4. Kapitel
Siglufjörður,
November 2008
Ugla saß in der Mansarde.
Das hatte Ágúst immer gesagt, als sie zu Hause bei ihren Eltern in Patreksfjörður zusammen oben in der Mansarde gesessen und auf die Straße hinuntergeschaut hatten.
Sie lächelte beim Gedanken daran. Sie konnte nun wieder lächeln, wenn sie an ihn dachte. Es waren vier Jahre vergangen, seit sie nach Siglufjörður gezogen war – allein.
Und es waren vier Jahre vergangen, seit sie Patreksfjörður das letzte Mal gesehen hatte.
Ihre Eltern besuchten sie regelmäßig, zuletzt Ende Oktober; sie waren zwei Wochen lang bei ihr gewesen.
Sie waren am Morgen nach Westen zurückgefahren.
Und wieder war sie allein.
Sie hatte hier zwar ein paar gute Freundinnen gefunden, aber keine stand ihr besonders nahe. Sie redete nie über die Vergangenheit. In den Augen der anderen war sie einfach eine Zugezogene aus den Westfjorden.
Sie wusste, dass die Jungs im Dorf sich Klatschgeschichten über sie erzählten, die allesamt von Grund auf erlogen waren. Aber das machte nichts. Sie hatte mittlerweile eine harte Schale. Als ob es ihr nicht egal wäre, was irgendwelche Jungs in Siglufjörður sich über sie erzählten? Es gab nur einen Jungen, der ihr irgendetwas bedeutet hatte.
Ágúst.
Der schönste Junge von ganz Patreksfjörður.
Zumindest ihrer Meinung nach.
Sie waren seit ihrem siebten Lebensjahr zusammen – das zumindest hatten sie immer behauptet, nachdem ihre Beziehung im Teenageralter offiziell begonnen hatte. Und das entsprach wohl der Wahrheit, denn sie waren bereits seit der Grundschule unzertrennlich gewesen.
Ugla und Ágúst.
Die Namen waren unwiderruflich miteinander verknüpft.
Zumindest in Patreksfjörður.
Aber nicht hier, in Siglufjörður. Hier wusste keiner etwas davon.
Und so wollte sie es auch haben. Sie fühlte sich ganz wohl in der Rolle des geheimnisvollen Mädchens aus dem Westen. Das Mädchen, über das getratscht wurde. Ja – und dennoch –, es stimmte vielleicht nicht ganz, dass die Klatschgeschichten ihr gar nichts anhaben konnten. Eine Geschichte hatte sie schon verletzt. Irgendwie war das Gerücht aufgekommen, dass sie leicht zu haben sei. Sie verstand nicht, woher das kam.
Sie hatte von den Westfjorden wegziehen wollen – kurz nach der Begebenheit, die alles verändert hatte. Ihre Eltern nahmen das anfangs nicht hin. Sie hatte das Abitur noch nicht gemacht, war im zweitletzten Jahr im Gymnasium in Ísafjörður.
Es gelang ihr, die Prüfungen im Frühjahr noch zu absolvieren, als ihr ein Job in Siglufjörður angeboten wurde. In der Fischindustrie – das war genau die Art von Arbeit, in der sie sich auskannte. Und ihr war gesagt worden, dass vielleicht auch eine Teilzeitstelle im Büro frei werden würde. Das traf dann auch tatsächlich ein. Nun hatte sie ihre Arbeit in der Fischverarbeitung reduziert und jobbte noch halbtags im Büro. Hoffentlich hatte diese verfluchte Krise, die nun mit voller Wucht so richtig zuschlug, keinen Einfluss auf sie – sie brauchte den Job, konnte sich auf keinen Fall vorstellen, wieder zu ihren Eltern nach Patreksfjörður zurückzukehren.
Sie hatte anfangs eine kleine Wohnung im Souterrain gemietet. Dort herrschten eine angenehme Atmosphäre und ein guter Geist. Der Personalleiter hatte sie auf die Wohnung hingewiesen, als Notlösung, bis sie sich entschieden habe, wie lange sie denn in Siglufjörður bleiben wolle.
Sie hatte nicht sofort erkannt, wer der alte Herr war, der ihr die Wohnung gezeigt hatte. Es sah aus, als wenn er schon über achtzig sei, und sie erfuhr erst später, dass er bereits auf die neunzig zuging. Und sie kam natürlich schnell dahinter, dass es sich bei dem alten Herrn, dem alten Hrólfur, um den Schriftsteller Hrólfur Kristjánsson handelte. Sie konnte sich noch sehr gut an sein Buch Nördlich der Heide erinnern, das sie damals in der Schule gelesen hatte. Sie hatte sogar noch vor Augen, wie ihnen aufgetragen wurde, einen Roman aus dem Jahre 1941 zu lesen – zweifelsohne ein schon längst veralteter Roman, irgendwelche unerträgliche Landromantik, wie sie dachte. Doch da hatte sie sich getäuscht. Sie hatte das Buch an einem einzigen Abend verschlungen und bei sich gedacht, dass das Buch genauso gut eine Neuerscheinung hätte sein können, so gut wie es dem Zahn der Zeit standgehalten hatte. Das Buch hatte in der Klasse dennoch kaum für Aufsehen gesorgt, kaum mehr als andere Bücher, die auf der Leseliste standen. Doch es hatte etwas an sich, das Ugla faszinierte – zweifelsohne dasselbe, das auch die Ursache dafür war, dass das Buch in den fünfziger Jahren in rauen Mengen verkauft, es regelrecht verschlungen wurde und sich zudem auch im Ausland gut verkaufte. Der alte Herr musste ein Genie sein und war zu seiner Zeit bestimmt sehr berühmt gewesen.
Und an einem klaren, aber kalten Frühlingstag im Jahre 2004 hatte sie dem Autor persönlich gegenüber gestanden. Er hatte ein sympathisches Äußeres, ging leicht gebeugt, war aber in jungen Jahren zweifelsohne groß gewachsen und von stattlicher Statur gewesen. Er verfügte über ein kräftiges Stimmorgan und ein väterliches Auftreten, obwohl er selbst nie Kinder gehabt hatte.
Er wohnte in einem eleganten alten Haus am Hólavegur mit Aussicht über den Fjord. Das Haus war in einem guten Zustand, und an der Seite befand sich eine große Garage, wo sein alter, roter Benz stand. Die Souterrainwohnung war, so wie Ugla es verstanden hatte, hin und wieder vermietet worden, entweder an zugezogene Arbeitskräfte oder manchmal auch an Künstler, die in Ruhe und Frieden, von den Bergen eingeschlossen, arbeiten wollten. Hrólfur hatte nicht jeden aufgenommen; er traf sich mit allen möglichen Mietern persönlich, bevor der Vertrag unterzeichnet wurde, und es war schon vorgekommen, dass er Menschen abgelehnt hatte, wenn sie ihm nicht gefielen.
»Du wirst also in der Fischindustrie arbeiten, hast du gesagt?«, hatte er mit warmer und kräftiger, aber etwas heiserer Stimme gefragt, die durch die gesamte Wohnung hallte. Er betrachtete sie mit klugen und wachen Augen; den Augen eines Mannes, der sowohl Freude wie auch Leid erfahren hatte.
»Ja, erst mal für den Anfang«, sagte sie leise, sprach eher den Boden der Wohnung an als ihn selbst.
»Wie bitte? Du musst schon etwas lauter sprechen, mein Kind«, sagte er mit Nachdruck.
Sie hob die Stimme.
»Ja, erst mal für den Anfang.«
»Und wissen deine Eltern denn davon? Du bist so unglaublich jung.«
Er kniff die Augen zusammen und spannte seine Lippen auf eine seltsame Art, als ob er zu lächeln versuchte, ohne aber wirklich zu lächeln.
»Ja, natürlich. Aber ich bestimme dennoch über mich selbst.« Sie sprach deutlicher als zuvor, war entschlossener in ihrem Auftreten.
»Gut. Ich bin zufrieden mit Leuten, die für sich selbst einstehen können. Trinkst du Kaffee?«
»Ja«, log sie. Sie ging davon aus, dass sie sich an Kaffee genauso gut gewöhnen könnte wie an anderes auch.
Er hatte offensichtlich einen guten Eindruck von ihr. Sie zog umgehend in die Souterrainwohnung ein und ließ sich dort nieder – zog erst in eine größere Wohnung um, nachdem eineinhalb Jahre vergangen waren.
Sie hatten sich während dieser Zeit ungefähr einmal in der Woche am Abend zusammengesetzt und Kaffee getrunken. Das war an und für sich keine Pflicht, und sie hatte es auch in keiner Weise als Pflichtübung empfunden. Sie hatte es sehr genossen, mit ihm über vergangene Zeiten zu plaudern, die Heringsjahre, die Kriegsjahre, die Auslandsreisen und Konferenzen, die er als berühmter Autor besucht hatte.
Wenn man so will, hatte er damit seinen Anteil dazu beigetragen, sie aus ihrem Kokon zu befreien. Ihre Augen erneut für das Leben zu öffnen.
Sie sprach mit Hrólfur nur wenig über die Vergangenheit. Und Ágúst erwähnte sie nie. Sie redeten über Literatur und Musik. Sie hatte in jungen Jahren in Patreksfjörður Klavier gespielt. Er erlaubte ihr jedes Mal, wenn sie kam, für ihn zu spielen und schlug dann vor, dass sie versuchen sollte, Schüler anzuwerben, bot ihr den Gebrauch seines Klaviers in seinem Wohnzimmer an. Sie meinte, dass sie sich die Sache überlegen wolle, und eines Tages, als sie mit dem Leben gerade zufrieden war, hatte sie eine kleine Anzeige im Lebensmittelladen aufgehängt; ein DIN-A4-Blatt, auf dem sie vermerkt hatte: »Gebe Klavierstunden. Preis nach Absprache.« Ihre Telefonnummer und ihren Namen schrieb sie unten fünfmal auf das eingeschnittene Blatt, damit ihre Schüler in spe die einzelnen Zettelchen abreißen konnten. Hrólfur war über ihre Initiative äußerst erfreut gewesen – es hatte sich bis jetzt aber noch niemand gemeldet.
Sie sprachen aber nicht nur über Musik, denn es war ihr herausgerutscht, dass sie sich in Patreksfjörður und später im Gymnasium in Ísafjörður auch für das Theaterspielen interessiert hatte und bei der Aufführung eines Laientheaters mitgespielt hatte. Es war an einem Juniabend, als dieses Thema zur Sprache kam. Hrólfur und sie saßen beim Fenster, tranken Kaffee und aßen Schmalzgebäck. Der Fjord war spiegelglatt und das Dorf hell erleuchtet, obwohl die Sonne bereits hinter den Bergen verschwunden war und ihre Strahlen sich lediglich an den Bergspitzen östlich des Fjords widerspiegelten.
Da erzählte er ihr, dass er der Präsident des Theatervereins von Siglufjörður sei. Es sei gewiss ein kleiner Verein und es würden nur wenige Stücke aufgeführt, meist nur eines im Jahr – aber er versprach, sie dem Regisseur zu empfehlen. Er hielt sein Wort, obwohl sie noch versucht hatte, Einwände zu erheben, und im Herbst darauf war sie bereits für eine Rolle in einer Komödie besetzt worden.
Es war wirklich unglaublich, wie sie sich auf der Bühne vergessen konnte.
Es war, wie in eine andere Welt einzutauchen. Sie schaute den Scheinwerfern, welche die Bühne erleuchteten, ins Auge, die Zuschauer spielten keine Rolle. Einer, zwei oder fünfzig, sie alle verschwammen im Licht. Auf der Bühne war sie weder in Patreksfjörður noch in Siglufjörður. Sie konzentrierte sich auf den Text, darauf den Theaterbesuchern Gefühle zu zeigen, die nicht ihre eigenen waren. Ihre Konzentration war dermaßen groß, dass sie sogar für eine Weile nicht an Ágúst dachte.
Der Applaus am Ende der Vorstellung erfüllte sie mit neuer Lebenskraft, und es war, als ob sie von der Bühne schwebe. Sie setzte sich nach der Aufführung für einen Augenblick hin, um wieder auf den Boden zurückzukehren. Und da erst überkam sie erneut die Trauer. Die Erinnerungen an Ágúst. Und doch wurde das alles mit jeder einzelnen Vorstellung irgendwie erträglicher. Es dauerte immer länger, bis die Schwere wieder Besitz von ihr ergriff.
Es war, als ob das Theater ihr einen Weg aus der Dunkelheit weisen würde.
Es freute sie sehr, dass sie den alten Herrn kennengelernt hatte. Sie hätte von sich aus niemals Kontakt mit dem Theaterverein aufgenommen.
Sie hatte es kaum übers Herz gebracht ihm zu sagen, dass sie ausziehen werde. Eine größere und angenehmere Wohnung in der Norðurgata war frei geworden; dass eine Wohnung möbliert vermietet wurde, mitsamt einem Klavier hatte ihr die Entscheidung abgenommen. Sie war fest entschlossen, dort einzuziehen – es war an der Zeit, sich im Dorf besser einzurichten. Die Souterrainwohnung, so gemütlich sie auch war, konnte niemals eine feste Bleibe für die Zukunft sein. Es war auch nicht gesagt, dass die Mietwohnung in der Norðurgata eine Wohnung für die längerfristige Zukunft sein würde, aber es war zumindest ein Schritt in die richtige Richtung. Größer und geräumiger – und mit einem kleinen Garten.
Sie war noch immer allein. Selbstverständlich gab es ein paar Männer im Dorf, die sie ganz in Ordnung fand. Und doch war es, als ob sie etwas zurückhalte. Vielleicht die Erinnerung an Ágúst – um anzufangen, zumindest –, aber vielleicht war sie sich auch einfach noch nicht sicher genug, ob sie Siglufjörður wirklich zu ihrem zukünftigen Zuhause machen wollte. Wollte dort keine Wurzeln schlagen, zumindest nicht sofort.
Ihren Kontakt mit Hrólfur hatte sie keineswegs aufgegeben, nachdem sie umgezogen war, sie schlenderte noch immer jeden Mittwochnachmittag zum Hólavegur und genehmigte sich einen Kaffee. Es war nach wie vor so, als ob sie im Souterrain wohnen würde, als ob sich nichts verändert hätte. Sie plauderten über dieses und jenes, seine Vergangenheit und seine Reisen und ihre Zukunft. Der gute Kerl. Hoffentlich verblieben ihm noch viele gute Jahre.
Sie hatte sich sehr gefreut, als Úlfur, der Regisseur des Theatervereins, sie im Herbst angerufen und ihr die Hauptrolle im neuen Stück angeboten hatte. Die Proben hatten bereits begonnen – das Theaterstück sollte nach Weihnachten, im Januar, Premiere feiern. Beim Gedanken daran verspürte sie Schmetterlinge im Bauch.
Die Hauptrolle – wer hätte vor einigen Jahren gedacht, dass sie eine Hauptrolle besetzen würde? Natürlich war es nur ein Laientheater, aber trotzdem … Eine Hauptrolle blieb immer eine Hauptrolle.
Zudem war es eine ziemlich gute Rolle, trotz allem. Das Theaterstück war von einem Einheimischen geschrieben worden, und man konnte nie wissen, ob es nicht noch weiter aufgeführt werden würde – in Akureyri vielleicht oder im Süden.
Sie schaute zum Fenster hinaus. Es hatte am Wochenende geschneit. Der Schnee war liegen geblieben, schön, schneeweiß. Es breitete sich eine Ruhe in ihr aus.
Sie öffnete die Hintertür in den Garten hinaus, um die kühle Winterluft einzuatmen, doch es schlug ihr ein klammer Nordwind entgegen, so dass sie die Tür schnell wieder schloss.
Und wieder musste sie an Ágúst denken.
Wie groß standen eigentlich die Chancen, dass so etwas jemals vorübergehen würde?
Ein ganz gewöhnlicher Abend in Patreksfjörður, übers Wochenende zu Hause.
Warum ausgerechnet er? Warum musste es ausgerechnet ihm geschehen, so jung?
Sie schloss die Augen und dachte an die Mansarde zu Hause in Patreksfjörður.
Ugla saß in der Mansarde.
Wie groß standen die Chancen …?
Eins, zwei, drei …
… und das warst du.