Erholung im Kibbuz
Alljährlich, wenn der Frühling kommt und das Pessachfest bevorsteht, wird mir klar, daß es keine Rettung vor den Mazzes gibt - außer im Kibbuz. Ehefrauen und Zahnärzte empfehlen den Kibbuz als ideale Erholung von den täglichen Bröseln, als einzigen Ort, wo es dem geplagten Städter vergönnt ist, am Busen der Natur zu ruhen, Milch aus einwandfreier Quelle zu beziehen und in Schlomohs Arme zu fallen. Schlomoh ist irgendwie verwandt mit mir, ein Gliedcousin oder etwas ähnliches, aber auch wenn er nicht mit mir verwandt wäre, würde ich ihn zu Pessach besuchen. Er hat mich nicht besonders gern, wahrscheinlich deshalb, weil ich immer dann auftauche, wenn der Kibbuz von Verwandten, Bekannten, Freunden und sonstigen Gästen der Kibbuzniks überfüllt ist. Um die Wahrheit zu sagen: Auch ich kann Schlomoh nicht leiden, und manchmal frage ich mich, wie ein solcher Mensch überhaupt in unsere Familie gekommen ist.
Heuer, wie schon angedeutet, besuchte ich Schlomoh abermals zu Pessach im Kibbuz. Ich fand ihn in der Küche hinter einer Säule von schmutzigen Tellern und wurde von ihm mit herzlichem Widerwillen begrüßt:
»Tut mir leid - ich habe noch hier zu tun. Schau dir inzwischen die Farm an. Wir haben ein neues Kalb bekommen.«
Das interessierte mich sehr, denn mir geht nichts über ein zartes Schnitzel.
Auf dem Weg zu den Stallungen traf ich einen von Schlomohs Freunden.
»Ist es nicht zu heiß zum Herumlaufen?« fragte er.
»Warum nimmst du dir nicht einen Esel und reitest ein wenig?«
»Genosse«, antwortete ich, »ich bin ein Intellektueller.«
»Macht nichts. Wir haben ein paar sehr sanfte Esel. Der dort, mit dem weißen Fleck auf der Stirne...«
Und schon rief er den in unserer nächsten Nähe grasenden Meister Langohr heran:
»He, Tzuki! Komm her, Tzuki! He! Schön herkommen, Tzuki! Rock-rock-rock...!«
Ich wollte wissen, was Rock-rock-rock zu bedeuten hatte.
»Es ist ein Lockruf, den die Esel gerne hören. Sie reagieren sofort. He, Tzuki! Rock-rock-rock! Also komm schon, Tzuki! He! Na so komm doch! Tzuki! Rock-rock-rock...!«
Tzuki stand unbeweglich und glotzte uns an. Nach einer Weile drehte er sich zur Seite und verzehrte einige Disteln.
»Ich hab's eilig«, sagte Schlomohs Freund. »Du kannst ruhig auf ihm reiten. Ist ja nicht schwer.«
Er gab mir noch rasch ein paar Tips, wie ich aufsteigen und den Esel behandeln sollte. Als Zurufe empfahl er »Hopp!« fürs Traben, »Woah!« zur Beschleunigung, »Ho!« zum Bremsen und »Brrr!« zum Stehenbleiben. Dann brach er von einem Strauch eine Reitgerte für mich ab und entfernte sich in die pastorale Kulisse.
Ich empfand seine Anweisungen als überflüssig. Kraft meiner Intelligenz wußte ich mit Tieren mindestens ebenso gut umzugehen wie diese primitiven Kibbuzniks. Ruhig und gelassen, ohne jedes He oder Hopp, trat ich an Tzuki heran und ergriff den Strick, den er um den Hals trug.
»Rock«, sagte ich, »Rock, rock und nochmals rock.«
Das war alles, was ich sagte. Kein Wort mehr.
Tzuki verhielt sich ruhig und spitzte eines seiner Ohren, als spürte er die Autorität, die von mir ausging. Ich schwang mich mühelos auf seinen Rücken und saß im nicht vorhandenen Sattel wie der Sohn eines Beduinenscheichs, und zwar wie jener Sohn, der in der Stadt aufgewachsen ist; vielleicht hat er auch die Universität besucht.
»Und jetzt«, wandte ich mich an Tzuki, »wollen wir ein wenig traben, mein Junge.«
Sofort senkte Tzuki den Kopf und begann Gras zu fressen.
»Hopp!« sagte ich etwas deutlicher. »Heia-hopp!«
Tzuki rührte sich nicht. Offenbar hatte er sich mit meiner Gegenwart noch nicht angefreundet. Aber das sollte mich zu keiner voreiligen Handlung veranlassen. Ich klopfte mit leichter Hand auf seine Flanke, um ihm in Erinnerung zu rufen, daß ich auf ihm saß und reiten wollte.
Tzuki stand da und wartete.
»Hopp-hopp«, bemerkte ich abermals.
Tzukis anhaltende Reglosigkeit konnte mich nicht an der Gewißheit irremachen, daß ich ihn früher oder später durch gutes Zureden in Gang setzen würde. Ich schnalzte ihm ein paarmal die Reitgerte um die Ohren und rief:
»Rock! Hopp! Woah! Hopp Tzuki!«
Nichts geschah. Auch daß ich ihm den Schuhabsatz mehrmals in den Bauch stieß, fruchtete nichts. Als nächstes versuchte ich es mit einem rechten Schwinger gegen sein Maul. Als nächstes mit ein paar weiteren Fußtritten. Als nächstes legte ich eine Ruhepause ein. Dazu war ich ja schließlich hergekommen: um mich auszuruhen.
Unterdessen hatte sich Tzuki an den in seiner Reichweite befindlichen Gräsern und Pflanzen gütlich getan.
Ich bohrte meine Reitgerte in seinen Hintern:
»Woah!« brüllte ich. »Heiho! Rock-rock! Rühr dich schon endlich, du Vieh!«
Dann stieg ich ab. Genau genommen stieg nicht ich ab, sondern wurde abgeworfen. Tzuki hatte sein Hinterteil in einem Winkel von 45 Grad ruckartig erhoben, und ich wollte mich in der Luft auf keinen Kampf mit ihm einlassen. Erst als ich wieder fest auf den Beinen stand, ergriff ich den Strick und schwang mich abermals auf seinen Rücken, energischer als zuvor und mit keuchendem Atem. Es ging jetzt nicht länger um einen Vergnügungsritt, verbunden mit einer Besichtigung der Kibbuz-Farm. Es ging um meine Selbstbehauptung. Er oder ich. Einer von uns beiden war hier überflüssig.
»Tzuki hopp, Tzuki he, Tzuki woah!« Meine Stimme erreichte eine Lautstärke, die ich mir niemals zugetraut hätte. Nicht einmal das Klatschen der Reitgerte konnte sie übertönen. »Heia, Tzuki! Hopp! Woah! Brrr! Rockrock! Rühr dich! Peng!
Plopp! Vorwärts wups! Tzuki! Grumpf! Grapsch! Kripp-kripp! Hopp-hopp! Woah. Boah! Buh! Burr-burr-burr...!«
All diese mannigfachen Ermunterungsrufe, manche davon noch Urlaute aus prähistorischen Zeiten, gingen spurlos an Tzukis idiotisch langen Ohren vorüber. Tzuki graste ruhig weiter. Er schien nicht den Eindruck zu haben, daß etwas Ungewöhnliches vorging.
»Tzuki«, flüsterte ich, »ich bitte dich, Tzuki... «
Seit Jahren hatte ich mich nicht so erschöpft gefühlt. Selbst zum Absteigen war ich zu müde. Die Abenddämmerung setzte ein. Ich haßte Schlomoh aus ganzer Seele. Ein Traktor rumpelte zur Nachtarbeit aufs Feld.
»Hallo!« rief der Fahrer. »Was machst du auf dem Esel?«
»Ich bin unterwegs zum Stall. Warum?«
»Warte, ich komm schon.«
Der Fahrer sprang ab, befestigte Tzukis Strick an seinem Traktor, stieg auf und gab Gas. Unter ohrenbetäubendem Getöse setzte sich der Traktor in Bewegung. Der Strick straffte sich.
Tzuki graste ungestört weiter. Der Fahrer drückte das Gaspedal so tief durch, als es sich drücken ließ, so tief, daß der Strick, ein heimisches Erzeugnis, entzweiriß.
Daraufhin begann der Fahrer in einer mir unbekannten slawischen Sprache zu fluchen, verschwand und kam mit einer Eisenkette zurück. Es war klar, daß auch er in Tzuki die Herausforderung seines Lebens erblickte.
Das Stahlmonstrum heulte auf, die Erde erbebte, die Räder kreischten, die Eisenkette ächzte und... und Tzuki setzte sich in Bewegung! Mit mir auf dem Rücken! »Hopp, Tzuki!« rief ich in trunkener Ekstase. »Woah! Rock-rock! Bumm-bumm!«
Ich fühlte mich versucht, in einen Cowboy-Song auszubrechen, aber da waren wir schon beim Stall angelangt. Wieder einmal hatte technisches Können die wilden Kräfte der Natur gezähmt.