Die Legende vom hermetisch geschlossenen Balkon
Ich verzichte auf eine detaillierte Schilderung der listenreichen Manöver, die mich schließlich doch in den Besitz einer ehrlichen Wohnung brachten. Genug daran, daß es eine ordentlich kleine, außerordentlich enge, im Stil der Ersten Klaustrophobischen Periode angelegte Wohnung war und daß wir beide, meine Frau und ich, eines Tages beschlossen, sie um jeden Preis zu erweitern, sonst wären wir unter den Einrichtungsgegenständen begraben worden oder hätten uns in der Dunkelheit gegenseitig totgetrampelt. Die Lösung lag auf der Hand, genauer: in einem städtischen Wohnungsbaugesetz, das die Errichtung geschlossener Balkone untersagt.
Die Schwarzarbeiten werden trotzdem von der Firma Fuchs & Co. durchgeführt, die der Öffentlichkeit unter dem Namen »Balkon-Fuchs« bestens bekannt ist und deren Wahlspruch »Fuchs schließt hermetisch« lautet. Fuchs kommt, nimmt Maß, geht ab und kommt nach einer Stunde mit einem kompletten, maßgerechten Schiebefenster zurück. Während er es einsetzt, wird Fuchs gefragt, ob das Fenster auch wirklich geeignet ist, den Regen abzuhalten.
»Selbstverständlich«, antwortet Fuchs hermetisch. »Ich habe alle nötigen Leisten eingesetzt.«
Hand in Hand mit Fuchs arbeitet ein Vertreter der Stadtverwaltung, der ihm jeden Tag zur Arbeit folgt und die gesetzwidrigen Balkonschließungen notiert. Wenn der Inspektor gegangen ist, kommt der Winter.
Ich persönlich habe nichts gegen den Winter, solange der Regen nicht aus südwestlicher Richtung herangepeitscht wird. Ist nämlich dies der Fall, dann verwandelt sich unser wasserdichter Balkon in einen künstlichen See. Erfrischende Feuchtigkeit legt sich über sämtliche Gegenstände, die sich in Friedenszeiten draußen angesammelt haben - Besen, Koffer, ausgediente Lampenschirme, Kisten mit Kartoffeln. Am dritten Tag wandern die Dunstschwaden bis in unser Zimmer hinein, und der Geist Gottes schwebt über den Wassern. Die beste Ehefrau von allen und ich stehen mit Fetzen, Handtüchern, Tischtüchern, Bettüchern und sonstigen Tüchern zwischen der Türe und stemmen uns der Flut entgegen. Das tun wir zwei Tage lang. Dann ist es Zeit zum Schlafengehen.
Fuchs kommt auf Anruf, prüft die Lage mit erfahrenem Blick und gibt uns sein fachmännisches Urteil bekannt:
»Es regnet herein«, sagt er. »Macht nichts. Bald wird es Sommer.«
In solchen Situationen pflegt das jüdische Volk sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Wenn die Blätter fallen und Fuchs versagt hat, arbeiten wir uns selbst aus der feuchten Verschlingung heraus. Als erstes beschließen wir, die Ritzen und Lücken zu verstopfen, durch die das erfrischende Naß auf uns herniedergeglitten ist. Wir holen einen Sessel, setzen einen Stuhl auf ihn drauf, steigen hinauf, fallen herunter, erheben uns, holen einen Tisch, stellen den Sessel darauf, ersteigen ihn abermals (die beste Ehefrau von allen stützt uns unterwärts) und suchen die Stelle, aus der es am heftigsten tropft.
Es gibt keine solche Stelle. Es gibt nur Tropfen.
Alle Verschlüsse schließen, alle Leisten sind perfekt eingepaßt, alles ist unter Glas und Kontrolle, nirgends die kleinste Lücke, durch die sich die kleinste Mücke einschleichen könnte. Trotzdem sammelt sich irgendwo oben das Wasser zu einem Tropfen und fällt - plopp! - alle vier Sekunden auf die Kartoffeln, die mit der Zeit die liebsten grünen Sprößlinge angesetzt haben. Woher der Tropfen kommt, läßt sich nicht entdecken. Er ist plötzlich da und tropft herunter.
Eine unserer Nachbarinnen behauptet, daß irgendwo in einem unserer Glasfenster Poren sein müssen, durch die Wasser eindringt.
Ich weise sie zur Ruhe. Wenn sie noch einmal so einen Unsinn spricht, stopfe ich ihr den Mund.
Apropos stopfen. Der Gedanke, auf den ich da gekommen bin, ist gut, kein Zweifel. Man muß die möglichen Ritzen verstopfen. Aber womit? Wir haben kein Material im Haus, das sich zum Verstopfen eignet. Oder doch? Halt! Dieses abscheuliche Zeug, mit dem unser Jüngstes modelliert, Tiere, besonders Schlangen oder sonstige Phantasieprodukte. Ton. Ton zum Modellieren.
Ich nehme etwas von der unappetitlichen, klebrigen roten Masse in die Hand, öffne mit der anderen Hand das Fenster und beginne, hopp heißa bei Regen und Wind, den ganzen Fensterrahmen mit weichem Ton auszustopfen. Ich komme mir vor wie ein Matrose hoch oben auf dem Mast, unter mir die stürmische See, über mir der schwarze Himmel mit Donner und Blitz, aber ahoi!? Das Werk ist vollbracht, und meine Augen glühen vor Befriedigung und Fieber.
Das Wasser tropft weiter.
Nun, das war ja von Anfang an klar, daß der Ton nur eine vorübergehende Lösung darstellt. Nach zehn Minuten hatte er sich so weit verhärtet, daß er auf die Straße hinunterfiel.
Am nächsten Morgen erstand die beste Ehefrau von allen ein angeblich für solche Zwecke besonders geeignetes Material, dessen Namen ich vergessen habe. Es war eine feuchtflüssige Masse, die wir mit unseren Schuhen in alle Zimmerecken beförderten, auch dorthin, wo beim besten Willen nichts heruntertropfen konnte. Nach einer kurzen Ruhepause wiederholten wir die Prozedur, dann legten wir uns zur Ruhe. Immerhin: Die Tropfstelle schien sich jetzt anderswo zu befinden. Sie war offenbar vor unserem Eifer zurückgewichen. Immerhin.
Die Lösung, die wir uns am nächsten Tag in einem anderen hierfür einschlägigen Laden verschafften, hieß »Plastischer Zement«. Das ist ein wissenschaftlich geprüftes, mit offiziellen Gutachten versehenes, garantiert wasserdichtes Material, genau das Richtige für einen hermetisch abgeschlossenen Balkon. Man fertigt mehrere Lagen davon an und plaziert je eine zwischen Rahmen und Glas, zwischen Glas und Leiste, kurzum: überall hin. Wenn das geschehen ist, kommt nirgends auch nur der kleinste Tropfen Wasser herein. Außer es regnet.
Es regnet, das Stichwort für den Zusammenbruch. Es ist natürlich kein Zusammenbruch im herkömmlichen Sinn des Wortes, es ist eher ein Triumph des gesunden Menschenverstandes. Der Regen will zu uns? Er ist willkommen! Bitte einzutreten! Nur herein in die gute Stube! Wir stellen, wo immer Platz dafür ist, Töpfe und Pfannen auf und haben nach kurzer Zeit das Wasser gezähmt. Wir haben es sozusagen umzingelt. Der Balkon wird nicht mehr zum Stausee, es sei denn, nachdem die Töpfe und Pfannen sich gefüllt haben und überfließen. Dann nimmt man eben größere Töpfe und Pfannen, und dank einer pfiffigen Anordnung fließt das Wasser von den kleinen Töpfen in die größeren statt über die Lampenschirme.
Leider hat das System einen schwachen Punkt. Nach einiger Zeit sind nämlich auch die größeren Töpfe voll und fließen über.
Dagegen kann man nichts tun.
In der Regel dauert es ungefähr eine Woche, ehe ein denkfähiger Mensch zu einer endgültigen Lösung durchstößt. Im vorliegenden Fall bestand sie darin, daß die Wohnung vom Balkon durch eine Türe getrennt war. Wenn man diese Türe schloß, sah man nicht mehr, was sich jenseits abspielte. Der Regen konnte hereinkommen oder draußen bleiben, ganz wie er wollte. Die Verbindung mit dem Balkon war abgeschnitten. Von jetzt an sollen die Töpfe, die Besen und die Kartoffeln selber zusehen, wie sie sich zurechtfinden.
Unser Balkon ist jedenfalls hermetisch abgeschlossen.