Meine Masseneinwanderung

Kürzlich, anläßlich eines nicht näher zu beziffernden Geburtstages, schweiften meine Gedanken Jahrzehnte zurück, zu jenem Abend, da im Hafen von Haifa ein kaum noch seetüchtiges Sklavenschiff namens »Galiläa« vor Anker ging.

Tausende fabrikneuer Immigranten saßen hilflos auf Deck und starrten mit gemischten Gefühlen zum Gestade ihrer neuen Heimat hinüber. Die ökonomisch Gewitzteren hatten in ihren Koffern vorsorglich 200000 Nagelbürsten untergebracht, weil sich in Genua kurz vor der Ausfahrt das Gerücht verbreitet hatte, daß Nagelbürsten in Israel Mangelware wären. Aus einem ähnlichen Grund hatte sich eine polnische Familie mit größeren Posten von Wachskerzen eingedeckt. Ich selbst war bei meinem Zwischenaufenthalt im Wiener Rothschild-Spital aus zweiter Hand in den Besitz einer kleinformatigen Maschine zur Erzeugung von Bakelit-Knöpfen gelangt, garantiert elektrisch und mit einem Produktionsausstoß von 2 Knöpfen pro Minute.

Meine Tante Ilka hatte mir geschrieben, daß man sich gegenwärtig in Israel nur durch Tiefseetauchen oder Penicillinerzeugung halbwegs auskömmlich ernähren könne, aber meine Zeit reichte nicht mehr aus, um einen dieser beiden Berufe zu erlernen. Andererseits wollte mein Onkel Jakob von einer freien Stelle in einem Automatenbüfett in Tel Aviv gehört haben und hoffte, mich dort als Automaten unterbringen zu können. Auf keinen Fall wäre es ratsam, in einen Kibbuz zu gehen, denn dort spräche man Hebräisch. Aber ich sollte mir keine Sorgen machen, schrieb er, ich sei ja schließlich ein Veteran der zionistischen Bewegung und hätte Anspruch auf behördliche Hilfe. Unter diesem Gesichtspunkt befanden sich auf der »Galiläa« zwölf ehemalige Sekretäre von Theodor Herzl.

Meine ersten Hebräischkenntnisse hatte ich mir bereits auf

hoher See angeeignet und konnte Wörter wie »Schalom«, »to-da« (danke) und »Kibbuz« fließend aussprechen. Außerdem hatte ich mich bei den Jungpionieren, die im Unterdeck pausenlos Hora tanzten, wiederholt nach der Zeit erkundigt: »Wie spät ist es, Freunde? Bitte antwortet Ungarisch.« Zu meinem Wortschatz gehörte ferner der Ausdruck »Inschallah«, über dessen Bedeutung ich mir allerdings nicht ganz im klaren war, und schließlich besaß ich den ersten Band eines hebräischen Wörterbuchs bis zum Buchstaben Mem.

Das alles täuschte mich indessen nicht darüber hinweg, daß die Verpflegung auf der »Galiläa« zu wünschen übrigließ. Offenbar reichte der lange, dünne Arm des israelischen Ministeriums für Volksernährung schon bis hierher. Die Mahlzeiten bestanden entweder aus gefrorenem Fischfilet mit schwarzen Oliven oder aus schwarzen Oliven mit gefrorenem Fischfilet. Nur am Sabbat wurden die schwarzen Oliven durch grüne ersetzt. Als das Schiff vor Anker ging, bekamen wir statt der Oliven Pfirsiche und sangen in strahlender Laune das Lied »Toda, Schalom, Kibbuz«. Anschließend erinnerte uns der Schiffsrabbiner an das Bibelwort, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebt, und veranstaltete eine Kollekte.

Im Hafen machte uns die Hitze schwer zu schaffen. Erst als uns ein Kenner erklärte, daß es nicht eigentlich die Hitze sei, sondern die Feuchtigkeit, fühlten wir uns etwas besser.

Je länger wir vor Anker lagen, desto hemmungsloser begannen wir auf die Regierung zu schimpfen, der wir nebst vielem anderen auch das Klima zur Last legten. Derlei gelegentliche Ausbrüche von Hysterie haben einer Einwanderungswelle noch nie geschadet. Einer meiner slowakischen Schicksalsgefährten erlitt beinahe einen Herzanfall, weil er seinen neuen Schuhlöffel nicht finden konnte. Noch beim Überschreiten der österreichischen Grenze hatte dieser Mann einen fürchterlichen Eid geschworen: Es mache ihm weiter nichts aus, auch im bloßen Hemd nach Israel zu kommen, wenn er nur hinkäme. Als eine russische Patrouille auftauchte, verzichtete er sogar auf das Hemd und war bereit, nackt einzuwandern. Und jetzt, im ersten jüdischen Hafen seit 2000 Jahren, wurde er eines Schuhlöffels wegen tobsüchtig, rief nach Ben Gurion, um ihn zur Verantwortung zu ziehen, und drohte mit seiner sofortigen Rückwanderung.

Statt Ben Gurion erschien einige Stunden später eine Persönlichkeit unzweifelhaft offiziellen Charakters, überbrachte uns im Namen der Jewish Agency einen herzlichen Willkommensgruß und forderte uns auf, unsere neue Nationalhymne, die Hatikwah, anzustimmen. Wir folgten seiner Aufforderung, wenn auch ohne Text. Anschließend bestürmten wir ihn mit Fragen, wo wir wohnen würden. Einige der Einwanderer waren entschlossen, sich in Tel Aviv anzusiedeln, andere gaben sich mit den Vorstädten zufrieden. Die eingangs erwähnten Wirtschaftsfachleute erkundigten sich nach den Preisen für Nagelbürsten und erfuhren zu ihrer bitteren Enttäuschung, daß dieser Artikel in Israel nicht gefragt wäre, weil die Bevölkerung weder über genügend lange Zeit noch über genügend lange Nägel verfüge. Auch die polnische Familie mußte zur Kenntnis nehmen, daß sie auf ihrem Kerzenlager sitzenbleiben würde.

Die weiteren Fragen, die allenthalben auf den Sendboten vom Festland eindrangen, lauteten: »Wieviel kostet eine Wohnung? Drei Zimmer mit Küche? Zwei Zimmer mit Kitchenette? Wieviel?«

»Sammle die Zerstreuten, spricht der Herr, und führe sie ins Gelobte Land«, antwortete mit schwacher Bibelstimme die Jewish Agency.

Von allen Problemen, die uns jetzt konfrontierten, war das Wohnungsproblem tatsächlich das dringlichste. Wie man uns erzählte, wurden in Petach Tikwah Taubenschläge im Ausmaß von 1,5 x 1,5 m für damals 12 Pfund monatlich zur Miete angeboten, ohne Ablöse, aber dafür mit einer Zusatzgebühr von 2 Pfund für die Leiter. Ein weitblickender Rumäne kam auf den grandiosen Einfall, sich in einem außer Betrieb befindlichen Aufzug in einem arabischen Hotel in Jaffa einzuquartieren. Alle beneideten ihn.

Was mich betrifft, so hatte ich zwei Möglichkeiten: entweder mit einem tripolitanischen Juden namens Sallach und seinen 15 lebhaften Kindern in eine Blechhütte des Auffanglagers von Haifa einzuziehen oder mein Lager vorübergehend bei Tante Ilka aufzuschlagen, deren Untermieter vor kurzem einen Schlaganfall erlitten hatte und sich nicht wehren konnte. Ich neigte dem Auffanglager zu, denn das Befinden des linksseitig Gelähmten konnte sich bessern, und was dann.

Die schwerste Enttäuschung bereitete mir Onkel Jakob, auf den ich all meine Hoffnungen gesetzt hatte. Unter europäischen Zionisten sprach man von ihm wie von einer legendären Figur: Vor 30 Jahren wäre er mit einem kleinen Koffer nach Palästina gekommen, heute aber besäße er schon ein Fahrrad und, was mehr war, einen Kühlschrank. Wie sich zeigte, war der Kühlschrank mit seiner Wohnung identisch. Deshalb ging ja auch automatisch das Licht an, wenn er die Tür öffnete.

Unterdessen hatte man Gershon mit dem Schlüssel gefunden, und wir durften endlich an Land gehen. In einem Holzverschlag, von dessen Decke eine nackte elektrische Birne herabhing und vor dem sich die Einwanderer zu einer Schlange formierten, saß hinter einem wackeligen Tisch ein an seiner Khaki-Uniform und an seinem Jiddisch kenntlicher Einwanderungsbeamter, der alsbald mit den Formalitäten begann.

Uns alle überkam große Erregung und Erschütterung. Schließlich war es das erste Mal, daß wir in unserer neuen Heimat Schlange standen.

Nach einer Stunde hatte ich den Tisch erreicht. Aus traurigen Brillengläsern, die ihm ständig von der Nase zu rutschen drohten, sah der Beamte mich an:

»Name?«

»Kishont Ferenc«, antwortete ich wahrheitsgemäß.

Das verwirrte ihn sichtlich: »Welches von beiden ist der Familienname?«

»Kishont.«

»Kishon«, korrigierte mich die Amtsperson und rückte die Brille zurecht.

»Nein, nicht Kishon«, beharrte ich. »Kishont, mit einem t am Schluß.«

»Kishon«, wiederholte nicht minder beharrlich der Uniformierte. »Vorname?«

»Ferenc.«

Wieder betrachtete er mich mit einem verstörten Blick.

»Ephraim«, entschied er schließlich und hatte es auch schon aufgeschrieben.

»Nicht Ephraim, bitte! Ferenc!«

»Einen solchen Namen gibt es nicht. Der Nächste!«

Das war der Augenblick, in dem wir, der Staat Israel und ich, den Entschluß faßten, gemeinsam humoristische Geschichten zu schreiben. Nach einem solchen Beginn konnte es ja gar nicht anders weitergehen.