Ehefrau von allen das Ergebnis mitzuteilen, aber ich hatte meine Nummer vergessen.