Die edle Kunst »Karate«

Man muß sich immer wieder an Theodor Herzl erinnern und an seinen historischen Ausspruch: »Wenn ihr nur wollt, ist es kein Traum.« Zwei Drittel unserer Kinos zeigen Karate-Filme, in denen ein paar untersetzte Gestalten, schwarze Leibbinden um den rundlichen Bauch geschlungen, ganze Brigaden von Mitmenschen hinmähen. Und nicht nur das. Kurz vor Beginn des Hauptfilms betritt Gideon, der israelische Karate-Meister, die Bühne und zerschmettert mit seiner Handkante ein paar Dachziegel und Pflastersteine, als wollte er sagen:

»Was mich betrifft - mir kann im Kino nichts passieren.« Fünf Jahre Studium in Tokio genügen, um diese Fertigkeit zu erlangen. Gideon ist einen Kopf größer als ein hochgewachsener Normalbürger, sein Arm ist so dick wie eine Normaltaille, und seine Taille — nun lassen wir das. Er spricht japanisch wie der Tenno, Japans gottähnlicher Kaiser, seine Adlernase ragt drohend in die Gegend, und seine Fäuste sind mit freiem Auge nur schwer von Preßlufthämmern zu unterscheiden. Er würde einen idealen Billeteur abgeben.

Statt dessen verschwendet er sein Talent an die Leitung einer Karate-Schule.

Ich betrete den Trainingssaal seines Instituts auf Zehenspitzen, weil man vorher die Schuhe ausziehen muß. Der Fußboden ist mit Matten aus mongolischem Gras bedeckt, die einen anheimelnden Eindruck machen. Rings an den Wänden hängen Bilder von Gideon in verschiedenen KaratePositionen, ferner von koreanischen Champions, die mit einer Hand das Horn eines Ochsen brechen, und von hilflos darniederliegenden Ochsen.

Auf den Matten trainiert gerade die sogenannte »Intellektuellengruppe«, bestehend aus einem Mathematiklehrer, einem Opernsänger, einem Innenarchitekten, dem Großindustriellen Zwecker und einem mir unbekannten Neuling. Die anderen Schüler Gideons befinden sich in häuslicher Pflege.

Alle Anwesenden sind barfuß und tragen über ihren weißen Kimonos verschiedenfarbige Gürtel, je nach dem Grad ihrer Ausbildung: weiß, gelb, orange. Alex, so wird mir gesagt, hat es bereits zu einem grünen Gürtel gebracht, liegt aber noch im Gipsverband.

Ich setze mich auf eine Bank am entfernten Ende der Halle, um keine überflüssige Aufmerksamkeit zu erregen.

Kurz nach 17 Uhr beginnt der Boden unter unseren Füßen zu zittern. Gideon tritt ein. Er trägt einen schwarzen Gürtel.

Sofort geben seine Schüler ein eindrucksvolles Zeugnis der Disziplin, die er ihnen beigebracht hatte. Sie fallen auf die Knie, beugen den Oberkörper nach vorn und rufen »Hei«, was auf japanisch soviel bedeutet wie »Hei«.

Gideon kündigt an, daß er zu Beginn den »Schekutschu-Otschikawa«-Schlag demonstrieren wolle, der in schrägem Winkel gegen die Kehle geführt wird. Er macht zwei rasche Schritte vorwärts, stößt einen markerschütternden Schrei aus und läßt die Hand wie ein Beil durch die Luft sausen.

Aus der Schar der Schüler tritt der Innenarchitekt hervor und bittet, für heute vom Training dispensiert zu werden. Er habe Rheuma.

Gideon dispensiert ihn. Der Innenarchitekt nimmt erleichtert an meiner Seite Platz.

Unterdessen schweift Gideons Adlerblick über die Gruppe der Schüler. Jeder duckt sich, jeder versucht sich hinter dem Rücken eines anderen zu verstecken, jeder scheint sagen zu wollen: »Warum gerade ich?«

Gideon entscheidet sich für den Großindustriellen:

»Stehen Sie gerade und rühren Sie sich nicht. Ich werde Ihnen nicht wehtun. Ich führe nur die Theorie des Griffs vor. Halten Sie still.«

Er nimmt Augenmaß, konzentriert sich, springt mit dem ohrenbetäubenden Aufschrei »Johaa!« vorwärts und landet einen fürchterlichen Schlag auf das Genick des Wehrlosen. Dieser, höchlichst bestürzt, weicht zurück, aber schon hat ihn Gideons langer Arm ein zweites Mal erreicht. Mit einem dumpfen Knall bricht das Opfer zusammen und kriecht auf allen vieren in den Duschraum. »Man muß lernen, Hiebe einzustecken«, raunt mir der dispensierte Innenarchitekt sachkundig und nicht ohne Schadenfreude zu. »Wer keine Hiebe einstecken kann, wird nie Karate lernen.« Und er deutet wie zur Bekräftigung auf seine gelbe Bauchschärpe.

Im weiteren Verlauf erfahre ich, daß Gideon auf dem Fußboden eines ungeheizten Zimmers schläft, Fleischesser ist und kein Telefon hat. Seine Schüler sind ihm blind ergeben, besonders seit er ihnen den »Nihutschu-Nokita«-Schlag gezeigt hat, der gegen die Augen geführt wird. Sie folgen ihm überallhin, in der geheimen Hoffnung, daß irgendwo, vielleicht auf einem Supermarkt oder im Kino, irgend jemand, vielleicht eine Schlägerbande, sich über Gideon hermachen wird.

Aber das ist noch nie geschehen. Jeder Rowdy in der Stadt kennt Gideon. Einmal, in einem Kegelklub, begann eine aus acht finsteren Gesellen bestehende Bande zu randalieren. Gideon wurde eilends aus einem nahe gelegenen Kaffeehaus herbeigeholt. Bei seinem Eintritt machten die Radaubrüder Miene, sich mit geballten Fäusten, Sesselbeinen und Schlagringen auf ihn zu stürzen. Es sah ganz danach aus, als ob endlich etwas geschehen sollte. Da sagte Gideon ganz ruhig: »Ich heiße Gideon« - und die Bande löste sich in ihre Bestandteile auf und ließ sich nie wieder blicken.

Eben jetzt demonstriert Gideon den »Yoko-Kyaga«-Schlag. Die meisten der Schüler kleben bereits an der Wand. Vor ihrem geistigen Auge zieht kaleidoskopartig ihre Kindheit vorüber. Nur der Neuling ist noch übrig. An ihn wendet sich Gideon:

»Passen Sie auf. Meine Schultern liegen in einer Linie mit meinen Hüften, mein Standbein ist rechtwinkelig aufgesetzt, mein Trittbein ist gestreckt. Bewegen Sie sich nicht. Ich werde Sie nicht berühren. Ich deute nur an, wie der Schlag geführt wird. Halten Sie still.«

Noch während er spricht, retiriert der Neuling in immer wilderen Sprüngen, Gideon mit einem brüllenden »Mikshoda!« hinter ihm her, bis er ihn mit dem gestreckten Bein erreicht hat, die Schultern in einer Linie mit den Hüften. Ein markiger Tritt in den Hintern befördert den Neuling gegen die Wand. Da sich an dieser Stelle zufällig die Türe befindet, kommt er nicht mehr zurück.

Ich beginne zu verstehen, warum diese Klasse so wenig Schüler hat.

»Gideon behandelt uns mit Glacehandschuhen, weil wir Intellektuelle sind«, informiert mich der Innenarchitekt. »Sie sollten ihn mit den jungen Kibbuzniks erleben...«

Je länger ich Gideon beobachte, desto klarer glaube ich zu erkennen, worin das Geheimnis des Karate besteht: Es ist der japanische Schrei. Eine Erinnerung an meine Schulzeit steigt in mir auf, an einen Knaben namens Tibor Gondos, der jede Klasse mindestens zweimal machen mußte. Und dabei war er nicht einmal ein besonders guter Fußballer. Aber als Raufbold war er sehr gut. Wenn er sich anschickte, jemanden zu verprügeln, verzerrte sich sein Gesicht mit den blutunterlaufenen Augen zu einer grauenhaften Grimasse, und wenn er dann wirklich losging, stieß er einen so furchtbaren Schrei aus, daß die meisten seiner Gegner sofort klein beigaben. Sie ahnten nicht, daß sie einem geborenen Karate-Meister unterlegen waren. Ein Wütender oder einer, der die Wut überzeugend spielen kann, ist jedem Gegner von vornherein überlegen. Danach richtet sich ja auch die Farbe des Gürtels. Der junge Neuling zum Beispiel wird lange einen blütenweißen Gürtel tragen...

Noch ehe meine Überzeugung, daß alles vom richtigen Brüllen abhängt, sich gefestigt hat, belehrt mich der Innenarchitekt eines anderen:

»Konzentration ist alles«, sagt er. »Eigentlich besteht das ganze Karate nur aus Konzentration. Vorige Woche provozierte Jobbi Katschkes, unser Schwergewichtsmeister im Ringen, einen Streit in einem Restaurant in Jaffa. Er war schon ein wenig betrunken. Und an wen geriet er? An ein Mitglied der japanischen Handelsdelegation, die zur Mustermesse nach Tel Aviv gekommen war. Er nannte ihn einen gelben Affen, schüttete ihm Bier ins Gesicht, schnitt Grimassen und benahm sich überhaupt wie ein Irrer. Der Japaner lächelte höflich und schwieg. Sie wissen ja, Japaner sehen wie Kinder aus, klein und zierlich, nichts als Haut und Knochen, man fürchtet sich, in die Suppe zu blasen, wenn einer in der Nähe ist, vielleicht bläst man ihn weg. So weit, so gut. Plötzlich macht Katschkes eine ordinäre Bemerkung zu einer Dame der japanischen Delegation. Da steht der kleine Japaner auf, ganz ruhig, macht einen Schritt zurück, verlegt sein Gewicht auf das linke Bein, hebt die rechte Hand ungefähr bis zur Hüfthöhe - und bevor man weiß, was geschieht, greift er in seine Tasche und bespritzt Katschkes aus einer Phiole mit Tränengas. Was soll ich Ihnen viel erzählen - unser Schwergewichtsmeister ist zu Boden gegangen und hat geheult wie ein kleines Kind. Hübsch, nicht?«

»Sehr hübsch«, bestätigte ich. »Aber was hat das mit Karate zu tun?«

»Katschkes hat Karate gelernt, aber er konnte sich nicht konzentrieren. Ganz wie ich sagte. Es hängt alles von der Konzentration ab...«

In diesem Augenblick wurde mein Innenarchitekt von Gideon zu einer kleinen Demonstration gerufen, ungeachtet seines Rheumas, denn außer ihm war niemand mehr da. Unter diesen Umständen zog ich mich in den Duschraum zurück, wo ich ihn nachher zu treffen hoffte. Er kam nicht. Vielleicht war die Demonstration ein wenig zu lebhaft verlaufen.

Ich verließ das Institut. Durch die offene Türe eines anderen Klassenzimmers sah ich Rüben Levkowitz mit einem braunen Gürtel um den Bauch.

Auf dem Heimweg erstand ich einen Revolver und ein Insektenspray. Ich trainiere jetzt zu Hause. Mit einem brüllend hervorgestoßenen »Azanyad!« spritze ich die Flüssigkeit auf das Fenster, wobei ich die rechte Schulter in eine Linie mit meiner Hüfte bringe und das linke Bein gestreckt rotieren lasse. Seit

gestern trage ich eine grüne Krawatte. Sie bezeichnet den vierten Grad des »Phiola«, der edlen Kunst der Selbstverteidigung gegen Karate.