39. Kapitel

Siglufjörður, Mittwoch, 21. Januar 2009

Karl starrte Ari schweigend an.

»Es wurde nie jemand für diesen Mord festgenommen«, sagte Ari schließlich, ohne Karls Blick auszuweichen.

Karl zuckte mit den Schultern und sagte: »Ich weiß nicht, was mich das eigentlich angeht.« Setzte das Messer erneut bei der Zitrone an und schnitt den Rest in Schnitze.

»Du bist geschickt im Umgang mit dem Messer.«

»Ich habe jung gelernt.« Er grinste. »Du kannst mir nichts anhaben, verfluchter Bengel aus dem Süden, bist ja noch grün hinter den Ohren. Kommt hierher und will uns Angst einjagen. Das wird dir nicht gelingen.«

Die Stimme war entschlossen.

Das werden wir ja sehen.

Ari hatte bisher recht gehabt. Da war er sich sicher, auch wenn Karl unterschiedlich gewillt war, die eine oder andere Behauptung mit seinen eigenen Worten zu erläutern. Und er hatte es noch vor sich, eine Vermutung anzustellen. Wollte ihn erst einmal einfach erzählen lassen.

»Wann bist du denn weggezogen?«

»Nach Dänemark? 1983. Ich wünschte, ich wäre nie zurückgekommen.«

»Im Sommer?«

»Nein, im Herbst.«

»Ich habe gehört, dass ihr es schwer hattet, hier in Siglufjörður – früher.«

»Was willst du damit sagen?«

»Deine Eltern hatten keinen großen finanziellen Spielraum, nicht wahr?«

»Lass meine Eltern aus dem Spiel! Sie haben nie etwas gehabt, konnten mir nie etwas geben außer ihrer verdammten Liebe.«

»Trotzdem konntest du dir damals dieses Auto leisten … den Geländewagen. Den Wagen, den Annas Vater heute besitzt.«

Eine besorgte Miene huschte über Karls Gesicht, zum ersten Mal während dieses Besuchs.

»Was zum Teufel geht dich das an?«

»Ein phantastischer Wagen«, bestätigte Ari, ohne das Auto gesehen zu haben.

»Ja, das war ein einzigartiger Wagen. Es war elend, ihn verkaufen zu müssen.«

»Warum seid ihr umgezogen?«

»Das geht dich nichts an.« Dachte über etwas nach und fügte dann hinzu: »Einfach, um Arbeit zu finden, mein Vater bekam hier keine Arbeit.«

»Bist du sicher, dass das der einzige Grund war?«

»Was willst du damit andeuten?« Er stand aus dem Sessel auf, hielt noch immer das Messer in der Hand. Hatte die Zitrone schon längst vergessen.

»Wie konntest du dir solch ein teures Auto leisten?«

Karl schwieg.

»Die alte Dame bezahlte bestimmt nicht so gut.«

Karl erbleichte und antwortete nichts.

»Die alte Dame – Pálmis Mutter, hast du nicht für sie gearbeitet? Ich habe gehört, dass du verschiedene Jobs für sie erledigt hast; aufgeräumt, Schädlinge entfernt … aber als ich genauer nach dem Letztgenannten gefragt habe, ist Verschiedenes ans Licht gekommen. Die Frau, mit der ich geredet habe, hat damals im Supermarkt gearbeitet und konnte sich daran erinnern, dass du einmal Rattengift gekauft hast – sie hat nebenbei erwähnt, dass du es gebraucht hast, weil du anscheinend die Aufgabe übernommen hattest, für die alte Dame Ratten zu töten.« Ari machte eine Pause und beobachtete Karl, wie er sich im Sessel wand. Endlich. »Pálmi hat mir erzählt, dass seine Mutter den Banken nie vertraut habe, dass sie das Geld bei sich zu Hause aufbewahrt hätte … und als sie starb, reichte es nicht einmal für die Beerdigung. Findest du das nicht seltsam?«

Ari wartete. Karl stand auf. Er hielt das Messer nach wie vor in der Hand, stand aber still.

»Kann es nicht sein, dass sie dir anvertraut hatte, dass sie das Geld zu Hause aufbewahrte? Nun, oder vielleicht bist du beim Aufräumen selbst darauf gestoßen. Wie auch immer das war, sie starb im Sommer 1983 – an einem Schlaganfall. Ich habe mit dem Arzt im Krankenhaus gesprochen, habe ihn gefragt, ob die Einnahme von Rattengift auch Symptome wie bei einem Schlaganfall auslösen könne, was er bestätigte. Niemand hat damals etwas vermutet … eine sechsundsechzigjährige Frau erleidet einen Schlaganfall und stirbt. Ein freundlicher junger Mann, der für sie gearbeitet hat, kauft sich kurz darauf einen flotten Geländewagen … Hat damals niemand zwei und zwei zusammengezählt außer deinen Eltern?«

Karl antwortete nicht. Er schien jetzt schrecklich wütend zu sein.

Ari setzte unverfroren fort.

»Es ist ganz offensichtlich. Du hast die Frau getötet, um an ihr Geld zu kommen. Wie viel war es? Genug für einen dicken Wagen jedenfalls. Blieb davon nichts übrig? Du hast es geschafft, sie hinters Licht zu führen, genauso, wie du mich getäuscht hast – unschuldig vom Äußerlichen her, freundlich und höflich. Aber deine Eltern hatten dich durchschaut. Sind von hier weg und in ein anderes Land gezogen, damit es nicht ans Licht käme. Sie konntest du nicht betrügen, nicht wahr? Sie wussten, welchen Menschen du verbergen wolltest.«

Plötzlich war Karl auf dem Sofatisch gelandet. Er hielt das Messer noch immer in der Hand.

Ari saß auf dem Sofa, und zwischen ihnen war nur noch der niedrige Tisch.

»Du verdammter Kerl! Du wirst das keinem einzigen Menschen erzählen … sonst …«

»Sonst was?« Ari bereute sofort, dass ihm das heraus-gerutscht war. Er wusste genau, wem er hier gedroht hatte.

Karl beugte sich schnell über den Tisch und packte mit festem Griff nach Aris Schulter, der lädierten Schulter – da wo der Arm im Tuch steckte.

Der Schmerz war unbeschreiblich.

Ari wurde vom Schrecken gepackt.

Er war eingesperrt, wie ein Hering in der Tonne.

Umzingelt.

»Ich sollte dies jetzt vielleicht einfach beenden.« Karls Blick war wild. Er kam mit dem Messer immer näher an Ari heran.

Ari stand auf, schnell und unerwartet und ballte die Faust. Der Schlag war kräftig genug, dass Karl das Gleichgewicht verlor, nach hinten stürzte, und das Messer ihm aus der Hand fiel.

Ari sprang über den kleinen Sofatisch, ließ sein Handy dort liegen und rannte aus dem Wohnzimmer in den Flur.

Er hörte, wie Karl auf die Füße sprang und hinter ihm herrief.

Ari riss die Haustür auf. Er lief in den Schneesturm und die Dunkelheit hinaus, blind vom Schnee, die Füße unendlich schwer, wie im schlimmsten Albtraum.

Er kürzte den Weg über das alte Fußballfeld im Zentrum ab; war schon seit Jahrzehnten nicht mehr über einen solchen Platz gerannt, nicht seit er ein kleiner Junge in Reykjavík gewesen war. Und damals waren es bei weitem bessere Bedingungen als hier gewesen.

Es durfte nicht jetzt und hier zu Ende gehen. Er musste ans Ziel kommen. Karl war ihm womöglich dicht auf den Fersen und zu allem fähig. Ari war sich sicher, dass wenn er jetzt stehen bleiben würde, er sein Leben mit Stichwunden beenden, dass er in einer Blutlache verlassen im Schnee liegen würde.

Er sprang über einen großen Schneehaufen und auf den Gehsteig, der am Alkoholladen des Dorfes vorbeiführte. Er musste schneller rennen, wollte keine Zeit versäumen, um nach hinten zu schauen. Der Gedanke daran, dass er Karl jetzt hinter Schloss und Riegel bringen würde, verlieh ihm zusätzliche Kraft.

Er war auf dem Rathausplatz angelangt, lief quer darüber hinweg und drehte dann in Richtung der Polizeiwache ab.

Er beschleunigte noch einmal.

Das musste einfach klappen. Es war nicht mehr weit.

Er musste weiter rennen.