Ferner auf dem Programm
Vor ungefähr einer Woche bekamen alle Hausbewohner farbige Flugzettel unter die Türe geschoben, auf denen für Mittwoch, 19 Uhr, eine Massenveranstaltung in unserem Wohnblock angekündigt wurde, ich weiß nicht mehr, von welcher Partei. Als Redner waren die Herren Mogilewski und Karpat vorgesehen. Ferner auf dem Programm: Gershom Schulz, der beliebte Schlagersänger. Eintritt frei, jedermann willkommen, besonders Spender.
Die gesamte Bewohnerschaft entschloß sich zum Besuch der Veranstaltung, und zwar wegen Schulz. Schulz erfreut sich allseitiger Beliebtheit und hat ein paar besonders erfolgreiche Nummern in seinem Repertoire, zum Beispiel »Küß mich, Liebling« oder »Hab mich lieb, Baby«; man bekommt sie auch sehr oft im Rundfunk zu hören.
Ich machte mich rechtzeitig auf den Weg, um einen Sitz möglichst nahe bei Schulz zu ergattern, fand aber die ersten Reihen schon dicht besetzt, hauptsächlich von Angehörigen des weiblichen Geschlechts. Denn Gershom Schulz singt nicht nur sehr hübsch, er ist auch persönlich sehr anziehend und verfügt über eine gut ausgebildete Technik, den anwesenden Damen während des Singens feurige Blicke zuzuwerfen.
Der Abend begann mit einstündiger Verspätung, weil das Mikrofon, das man endlich herbeigeschafft hatte, zuerst nicht funktionieren wollte. Nach einer Stunde wollte es. Hinter dem Tisch auf dem Podium nahmen nunmehr drei männliche Gestalten Platz, die niemand kannte. Gershorn Schulz befand sich nicht unter ihnen. Zur allgemeinen Enttäuschung erhob sich einer der drei Fremden, vermutlich der Vorsitzende und begann:
»Meine Damen und Herren, Veteranen und Neueinwanderer, liebe Freunde! Sie haben sich heute abend hier versammelt, um von uns zu hören, wofür unsere Partei steht, was sie anstrebt, was ihr Programm ist...«
»Wo ist das musikalische Programm?« rief aus einer der letzten Reihen ein brillentragender Jüngling. »Wo ist Schulz?«
»Bravo!« Das war ein junges Mädchen in der ersten Reihe. »Schulz aufs Podium!«
Der Sprecher tat, als hätte er noch nie etwas von Schulz gehört, zumindest in den letzten Sekunden nicht, und wollte uns weiter darüber aufklären, warum wir uns heute abend hier versammelt hatten. Aber seine Worte wurden von immer neuen Rufen nach Schulz übertönt. Schließlich mußte er nachgeben:
»Herr Schulz hält sich bereits in unserer unmittelbaren Nachbarschaft auf und wird das musikalische Programm des Abends bestreiten.«
Allgemeiner Applaus belohnte diese verheißungsvolle Mitteilung und legte Zeugnis für die Beliebtheit des populären Schlagersängers ab. Der Redner nützte den plötzlichen Enthusiasmus, um in raschem Tempo über die Interessen der Nation zu sprechen und ein paar Schmähungen gegen alle anderen Parteien anzubringen. Den Sänger Schulz erwähnte er mit keinem Wort, was allmählich neue Unruhe hervorrief:
»Wo bleibt Schulz... Vielleicht kommt er gar nicht... Es wäre nicht das erstemal... Er ist ja sehr beliebt und viel beschäftigt... Wenn Schulz nicht kommt, hat der ganze Abend keinen Wert... «
Tatsächlich schickten sich einige Besucher aus den hinteren Reihen zum Verlassen des Saales an, gerade als der Vorsitzende die Notwendigkeit einer wirtschaftlichen Stabilisierung hervorhob:
»Wir brauchen auch eine bessere Kulturpolitik«, rief er geistesgegenwärtig. »Wir müssen unseren Schriftstellern bessere Arbeitsmöglichkeiten schaffen, wir müssen aber auch für unsere Sänger etwas tun, zum Beispiel für Gershom Schulz, der in wenigen Minuten erscheinen wird, um uns seine schönsten Lieder hören zu lassen.«
Die ungeduldig Gewordenen nahmen ihre Plätze ein, und der Redner sprach noch viele Minuten lang weiter. Den Abschluß bildete die herkömmliche Wendung:
»Hat jemand eine Frage?«
»Jawohl.« In der zweiten Reihe erhob sich eine distinguiert aussehende Dame. »Wo ist Schulz? Sie haben uns Schulz versprochen!«
»Ganz richtig«, bestätigte der Vorsitzende. »Und Herr Schulz wird ja auch in wenigen Minuten erscheinen, um uns aus seinem reichhaltigen Repertoire etwas vorzutragen. Bis dahin möchte ich Herrn Karpat das Wort erteilen, der Ihnen einiges über die israelische Außenpolitik zu sagen hat.«
Karpat konnte von dem erteilten Wort keinen Gebrauch machen. Von allen Seiten drangen Rufe auf ihn ein:
»Wir sind nicht neugierig... Erst Schulz, dann Karpat... Wir sind wegen Schulz hergekommen... Wo ist Schulz...«
Der Vorsitzende bat flehentlich um Ruhe:
»Sofort nach Herrn Karpats Ausführungen wird Gershom Schulz das Podium besteigen, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort!«
»Dummes Gewäsch... Leere Versprechungen... Man hält uns zum besten... Ich wollte ins Kino gehen, und jetzt sitz ich da... Schulz, Schulz, Schulz... «
Da der Lärm keine Anstalten traf, sich zu legen, wurde der Installateur Stux ausgesandt, um Schulz zu holen. Die Spannung wuchs ins Unerträgliche. Wenn Stux ohne Schulz zurückkäme, dann - darüber mußte sich wohl auch das Präsidium im klaren sein - wäre es das Ende der Partei.
Nach schier endlosen Minuten öffnete sich unter atemloser Stille des gesamten Auditoriums die Türe.
Ein Massenseufzer der Erleichterung wurde hörbar, als neben Stux die wohlvertraute Gestalt des populären Schlagersängers erschien. Die Damen richteten ihre Frisuren, ich richtete meine Krawatte, allgemeines Händeklatschen setzte ein, das von Schulz mit artigen Verbeugungen und Kußhändchen quittiert wurde. Dann, auf eine devot einladende Gebärde des Vorsitzenden, nahm er am Präsidiumstisch Platz. Die Atmosphäre hatte sich gewaltig gebessert.
Das ermutigte Herrn Karpat, die weltpolitische Lage zu analysieren. Niemand hörte ihm zu. Man sah nur Schulz, man erging sich in Bemerkungen über seine Herkunft, über sein Äußeres, über sein Alter. Aber auch das hielt nicht lange vor. Neue Schulz-Rufe wurden laut.
Karpat suchte zu retten, was zu retten war:
»...wenn es uns gelingt, inmitten dieser prekären Balance der Großmächte unsere Unabhängigkeit zu bewahren, wenn wir keinem wie immer gearteten Druck nachgeben, komme er aus westlicher oder östlicher Richtung, dann wird Herr Schulz in wenigen Minuten mit seinen Darbietungen beginnen, und wir, meine Damen und Herren, werden im Kreis der Völker einen geachteten und gesicherten Platz...«
»Schluß! Aufhören!« erklang es ringsumher. »Genug! Wir wollen Schulz, wir wollen Schulz!«
Der Vorsitzende verschaffte sich Gehör: »Das musikalische Programm wird wie geplant den Abend beschließen.«
»Nicht beschließen... So lange können wir nicht warten... Jetzt gleich... Küß mich, Liebling...«
Die Menge ließ sich nicht zum Schweigen bringen und trotzte dem Vorsitzenden einen Kompromiß ab: Schulz durfte auf Vorschuß ein Lied zum besten geben und sang mit unwiderstehlichem Charme »Hab mich lieb, Baby«. Als eine Zugabe gefordert wurde, berief sich der Vorsitzende auf die Abmachung, derzufolge jetzt wieder Karpat das Wort hätte. Karpat begann sofort zu analysieren. Bei der Analyse unserer isolierten Position im Weltsicherheitsrat brach erneuter Protest aus: »Jetzt ist wieder Schulz an der Reihe... Schulz soll singen... Gib uns >Oj Eilat<, Schulz...«
Schulz gab uns »Oj Eilat« und machte uns damit wieder ein wenig für Karpats Analysen empfänglich. Die Sache pendelte sich ein: eine Nummer von Schulz, drei Minuten Außenpolitik, dann wieder Schulz, und so weiter, obwohl wir auf Karpats Anteil am Programm lieber verzichtet hätten. Schließlich begab sich eine dreiköpfige, ad hoc gebildete Delegation zum
Podium und ersuchte den Vorsitzenden, Schulz eine halbe Stunde ohne außenpolitische Unterbrechung singen zu lassen. Man würde dann den Ausführungen Karpats ruhig zuhören, auch wenn sie noch so langweilig wären.
Der Vorsitzende lehnte ab und unterstellte uns mit beleidigter Stimme, daß wir offenbar nur Gershom Schulz hören wollten und uns für nichts anderes interessierten. Das traf zwar zu, aber wir bestritten es heftig und drohten, für eine andere Partei zu stimmen, wenn er Schulz nicht sofort singen ließe.
Schulz winkte ab und verkündete, daß er jetzt leider gehen müsse, um noch bei zwei anderen Veranstaltungen anderer Parteien aufzutreten.
Die Versammlung löste sich auf, ohne daß wir erfahren hätten, für welche Partei er soeben aufgetreten war. Es ist ein unangenehmer Gedanke, daß wir vielleicht irrtümlich für diese Partei stimmen könnten.
Das Symbol des 19. Jahrhunderts war die goldene Taschenuhr, komplett mit dicker Kette und sinnlosem Anhänger. Unser eigenes Jahrhundert eröffnete seine segensreiche Tätigkeit im Zeichen des Aspirins, ging dann zum Bolschewismus über und entschied sich in den fünfziger Jahren für das Fernsehen. Aus den Statistiken überentwickelter Länder geht hervor, daß je drei Fernsehapparate einen Menschen besitzen: einer das Schlafzimmer, einer die Kinder und einer - davon soll jetzt die Rede sein.
Auf den ersten Blick unterschied sich das Taxi, das ich damals an der Ecke der Frischmannstraße genommen hatte, durch nichts von den meisten seinesgleichen im Nahen Osten: ein wenig zerbeult, aber noch fahrbar, die Aschenbecher vollgestopft mit Nahrungsresten und Papierschnitzeln, an den Unterteilen der Sitzplätze fragmentarische Überbleibsel von Kaugummi, und auf den Sitzplätzen selbst, dort wo sich die von Zigaretten gebrannten Löcher befanden, ein paar hervorstehende Sprungfedern. Kurzum: ein ganz normales israelisches Taxi. Das einzig Ungewöhnliche war der Fahrer, ein stämmiger Bursche von vermutlich osteuropäischer Herkunft, nach seinem Profil zu urteilen. Ich urteilte nach seinem Profil, weil ich es deutlich sehen konnte. Er hielt es schräg, auch während der Fahrt, und sein Blick war starr nach unten gerichtet. Nach rechts unten. Auch während der Fahrt.
Plötzlich hörte ich einen vertrauten Stakkato-Ton, ein kurzes rhythmisches »tatata-ta-tata«. Es war genau 21 Uhr.
»Was gibt's im Radio?« fragte ich.
»Keine Ahnung«, lautete die Antwort. »Ich hab das Fernsehen an. Simon Templar.«
Ich beugte mich ein wenig vor und sah ihm über die Schulter. Tatsächlich: Zu seinen Füßen lag ein kleiner Fernsehapparat, über den gerade »Der Boß und die 40 Räuber« ihren Einzug hielten, tatata-ta-tata. Bild und Ton kamen verhältnismäßig deutlich, nur manchmal hüpfte der kleine Kasten auf und nieder, denn die Stadtverwaltung von Tel Aviv hatte sich endlich zu den überfälligen Reparaturarbeiten ihrer Hauptverkehrsadern entschlossen.
Als wir die Ben-Jehuda-Straße entlangholperten, streckte der Boß einen intellektuellen Schurken zu Boden und umarmte seine weibliche Gefangene. Aber da nahte in einem Helikopter der dicke Spion.
»Setzen Sie sich schon endlich«, sagte der Fahrer, ohne die Haltung seines Profils zu verändern. »Sie verstellen mir ja die Aussicht auf das Rückfenster.«
Ich ließ mich widerwillig in den Fond fallen:
»Wieso stört Sie das? Sie schauen ja ohnehin die ganze Zeit auf Ihre Füße.«
»Das geht Sie nichts an. Ich kenne meine Fahrbahn, auch ohne sie ständig zu beobachten.«
»Deshalb haben Sie gerade ein rotes Licht überfahren, was?«
»Pst. Sie kommen... «
Meinem neuerlichen Spähversuch begegnete der Wagenlenker auf höchst unfaire Art, indem er den Kasten in einen für mich unzugänglichen Winkel schob. Dabei sehe ich Simon Templar sehr gerne, noch lieber als Western.
Auf unsicheren Rädern kurvten wir in den Nordau-Boulevard ein. Soviel ich hören konnte, ging auf dem Bildschirm gerade ein wütender Kampf vor sich.
»Setzen!« herrschte das Profil mich an. »Das ist ein MiniApparat, nur für den Fahrer.«
Ganz knapp verfehlten wir in diesem Augenblick ein Moped in psychedelischen Farben, aber sichtlich noch ohne Fernsehapparat.
Das Profil beugte sich zum Fenster hinaus. Sein Tonfall erreichte die Stärke eines mittleren Nebelhorns im Hafen:
»Wo brennt's denn, du Idiot? Lern zuerst fahren, du Trottel! Willst du uns alle umbringen?«
Während das Kind auf dem Roller - nach kurzer Einschätzung der Körperkräfte seines Widersachers - eilends das Weite suchte, verschaffte ich mir rasch einen Blick auf den Bildschirm: Simon war gerade dabei, dem dicken Kerl, der den Mikrofilm bei sich trug, mit dem Revolver den Schädel zu spalten, mit der anderen Hand hielt er den Agenten der Gegenseite auf Distanz, und alles das in einem ziemlich rasch dahinschlitternden Taxi.
»Ein miserables Gerät«, beschwerte sich das Profil. »Japanisches Fabrikat, kostet in Amerika 80 Dollar, aber hier verlangen sie 2000 Pfund. Nicht von mir, hehe. Da können sie lange warten. Mein Schwager aus Brooklyn hat's durch den Zoll geschmuggelt.«
Er schüttelte sich vor Lachen, hielt aber jählings inne, weil Simon soeben dem feindlichen Millionär in die Falle zu gehen drohte.
Und weil das rechte Vorderrad auf den Gehsteig aufgefahren war, von wo es mit hartem Krach wieder die Fahrbahn erreichte.
Allmählich verlor ich die Geduld:
»Warum, zum Teufel, fahren Sie nur mit einer Hand?«
»Mit der ändern muß ich den Draht halten, sonst setzt der Empfang aus. Der Mechaniker hat mir gesagt, daß ich eine Art Antenne bin, wenn ich den Draht halte. Er lebt bei meiner Schwester. Schon seit zwei Jahren. Der Mechaniker. Ein feiner Kerl.«
Wir glitten in einer Entfernung von höchstens eineinhalb Millimetern an einem langen, schweren Transportlaster vorbei. Wenn das so weiterging, würde uns Simon noch in einen Unfall verwickeln.
»Das Gesetz«, stieß ich zwischen zwei wilden Sprüngen des Wagens hervor, »das Gesetz verbietet Fernsehapparate in Personenkraftwagen!«
»Das ist eine Lüge. Sie werden in keinem Gesetzbuch eine solche Vorschrift finden. Hingegen ist es streng verboten, mit dem Fahrer zu sprechen.«
»Warten Sie ab, die Polizei wird's Ihnen schon zeigen!« »Polizei? Wieso Polizei? Simon muß immer alles allein machen. Die Polizei kommt immer erst dann, wenn man sie nicht mehr braucht. Genau wie bei uns. Und dafür werden sie auch noch dekoriert. Erzählen Sie mir nichts von der Polizei, Herr.«
Der Boß mußte in eine entscheidende Auseinandersetzung geraten sein, denn das Profil starrte unbeweglich zu Boden. Wir fuhren im Zickzack.
»Ein harter Junge, unser Simon. Läßt sich auch von den Weibern nicht drankriegen. Schmust mit ihnen herum, aber von Heiraten keine Rede. Hält sich fit, um die Gangster zu erledigen. Und wie er sie erledigt! Manche Leute sagen, daß er Glück hat. Aber in diesen Dingen kann man kein Glück haben... «
Doch. Manchmal kann man. Zum Beispiel wir, gerade jetzt. Obwohl der Wagen vor uns in rücksichtslos gleichem Tempo dahinfuhr, stießen wir nicht mit ihm zusammen. Seit der Boß dem Bombenräuber in einem gestohlenen Taxi nachjagte, hatte ich das unangenehme Gefühl, daß wir in eine entgegengesetzte Einbahnstraße eingebogen waren. »He -!«
»Setzen!« brüllte das Profil. »Wie oft wollen Sie mir noch die Aussicht blockieren?«
»Sagen Sie mir wenigstens, was auf dem Bildschirm vorgeht.«
»Verrückt geworden? Was soll ich noch alles machen? Fahren - Draht halten - zuschauen - und erzählen?«
»Achtung!!«
Bremsen kreischten. Dicht voreinander, in der allerletzten Sekunde, kamen mit ohrenbetäubendem Krach das Taxi und ein großer, dunkelroter Tanker zum Stillstand. Simon war wie durch ein Wunder unverletzt geblieben. Das Profil fuhr im Rückwärtsgang bis zur Ecke.
»Genug«, sagte ich. »Mir reicht's. Ich will aussteigen.«
»Acht Pfund siebzig.«
Er nahm das Geld entgegen, ohne mich anzusehen. Geld war ihm gleichgültig. Was ihn interessierte, war Simon Templar.
Ich sprang auf die Straße. Es war eine mir völlig unbekannte Gegend.
»Wo bin ich? Das ist doch nicht Ramat Aviv!«
»Sie wollten nach Ramat Aviv? Warum haben Sie das nicht gesagt?«
Und der Fahrer entschwand, ohne mich eines Blicks zu würdigen. Er hielt ihn starr auf seinen japanischen Bildschirm gerichtet. Ein miserables Fabrikat, aber wenn man den Draht in der einen Hand hält, hat man einen leidlich guten Empfang.