Wer ist wer auf dem Bildschirm

Verabschieden wir uns von diesem unheilvollen Massenmedium mit einem Blick auf das gewaltigste Fernsehprogramm, von dem die Welt jemals in Fortsetzungen erobert wurde: »Die Forsyte Saga«. Was für selige Wochen, als die Geschichte dieser strapaziösen Familie vor uns abrollte, und als wir uns nacheinander mit jedem einzelnen ihrer Mitglieder identifizieren konnten! Es war ein schwerer Fehler von den Arabern, ihren letzten Überraschungsangriff nicht in jener Nacht zu starten, in der die Vergewaltigung der betörenden Irene durch den gierigen Soames stattfand; sie hätten ein völlig gelähmtes Israel vorgefunden. Aber wahrscheinlich haben auch die Araber zugeschaut...

Aber zurück zu den abendfüllenden Forsytes.

»Wer ist das?« fragte ich. »Ist das der Mann, der die Bücher von Fleurs Gatten gestohlen hat?«

»Dummkopf«, antwortete die beste Ehefrau von allen. »Es ist der Cousin von Winifred, der Gattin Monts.«

»Die vom Pferd gefallen ist?«

»Das war Frances, Joans Mutter. Halt den Mund.«

Jeden Freitag sitzen wir den Forsytes gegenüber, auch Amir, der schon längst im Bett sein sollte, und jeden Freitag verstricke ich mich ausweglos im Gezweig ihres Stammbaums. Letztes Mal, zum Beispiel, hatte ich die ganze Zeit geglaubt, der Maler des neuen Modells sei der Sohn von dieser... na, wie heißt sie doch gleich... also jedenfalls ein Sohn, bis Amir mich belehrte, daß es sich um den Cousin von Jolyon dem Älteren handelte. Halt den Mund.

Warum blenden sie nicht in regelmäßigen Abständen die Namen ein?

Achtung. Fleurs Gatte hält eine Rede im Unterhaus, und ich habe keine Ahnung, ob er der Sohn der vor fünf Wochen von Soames vergewaltigten Irene ist oder nicht. Obendrein dringen aus dem Zimmer unseres neu angekommenen Töchterchens Renana verdächtige Geräusche und laute Seufzer. Es ist ein wahrer Alptraum. Vielleicht hat sich das Baby in der Wiege aufgestellt und trainiert Akrobatik. Wenn sie nur nicht herunterfällt. Entsetzlicher Gedanke. Kalter Schweiß tritt mir auf die Stirn, und meiner Frau geht es nicht anders.

»Wer ist das?« frage ich aufs neue. »Ich meine den jungen Mann, der sich in Fleur verliebt hat?«

Irgendwo in der abgedunkelten Wohnung schrillt das Telefon. Niemand rührt sich. Mit Recht. Wer während der Forsyte Saga anruft, hat sich aus dem Kreis der zivilisierten Menschheit ausgeschlossen. Vor drei Wochen wurde mir kurz nach Beginn der damaligen Fortsetzung ein Kabel zugestellt. Der Botenjunge mußte zehn Minuten lang läuten. So lange dauerte das Gespräch zwischen Soames und Irene. Es drehte sich um Joans Verlobung, wenn ich nicht irre.

»Ruhe!« brülle ich in Richtung der Türe, hinter der sich die akustische Störung erhoben hatte. »Ruhe! Forsyte!«

Und ich konzentriere mich wieder auf den Bildschirm. Plumps! Das ominöse Geräusch eines zu Boden fallenden Körpers dringt aus Renanas Zimmer, gefolgt von lautem Weinen. Kein Zweifel: Renana ist aus der Wiege gefallen.

»Amir!« Meine Stimme zittert in väterlicher Besorgnis. »Schau nach, was passiert ist, um Himmels willen!«

»Wozu?« antwortet ruhig mein Sohn. »Sie ist doch schon heruntergefallen.«

Eine Schande. Dieses blödsinnige Fernsehen ist ihm wichtiger als seine leibliche Schwester. Auch seine Mutter läßt es bei einem verzweifelten Händefalten bewenden. Auf dem Bildschirm streitet Soames mit einem jungen Anwalt, den ich nicht kenne.

»Und wer ist das schon wieder? Ist er mit Heien verwandt?«

»Mund halten!«

Der Lärm, den wir jetzt hören, kommt aus unserem ehelichen Schlafgemach. Es klingt, als würden schwere Möbel verschoben und Glasscheiben zersplittert.

Der junge Anwalt kann unmöglich Helens Sohn sein. Der wurde ja schon vor drei Fortsetzungen überfahren. Nein, das war gar nicht er. Das war der Architekt Bossini, der damals unter die Räder kam.

»Jetzt will ich aber endlich wissen, wer das ist! Könnte es Marjories Bruder sein?«

»Sie hat keinen Bruder«, zischt die Mutter meiner Kinder. »Schau nach rechts!«

Ich warte, bis das Bild abblendet, dann werfe ich einen Blick in die angezeigte Richtung. Dort steht ein Mann. Er steht ganz ruhig, über dem Gesicht eine Maske und auf dem Rücken einen Sack, der sichtlich mit verschiedenen Gegenständen gefüllt ist.

In einem Wandelgang des Parlaments bekam Michael Mont, der Gatte Fleurs, soeben ein paar Ohrfeigen.

»Wer ist das, der ihn ohrfeigt?« fragt der Mann mit dem Sack. »Vielleicht Winifreds Gatte?«

»Machen Sie sich nicht lächerlich«, antworte ich. »Winifreds Gatte ist doch schon längst mit dieser Schauspielerin nach Amerika durchgebrannt. Mund halten.«

Mittlerweile war Soames wieder an den jungen Anwalt geraten, der ihm Saures gab.

»Was dieser arme Mensch leiden muß!« Ein Seufzer meiner Frau klang mitleiderregend durch die Dunkelheit. »Alle treten auf ihm herum.«

»Er braucht Ihnen nicht leid zu tun«, sagt eine männliche Stimme. »Erinnern Sie sich nur, wie schlecht er sich damals zu Irene benommen hat. Wer ist das?«

»Mund halten.«

Jetzt stehen bereits zwei Männer mit Säcken da.

»Setzen!« rufe ich. »Wir sehen nichts!« Die beiden lassen sich auf dem Teppich nieder. Meine Ehe- und Fernsehgefährtin beugt sich nahe zu mir:

»Was geht hier vor?« flüstert sie. »Wer ist das?«

»Annes Bruder«, antwortet einer der beiden. »Johns zweite Frau. Pst!«

Jetzt sprechen die beiden miteinander, was gleichfalls störend wirkt. Meine Frau gibt mir durch nervöse Handzeichen zu verstehen, daß ich etwas unternehmen soll, aber das kommt unter den auf dem Bildschirm gegebenen Umständen nicht in Frage. Erst als die Haushälterin der Cousine von Soames' Schwester erscheint, eine ältliche, reizlose Frauensperson, die mich nicht weiter interessiert, schleiche ich in die Küche, um die Polizei anzurufen. Ich muß minutenlang warten. Endlich wird der Hörer abgehoben und eine verärgerte Stimme sagt:

»Wir sind beschäftigt. Rufen Sie wieder an.«

»Aber in meinem Wohnzimmer sitzen zwei Räuber!«

»Hat Forsyte sie gefangen?«

»Ja. Kommen Sie sofort.«

»Nur Geduld«, sagt der diensthabende Wachbeamte. »Wer ist das?«

Ich gebe ihm meinen Namen samt Adresse.

»Sie habe ich nicht gemeint. Bewahren Sie Ruhe, bis wir kommen.«

Ich eile zur Saga zurück.

»Habe ich viel versäumt? Ist das Jolly, Hollys Bruder?«

»Trottel«, weist mich der größere der beiden Räuber zurecht. »Jolly ist in der zweiten Fortsetzung an Typhus gestorben.«

»Dann kann es nur Vic sein, der Cousin des Nacktmodells.«

»Vic, Vic, Vic... «

Das Quaken kommt von unserem Töchterchen Renana, die auf allen vieren aus ihrem Zimmer hervorkriecht und meinen Fauteuil zu erklimmen versucht. Draußen wird eine Polizeisirene hörbar. Einer der Räuber will aufstehen, aber in diesem Augenblick betrat Marjorie das Spital und stand gleich darauf Fleur gegenüber, von Angesicht zu Angesicht, am Bett eines Patienten, der zweifellos ein Familienmitglied war, ich wußte nur nicht, welchen Grades. Die Spannung wurde unerträglich.

Jemand klopft wie verrückt an unsere Tür. »Wer ist das?« frage ich. »Ist das der, den sie nach Australien schicken wollten?«

»Das war Irenes Stiefvater. Mund halten.«

Die Türe wird eingebrochen. Ich habe das dunkle Gefühl, daß hinter unserem Rücken einige Polizisten hereinkommen und sich an der Wand aufstellen.

»Wer ist das?« fragt einer von ihnen. »Hollys Gatte und Vals Frau?«

»Bitte, meine Herren -!«

Nach einigem Hin und Her lehnte Fleur die ihr angebotene Versöhnung mit Marjorie ab und ging nach Hause, um Annes Bruder zu pflegen. Fortsetzung nächste Woche.

»Nicht schön von Fleur«, ließ der Polizeisergeant sich vernehmen. »Das war doch eine sehr menschliche Geste von Marjorie. Fleur hätte sich wirklich mit ihr versöhnen können. Am Sterbebett ihres Bruders!«

Von der Türe her widersprach einer der Räuber:

»Wenn Sie's wissen wollen - Marjorie ist eine Erpresserin. Außerdem war das gar nicht ihr Bruder. Es war Bicket, der Mann von Vic. Er hat die Detektive engagiert.«

»Bicket«, rief ich den gemeinsam abgehenden Gesetzeshütern und -brechern nach, »ist vor zwei Wochen in den Fernen Osten abgereist!«

»Abgereist ist Wilfred, wenn du nichts dagegen hast«, korrigierte mich hämisch die beste Ehefrau von allen.

Sie hat's nötig! Wo sie doch zwei Fortsetzungen hindurch eine lächerliche Figur abgab, weil sie der Meinung war, daß Jolyon jr. auf der Straße Luftballons verkauft hatte, ehe er in den Burenkrieg zog. Mir wird niemand etwas über die Forsytes erzählen.