Weihnachtsgedanken eines Israeli
Für ein Land, das sich unglücklicherweise nicht nach dem Slogan »Make Love, not War« richten kann, weil es seit dem Tag seiner Gründung gezwungen ist, Kriege zu führen - für ein solches Land hat das Weihnachtsfest als Symbol des Friedens auf Erden ganz besondere Bedeutung. Wir Israeli beneiden alle, die dieses wunderschöne Fest feiern können. Leider gehören wir nicht zu ihnen, obwohl Jesus der Nazarener eigentlich zu uns gehört.
Was mich persönlich betrifft, so erfolgte meine erste Begegnung mit dem Weihnachtsbaum vor langer Zeit in einem Land des Exils, wo ich auf die Welt gekommen und aufgewachsen bin: in Ungarn. Ich war der einzige jüdische Schüler in meiner Klasse und unternahm verzweifelte Anstrengungen, mich irgendwie ins Weihnachtsfest einzugliedern. Zum Beispiel machte ich mich erbötig, meinen christlichen Mitschülern behilflich zu sein, wenn sie ihre Weihnachtsbäume nach Hause trugen. Die Ablehnung, auf die ich stieß, war typisch für jene Zeit und entsprach zugleich dem stacheligen Charakter des Nadelbaums; sie erfolgte mit den höflichen Worten:
»Bemüh dich nicht. Ihr Juden habt ja unseren Heiland gekreuzigt.«
»Nein«, widersprach ich. »Ich nicht. Wirklich nicht.« Auch mein Vater wies diese Anschuldigung, als ich sie zu Hause aufs Tapet brachte, entschieden zurück, und da ich über sein Tun und Lassen ziemlich genau unterrichtet war, sah ich keinen Anlaß, an der Wahrheit seiner Worte zu zweifeln. Wenn er in eine Kreuzigung verwickelt gewesen wäre, hätte ich es bestimmt gewußt. Ebenso konnten sich meine sämtlichen Onkel auf Befragen mit einem einwandfreien Alibi ausweisen. Keiner von ihnen hatte jemals mit Pontius Pilatus gesprochen. Aber was half s. Ich mußte mich damit abfinden, daß das Weihnachtsfest nichts für mich war, und das kränkte mich tief.
Wie jede jüdische Neurose wurde auch diese von mir überwunden - übrigens nicht nur von mir, sondern von allen Juden, die nach Israel einwanderten. Hier, so könnte man sagen, endete die Zusammenarbeit zwischen uns und den übrigen Völkern der Erde, eine Zusammenarbeit von 1948 Jahren Dauer, in deren Verlauf wir an die Welt im allgemeinen und an die Päpste im besonderen zahllose Ansuchen gerichtet hatten, unsere Schuld an der Kreuzigung Christi für hinfällig zu erklären oder andernfalls eine haltbare Begründung beizubringen, warum ein so lange zurückliegendes Ereignis den heutigen Juden angelastet werden sollte. Die Bürger des heutigen Judenstaates wollen jedenfalls nichts mehr davon wissen.
Diese neuartige, von historischen Emotionen völlig freie Einstellung zeigte sich unter anderem darin, daß das erfolgreiche religiöse Musical »Jesus Christ Superstar« in unserem Land verfilmt werden konnte, mit offizieller Unterstützung durch die israelischen Behörden und unter Mitwirkung einer Reihe israelischer Schauspieler. Das ist um so bemerkenswerter, als das genannte musikalische Passionsspiel - eine Mischung aus dem Reich Gottes mit den Rolling Stones - nicht umhin kann, auf jüdische Hühneraugen zu treten, wie es ja auch unmöglich wäre, den Auszug aus Ägypten in Szene zu setzen, ohne die heutigen Nachkommen Pharaos zu verletzen. Einzig der große Regisseur Cecil B. de Mille erregte mit seinem Film »Die Zehn Gebote« nirgends Anstoß. Wir allerdings, die wir auf dem Aufnahmegelände leben, halten uns lieber an das Buch, das der Verfilmung zugrunde liegt.
Als ein weiteres Beispiel für den fundamentalen Stimmungswandel, der durch die Existenz des Staates Israel bewirkt wurde, könnte man einen Landarbeiter von einem in der Nähe Nazareths gelegenen Kibbuz heranziehen. Dieser knorrige Bauersmann denkt nicht daran, sich immer wieder für etwas zu entschuldigen, was sich vor nahezu zwei Jahrtausenden auf dem jetzt von ihm beackerten Boden zugetragen hat. Im Gegensatz zu den nervösen, in der Zerstreuung lebenden Juden, die nicht müde werden, in den Hollywood-Fassungen des Neuen Testaments die Möglichkeit antisemitischer Mißverständnisse aufzuspüren und anzuprangern, reagiert der in Israel geborene Sabra auf Kunstwerke a la »Superstar« mit heiterer Nachsicht. Denn er empfindet weder sich selbst noch seine Stammesvorfahren als sozusagen weiße Neger, die - sei's auf der Bühne, sei's auf der Filmleinwand - zwecks Schonung ihrer Minderwertigkeitsgefühle nur im vorteilhaftesten Licht gezeigt werden dürfen. Er ist, anders als mein Vater und meine Onkel, mit Vergnügen bereit, für seine jüdische Vergangenheit einzustehen, und zwar auf ungefähr folgender Basis:
»Nun ja, es kann schon sein, daß unsere alten Priester nicht damit einverstanden waren, was dieser großartige junge Rabbi aus Nazareth damals gepredigt hat. Es kann schon sein, daß sie ihn für einen gefährlichen Reformer gehalten und den römischen Gouverneur ersucht haben, strenge disziplinarische Maßnahmen gegen ihn zu ergreifen. Aber das alles war doch eine interne Auseinandersetzung, eine Art jüdische Familienangelegenheit. Wenn Sie wünschen, nehme ich die Schuld daran auf mich. Nur möchte ich Sie bitten, dann wenigstens die anderen Juden endlich in Ruhe zu lassen. Einverstanden?«
Es wäre an der Zeit, daß auch die übrige Welt den Vorfall von diesem Gesichtspunkt aus zu betrachten beginnt. Und das jetzt bevorstehende Weihnachtsfest, das den Staat Israel in der schwersten und einsamsten Stunde seiner Existenz antrifft, wäre vielleicht eine gute Gelegenheit für die Welt, sich darüber klarzuwerden, was für den einfachen Kibbuznik aus Nazareth seit jeher außer Zweifel steht: daß nämlich Jesus und alle seine Schüler Juden waren.
Der Schreiber dieser Zeilen glaubt an ein göttliches Prinzip, das im Geheimnis des Kosmos und in den Schöpfungen der Natur waltet. Er bedauert, sich nicht als »religiös« im herkömmlichen Sinn bezeichnen zu können, schon deshalb nicht, weil es keine religiösen Humoristen geben kann, Kirche und Rabbiner mögen mir verzeihen. Um die Wahrheit zu sagen, lebe ich in der ständigen Furcht, nach meinem frühen Tod und meiner Ankunft im Jenseits entdecken zu müssen, daß die alten Ägypter recht hatten, daß es dort von Göttern mit Tierköpfen nur so wimmelt und daß wir mit unserem Monotheismus dann eher dumm dastehen werden...
Aber so lange das noch nicht geklärt ist, bleibe ich stolz darauf, jenem kleinen, hartnäckigen Volk anzugehören, das der Menschheit immerhin ein paar bedeutende Persönlichkeiten geschenkt hat, darunter Freud, Einstein, Marx, Moses - und Christus. Vielleicht haben wir also doch einen kleinen Anteil am Weihnachtsfest. Zumindest dürfen wir darauf hinweisen, daß Jesus in eine redliche jüdische Handwerkerfamilie auf dem Boden des damaligen Staates hineingeboren wurde - mag es manchen Leuten auch unangenehm sein, dieses folgenschwere Ereignis auf eine so simple Formel gebracht zu sehen.
Im Gedenken an seine trüben Kindheitserlebnisse bittet der Schreiber dieser Zeilen die Welt, ihr behilflich sein zu dürfen, wenn sie den nächsten Weihnachtsbaum nach Hause trägt. Daß ein vergeßliches Europa uns allzu viele Geschenke unter den Baum des Friedens, der Liebe und des guten Willens legen wird, erwarten wir ohnehin nicht.