Abenteuerlicher Alltag
Haben Sie jemals eine Schnecke ohne Haus gesehen oder einen gläsernen Hammer? Haben Sie jemals gehört, daß die kleinen Kinder den Storch bringen? Haben Sie jemals gelesen, daß ein Minister zu Fuß gegangen ist? Dann lesen Sie es hier.
Die Limousine des Ministers blieb unterwegs plötzlich stehen. Gabi, der Fahrer, stellte den Motor ab und wandte sich um:
»Tut mir leid, Chef - aber Sie haben ja den Rundfunk gehört.«
Das bezog sich auf die Neun-Uhr-Nachrichten, die den Streik der Kraftfahrergewerkschaft angekündigt hatten. Die Kraftfahrergewerkschaft wollte sich mit der Gewerkschaft der ChemieIngenieure fusionieren oder wollte die Fusion mit der Transportarbeitergewerkschaft rückgängig machen oder vielleicht wollte sie etwas anderes. Jedenfalls streikte sie.
Gabi verließ den Wagen und begab sich ins Gewerkschaftshaus, um Instruktionen einzuholen.
Der Minister saß mitten auf der Straße. Er konnte nicht Auto fahren. Erfindungen, die auf einen Knopfdruck hin laute Geräusche erzeugen, flößten ihm seit jeher Angst ein. Soweit seine Erinnerung zurückreichte, hatte er nur ein einziges Mal ein Auto gesteuert. Das war vor vierzig Jahren, in einem Vergnügungspark, wo der Minister - damals noch jung und ehrgeizig - sich einem Autodrom anvertraut hatte. Später war er dann der führenden Partei beigetreten, hatte Karriere gemacht und jederzeit einen Fahrer zur Verfügung gehabt.
Jetzt werde ich wohl einen Helikopter bestellen müssen, dachte der Minister. Man erwartete ihn zu einer dringlichen Kabinettsitzung. Auf dem Programm stand die Krise der Zementindustrie. Um elf Uhr.
Der Minister begann die Passanten zu beobachten, die an seinem Wagen vorbeihasteten. Ein merkwürdiges, fast abenteuerliches Gefühl überkam ihn: Er war auf der Straße. Mit Verblüffung stellte er fest, wie viele fremde Menschen es im Lande gab. Er kannte nur die immer gleichen Gesichter, die er täglich in seinem Ministerium sah. Fremde bekam er höchstens in anonymen Massen zu Gesicht, am Unabhängigkeitstag oder im Fußballstadion bei... wie hieß doch das Ding... beim Kupferfinale.
Der Minister stieg aus und ging die Straße entlang. Allmählich wuchs sein Vertrauen in diese Art der Fortbewegung. Er dachte nach, wann er zuletzt etwas dergleichen getan hatte. Richtig: 1961. Damals hatte ein Fernlaster seinen Wagen gerammt, und er war zu Fuß nach Hause gegangen, quer durch die Stadt, zu Fuß.
Die Blicke des Ministers richteten sich abwärts, dorthin, wo unterhalb der Bauchwölbung seine Füße sichtbar wurden, seine eigenen Füße, die sich rhythmisch bewegten, tapp-tapp, tapp-tapp, linker Fuß, rechter Fuß - jawohl, er wußte seine Füße noch zu gebrauchen. Er wußte noch, wie man auf der Straße geht. Ein gutes Gefühl. Nur die Schuhe sahen ein wenig fremdartig aus. Wo kamen sie her? Er hat sich doch noch niemals Schuhe gekauft, oder?
Genaueres Nachdenken ergab, daß er selbst überhaupt keine Einkäufe tätigte. Was ist's mit diesen Schuhen?
Er blieb vor dem Schaufenster eines Schuhgeschäfts stehen und starrte hinein. Seltsam. Ein völlig neuartiges Phänomen. Schuhe, viele Schuhe, Herren -, Damen- und Kinderschuhe, paarweise arrangiert, auf Sockeln, auf langsam rotierenden Drehscheiben, oder nur so.
In plötzlichem Entschluß betrat der Minister den Laden, einen hohen, langgestreckten Raum mit Reihen bequemer Fauteuils und mit Regalen an den Wänden, und in den Regalen Schuhe, nichts als Schuhe.
Der Minister schüttelte die Hand eines ihm entgegenkommenden Mannes:
»Zufrieden mit dem Exportgeschäft?«
»Mich dürfen Sie nicht fragen«, lautete die Antwort. »Ich suche Sämischlederschuhe mit Gummisohlen.«
Der Minister sah sich um. Wie ging's hier eigentlich zu? Nahmen die Leute einfach Schuhe an sich oder warteten sie, bis der Kellner kommen würde?
Eine Gestalt in weißem Kittel, vielleicht ein Arzt, trat an den Minister heran und fragte ihn, was man für ihn tun könne.
»Schicken Sie mir ein paar Muster«, sagte der Minister leutselig und verließ den Laden.
Draußen auf der Straße fiel ihm ein, daß er sich nicht zu erkennen gegeben hatte. Und daß er nicht von selbst erkannt wurde. Ich muß öfter im Fernsehen auftreten, dachte der Minister.
Es wurde spät. Vielleicht sollte er in seinem Büro anrufen, damit man ihm irgendein Transportmittel schickt oder ihn abholt. Anrufen. Aber wie ruft man an? Und wenn ja: wo? Er sah weit und breit kein Telefon. Und hätte er eines gesehen, wüßte er's nicht zu handhaben. Das machte ja immer seine Sekretärin, die gerade heute nach Haifa gefahren war, in irgendeiner Familienangelegenheit. Außerdem wäre sie ja sonst in seinem Büro und nicht hier, wo es kein Telefon gab.
Da - ein Glasverschlag - ein schwarzer Kasten darin - kein Zweifel: ein Telefon.
Der Minister öffnete die Zellentür und hob den Hörer ab: »Eine Leitung, bitte.«
Nichts geschah. Der Apparat schien gestört zu sein.
Von draußen machte ihm ein kleiner Junge anschauliche Zeichen, daß man zuerst etwas in den Kasten werfen müsse.
Natürlich, jetzt erinnerte er sich. Er ist ja Vorsitzender des Parlamentsausschusses für das Münz- und Markenwesen. Er kennt sich aus. Der Minister betrat den nächsten Laden und bat um eine Telefonmarke.
»Das hier ist eine Wäscherei«, wurde ihm mitgeteilt. »Telefonmarken bekommen Sie auf dem Postamt.«
Eine verwirrende Welt fürwahr. Der Minister hielt nach einem Postamt Ausschau und erspähte auf der jenseitigen Straßenseite einen roten Kasten an einer Häusermauer. Er wußte sofort, was das war. In solche Kästen tun die Menschen Briefe hinein, die sie vorher zu Hause geschrieben haben.
»Entschuldigen Sie«, wandte er sich an eine Dame, die neben ihm an der Straßenkreuzung wartete, »bei welcher Farbe darf man hinübergehen?«
Er ist ziemlich sicher, daß sein Wagen immer bei grünem Licht losfährt. Aber gilt das auch für Fußgänger?
Der Menschenstrom, der sich jetzt in Bewegung setzte, schwemmte ihn auf die gegenüberliegende Straßenseite mit. Dort, gleich neben dem roten Kasten, entdeckte er ein Postamt, trat ein und wandte sich an den nächsten Schalterbeamten:
«Bitte schicken Sie ein Telegramm an mein Ministerium, daß man mich sofort hier abholen soll.«
»Mit einem Flugzeug oder mit einem Unterseeboot?«
fragte der Schalterbeamte und ließ zur Sicherheit die Milchglasscheibe herunter.
Der Mann scheint verrückt zu sein, dacht der Minister und ging achselzuckend ab.
Nahe dem Postamt befindet sich ein Zeitungsstand. Wie sich zeigte, hatte der Minister große Schwierigkeiten, unmarkierte Zeitungen zu entziffern. Auf seinem Schreibtisch sind die Artikel, die er lesen soll, immer eingerahmt.
»Ein Glas Orangensaft?« fragte eine Stimme aus dem Erfrischungskiosk, vor dem er stehengeblieben war.
Der Minister nickte. Er war durstig geworden und leerte das Glas bis auf den letzten Tropfen. Welch wunderbares Erlebnis, allein auf der Straße ein Glas Orangensaft zu trinken und erfrischt weiterzugehen.
Der Kioskinhaber rannte ihm nach:
»45 Agorot, wenn ich bitten darf!«
Der Minister starrte ihn an. Es dauerte sekundenlang, ehe er begriff, was gemeint war. Dann faßte er in seine Tasche. Sie war leer. Natürlich. Solche Sachen wurden ja immer von seiner Sekretärin erledigt. Warum mußte sie gerade heute nach Haifa fahren?
»Schicken Sie mir die Rechnung, bitte«, sagte er dem gierigen Inkassanten und entfloh.
Als er endlich innehielt, stand er vor einem in Bau befindlichen Haus. Die emsigen Menschen, die rundum beschäftigt waren, beeindruckten ihn tief. Nur der Lärm störte ihn ein wenig. Und was war das für eine graue Masse, die sie dort in dem Bottich zusammenmischten?
»Einen schönen guten Tag wünsche ich!«
Ein alter Mann, wahrscheinlich ein Sammler für irgendwelche neu aufgelegten Anleihen, hielt ihm die Hand hin. Auch ihn verwies er an sein Büro.
Immer neue Überraschungen: Dort, in einer Reihe von Glaskästen, hingen Bilder halbnackter Mädchen! Der Minister blickte auf - jawohl, er hat's erraten: ein Kino. So sah das also aus. Er empfand heftige Lust, hineinzugehen und endlich einmal einen Film zu sehen. Sonst kam er ja nie dazu.
Der Minister klopfte an die versperrte Eisentüre. Er muß mehrmals klopfen, ehe eine verhutzelte Frauensperson den Kopf heraussteckte:
»Was los?«
»Ich möchte einen Film sehen.«
»Jetzt? Die erste Vorstellung beginnt um vier Uhr nachmittag.«
»Nachmittag habe ich zu tun.«
»Dann sprechen Sie mit Herrn Weiss.«
Und die Eisentüre fiel ins Schloß.
An der nächsten Straßenecke stand ein ungewöhnlich großer, länglicher, blaulackierter Wagen, der eine Menge wartender Leute in sich aufnimmt. Ein Bus! schoß es dem Minister durch den Kopf. Erst vorige Woche haben wir ihnen das Budget erhöht. Um 11,5 Prozent. Da kann ich ja einsteigen.
»Hajarkonstraße«, sagte er dem Fahrer. »Nummer 71.«
»Welcher Stock?«
»Wie bitte?«
»Machen Sie, daß Sie vom Trittbrett herunterkommen!« Der Fahrer betätigte die automatische Tür und sauste los. Eine merkwürdige Welt mit merkwürdigen Spielregeln. Der Minister versuchte sich zu orientieren, konnte jedoch mangels irgendwelcher Wahrzeichen ( Hilton-Hotel oder griechisches Restaurant) - nicht feststellen, wo er sich befand.
Menschen fluteten an ihm vorbei, als wäre nichts geschehen. Dies also ist die Nation, das Volk, die Masse der Wähler. Den jüngsten Meinungsumfragen zufolge wird im Oktober jeder dritte dieser fremden Menschen für ihn stimmen. Der Minister liebt sie alle. Er ist seit seiner frühesten Jugend ein überzeugter Sozialist.
Endlich, auf vielfach verschlungenen Wegen, hat er zu seiner Limousine zurückgefunden; gerade rechtzeitig, um den Fahrer Gabi herankommen zu sehen.
»Zwei Sonderzahlungen jährlich und erhöhtes Urlaubsgeld«, sagte Gabi.
Der Streik war beendet. Sie stiegen ein. Gabi ließ den Motor anspringen.
Und der Minister kehrte von seinen Abenteuern auf einem fremden Planeten in die Welt seines Alltags zurück.