Frankie

Eines Tages gegen Ende der dreißiger Jahre begegneten einander zwei führende amerikanische Impresarios in einer New Yorker U-Bahn-Station. Beide hatten ein wenig über den Durst getrunken.

»Ich kann«, sagte der eine - er trug einen graugestreiften Anzug und lallte ein wenig -, »ich kann jeden beliebigen jungen Mann in ein Filmidol verwandeln. Auch jeden beliebigen älteren.«

»Kannst du nicht«, sagte der andere.

»Willst du wetten?« fragte der Graugestreifte. Und er schloß mit seinem Kollegen an Ort und Stelle eine Wette ab, daß er aus dem ersten männlichen Wesen, das ihnen entgegenkäme, einen weltberühmten Star machen würde. Er hatte Pech. Als erstes männliches Wesen kam ihnen ein blasser, schmächtiger Jüngling entgegen, dessen ausdrucksloses Gesicht am ehesten einer verschrumpften Weintraube glich und der insgesamt an einen vom Turnunterricht enthobenen Ziegenbock gemahnte.

Der Graugestreifte zuckte resigniert die Achseln:

»Wette ist Wette«, sagte er.

So begann der kometenhafte Aufstieg des Frank Sinatra.

Ich möchte nicht mißverstanden werden: Ich weiß zwischen Sinatra, dem Teenager-Idol, und Sinatra, dem Philanthropen, sehr wohl zu unterscheiden. Sinatra kommt nach Israel und widmet den Gesamtertrag seiner sieben Konzerte - ungefähr 4 Millionen Shekel - der Errichtung eines interkonfessionellen Waisenhauses in Nazareth. Das ist sehr schön von ihm. Aber hat er sich damit auch schon jeder konstruktiven Kritik entzogen?

Es stört mich nicht, daß er ein Millionär ist und sich eine eigene Luftflotte hält. Mir kann's recht sein, wenn er für eine Minute im Fernsehen eine halbe Million Dollar bekommt. Warum nicht. So ist das Leben. Zumindest seines. Er steht gegen Mittag auf, fährt ins Studio, krächzt sein »Hiya, what's doin'?« ins Mikrofon, geht zur Kassa, holt die halbe Million ab und braucht bis ans Ende seiner Tage nicht mehr zu arbeiten. Na und? Wo steht geschrieben, daß man nur Suppen und Rasierklingen über ihren Wert verkaufen darf, aber keine Sänger? Ich gönne ihm das Geld von Herzen.

Was ich ihm mißgönne, sind seine Erfolge beim weiblichen Geschlecht.

Wenn die Großen der Flimmerleinwand, des Fernsehens, der Konzertsäle und der Schallplattenindustrie das Bedürfnis haben, jede Nacht mit einer anderen wohlproportionierten Blondine zu verbringen, so ist das ganz und gar ihre Sache. Und wenn ihnen immer wieder die erforderlichen Damen zum Opfer fallen, so sympathisiere ich mit den Opfern. Sie können sich nicht helfen. Sie werden vor diesen unwiderstehlichen Muskelprotzen mit der athletischen Figur, vor diesen Charmeuren mit dem betörenden Lächeln, vor diesen Elegants mit dem verheißungsvollen Mienenspiel ganz einfach bewußtlos und schmelzen dahin. Schön und gut. Aber Frankie? Diese unterernährte Zitrone? Was ist an ihm so großartig? Das soll man mir endlich sagen!

»Ich weiß es nicht«, sagt die beste Ehefrau von allen. »Er ist... er ist göttlich... Nimm die Hand von meiner Gurgel!«

Göttlich. Das wagt mir meine Lebensgefährtin ins Gesicht zu zwitschern. Ich halte ihr die heutige Zeitung mit dem Bild des runzligen Würstchens unter die Augen:

»Was ist hier göttlich? Bitte zeig's mir!«

»Sein Lächeln.«

»Du weißt, daß in Amerika die besten künstlichen Gebisse hergestellt werden. Was weiter?«

Sie betrachtet das Bild. Ihre Augen umschleiern sich, ihre Stimme senkt sich zu einem verzückten Raunen:

»Was weiter, was weiter... Nichts weiter. Nur daß er auch noch singen kann wie ein Gott.«

»Er singt? Dieses Photo singt? Ich sehe einen weit aufgerissenen Mund in einem läppischen Dutzendgesicht, das ist alles. Wer singt hier? Hörst du Gesang?«

»Ja«, haucht die beste Ehefrau von allen und entschwebt. Zornig verlasse ich das Haus und kaufe zwei Eintrittskarten zum ersten Konzert. Ich möchte das Wunder persönlich in Augenschein nehmen.

Meine Frau schlingt die Arme um mich und küßt mich zum erstenmal seit vielen Stunden:

»Karten für Sinatra... für mich...!«

Und schon eilt sie zum Telefon, um ihre Schneiderin anzurufen. Sie kann doch nicht in alten Fetzen zu einem Sinatra-Konzert gehen, sagt sie.

»Natürlich nicht«, bestätige ich. »Wenn er dich in deinem neuen Kleid in der neunzehnten Reihe sitzen sieht, hört er sofort zu singen auf und -«

»Sprich keinen Unsinn. Niemand unterbricht sich mitten im Singen. Da sieht man, daß du nichts verstehst...«

Ich brachte Bilder von Marlon Brando, von Kirk Douglas und von Michelangelos »David« nach Hause. Sie wirkten nicht. Nur Frankie wirkt. Nur Frankie. »Sah Liebe jemals mit den Augen? Nein!« heißt es bei Shakespeare, der kein Frankophiler war.

Am nächsten Tag entnahm ich der Zeitung eine gute Nachricht und gab sie sofort an meine Frau weiter:

»Dein Liebling Frankenstein bestreitet nur das halbe Programm. Nur eine Stunde. Die andere Hälfte besteht aus Synagogalgesängen und jemenitischen Volksliedern. Was sagst du dazu?«

Die Antwort kam in beseligtem Flüsterton:

»Eine ganze Stunde mit Frankie... Wie schön...«

Ich nahm das Vergrößerungsglas zur Hand, das ich auf dem Heimweg gekauft hatte, und unterzog Frankieboys Photo einer genauen Prüfung:

»Seine Perücke scheint ein wenig verrutscht zu sein, findest du nicht?«

»Wen kümmert das? Außerdem singt er manche Nummern mit Hut.«

Mit Hut. Wie verführerisch. Wie sexy. Wahrscheinlich wurde der Hut eigens für ihn entworfen, mit Hilfe eines Seismographen, der die Schwingungen weiblicher Herzbeben genau registriert. Er hat ja auch eine ganze Schar von Hofschranzen und Hofschreibern um sich, von denen die Presse mit wahrheitsgemäßen Schilderungen seiner Liebesabenteuer versorgt wird. Überdies befinden sich in seinem Gefolge fünf junge Damen, die sich geschickt unter den Zuschauern verteilen und beim ersten halbwegs geeigneten Refrain in Ohnmacht fallen, was dann weitere Ohnmachtsanfälle im weiblichen Publikum auslöst.

Sein Privatflugzeug enthält ferner Ärzte, Wissenschaftler und Meinungsforscher, ein tragbares Elektronengehirn, einen Computer, Ton- und Stimmbänder, drei zusammenlegbare Leibwächter, einen Konteradmiral und zahlreiche Nullen, darunter ihn selbst.

Obwohl ich die Häusermauern unserer Stadt mit der Aufschrift FRANKIE GO HOME! bedeckt hatte, war das Konzert schon Tage zuvor ausverkauft.

Gestern verlautbarte die Tagespresse, daß Frankie nur eine halbe Stunde lang singen würde. Der Kinderchor von Ramat-Gan, die Tanzgruppe des Kibbuz Chefzibah und Rezitationen eines Cousins des Veranstalters würden das Programm ergänzen.

»Gut so«, stellte die beste Ehefrau von allen nüchtern fest. »Mehr als eine halbe Stunde mit Frankie könnte ich ohnehin nicht aushalten. Es wäre zu aufregend...«

Unter diesen Umständen verzichtete ich darauf, das Konzert zu besuchen. Meine Frau versteigerte die zweite Karte unter ihren Freundinnen. Für den Erlös kaufte sie sich ein Paar mondäne Schuhe (neuestes Modell), mehrere Flaschen Parfüm und eine neue Frisur.

Zum Abschluß dieses traurigen Kapitels gebe ich noch den wahren Grund bekannt, warum ich mich entschloß, zu Hause zu bleiben.

Es war ein Alptraum, der mich in der Nacht vor dem Konzert heimgesucht hatte:

Ich sah Frankie auf die Bühne kommen, umbrandet vom donnernden Applaus des überfüllten Saals... Er tritt an die Rampe... verbeugt sich... das Publikum springt von den Sitzen... Hochrufe erklingen, die Ovation will kein Ende nehmen... Frankie winkt, setzt das Lächeln Nr. 18 auf... Jetzt fallen die ersten Damen in Ohnmacht... Frankie winkt abermals... Und jetzt, was ist das, die Lichter gehen an, jetzt steigt er vom Podium herab und kommt direkt auf die neunzehnte Reihe zu ... nein, nicht auf mich, auf meine Frau... schon steht er vor ihr und sagt nur ein einziges Wort... »Komm!« sagt er, und seine erstklassigen Zähne blitzen... Die beste Ehefrau von allen erhebt sich schwankend... »Du mußt verstehen, Ephraim«, sagt sie... und verläßt an seinem Arm den Saal.

Ich sehe den beiden nach. Ein schönes Paar, das läßt sich nicht leugnen.

Wenn meine Frau nicht diese neuen Schuhe genommen hätte, wären die beiden sogar gleich groß.